Das Interview führte Jan-Lucas Krenzer.
Tabea, am Freitag winkt gegen den 1. FC Köln bei einem Sieg wieder die Tabellenführung, Wie sehr beeinflusst die Aussicht auf den Platz an der Sonne die Vorbereitung?
Tabea Waßmuth: Der Fokus liegt auf jeden Fall auf dem Spiel. Wir haben noch ein Spiel weniger als Bayern, deswegen bringt uns der Blick auf die Tabelle zunächst gar nichts. Die Aufgabe gegen Köln wird ohnehin schwer genug, das hat man in der ersten Halbzeit gegen Bayern gesehen (0:0, Endstand 0:6, Anm. d. Red.). Wir schauen lieber am Ende auf die Tabelle und hoffen, dass es so aussieht, wie wir uns das wünschen.
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Köln steht im einigermaßen gesicherten Mittelfeld. Wie erwarten Sie die Rheinländerinnen am Freitag?
Waßmuth: Die Kölnerinnen haben gegen Bayern gezeigt, dass sie sehr mutig spielen. Wir müssen uns auf eine gewisse Körperlichkeit einstellen und voll konzentriert sein. Wir dürfen uns keine Fehler erlauben, sonst werden wir eiskalt bestraft.
Etwas weg von der Bundesliga: Welche Unterschiede haben Sie zwischen dem deutschen und dem englischen Frauenfußball ausgemacht?
Waßmuth: Ich glaube, dass England uns schon einen Schritt voraus ist, was die Vermarktung und die Sichtbarkeit angeht. Da kann sich Deutschland auf jeden Fall eine Scheibe von abschneiden. Wir sind in Deutschland in den vergangenen Jahren auch schon einen Schritt weitergekommen, wir verbessern uns stetig - aber wenn wir nach England schauen, dann sieht man da größere Schritte.

Tabea Wassmuth (VfL Wolfsburg) | Football | ESP Player Feature

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Waßmuth über EM: "Das kann einen Schub geben"

Sie haben die Vermarktung und Sichtbarkeit angesprochen. Was muss sich konkret ändern, damit der Frauenfußball in Deutschland mehr Anerkennung bekommt?
Waßmuth: In England hat jeder Zugriff auf den FA Player. Der ist sogar kostenlos. In Deutschland gibt es hingegen nur das Eurosport-Spiel und selten auch mal Top-Spiele in der ARD, alles andere muss bezahlt werden. Darüber hinaus sind bei einigen englischen Klubs wie etwa Manchester City die Social-Media-Kanäle der Männer und der Frauen miteinander verbunden, das gibt es in dieser Form in Deutschland auch noch nicht. Das sind meiner Meinung Kleinigkeiten, die Großes bewirken können.
Worin sehen sie aus fußballerischer Sicht Unterschiede zwischen England und Deutschland?
Waßmuth: Wenn man auf das Fußballerische schaut, müssen wir uns in Deutschland nicht unbedingt verstecken. Wenn man sieht, wie eng es in der laufenden Saison in der Bundesliga zugeht, dann könnte England auch zu uns aufschauen.
Im Juli steht in England die Frauen-EM an. Inwiefern kann das Turnier ein weiterer Schritt für die Vermarktung des Frauenfußballs in Deutschland sein?
Waßmuth: Ich hoffe, dass sich etwas ändert. Das hängt natürlich auch wieder von der Vermarktung in Deutschland ab. Nur wenn Spiele auf guten Sendeplätzen gezeigt werden, trägt das dazu bei, die Sichtbarkeit in Deutschland zu erhöhen. Besonders so ein Event kann dafür sehr gut genutzt werden. Ich glaube, der DFB ist da schon dahinter, die EM ins Gedächtnis der Leute zu rufen. Das kann einen Schub geben.

Tabea Waßmuth (r.) trifft gleich zwei Mal für den VfL

Fotocredit: SID

In der Champions League geht es für Wolfsburg gegen Arsenal, gespielt wird im großen Emirates Stadium. In England ist dies Normalität, in Deutschland nur vereinzelt der Fall. Sie spielen das Rückspiel diesmal in der VW Arena. Wie wichtig ist die Spielstätte für die Sichtbarkeit?
Waßmuth: In der Champions League dürfen wir zum Glück auch in der Volkswagen Arena spielen und auch die Bayern dürfen jetzt in die Allianz Arena. Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Natürlich ist es auch für uns viel cooler, wenn mehr Fans im Stadion sind und mehr Menschen den Frauenfußball sehen. Ich hoffe, dass sich das hier in Deutschland etabliert und wie in England bei ausgewählten Highlight-Spielen Normalität wird.
Sie sind mit acht Toren aus sechs Spielen Topscorerin der Champions League und stehen vor Namen wie Jordyn Huitema und Weltfußballerin Alexia Putellas. Wie fühlt sich das an, sich in so einer Liste an der Spitze zu sehen?
Waßmuth: Ja, das ist schon ein bisschen verrückt, das hätte ich vorher natürlich nie für möglich gehalten (lacht). Ich glaube, dass mir auch sehr viel in die Karten gespielt hat und ein bisschen Glück dabei war. Es ist schon cool, aber ich kann sehr gut einschätzen, dass es eben nur eine Momentaufnahme ist.
Sie haben viele Jahre bei der TSG 1899 Hoffenheim gespielt, Teamkollegin Lena Lattwein kam aus Hoffenheim und Jule Brand wird bald von Hoffenheim zum VfL wechseln. Welchen Stellenwert hat die „Hoffenheimer Schule“ in Deutschland?
Waßmuth: Die gute Arbeit in Hoffenheim zahlt sich aus, das sieht man aktuell. Auch Bayern hat mit Maxi Rall oder Janina Leitzig Spielerinnen aus der Hoffenheim-Jugend. Meiner Meinung nach kann man das gar nicht hoch genug hängen, auch Hoffenheim hat ganz lange davon profitiert, dass sie eine sehr, sehr gute zweite Mannschaft hatten. Sie legen sehr großen Wert darauf, in der Jugend gut zu arbeiten und die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Ich bin Hoffenheim sehr dankbar, ohne den Klub wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin.

Waßmuth schwärmt von Ausbildung in Hoffenheim

Inwieweit hat die Zeit in der Jugend bei Hoffenheim ihre persönliche Entwicklung geprägt?
Waßmuth: Eigentlich komplett, ich war meine ganze Jugend in Hoffenheim und konnte mich da entwickeln. Das Wichtigste für mich war, dass ich Zeit für meine Entwicklung eingeräumt bekam und ich nicht verheizt wurde. Wenn ich mal zwei, drei Monate gebraucht habe, dann wurde mir diese Zeit gegeben und durch viel Einzeltraining wurde gezielt an Schwächen gearbeitet. Ich bin mir sicher, ich wäre jetzt nicht hier, wenn es das in Hoffenheim nicht so gegeben hätte.

Alexandra Popp Tabea Wassmuth | Football | ESP Player Feature

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Wo lagen für Sie persönlich die größten Unterschiede zwischen Wolfsburg und Hoffenheim?
Waßmuth: Es war schon etwas Neues. Als ich in Hoffenheim gespielt habe, habe ich dort gewohnt, wo ich studiert habe. Der Anfahrtsweg hat sich in Wolfsburg deutlich reduziert. Außerdem sind die Trainingszeiten unterschiedlich, bei Hoffenheim haben wir zum Beispiel immer abends trainiert.
Gab es von Ihrer Seite aus Kontakt zu Jule Brand vor dem Wechsel?
Waßmuth: Also erstmal freue ich mich sehr, dass Jule kommt, weil ich mich schon bei Hoffenheim sehr gut mit ihr verstanden habe. Natürlich tauscht man sich aus und sie hat gefragt, wie es so in Wolfsburg ist – da habe ich natürlich ein paar gute Worte eingelegt (lacht).

Waßmuth arbeitet an Promotion

Mal etwas abseits vom sportlichen Geschehen, Sie haben Ihren Master in Psychologie gemacht und promovieren derzeit. In welche Richtung gehen Sie?
Waßmuth: Ich promoviere in die neuropsychologische Richtung, was die Rehabilitationsmaßnahmen bei Patienten nach Schlaganfällen betrifft. Das wird mir ermöglicht durch das Research Lab in Hoffenheim, das viel Forschung betreibt. Dort arbeite ich mit Schlaganfall-Patienten.
Wie ist es mit dem Leben als Profifußballerin zu vereinbaren, wenn man Studium und Fußball gleichzeitig meistern muss?
Waßmuth: In Hoffenheim wurde mir viel durch das Sportstipendium an der Uni Mannheim ermöglicht. Das heißt, ich konnte meine Zeit so legen, dass ich mit dem Training keine Probleme bekam. Das war natürlich ein großer Vorteil. Und jetzt mit der Promotion ist es so, dass ich viele Freiheiten habe und dass ich das so legen kann, wie es mir passt. Es tut mir gut, nebenbei etwas zu machen und auch beruflich ein Stück weiterzukommen.
Ist die Promotion ein bisschen die Vorbereitung auf das, was nach der Fußballkarriere einmal folgen könnte?
Waßmuth: Ja schon. Ich habe mir die Arbeit in Bezug auf die neurologische Rehabilitation ausgesucht, weil ich später gerne in diesem Bereich arbeiten möchte. Ich würde nach dem Fußball gerne in die neuropsychologische Richtung gehen und deswegen passt das mit der Promotion sehr gut.
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