Sara Doorsoun von Eintracht Frankfurt im Eurosport-Interview: "Das Interesse ist ja da"

Sara Doorsoun wurde mit Deutschland im Sommer Vize-Europameisterin. Mit Eintracht Frankfurt will sie am Freitag beim Bundesliga-Auftakt im großen Frankfurter Stadion den FC Bayern ärgern. Nach dem Verpassen der Champions League hofft die 30-Jährige auf einen glanzvollen Fußball-Abend. Im Interview spricht Doorsoun über einen super Sommer, Perspektiven im Frauen-Fußball und ehrgeizige Ziele.

Sara Doorsoun (hüpfend rechts) jubelt mit Sophia Kleinherne bei der EM 2022

Fotocredit: Getty Images

Sara Doorsoun-Khajeh hat einen einzigartigen Sommer hinter sich - wenn auch mit sportlichen Enttäuschungen.
Nach dem verlorenen EM-Finale in der Verlängerung gegen England (1:2) scheiterte Doorsoun mit Eintracht Frankfurt durch ein Last-Minute-1:2 gegen Ajax Amsterdam in der Qualifikation zur Champions League.
Vor dem Bundesliga-Auftakt der Eintracht gegen den FC Bayern München am Freitag (ab 18:35 Uhr live im Free-TV bei Eurosport 1 und im Livestream bei discovery+) spricht die 40-malige deutsche Nationalspielerin im Interview mit Eurosport über die Lehren des Sommers, die große Bühne zum Bundesliga-Start und die Perspektiven des Frauenfußballs in Deutschland.
Das Interview führte Frederik Jouon
Bevor wir über die Zukunft sprechen, erstmal ein Rückblick: Wie war Ihr Sommer?
Sara Doorsoun: Ich habe viel erlebt. Der Sommer war sehr intensiv, aber gleichzeitig so schön, dass man sagen kann, ich habe Erinnerungen für den Rest meines Lebens gesammelt.
Was war das Herausstechende - das EM-Turnier selbst oder der Empfang am Römer?
Doorsoun: Das, was wir in England mit den vollen Stadien und dem Finale am Ende erlebt haben, aber auch die Dynamik innerhalb der Mannschaft, das war schon was richtig Besonderes. Als wir dann in Frankfurt gelandet sind und am Römer empfangen wurden, hat man zum ersten Mal das Ausmaß dessen gesehen, was wir mit unserer Art und Weise Fußball zu spielen erreicht haben. Wir haben sehr viele Leute mitgenommen und von uns überzeugt.
picture

Sara Doorsoun bei der EM 2022

Fotocredit: Getty Images

Als Fan konnte man leicht an allem teilhaben, hatte das Gefühl, man ist sehr nah an der Mannschaft dran, weil sie auch viel bei Social Media begleitet haben. War das geplant?
Doorsoun: Es hat sich diese Dynamik im Team entwickelt und nichts dabei war gespielt. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, aber in der Kabine fingen ein paar Mädels an 'Cotton Eyed Joe' zu spielen, dann haben Nicole Anyomi und ich dazu getanzt - und auf einmal haben wir gesagt, das machen wir nach jedem Spiel, wenn wir gewinnen. Das war etwas ganz Natürliches. Und genau das hat uns während des Turniers dann auch ausgemacht.
Am Freitag stehen zum Bundesliga-Start viele Spielerinnen aus der Nationalmannschaft auf der anderen Seite - beim FC Bayern. Ist das ein Problem?
Doorsoun: Nein, überhaupt nicht. So schön der Sommer mit der EM auch war, die Liga ist unser tägliches Brot. Hier können wir uns wieder für die Nationalmannschaft anbieten. Wir freuen uns einfach, dass es hier vor einer solchen Kulisse im Deutsche Bank Park mit einem coolen Auftaktspiel am Freitagabend wieder losgeht.
Sie haben es gesagt, es geht im großen Stadion los. Ist das der Platz, wo der Frauenfußball nach dieser EM auch hingehört?
Doorsoun: Zu 100 Prozent! Da bin ich wirklich überzeugt von. Es ist schade, dass wir es mit Frankfurt nicht geschafft haben, uns Champions-League-Playoffs zu qualifizieren, weil ich mir sicher bin, dass wir das Heimspiel dann auch im großen Stadion ausgetragen hätten. Wir haben von Anfang gesagt, dass wir das Eröffnungsspiel hier austragen wollen. Hoffenheim ist dann nachgezogen. Und genau das ist es: Wenn man uns die Bühne gibt - das hat man auch in der vergangenen Saison bei den Champions-League-Spielen mit Wolfsburg und Bayern gesehen - dann sind die Leute auch an unserem Fußball interessiert. Man muss uns einfach nur gute Anstoßzeiten geben und die Möglichkeit, Werbung dafür zu machen. Das Interesse ist ja da.
picture

Sara Doorsoun (Nr. 23) in Mitten der deutschen Frauen-Nationalmannschaft

Fotocredit: Getty Images

In England ist der Frauenfußball einen anderen Weg gegangen und hat sich stark an die Premier-League-Teams der Männer angehängt. Ist das für Deutschland auch eine Option?
Doorsoun: Ich denke schon, dass man langfristig nicht darum herumkommt, sich an größere Männer-Teams anzuheften - sei es wegen der Infrastruktur oder der finanziellen Möglichkeiten. Wir sprechen immer davon, dass wir in der Bundesliga alle Profis sein wollen. Wenn ich aber die SGS Essen nehme, die keinen großen Verein im Hintergrund haben, dann ist es für die Spielerinnen bei einem solchen Ausbildungsverein einfach schwierig zu sagen: 'Ich bin jetzt Profi, muss nicht mehr arbeiten gehen, sondern kann mich total auf den Fußball konzentrieren.' Wie auch, wenn nicht die großen Sponsoren dahinterstehen. Somit ist es langfristig vielleicht nicht unbedingt ein Muss, aber es ist auf jeden Fall leichter, wenn man auch in uns investiert.
Jetzt gab es in der Champions-League-Qualifikation gegen Ajax Amsterdam mit dem späten Gegentor zum 1:2 und dem damit verbundenen Ausscheiden gleich zu Saisonbeginn einen Dämpfer. Wie geht die Mannschaft damit um?
Doorsoun: Ich hatte zu keiner Sekunde im Spiel das Gefühl, dass wir dieses Spiel verlieren werden. Wir waren am Drücker und müssen das 2:1 und das 3:1 machen - Ajax war eigentlich platt. Hätten wir es in die Verlängerung geschafft, hätten wir sie überlaufen. Dann bin von überzeugt. In der 93. Minute bekommen wir eine Ecke gegen uns - das war nicht mal ein Fallrückzieher, sie hat einfach nur ihr Bein nach oben gestreckt. Ein schönes Tor, aber das macht sie auch nie wieder in ihrer Karriere. Auf dem Platz wussten wir sofort: Das war's jetzt!
Ein blödes Gefühl.
Doorsoun: Ich bin ja nun schon länger dabei und konnte das relativ schnell einordnen und reflektieren, selbst wenn ich immer noch sehr enttäuscht darüber bin. Ich habe zu den Mädels gesagt: 'Jetzt habt ihr mal international Champions-League-Luft geschnuppert. Das ist die große Bühne. Fehler werden einem hier sehr, sehr, sehr selten verziehen. Du kannst noch so gut sein - du musst in solchen Spielen auf den Punkt da sein.' In der ersten Halbzeit waren wir nicht richtig im Spiel, die zweite Hälfte war gut.
Also etwas, worauf man aufbauen kann?
Doorsoun: Ich habe auch gesagt: 'Ihr wisst, was es bedeutet, Champions League zu spielen. Aber es ist ganz viel Arbeit, wieder dorthin zurückzukommen. Wir haben Blut geleckt und ich will mit dieser Mannschaft wieder dorthin!' Es hat allen so viel Spaß und auch alle so stolz gemacht, den Adler international vertreten zu dürfen. Sollten wir es wieder schaffen, haben wir schon ein wenig Champions-League-Erfahrung, wissen, wie es ist - und dann werden wir weiterkommen!
Sehen Sie Chancen, dass das in dieser Saison erneut klappen kann?
Doorsoun: Zu 100 Prozent bin ich davon überzeugt! Wir hatten im letzten Jahr auch den Dreikampf mit Hoffenheim und Potsdam. Wobei ich gespannt bin, wie sich Potsdam in dieser Saison mit den vielen Abgängen schlagen wird. Hoffenheim hat sich gut verstärkt. Die sind immer ein Kandidat für Platz drei, können aber Wolfsburg und München genauso ärgern, wie wir das können. Auf Leverkusen bin ich sehr gespannt, auch in Köln passiert was. Ich wünsche mir für die Liga einfach, dass sowohl oben als auch unten in der Tabelle bis zum Schluss spannend bleibt - auch wenn wir Platz drei vielleicht nicht erst am letzten Spieltag klar machen müssen …
Haben Sie das Gefühl, dass Sie Wolfsburg und Bayern ein wenig ärgern können?
Doorsoun: Wir sind immer in der Lage, solche Mannschaften zu ärgern. Wir wissen, dass wir einen sehr guten Tag haben müssen - das gilt auch für Freitag. Wir müssen über die Basics in unser Spiel finden und in jeder Situation wach sein. Ich habe in Wolfsburg gespielt und weiß, dass auch nach 60 Minuten noch niemand nervös wird. Da wissen alle, was zu tun ist. Alle sind bis zur 90. Minuten immer da, versuchen, das Tempo hochzuhalten. Ähnlich werden es die Bayern machen. Wir müssen unsere Aufgaben erledigen und immer wieder Nadelstiche setzen. Das traue ich der Mannschaft definitiv zu.
picture

Sara Doorsoun im Trikot von Eintracht Frankfurt

Fotocredit: Getty Images

Die Bayern haben einen neuen Trainer. Erwarten Sie ein anderes Auftreten als in der letzten Saison?
Doorsoun: Es ist ein neuer Trainer mit einem neuen System, das sehr variabel ist. Ich glaube aber, dass wir von unserem Trainerteam sehr gut darauf eingestellt wurden und dass es dann hoffentlich für uns am Freitag auch keine Überraschungen geben wird.
Wenn Sie sich für die Saison etwas für den deutschen Frauenfußball wünschen dürften, was wäre das?
Doorsoun: Ich würde mir wünschen, dass es vielleicht keine Selbstverständlichkeit, aber auch keine Überraschung wird, wenn wir solche Highlight-Spiele haben und wir mit unserem Fußball die gleiche Bühne und die gleiche Reichweite bekommen und uns so auch etwas aufbauen können. Wir können unseren Fußball nicht mit dem der Männer vergleichen und auf Knopfdruck mal einfach alle Stadien füllen, das gleiche Geld verdienen und die tollen Trainingsplätze bekommen. Das ist ein Prozess, der aber angeschoben werden muss. Mit der EM und dem Spiel am Freitag, bei dem wir mit Sicherheit den deutschen Zuschauerrekord für ein Ligaspiel knacken werden, legen wir einen Grundstein dafür, dass es irgendwann normal ist, dass auch wir solche Spiele haben.
TV- und Streaming-Tipp: Eurosport überträgt den Bundesliga-Auftakt der Frauen zwischen Eintracht Frankfurt und dem FC Bayern München am Freitag, 16. September 2022 ab 18:35 Uhr live im Free-TV auf Eurosport 1 und im Livestream bei discovery+. Markus Theil begleitet die Partie am Mikrofon. Moderatorin Anna Kraft und Eurosport-Expertin Navina Omilade analysieren das Geschehen in der Halbzeitpause und im Anschluss an das Spiel. Anpfiff im Deutsche Bank Park ist um 19:15 Uhr.
picture

Kleinherne: Darum ist "Equal Play" so wichtig

Quelle: Eurosport

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung