WM 2018: Lutz Pfannenstiel über die Chancen der Teams aus Afrika

Lutz Pfannenstiel kennt den afrikanischen Fußball als Insider wie wenige andere Experten. Im Interview analysiert er die Chancen der Teams aus Afrika bei der WM 2018 in Russland - während einige Mannschaften wie etwa Ägypten durchaus auch in der K.o.-Runde für Aufsehen sorgen könnten, wird es für etliche Teams sehr schwer, in ihren Gruppen die WM-Vorrunde zu überstehen.

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Das Interview führte Max Lütgens
Herr Pfannenstiel, Sie waren in Afrika als Torwart und als Trainer aktiv und sind für das Charité-Projekt Global United oft in Afrika. Wo steht der afrikanische Fußball vor der WM in Russland?
Lutz Pfannenstiel: Die Lücke zwischen den afrikanischen Mannschaften und den Topmannschaften weltweit ist in den letzte vier Jahren in etwa gleichgeblieben. Allerdings entwickeln sich Talente mehr und mehr und man sieht immer mehr Spieler die aus afrikanischen Ländern stammen und der großen Liga in Europa ihren Stempel aufdrücken.
Wenn es um die Nationalmannschaft geht, da sieht man, dass das Ganze noch etwas unkoordiniert ist. Der aktuelle Afrikameister Kamerun ist gar nicht qualifiziert, dafür sind andere Mannschaften am Start, die beim Afrika Cup im letzten Jahr gar nicht dabei waren. Es ist ein wahnsinnig enges Niveau und die Mannschaften sind sehr, sehr dicht beieinander. Da ich mit Nigerias Nationaltrainer Gernot Rohr eng befreundet bin, freut es mich, dass sich der Gernot mit dieser Mannschaft souverän qualifiziert hat.
Wie Gernot Rohr ist mit Marokkos Trainer Hervé Renard ein weiterer in Afrika erfahrener Coach erstmals bei einer WM dabei. Was für einen Stil lassen beide spielen und können sie mit ihren Teams die Vorrunde überstehen?
Pfannenstiel: Beide sind zwei sehr unterschiedliche Trainer - in der Art und Weise wie sie spielen, aber auch wie sie an die Mannschaft herangehen. Gernot Rohr ist ein richtiger Gentleman und hat es mit seiner sehr menschlichen, freundlichen und bodenständigen Art geschafft, sich den höchstmöglichen Respekt in Nigeria zu erarbeiten. Er hat eine gute Mischung und Ansprache zwischen Mannschaft und Verband gefunden, obwohl neben dem Fußball die politische Situation im Land sehr angespannt ist.
Nigeria hat eine sehr gute Mannschaft mit bekannten Spielern wie Viktor Moses und mit vielen anderen, die teilweise noch nicht so bekannt sind. Allerdings sind sie mit Kroatien, Argentinien und Island in einer absoluten Todesgruppe gelandet. Es ist von den verschiedenen Fußball-Kulturen her eine komplett vielfältige und sehr spannende Gruppe.
Hervé Renard ist ein begabter und sehr erfolgreicher Trainer, der mit Sambia und der Elfenbeinküste den Afrika-Cup gewonnen hat. Man braucht aber nicht die ganz großen Erwartungen haben, da man an den beiden europäischen Spitzenmannschaften Portugal und Spanien erst einmal vorbeikommen muss. Das Team hat aber nicht nur einen guten Trainer, sondern auch eine sehr gute Mannschaft mit bekannten Spielern wie Mehdi Benatia von Juventus Turin, oder Armin Harit von Schalke 04.
Es bleibt abzuwarten ob sie so gut sind, um mit Spanien und Europameister Portugal mitzuhalten.
Der Senegal und Tunesien setzen mit Aliou Cissé und Nabil Maaloul auf einheimische Trainer, eine erfreuliche Tendenz oder eher eine Ausnahme?
Pfannenstiel: Ich finde es gut, dass einheimische Trainer jetzt immer mal wieder Chancen bekommen. Man hat es ja bei der WM 2010 gesehen, als Nigeria, die Elfenbeinküste oder auch Ghana mit europäischen Trainern aufgetaucht sind, die überspitzt gesagt erst drei Monate vorher die Mannschaft trainiert haben, die Spieler gar nicht kannten und den Job nur wegen ihres großen Namens bekommen haben. Da ist die Tendenz aktuell wirklich besser und man ist weg von diesem Trainer-Starkult. In diesem Jahr ist die Mischung aus afrika-afinen Trainern und einheimischen Trainern ein Schritt in die richtige Richtung.
Der Ägypter Mohammed Salah und der Senegalese Sadio Mané sind die beiden herausragenden Stars des Champions-League-Finalisten FC Liverpool. Können sie auch bei der WM für ihre Länder den Unterschied ausmachen?
Pfannenstiel: Ich weiß, dass Mohammed Salah in Ägypten wie ein Pharao verehrt wird und einen Status in seinem Land erreicht hat, wie ihn nicht viele Fußballspieler auf dieser Welt erreichen werden. Er hat es sich aber auch verdient durch seine extrem höfliche, bodenständige und freundliche Art. Das ist das Schöne an ihm. Sollte Salah nach seiner Schulterverletzung rechtzeitig völlig fit werden, dann wird das gesamte Spiel der Ägypter auf ihn zugeschnitten sein, was natürlich für die Gegner leicht auszurechnen ist.
Die Qualität des Teams ist für ihn natürlich eine andere als sie es in Liverpool ist. Man kann Salah aber zutrauen, dass er bei der WM überragend spielt, auch wenn die Gruppe mit Uruguay nicht zu unterschätzen ist.
Bei den Senegalesen ist das vielleicht ein bisschen anders, da sie einen sehr einfachen 4-3-3 Fußball spielen und Spieler haben, die körperlich sehr robust sind und eine gute Mentalität mitbringen.
Salif Sané von Hannover 96 ist da mit seiner Zweikampfstärke und Torgefährlichkeit bei Standards ein gutes Beispiel. Und wenn man mit einem Mané so einen torgefährlichen und schnellen Spieler vorne drin hat, dann ist das schon eine Mannschaft, die Japan oder Kolumbien besiegen kann.
Ägyptens Torwart Essam El-Hadary kann mit 45 Jahren zum ältesten Spieler bei einer WM avancieren. In welchem Alter ist auf dem Niveau für einen Torwart die Grenze?
Pfannenstiel: Zufälligerweise ist er auch ein sehr guter Bekannter von mir und wir haben auch schon gegeneinander gespielt. Er ist grundsätzlich ein Torwart der körperlich noch sehr fit ist und hart trainiert. Allerdings war seine Karriere als Nationaltorwart eigentlich schon vorbei. Durch die Verletzungen des sehr talentierten Stammtorwarts kam er immer wieder zum Einsatz.
Mit 45 Jahren bei einer WM zu spielen ist auf alle Fälle etwas Besonderes, auch weil er eine Kultfigur ist. Er wird als einer der besten afrikanischen Torhüter aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Mich persönlich freut es unwahrscheinlich, dass er mit dem grandiosen Baujahr 1973 bei der Weltmeisterschaft 2018 im Tor steht.
Welche afrikanische Mannschaft kommt am weitesten und wer wird Weltmeister?
Pfannenstiel: Ich glaube, dass Tunesien und Marokko aus ihren schwierigen Gruppen nur mit einer Sensations-Leistung herauskommen können. Bei den Ägyptern glaube ich schon, dass sie für die ein oder andere Überraschung sorgen können. Nigeria ist für mich einer der Underdogs, aber eine der Mannschaften, die eine Sensation schaffen kann.
Der Senegal hat in seiner Gruppe mit Kolumbien und Polen zwei namhafte Gegner, aber durch diese ein bis zwei herausragenden Einzelspieler ist auch hier ein Weiterkommen möglich. Trotzdem glaube ich nicht, dass eine afrikanische Mannschaft bis ans Ende des Turniers mit dabei ist, außer Nigeria kommt aus der Gruppe heraus und hat dann einen Lauf. Mich würde es freuen, da das Team so viel Spaß und Kameradschaft verkörpert.
Für den WM-Titel kommt natürlich der Pool der üblichen Verdächtigen in Frage. Ich tippe, dass Brasilien bei dem Turnier zum Kreis der Topfavoriten zählt und habe England und Belgien ein bisschen im Hinterkopf.
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