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Die Aufreger des WM-Finals zwischen Frankreich und Kroatien: Foul? Abseits? Hand?

Foul? Abseits? Hand? Die Aufreger des WM-Finals

15/07/2018 um 22:00

Frankreich bezwingt Kroatien 4:2 und ist Weltmeister 2018. Was klar klingt, war lange nicht klar - vor allem die beiden ersten Treffer der Franzosen gaben Anlass zur Diskussion. Der Freistoß, der zur Führung führte, war nämlich irregulär; beim 2:1 sorgte erst das Eingreifen des Video-Assistenten dafür, dass Frankreich letztlich auf die Siegerstraße abbog. Die strittigsten Szenen in der Analyse.

    Doch gerade die erste Halbzeit war eng - und Frankreichs Tore zum 1:0 und 2:1 gaben Anlass zu Diskussionen. Dass die Équipe Tricolore mit einer Führung in die Pause ging, war jedenfalls schmeichelhaft - ohne eigenen Torschuss aus dem Spiel heraus.

    Kroatien gleicht wieder 0:1 aus, wird nach 1:2 ausgekontert

    Mit der Führung im Rücken konnte Frankreich die Kroaten jedenfalls auskontern und kam so binnen sechs Minuten zum 3:1 (59.) und 4:1 (65.).

    Dass Kroatien nach dem 0:1 wie schon im Achtel-, Viertel- und Halbfinale nochmal durch Ivan Perisic (28.) zurückgekommen war, war aller Ehren wert - nach dem 1:2 jedoch war der Kraftaufwand zu groß, um sich noch zum Titel zu siegen.

    Deshalb war es trotz des 2:4 am Ende sehr wohl von Belang, mit welchem Ergebnis es in die Pause ging - die Aufreger des Finals nochmal aufgedröselt:

    Lag vor dem 1:0 ein Foul an Griezmann vor?

    Frankreichs Führung durch das Eigentor von Mario Mandzukic (18.) ging ein Freistoß von Antoine Griezmann halb rechts vor dem kroatischen Strafraum voraus, den der französische Angreifer selbst herausgeholt hatte - und zwar mit unfairen Mitteln.

    Das Foul, das Schiedsrichter Néstor Pitana (Argentinien) jedenfalls Marcelo Brozovic anhängte, war keins: In mehreren Zeitlupen war klar zu sehen, dass Griezmann bereits abhob, bevor Brozovic ihn am linken Fuß berührte - eine Schwalbe, die eigentlich eine Verwarnung für den Franzosen und Freistoß für Kroatien hätte nach sich ziehen müssen.

    "Er will den Ball gar nicht spielen, lässt sich fallen. Es ist eine Schwalbe, man könnte auch eine Gelbe Karte geben", sagte Schiedsrichter-Experte Urs Meier im "ZDF"-Studio.

    Allein: Das Video-Schiedsrichterteam (Massimiliano Irrati, Carlos Astroza, Mauro Vigliano, Danny Makkelie) hätte hier nicht eingreifen dürfen - es darf laut Regelwerk keine Freistoßentscheidung monieren. Die Tatsachenentscheidung von Pitana war unumstößlich.

    Stand Pogba beim 1:0 im Abseits?

    Der Freistoß war also nach Pitanas falschem Pfiff nicht mehr zurück zu nehmen - beim Eigentor von Mandzukic hätte Video-Hauptschiedsrichter Irrati aber eingreifen können, wenn er denn eine klare Fehlentscheidung erkannt hätte.

    Streitbar war bei der Szene, dass sich Paul Pogba (genauer: sein Kopf) im Rücken von Mandzukic vermeintlich im Abseits befand und das auch nicht passiv, weil er Mandzukic beim Kopfball berührte. Bei genauer Sichtung der Bilder im Moment des Abspiels, die dem TV-Publikum allerdings nicht mit kalibrierter Linie angezeigt wurden, kann man jedoch den linken Fuß von Kroatiens Domagoj Vida rechts von Pogba erkennen - und das mindestens auf gleicher Höhe.

    Entsprechend lag bei Pitanas Votum "Tor" keine klare Fehlentscheidung und damit auch keine Basis für ein Eingreifen des VAR vor. Kurzum: ein reguläres Tor für Frankreich nach irregulärem Freistoß.

    War der gegen Kroatien verhängte Elfmeter korrekt?

    Auch der zweite große Aufreger des WM-Endspiels war zu Ungunsten der Kroaten, als nämlich der VAR nach einer Eckballszene in der 34. Minute eingriff und Pitana nach Sichtung der Bilder auf Elfmeter für Frankreich entschied.

    Was war passiert? Nach einer Ecke von Griezmann von rechts tauchte Blaise Matuidi am kurzen Pfosten knapp unter dem Ball durch, direkt dahinter bekam der durch das Verfehlen offensichtlich überraschte Perisic das Spielgerät an den ausgestreckten linken Arm von dort tropfte der Ball ins Aus.

    Pitana bemerkte das Vergehen zunächst nicht, wurde aber vom Kontrollraum (und zahlreichen Franzosen) auf das Handspiel aufmerksam gemacht.

    Nach Sichtung der Bilder kam der Argentinier offenbar zu dem Entschluss, dass bei Perisic Absicht vorlag - eine Entscheidung, die man nachvollziehen kann, weil sich der Arm im letzten Moment wirklich in Richtung des Balles zu beschleunigen scheint und er auch die für ein ahndungswürdiges absichtliches Handspiel nötige Spannung aufweist.

    "Ohne Video-Assistent wäre er nicht gegeben worden, aber man kann ihn geben", sagte Urs Meier - also eine vertretbare Entscheidung.

    Kroatien-Coach Zlatko Dalic meinte:

    "Ich kommentiere Schiedsrichter-Entscheidungen nie. Aber in einem WM-Finale gibt man so einen Elfer nicht. Aber das schmälert den Sieg von Frankreich nicht. Ich will meinen Spielern gratulieren, das war vielleicht unter bestes Spiel."

    In Kroatien schrieb die Zeitung "Jutarnji list": "Die brillanten Mbappe, Griezmann und Pogba ließen mit Hilfe des argentinischen Schiedsrichters und des Video-Assistenten Kroatien vor dem Paradies zurück.”

    An Perisic' Handspiel reihten sich allerdings zwei unschöne Begebenheiten: Zum einen wurde die fragliche Szene trotz der von der FIFA angekündigten "Transparenz-Offensive" nicht auf der Videoleinwand im Stadion gezeigt, die Zuschauer im Luschniki-Stadion tappten also - wie die Fans vergangene Saison in der Bundesliga - im Dunkeln.

    Zum anderen dauerte die ganze Aktion sehr lange; ganze 4:18 Minuten lagen zwischen Ball im Aus nach Handspiel und Spielfortsetzung durch Griezmann beim Elfmeter; eine Unterbrechung, die den zuvor doch sehr flüssigen Spielverlauf doch erheblich aus dem Takt brachte.

    Die Nachspielzeit der ersten Halbzeit bemaß das Schiedsrichterteam trotz dreier Tore, der VAR-Aktion beim Elfmeter und einiger kurzer Behandlungspausen dann auch noch zu knapp - nach 3:25 Minuten extra pfiff Pitana zur Pause, wenngleich das natürlich keinen spielentscheidenden Effekt hatte.

    Video - WM-Titel perfekt: So schoss sich Frankreich gegen Kroatien auf den Fußball-Thron

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