Getty Images

Sigi-Heinrich-Blog zur Frauen-EM: Österreichs Frauen-Fußballwunder

Heinrich-Blog: Mit Frauenpower zum österreichischen Fußballwunder

03/08/2017 um 16:29

Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich befasst sich mit der Frauen-Europameisterschaft in den Niederlanden. Dabei hat ihn besonders das Fußballwunder rund um die österreichischen Frauen beeindruckt. Mit Hilfe von Trainer Dominik Thalhammer und einer Sportpsychologin hat sich Österreich vom Image des Außenseiters befreit und ist ins Halbfinale gestürmt, so Heinrich.

Viel ist passiert in den letzten 25 Jahren seit dem 21. Juni 1978, als die österreichische Fußball-Auswahl die deutsche Mannschaft mit 3:2 besiegte. Als Krankl einschoss, ertönte das legendäre "I wer narrisch" von Edi Finger senior. Und sechsmal schrie er in bester brasilianischer Manier "Toooor" in sein Radiomikrophon. Herzinfarktgefährdet war er, der Gute. Freilich verständlich, weil historisch und so.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, weil ich nicht richtig Geburtstag feiern konnte. Ich musste ja auch das Match verfolgen. Ein Vierteljahrhundert später flippt Österreich wieder aus. Edi Finger senior lebt leider nicht mehr. Er hätte wieder seine Freude gehabt, denn eine ÖFB-Mannschaft steht im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft. Die der Frauen.

Die der Männer hätte vor wenigen Wochen nicht mal ein paar Tropfen Wiener Blut zum Kochen gebracht. Vorbei. Die Mädels graben den Herren der Schöpfung im Alpenland den TV-Markt ab. Qualifikationsspiele der Bullen werden verschoben, nach hinten verlegt oder vorgeschoben. Frauen-Power heißt das Motto. Her mit den flotten Mädels.

Es ist irgendwie ein Wunder

Ja, es ist ein Wunder. Nennen wir das doch mal so, wie wir uns das denken. Denn wenn es neben Islands Kickerinnen vielleicht noch Außenseiterinnen gab in den Niederlanden, dann kamen sie aus dem Land, aus dem Mädels kommen, die so schnell wie kaum andere den Berg hinunter sausen können. Auf Skiern. Im Winter. Aber Fußball im Sommer mit weiblicher Intuition?

Gerade zehn Mannschaften bestreiten die Saison der Frauen-Bundesliga in Österreich. Fast alle Nationalspielerinnen spielen im Ausland. Bis in die USA übrigens und natürlich vornehmlich in Deutschland (da war doch noch was?). Und trotzdem hat der Erfolg eine zutiefst österreichische Seele. Und die gehört Dominik Thalhammer, der natürlich jetzt der Frauenversteher schlechthin in Österreich ist.

Er war jahrelang "Leiter des Nationalen Zentrums für Frauenfußball". Ich wusste ehrlich gar nicht, dass es so eine Institution überhaupt gibt und ich bin sicher, dass bis zum rauschhaften Elftmeterschießen gegen Spanien auch viele Österreicher keine Ahnung davon hatten, dass da schier im Verborgenen in St. Pölten ein großes Projekt entstanden ist.

Thalhammers Ideen

Dieser Thalhammer begeistert mich, weil er einen negativ besetzten Begriff wie "Disziplin" neu definiert und positiv besetzt. Eine typische Aussage von ihm:

"Ich verstehe unter Disziplin die freiwillige Einhaltung selbst auferlegter Regeln."

Bei ihm gibt es keine vorgeschriebene Bettruhe oder einen vorgelegten Essensplan. Er schafft Vertrauen, auch weil er weiß, dass er es ausschließlich mit erwachsenen Frauen zu tun hat, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Die fast alle studieren, einen festen Job haben, Matura sowieso. Frauen, die hinterfragen, weil sie das in ihrem Leben auch immer tun müssen.

Teambildung war ihm deshalb wichtig. "Vier Wochen und keinerlei Probleme", sagt er nicht ohne Stolz, wobei einer seiner wichtigsten Schachzüge die Einstellung einer Sportpsychologin war. Mirjam Wolf arbeitet an Stellschrauben, die noch immer nicht genug beachtet werden.

Vor dem Elfmeterschießen, das die österreichischen Frauen mit beneidenswerter Coolness absolviert haben, machten im Team Witze die Runde. Die Mädels haben zudem intern ihre Reihenfolge selbst festgelegt. Und sie haben sich daran erinnert, dass sie daran gearbeitet haben, die "Versagensangst unter Druck" zu beherrschen.

Video - Österreich makellos: Das Elfmeterschießen in voller Länge

06:32

Ein Team öffnet die Herzen

Hammer die Mannschaft, dieses Team. Wer hätte, Hand aufs Fußballerherz, jemals gedacht, dass eine österreichische Frauenfußballmannschaft Grenzen öffnet, weil sie sich Neuem öffnet. Das Verdienst ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Viele Mannschaften haben bessere Spieler in ihren Reihen, aber kein Team hat es wohl so intensiv verinnerlicht, dass gemeinsame Werte und Überzeugungen so manche Schwächen überdecken und gar zu einer großen Stärke werden können. Das taktische Feingefühl von Dominik Thalhammer komplettiert das Ensemble.

Österreichs Fußball-Damen haben sich Respekt verschafft. Nicht nur daheim zwischen Wien und Innsbruck, sondern bei allen Fußball-Fans. Sie haben den Gedanken "Mannschaftssport" wieder neu ausgerichtet, ihm neues Leben eingehaucht. Schön ist das. Und ein klein wenig "narrisch" kann man da schon werden.

Video - Elfmeter-Krimi! So zog Außenseiter Österreich ins Halbfinale ein

02:34
0
0