Am Samstag (16:45 Uhr im Liveticker) trifft Turbine Potsdam im Finale des DFB-Pokals auf den VfL Wolfsburg. Im Fokus auf Seiten der Brandenburgerinnen: Angreiferin Melissa Kössler.
Die 22 Jahre alte Offensivspielerin überzeugte in dieser Bundesligasaison mit zehn Treffern und steht vor ihrem letzten Spiel bei ihrem Heimatklub. Im Sommer wechselt Kössler zum Ligarivalen TSG Hoffenheim. Mit Kapitänin Sara Agrez (VfL Wolfsburg) und Isabel Kerschowski (Karriereende) verlassen weitere Stützen die Brandenburgerinnen nach der Saison.
Vor dem Endspiel im RheinEnergieStadion in Köln sagte Kössler im exklusiven Interview: "Ein besseres Abschiedsspiel gibt es nicht." Mit Eurosport.de spricht die Potsdamerin über strukturelle Probleme bei der Turbine, Rückstände in der Entwicklung des deutschen Frauenfußballs und ihren Wechsel zur TSG Hoffenheim.
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Das Interview führte Pascal Steinmann.
Frau Kössler, Turbine Potsdam hat die vergangenen acht Spiele gegen den VfL Wolfsburg verloren. Was macht Ihnen Mut, am Samstag den Pokal zu holen?
Melissa Kössler: Wir müssen ein anderes Gesicht zeigen als in den vergangenen Spielen gegen Wolfsburg. Aber wir haben eine gute Saison gespielt und müssen das nun wieder auf den Platz bringen. Wenn uns das gelingt, werden wir es Wolfsburg schwer machen.
Mit welchen Emotionen gehen Sie in das erste Pokalfinale Ihrer Karriere, das für Sie gleichzeitig ein Abschiedsspiel ist?
Kössler: Mit ganz viel Vorfreude. Ein besseres Abschiedsspiel gibt es nicht - vor allen Dingen für mich persönlich. Es wird sicherlich am Ende emotional werden, egal wie es ausgeht.
Mit welchen Gedanken blicken Sie auf Ihre Saison zurück?
Kössler: Ich konnte mich in dieser Spielzeit besser zeigen als in der zurückliegenden Saison. Ich hatte auch eine gute Sturmpartnerin (Selina Cerci, Anm. d. Red.), mit der ich harmoniert habe. Ich bin sehr zufrieden, dass es dieses Jahr besser gelaufen ist als in der Vorsaison. Und daran möchte ich in der kommenden Spielzeit natürlich anknüpfen.

Melissa Kössler will mit der TSG Hoffenheim hoch hinaus

Fotocredit: Imago

Im Sommer verlassen einige Stützen, auch Sie, die Turbine. Wie wichtig wird dieses Finale - das sozusagen aus zweierlei Hinsicht ein "Endspiel" ist - für den Klub?
Kössler: Für den Verein ist es ein riesengroßer Erfolg, mal wieder in einem Finale zu stehen. Wenn wir den Pokal holen sollten, wird es eine große Party geben (lacht). Es wäre ein bedeutender Schritt für den Klub, den er auch mal wieder verdient hätte. Für uns als Mannschaft ist es schön, noch mal so ein Erlebnis zusammen zu haben, auch wenn viele den Klub nach der Saison verlassen werden. Aber es muss in Zukunft auch etwas im Verein passieren, um wieder Erfolge einzufahren.
Was meinen Sie damit genau?
Kössler: Besonders strukturell muss sich etwas verändern. Die Trainingsmöglichkeiten müssen besser werden.
Inwiefern?
Kössler: Das Problem ist, dass wir an die Stadt und den Luftschiffhafen, wo wir trainieren, gebunden sind. Dem Verein selbst gehört nicht wirklich etwas. Man muss die Dinge immer abklären und absprechen. Das ist das größte Problem.
Ist das der Grund, weswegen verschiedene Leistungsträgerinnen den Klub im Sommer verlassen?
Kössler: Ja. Das ist ein großer Grund. Man kann sich andernorts einfach besser entwickeln. Ich möchte Potsdam nicht in ein schlechtes Licht rücken, habe hier meine Jugend verbracht und wunderschöne Jahre erlebt. Aber wenn man an der Spitze mithalten will, müssen sich Dinge ändern.
Ihr Gegner, der VfL Wolfsburg, hat im Halbfinale der Champions League vor ausverkauftem Haus im Camp Nou gespielt. Sehen Sie grundsätzlich eine Entwicklung, was das Ansehen des Frauenfußballs angeht?
Kössler: Ich hoffe es. Barcelona hat gezeigt, wie es funktionieren kann. Das Spiel in Wolfsburg war auch gut besucht. Das macht Hoffnung. Ich hoffe, dass auch im Finale am Samstag viele Leute kommen werden.
Da muss sich der DFB an die eigene Nase fassen.
Schaut man neidisch ins Ausland, wenn man auch an die anstehende Europameisterschaft in England denkt, bei der in vielen Spielen mit voller Zuschauerauslastung gerechnet wird?
Kössler: Neid ist das falsche Wort. Es ist erfreulich, dass es andere Länder inzwischen schaffen. Das ist ein guter Anfang. Für die Europameisterschaft in England wurde vieles richtig gemacht, da wurde ein Jahr im Vorfeld schon mit der Werbung begonnen, in den Städten wurden Plakate aufgehängt. Davon sieht man in Deutschland nichts. Weder im Vorfeld des Pokalfinals noch im Vorfeld der EM. Da hinkt Deutschland deutlich hinterher. Aber das sind Aufgaben von höheren Ebenen, da muss sich der DFB an die eigene Nase fassen.
Welche Maßnahmen fordern Sie vom DFB?
Kössler: Man müsste die Werbung in Köln vorantreiben. Online und auf Social Media wird ein bisschen was gemacht. Im Fernsehen habe ich ein Mal einen Trailer von 30 Sekunden über den DFB-Pokal der Frauen gesehen. Bei den Männern läuft das anders ab. Da gibt es einen Countdown, die ganze Stadt wurde dekoriert. Ich denke, da herrscht ein großer Unterschied zwischen Männern und Frauen.
Können Sie das noch einmal konkretisieren?
Kössler: Am Beispiel DFB-Pokalfinale: Ich war an dem Tag in Berlin. Die ganze Stadt war vom DFB plakatiert, es wurde Werbung für beide Teams gemacht. In Köln habe ich außer einer Sprayer-Aktion in der Innenstadt nichts gesehen. Das sind Kleinigkeiten. Aber damit geht es eben los, wie ein solches Spiel beworben wird.
Sehen Sie aktuell eine Entwicklung oder eine Stagnation?
Kössler: Ich glaube, es stagniert derzeit. Ich hoffe, dass sich durch die Europameisterschaft ein Boom entwickelt. Aber derzeit sehe ich keine Verbesserungen.
Erwarten Sie in den kommenden Jahren eine Veränderung?
Kössler: Sicherlich, wenn der DFB das angeht. Inwiefern das passiert, kann ich nicht sagen. Dafür fehlt mir der Einblick. Aber: Bisher sieht man nicht wirklich etwas.
Haben Sie als Spielerinnen die Möglichkeit, die Entwicklungen voranzutreiben?
Kössler: Nein. Wir haben unsere Social-Media-Kanäle. Diese Möglichkeit nutzen auch viele Spielerinnen, um beispielsweise Spielankündigungen regelmäßig zu kommunizieren. Aber wir haben keinen großen Einfluss darauf.
Ihr Finalgegner Wolfsburg hat sich für den Sommer Ihre Kapitänin Sara Agrez und Nationalspielerin Jule Brand aus Hoffenheim gesichert – erneut zwei Top-Spielerinnen von direkten Konkurrenten. Wie bewerten Sie das im Hinblick auf die Attraktivität der Bundesliga?
Kössler: Wolfsburg denkt natürlich erst einmal an den eigenen Erfolg. Wenn sie erfolgreich sein wollen, kaufen sie die besten Spielerinnen der Liga - und die gibt es meistens bei der direkten Konkurrenz. Dahingehend kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Aber damit die Liga spannend bleibt, muss man darauf achten, dass das Mittelfeld konkurrenzfähig ist.
Viele Klubs können bei alten Stützpunkten oder sogar direkt auf dem Gelände der Männer trainieren. Das haben wir eben nicht - und das merkt man.
Von den ersten neun Mannschaften in der Frauen-Bundesliga haben acht Teams einen Männer-Bundesligaklub hinter sich - nur Turbine Potsdam nicht. Wie nehmen Sie das wahr?
Kössler: Die Frankfurterinnen waren zuletzt in Sevilla und Barcelona dabei. Freiburg beim Pokalfinale in Berlin. Klar, wir haben eine Kooperation mit Hertha BSC, aber davon merkt man nichts. Man erkennt, dass es zwei getrennte Vereine sind. Viele Klubs können bei alten Stützpunkten oder sogar direkt auf dem Gelände der Männer trainieren. Das haben wir eben nicht - und das merkt man: Da steht einfach keine große Männermannschaft dahinter, das ist deutlich zu spüren.
Ist es in Zukunft nur noch mit der Unterstützung eines starken Männervereines möglich, konkurrenzfähig zu sein?
Kössler: Man muss vor allen Dingen einen Plan und eine Struktur im Verein haben. Und wenn man vorne mitspielen will, sind die Chancen mit den finanziellen Mittel eines Männervereins im Rücken besser. Es ist eine schwierige Aufgabe, das komplett alleine zu machen. Wenn ein Männerverein dahintersteht, ist Erfolg deutlich wahrscheinlicher als bei einem reinen Frauenverein. Man sieht bei uns aber, dass es auch so funktionieren kann – ich weiß nur nicht, wie lange noch.
Sie wechseln im Sommer zur TSG Hoffenheim, einem Klub, der in der Liga hinter Potsdam platziert war. Ist das für Sie ein Rückschritt?
Kössler: Nein. Ich bin froh über den Schritt. Das Trainerteam, der Staff und die ganzen Möglichkeiten, die bei der TSG herrschen, sind sehr gut. Die Art, wie die TSG Fußball spielt, überzeugt mich sehr. Deshalb freue ich mich darauf.
Sie haben im April bei der TSG Hoffenheim das wichtige 1:1-Ausgleichstor beim 2:1-Sieg erzielt und damit Ihren künftigen Klub aus der Champions League geschossen. Wie bitter war dieser Treffer für Sie im Nachhinein?
Kössler: Im Nachhinein ist das bitter. Aber so ist der Fußball. Bis zum letzten Tag gebe ich für meinen Verein immer alles - und dann ist klar, dass ich auch so ein Tor nicht auslasse. Wenn wir uns dafür für die Champions League qualifiziert hätten, hätte ich mich noch mehr geärgert (lacht). Nein, ich hätte es Turbine gegönnt. Dann hätte man auch sagen können, dass man Potsdam in die Champions League geschossen hat.
Welche Ziele haben Sie in der kommenden Saison bei und mit der TSG Hoffenheim?
Kössler: Ich möchte international spielen. Insofern wollen wir wieder Platz drei erreichen, um in der Champions League zu starten. Persönlich will ich weiter Tore schießen und vorbereiten, gute Leistungen bringen. Und: Ich möchte mein Debüt in der A-Nationalmannschaft geben. Bei dieser Europameisterschaft wird es schwer, noch in den Kader zu kommen. Damit habe ich abgeschlossen. Aber im kommenden Jahr steht mit der WM wieder ein großes Turnier an. Und das ist mein Ziel.
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