EM 2024: Englands Milliarden-Kader spielt Rumpelfußball - Trainer Southgate irritiert mit Personalentscheidungen
VonThomas Gaber
Update 22/06/2024 um 10:07 GMT+2 Uhr
Seit 58 Jahren wartet die englische Nationalmannschaft auf einen großen Titel. Der Kader der Three Lions sollte in der Lage sein, diese schwarze Serie bei der EM 2024 endlich zu beenden. Doch in den ersten beiden Gruppenspielen wurde England seiner Mitfavoritenrolle nicht im Ansatz gerecht. Ein "Experiment" von Trainer Gareth Southgate geht komplett nach hinten los und sorgt für Irritationen.
Hargreaves von England enttäuscht: "Viel zu langsam"
Quelle: MagentaTV
25 Sekunden vor Spielende wurde es nochmal brenzlig für die Engländer. Einen etwas zu kurz geratenen Rückpass von Kyle Walker haute Torhüter Jordan Pickford gerade noch rechtzeitig weg vor dem heranstürmenden Yussuf Poulsen.
Pickford rutschte bei seinem Rettungsversuch aus und landete auf dem Hosenboden. Eine Szene, die sinnbildich steht für das, was England in den ersten beiden Gruppenspielen der EM in Deutschland ablieferte.
Die Mannschaft der Three Lions mit einem Marktwert von 1,5 Milliarden Euro rumpelt bislang mit Langweiler-Fußball durchs Turnier. Die Ideenlosigkeit im Offensivspiel ist frappierend und infolgedessen wird sogar die Kick'n Rush-Keule wieder rausgeholt. Mit seinem uninspirierten Stil sorgt England in der Heimat für Ernüchterung.
"Das war einfach eine schreckliche Vorstellung. Es gab keine Energie, kein Tempo, keine Cleverness. England war schlampig im Ballbesitz und hat viele einfache Fehler gemacht. Kein einziger Spieler kann von sich behaupten, dass er seinen Job erledigt hat", polterte Stürmer-Legende Alan Shearer nach dem 1:1 gegen Dänemark bei "BBC".
Harry Kane ratlos - offensichtliche körperliche Defizite
"Leblos und lauwarm" habe England gespielt, stellte Gary Lineker fest und Rio Ferdinand merkte an, dass "kein Spieler auch nur ansatzweise so spielt wie im Verein. Das ist sehr besorgniserregend."
Harry Kane wollte im Interview nach dem Dänemark-Spiel auch gar nicht widersprechen. "Wir haben große Probleme - mit und ohne Ball. Jeder fällt unter sein Niveau, was das Halten des Balls und das Spielen unter Druck angeht. Unser Pressing hat in beiden Spielen nicht funktioniert. Wir waren einfach nicht gut genug - das fängt hinten an und hört bei mir vorne auf", sagte der Kapitän.
In den ersten beiden Gruppenspielen fiel auf, dass die Engländer offensichtlich körperliche Probleme haben. Nach dem Schlusspfiff gegen Dänemark ließen sich mehrere Spieler auf den Rücken fallen, Kieran Trippier rang nach Luft.
"Das sicherste Zeichen für Ermüdung ist, sich tief fallen zu lassen. England sieht total kaputt aus. Sie kommen in vielen Situationen nicht an den Ball und wirken unkonzentriert. Dafür gibt es keine Entschuldigung", stichelte Jamie Carragher und schob Gareth Southgate den schwarzen Peter zu.
Trainer Southgate presst seine Stars in ein Korsett
"Was haben die in der Vorbereitung auf dieses Turnier nur gemacht und was ist der Plan von Southgate? Declan Rice wird alleine gelassen und muss so viele Meter zurücklegen. Keiner kann mich davon überzeugen, dass das eine Strategie ist", so der 38-fache Nationalspieler.
Southgate steht schon länger im Fokus der Kritiker. Ihm ist es nicht gelungen, rechtzeitig zum Turnierstart eine Mannschaft zu formen, die ihrem so großen Potenzial gerecht wird. Ob Phil Foden, Jude Bellingham oder Bukayo Saka - die Kreativreihe im Mittelfeld wirkt wie in Ketten gelegt, aus denen sie sich nicht befreien kann.
Ganz vorne wirkt Harry Kane wie ein Fremdkörper, auch wenn er am Donnerstagabend England in Führung schoss - zugegebenermaßen das Endprodukt einiger Zufälle und für England glücklich abspringender Bälle.
Gegen Dänemark versuchte Southgate das Ruder rumzureißen, indem er mit Foden, Saka und Kane gleich seinen gesamten Angriff auf einmal auswechselte. Auf Cole Palmer warteten die Fans aber erneut vergeblich; der Jungstar des FC Chelsea (22 Tore und elf Vorlagen in der Premier-League-Saison 2023/24) hat noch keine Sekunde gespielt.
Southgate vermisst ausgerechnet Kalvin Phillips
Der Verzicht auf Palmer ist nicht die einzige Entscheidung Southgates, die in England für Irritationen sorgt. Eine weitere betrifft den Umgang mit Trent-Alexander Arnold.
Der etatmäßige Rechtsverteidiger des FC Liverpool spielt im Nationalteam eine zentralere Rolle auf der Sechs und machte dort nach Ansicht von "ITV Sport"-Experte Roy Keane "zwei schwache Spiele". "Er wurde zweimal ausgewechselt, was viel über seine Leistungen aussagt. Und der bremst Declan Rice, weil der für Trent Babysitter spielen muss", so Keane.
Southgate bezeichnete seine taktische Maßnahme mit Alexander-Arnold als "Experiment", das nicht so gut funktioniert hätte. Unabhängig davon, dass Aufstellungs-Versuche im laufenden Turnierbetrieb nur schwer zu rechtfertigen sind, kommt Southgate damit nicht durch. Alexander-Arnold spielte letzte Saison im Verein bereits hin und wieder zentraler und auch in der Nationalmannschaft.
Für kräftiges Kopfschütteln sorgte Southgates Begründung für sein "Experiment". "Wir haben keinen Spieler, der Kalvin Phillips ersetzen kann", sagte er. Kalvin Phillips? Der 28-Jährige von West Ham United absolvierte in der abgelaufenen Saison lediglich zwölf Ligaspiele - ohne große Erfolge.
Folglich wurde er seit November 2023 auch nicht mehr für die Nationalelf berufen. Die Zeitung "Sun" nannte Southgates Aussage infolgedessen "bizarr".
England ist Tabellenführer der Gruppe B
Der englische Fußball hat ein Überangebot an herausragenden Spielern und der Trainer vermisst ausgerechnet einen, der in den letzten zwei Jahren maximal Durchschnitt war.
Bei aller Kritik darf man die Fakten nicht außer Acht lassen. England führt die Gruppe B mit vier Punkten an, das Achtelfinale ist quasi gebucht.
Den Eindruck, den die hochgehandelte Mannschaft bislang hinterlassen hat, konterkariert jedoch die Erwartungshaltung. In dieser Form hat England mit der Titelvergabe nichts zu tun.
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