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WM 2018: Spanien weigert sich, das Ende einer monumentalen Ära anzuerkennen
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Publiziert 02/07/2018 um 00:31 GMT+2 Uhr
Spanien scheidet bei der WM 2018 trotz absurder Überlegenheit und surrealer Passstatistiken nach Elfmeterschießen gegen Russland aus (4:5). Bedeutet das Scheitern auch das Ende einer monumentalen Ära? Nicht zwingend. Andrés Iniestas Rücktritt ist offiziell, allerdings kann der Umbruch ähnlich wie bei Deutschland kleiner oder größer ausfallen. Das Gerüst der Zukunft bildet sich ohnehin heraus.
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Fotocredit: Eurosport
Wann hat Sergio Ramos, dieser volltätowierte Wühlbüffel mit dem Charisma eines Kriegers, jemals geschluchzt und geweint? Ramos ist ein Allesgewinner, mit Real Madrid holte er vier Champions-League-Titel in fünf Jahren, mit Spaniens Nationalmannschaft räumte er jeden Goldpokal ab.
Weil er's konnte.
Nun aber, am Sonntag, ging Ramos in die Knie, der Moskauer Regen durchnässte seine bemerkenswert klobige Kampffrisur, das Gesicht vergrub er in den Handinnenflächen. Dann richtete er sich auf und sprach von einem "der schwierigsten Augenblicke in meinem Leben".
Soeben war Spanien bei der Weltmeisterschaft mit 4:5 nach Elfmeterschießen an Gastgeber Russland gescheitert, dem Weltranglisten-70. Keine an diesem Turnier teilnehmende Nation ist schlechter platziert.
Behäbiges Spanien erinnert an Deutschland
Nicht einmal monarchischer Beistand wollte helfen. Auf der Tribüne verfolgte König Felipe VI. eine Partie, die es Nationaltrainer Fernando Hierro abnötigte, über "fehlendes Glück" zu klagen. Das sagte schon viel aus über Spaniens Misere, wenn man die Dynamik des Duells kennt.
Oder besser: die fehlende Dynamik.
79 Prozent Ballbesitz akkumulierte die Selección, die surreale 1114 Pässe spielte, himmelweiter WM-Rekord seit Beginn der Datenerfassung (zum Vergleich: Russland kam auf 280 Zuspiele). Ramos klang staatstragend wie bei einer Regierungserklärung:
Hierro bilanzierte ein "gutes Spiel, wir sind ständig angerannt". Teil zwei dieser Aussage stimmte, Teil eins nicht. Gut waren sie keineswegs, die Spanier, trotz famoser Passquote von 90,3 Prozent verloren sie sich im Ballbesitz als Selbstzweck, was frappierend an Deutschland erinnerte - und bei dieser WM eher kein Kompliment ist.
Iniesta tritt aus Spaniens Nationalmannschaft zurück
Esprit, Schärfe, Tempo, es haperte an Elementarem, die Russen hatten wenig Mühe, ihre Ketten von links nach rechts und von rechts nach links zu schieben. Irgendwann witzelte jemand, dass der Mann mit den meisten Läufen in die Tiefe wohl Björn Kuipers sei - der Schiedsrichter.
Iscos Schuss in der 45. Minute war überhaupt der erste aufs Gehäuse; zuvor hatte die "Furia Roja" von einem Eigentor Sergei Ignashevichs profitiert (11. Minute), Artem Dzyuba glich per Handelfmeter aus (41.).
Und dann rannte Spanien wieder an. Und rannte an. Und rannte an. Und wenn Kuipers nicht irgendwann ein Einsehen gehabt hätte bzw. keine Wahl, weil Regeln halt Regeln sind, dann würden sie immer noch kroosesk durch Moskau passen.
"Es war sehr zäh. Wir haben das Spiel bestimmt, aber es war wirklich schwierig", sagte Ramos. "In der K.o.-Phase ist kein Raum für Fehler", erkannte Hierro, der gleich vorbeugte, indem er sich in die Verantwortung nahm. Erstaunlich war ja, dass Andrés Iniesta bis zur 67. Minute auf der Bank saß; sein 133. Länderspiel wird das letzte sein, Iniesta tritt zurück.
Ramos: "Hoffentlich nicht das Ende der Generation"
Im Regen von Russland droht eine monumentale Ära begraben zu werden, nach Iker Casillas, Xavi, Xabi Alonso mit Iniesta (34), Ramos (32) und Gerard Piqué (31) an vorderster Front. Sergio Busquets (fast 30), Diego Costa (im Herbst 30), David Silva (32), sogar Jordi Alba (29), ähnlich wie im DFB-Team kann der Umbruch kleiner oder größer ausfallen.
Ramos weigerte sich, das Ende anzuerkennen:
Saúl Ñíguez (23), Koke, Isco, Daniel Carvajal (je 26), Thiago und David De Gea (beide 27), natürlich Marco Asensio (22), der gegen Russland anstelle von Iniesta spielte, dazu Álvaro Odriozola, 22 und bei der WM ohne Einsatz plus Héctor Bellerín (23, nicht nominiert) - das ist Spaniens Gerüst für die Zukunft.
Ob Hierro zu selbiger gehören wird? Zweifelhaft. Zwei Tage vor Turnierstart hatte er für den entlassenen Julen Lopetegui übernommen, vier Spiele bestritt er, keines vollends überzeugend.
"Die Hauptschuldigen sind wir Spieler. Es wäre opportunistisch zu sagen, dass Lopeteguis Weggang der ausschlaggebende Faktor für unser Aus war", betonte Ineista. "Es war und ist eine Freude, mit diesem Team zu arbeiten", sagte indes Hierro. "Ein Verblieb ist nicht meine Entscheidung - und aktuell das am wenigsten wichtige Thema."
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