Leverkusen-Talent Lisanne Gräwe im Exklusiv-Interview: "Ich bin ein weiblicher Toni Kroos"

Sie gilt als eines der größten Talente ihres Jahrgangs. Im Sommer wechselte Lisanne Gräwe vom VfL Wolfsburg zu Bayer 04 Leverkusen. Prompt etablierte sich die 19 Jahre alte Mittelfeldspielerin als Stammkraft. "Ich bin ein weiblicher Toni Kroos", sagt sie im exklusiven Interview mit Eurosport. Zudem spricht Gräwe über ihre Anfänge, den Wechsel ins Rheinland und den Traum von der Nationalmannschaft.

Lisanne Gräwe

Fotocredit: Imago

Lisanne Gräwe gilt als eines der größten Talente ihres Jahrgangs. Im September 2020 debütierte sie im Alter von 17 Jahren in der Bundesliga, damals noch im Trikot des VfL Wolfsburg. Seit dieser Saison steht die Mittelfeldspielerin bei Bayer Leverkusen unter Vertrag.
"Ich bin ein weiblicher Toni Kroos", beschreibt Gräwe im Exklusiv-Interview mit Eurosport ihren Spielertyp. Auch ihr Vorbild und späterer Weltmeister ging wichtige Schritte in Leverkusen, spielte von Januar 2009 bis Juni 2010 auf Leihbasis bei der Werkself, ehe er zum FC Bayern München zurückkehrte.
Im vergangenen Sommer wechselte sie dann nach Leverkusen. "Am Anfang hatte ich echt Angst und Respekt", verrät die 19 Jahre alte Gräwe über ihr erstes Testspiel nach ihrem Wechsel. Doch die Mittelfeldspielerin ist angekommen: Für die Rheinländerinnen bestritt sie in dieser Spielzeit 14 Bundesligaspiele.
Am Dienstag zog sie mit Bayer durch ein 2:1 nach Verlängerung gegen die SGS Essen ins Halbfinale des DFB-Pokals ein - auch wenn Gräwe in der Verlängerung mit Gelb-Rot vom Platz flog. Doch viel Zeit zum Feiern bleibt den Leverkusenerinnen nicht. Am Freitag trifft die Mannschaft um Gräwe in der Bundesliga auf Werder Bremen (19:15 Uhr live bei Eurosport).
Das Interview führte Pascal Steinmann.
Lisanne, zunächst einmal: Glückwunsch zum Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals. Überwiegt die Freude über das Weiterkommen oder der Frust über die Gelb-Rote Karte?
Lisanne Gräwe: Ich wusste, dass die Frage kommt (lacht). Ich würde sagen, dass die Freude über den Einzug ins Halbfinale überwiegt. Da ist die Karte zweitrangig. Dann muss die Mannschaft das im Halbfinale eben ohne mich schaffen - und ich bin im Finale wieder dabei.
Wie sind Sie zum Fußball gekommen, haben Sie einen familiären Fußball-Hintergrund?
Gräwe: Mein Vater hat früher lange Fußball gespielt. Ich habe einen großen Bruder, der immer noch Fußball spielt. So kam ich dann auch zum Fußball. Früher habe ich mit meinem Zwillingsbruder in einer Mannschaft gespielt. Irgendwann bin ich den Weg alleine weitergegangen, weil mein Bruder irgendwann mit dem Fußball aufgehört hat. Wir drei haben im Garten immer zusammen gekickt. Papa wollte uns immer ein paar Tipps geben. Den einen oder anderen haben wir auch angenommen. Ich habe also schon einen Fußball-Background in der Familie.
Sie haben also in Ihrer Jugend mit Jungs gespielt.
Gräwe: Ich habe bis zu meinem 16. Lebensjahr mit Jungs gespielt. 2019 ging es für mich dann in die zweite Mannschaft des VfL Wolfsburg - zum ersten Mal zu den Frauen.
Wie war es für Sie – gerade in der Anfangsphase – mit Jungs zu spielen, gab es da merkwürdige Momente?
Gräwe: Ich habe am Anfang mit meinen Nachbarn gespielt und wir sind zusammen zum Training gefahren. Das war sehr cool. Dann bin ich zum SC Wiedenbrück gewechselt, der höher gespielt hat. Man hat gemerkt, dass dort die Leistung im Vordergrund stand. Da kam auch mal ein blöder Spruch oder ein komischer Blick. Im Spiel haben sie dann schnell gemerkt, dass ich etwas draufhabe. Am Ende war es so, dass es körperlich ein großer Unterschied war – ich habe aber den perfekten Zeitpunkt für einen Wechsel gefunden.

Gräwe: "Ich bin ein weiblicher Toni Kroos"

Inwiefern haben Sie davon profitiert, lange mit Jungs zusammenzuspielen?
Gräwe: Erst einmal ist es körperlich etwas ganz Anderes. Ich denke, daraus habe ich viel mitgenommen. Auch in puncto Schnelligkeit. Bei den Mädchen hätte man den Ball länger halten und mehr ins Eins-gegen-Eins gehen können. So habe ich die Situationen eher durch Auge und Passspiel gelöst. Für den Kopf war es von der Schnelligkeit ebenfalls wichtig. Es gab also einige Dinge, die ich aus der Zeit mitgenommen habe.
Welcher Spielertyp ist Lisanne Gräwe?
Gräwe: Ich bin ein weiblicher Toni Kroos (lacht). Ich bin niemand, der gerne ins Eins-gegen-Eins geht, sondern eher die Bälle verteilt und Ruhe ins Spiel bringt.
War Toni Kroos auch ein Vorbild Ihrer Jugend?
Gräwe: Ja. Ich habe mir oft YouTube-Videos von ihm angeschaut, weil ich es krass finde, wie er die Bälle verteilt und mit welcher Ruhe er spielt. Lionel Messi fand ich auch gut, ich habe mir auch gerne seine Spiele und Videos angeschaut. Aber ich bin nicht der Spielertyp wie er.
Ihre Vorbilder kamen also eher aus dem Männerbereich.
Gräwe: Tatsächlich schon. Früher habe ich nie davon geträumt, mal in der Frauen-Nationalmannschaft zu spielen. Ich wollte immer bei den Männern spielen. Da war mir gar nicht klar, dass es so etwas bei den Frauen gibt (lacht). Sicher auch, weil mein Bruder immer nur von den Männern gesprochen hat.
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Die besten Szenen: Leverkusen feiert dritten Liga-Sieg in Serie

Quelle: Eurosport

Ihr Verein beschreibt Sie auf dem Internetauftritt als "eine der begabtesten Spielerinnen ihres Jahrganges". Wie geht man als junge Spielerin mit solchen Vorschusslorbeeren und Erwartungen um?
Gräwe: Erstmal ist das schön zu hören. Das gibt einem auch Selbstvertrauen. Ich mache mir selbst aber keinen Druck. Ich gehe einfach auf das Feld und habe Spaß. Da spielt das nicht so eine große Rolle.
Wie kam es im Sommer zu der Entscheidung, den VfL Wolfsburg zu verlassen und nach Leverkusen zu wechseln?
Gräwe: Ich stand in der ersten Mannschaft unter Vertrag, habe dort trainiert, aber in der zweiten Mannschaft gespielt. Das hat mich nicht zufriedengestellt, weil ich nicht die Spielzeit bekommen habe, die ich wollte. Dann kam Leverkusen ins Gespräch. Ich habe mir alles angeschaut und hatte ein gutes Gefühl. Ich habe oft mit dem Trainer gesprochen, wir haben viel telefoniert. Auch die Gespräche haben mir ein gutes Gefühl gegeben. Dann war die Entscheidung schnell gefallen.
Sie haben Ihr Bundesliga-Debüt aber noch für Wolfsburg gegeben. Was war das für ein Gefühl, erstmals Bundesligaluft zu schnuppern?
Gräwe: Ich habe das damals gar nicht so richtig wahrgenommen. Ich bin einfach auf den Platz und habe 20 Minuten gespielt. Es war cool, aber nicht so, dass ich dachte: Jetzt bin ich Bundesligaspielerin.
Wer war bisher Ihre härteste Gegenspielerin in der Bundesliga?
Gräwe: Jill Roord vom VfL Wolfsburg, die finde ich sehr stark. Es gibt viele starke Spielerinnen in der Bundesliga, aber sie die Beste, gegen die ich in der Bundesliga gespielt habe.

Gräwe: "Am Anfang hatte ich echt Angst und Respekt"

Sie haben in einem früheren Interview gesagt, dass Sie sich vor dem ersten Testspiel gegen die TSG Hoffenheim gefragt hatten, ob Sie das Niveau haben, mitzuhalten. Gab es einen Moment, in dem Sie festgestellt haben: "Ich bin in der Bundesliga angekommen"?
Gräwe: Am Anfang hatte ich echt Angst und Respekt, obwohl es nur ein Freundschaftsspiel war. Ich hatte noch nie auf dem Niveau gespielt. Aber als die Liga begann, bin ich immer besser reingekommen, habe Startelfeinsätze bekommen und durchgespielt. Das gibt Selbstvertrauen und irgendwann kommt man einfach an. Mir hat es total Spaß gemacht und ich habe mich auch in der Mannschaft immer besser eingefunden. Das Team hat mir das Ankommen erleichtert. Hätte ich mich nicht in der Mannschaft wohlgefühlt, hätte es länger gedauert. Es gab keinen bestimmten Moment, sondern es war eher ein Prozess.
Inwieweit ist Leverkusen der perfekte Ort für Sie, um sich weiterzuentwickeln?
Gräwe: Leverkusen ist ein guter Verein für junge Spielerinnen. Ich erhalte viel Spielzeit. Das ist das, was ich mir gewünscht habe. In meinem Alter ist es der perfekte Schritt. Mit der Spielzeit und der Unterstützung, die ich bekomme, ist es genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.
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Am Freitag Abend geht es für Bayer Leverkusen erneut gegen Werder Bremen

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Welche Ziele haben Sie als Mannschaft für den Rest der Saison?
Gräwe: Im Pokal wollen wir das Finale auf jeden Fall erreichen. Aber mal sehen, was möglich ist. Von den oberen Teams in der Bundesliga sind wir ein Stück weit weggerutscht. Wir versuchen trotzdem, dranzubleiben. Wir wollen die Spiele mitnehmen und daraus lernen.
An welchen Punkten arbeiten Sie individuell, welche Ziele haben Sie für das kommende Halbjahr?
Gräwe: Es ist wichtig, verletzungsfrei zu bleiben. Es ist die erste Saison, in der ich auf diesem Niveau spiele. Es ist auch wichtig, im Kopf klar zu bleiben. An der Athletik kann ich noch arbeiten - auch an Kleinigkeiten wie der Vororientierung. Das habe ich mir vorgenommen für das kommende halbe Jahr.

Gräwe: "Solche Gegner darf man nie unterschätzen"

Am Freitagabend spielen Sie gegen Werder Bremen (live bei Eurosport). Was für ein Spiel erwarten Sie?
Gräwe: Gegen solche Mannschaften ist es immer schwierig. Wir können das Selbstvertrauen, das Feuer und den Siegeswillen aus dem Pokalspiel gegen Essen mitnehmen. Wir sind gut drauf und werden das packen. Aber solche Gegner darf man nie unterschätzen, da kann alles auf uns zukommen.
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Lisanne Gräwe im Trikot der U17-Nationalmannschaft in Schweden 2019

Fotocredit: Getty Images

Sie haben gesagt, Sie wollten früher immer in der Männer-Nationalmannschaft spielen. Ist denn die Frauen-Weltmeisterschaft 2023 in Australien und Neuseeland für Sie schon ein Thema?
Gräwe: Nein, das denke ich nicht. Klar ist es mein Ziel, in die A-Nationalmannschaft zu kommen – je früher desto besser – und ich würde mich sehr darüber freuen. Aber realistisch gesehen, kommt das nicht in Frage. Ich gebe mir selbst die Zeit und mache mir keinen Druck. Mal sehen, wann es dann soweit ist – ich hoffe, dass es eines Tages so kommt.
Im Sommer findet eine Europameisterschaft in England statt. Inwieweit erwarten Sie sich einen Schub für den Frauenfußball, was die Strahlkraft angeht?
Gräwe: Ich denke schon, dass da einiges geht. Vor allem, weil es in England ausgetragen wird. Ich denke, dass England eine gute Reichweite haben wird. Man sieht das auch in der Liga: Die Zuschauerzahlen steigen und das Ansehen des Frauenfußballs ist hoch. Ich kann mir vorstellen, dass das Turnier eine gute Werbung für den Frauenfußball wird.
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Rekordverdächtig! Potsdams Kössler trifft nach nur 17 Sekunden

Quelle: Eurosport

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