3 Dinge, die bei Brasilien gegen Mexiko auffielen: Defense wins Championships
Neymar ist beim Achtelfinalsieg von Brasilien über Mexiko (2:0) Haupt- und Nebendarsteller. Gerade die Abwehr der Seleçao erweist sich jedoch als immer größeres Faustpfand im Kampf um den Titel. Mexikos Trainer Jose Carlo Osorio überrascht mit Oldie Rafael Márquez in der Startelf und reagiert nach der Pause etwas panisch. Was uns beim Spiel auffiel.
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Klasse schlägt Kollektiv
Juan Carlos Osorio änderte extra für Brasilien sein Spielsystem auf 4-3-3. Ziel dabei: Brasiliens Einzelkönner so gut es geht zu isolieren und in Eins-gegen-Eins-Duelle zu zwingen.
Das mexikanische Spiel war jedenfalls nicht darauf ausgelegt, tief zu stehen und beispielswiese Coutinho oder Neymar zu doppeln; durch gutes Anlaufen - zunächst in der brasilianischen Hälfte, später im Mittelfeld - schnitten die Mexikaner aber die sonst so bärenstarke linke Seite der Brasilianer vom Nachschub ab, was schon gegen Deutschland gut gelungen war.
"Mein Kollege Osorio hat sehr gute Arbeit geleistet", lobte Brasilien-Coach Tite seinen Gegenüber.
In Abwesenheit des Schwungrads Marcelo, der angeschlagen auf der Bank verblieben war, musste Brasilien aber auch notgedrungen anders agieren als gewohnt; Willian kam dabei eine wichtige Rolle zu - der Star des FC Chelsea war auf rechts sehr präsent und nutzte den ihm gebotenen Raum beim 1:0, als er mit Neymar kreuzte, vorbildlich (51.).
Brasiliens Angriffe waren sonst von vielen Einzelaktionen geprägt. Neymar lieferte seine vielleicht beste Partie dieser WM ab; wirkte an beiden Toren entscheidend mit. Beim Führungstreffer zog er erst drei Mann auf sich, um dann per Hacke Willian einzusetzen und schließlich dessen Flanke in der Mitte ins Tor zu grätschen.
Beim 2:0 löste er sich geschickt von seinem Gegenspieler und bediente Roberto Firmino in der Mitte (88.) - am Ende also ein Sieg der individuellen Klasse über Mexikos Kollektiv.
"Die Mannschaft ist für dieses tolle Spiel zu beglückwünschen. Es war nicht leicht, Mexiko war ein ebenbürtiger Gegner", sagte Neymar.
"Wir wussten, dass wir über die Mannschaft kommen müssen", meinte dagegen Mexikos Keeper Guillermo Ochoa:
Das komische Ding mit Márquez
Ja, da war er wirklich: Rafael Márquez, 39, von Osorio tatsächlich zum Achtelfinale gegen Brasilien vor der Abwehr in die Startelf installiert. Als alleiniger Sechser vor der Defensive.
Osorio verzichtete für den Wechsel von 4-2-3-1 auf 4-3-3 auf einen Offensivspieler (Miguel Layún), wahrscheinlich, weil er den Raum vor der eigenen Viererkette mit seinem Kapitän besser verteidigen wollte. Brasiliens Außenstürmer Neymar und Willian sowie Coutinho ziehen bekanntlich gerne von außen nach innen - das wollte Osorio offensichtlich besser verteidigt wissen.
Eine weitere Idee: Angriffspressing. Die fünf vor Márquez positionierten Spieler machten anfangs mächtig Alarm, empfingen Brasilien schon tief in der gegnerischen Hälfte.
Allein: Beides wirkte nicht so recht. Brasilien spielte im ersten Durchgang ruhig und vor allem über außen, exakter: fast nur, und das überraschte, über rechts.
Márquez wirkte so in der Mitte wie ein Kapitän ohne Boot, hatte nur 21 Ballkontakte und führte nur drei Zweikämpfe (zwei gewonnen). Bei Ballgewinn Mexiko wurde er übergangen und der Ball meist schnell diagonal nach vorne gespielt.
Planänderung also, dachte sich Osorio zur Pause, und nahm Márquez wieder raus. Doch statt mit Layúns Einwechslung wieder auf 4-2-3-1 umzustellen, setzte er Layún rechts hinten ein, zog Edson Álvarez dafür auf die Sechs und ließ Héctor Herrera und Andrés Guardado auf der Acht die Seiten tauschen.
Ergebnis: Große Konfusion bei den Mexikanern in den ersten Minuten nach der Halbzeitpause, die Brasilien ausnutzte - 1:0 Neymar (51.).
Statt für Klarheit zu sorgen, reagierte Osorio fast schon panisch und brachte Jonathan Dos Santos für den auf der Sechs nicht wirklich überzeugenden Álvarez (55.).
Und als er dann noch in der 59. Minute Raúl Jiménez für den diesmal kaum anspielbaren Angreifer Chicharito brachte - vermutlich sein einziger vorher geplanter Wechsel - hatte er bei 33 Grad Außentemperaturen binnen 14 Minuten sein ganzes Wechselkontingent erschöpft. Und Mexiko ging zunehmend die Luft aus.
"Ich denke, wir haben größtenteils das Spiel kontrolliert, und sie haben sehr viel Zeit aufgrund eines Spielers geschunden", sagte Osorio nach der Partie und ätzte gegen Neymar, der mit einer Schauspieleinlage unrühmlich aufgefallen war: "Es ist eine Schande für den Fußball. Es ist ein Negativbeispiel für die Welt, für Kinder und für den Fußball. Es sollte nicht so viel Schauspielerei vorhanden sein, und das hatte einen großen Einfluss auf uns. Ich denke, wir haben aufgrund der Entscheidungen des Schiedsrichters in der zweiten Halbzeit den Faden verloren."
Ein bisschen lag es aber auch an ihm.
Abwehr gewinnt Titel
"Defense wins Championships" ist ein oft strapazierter Spruch, könnte aber auf Brasilien zutreffen. Die Seleçao ist seit mittlerweile 15 Spielen unbesiegt und hat in dieser Zeit gerade mal drei Gegentore kassiert (bei der WM eins, beim 1:1 gegen die Schweiz zum Auftakt).
Mexiko hatte zwar gerade in der Anfangsphase mehrfach die Möglichkeit, in Führung zu gehen; doch entweder schlossen Carlos Vela und Co. zu überhastet ab und verfehlten das Tor, oder aber es warfen sich gleich mehrere Brasilianer in die Schussbahn.
Torhüter Alisson strahlt zudem eine im brasilianischen Tor seit den Zeiten Cláudio Taffarels nicht mehr gesehene Ruhe aus.
"Wir spielen oft zu Null. Unsere hervorragende Abwehr ist unser Rückhalt", sagt selbst Offensivkünstler Neymar anerkennend:
Berauschte sich die Seleçao früher vor allem an gelungenen Offensivaktionen, so hat dieses Team von Tite auch die Abwehrkunst für sich entdeckt.
Tite sagte: "Jemand hat erwähnt, dass wir eher wie eine Vereinsmannschaft spielen als eine Nationalmannschaft. Ich habe das als Kompliment aufgenommen und ich habe meinem Team davon erzählt."
Wenn man jedenfalls sah, wie seine Teamkollegen Fágner für einen herausgeholten Abstoß gegen Hirving Lozano (78.) abklatschten, der bekam einen guten Eindruck davon, wie verschworen diese brasilianische Truppe ist.
Und nicht zuletzt deswegen nun der große Favorit auf den Titel. Kleines Aber: Mit Casemiro fehlt Brasilien der wichtige Mann vor der Abwehr im Viertelfinale gelbgesperrt.
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