Zum Tod von Karl-Heinz Schnellinger: Der vergessene Held des Jahrhundertspiels

Karl-Heinz Schnellinger schoss eines der berühmtesten Tore der deutschen WM-Geschichte - wurde aber nie umschwärmt wie andere. Dabei nahm der blonde "Kalli" an vier Weltmeisterschaften teil und war sogar Deutschlands Fußballer des Jahres. Mit der AC Mailand erlebte Schnellinger zudem eine goldene Ära und gewann drei Europapokale. Am Dienstag ist Schnellinger im Alter von 85 Jahren verstorben.

Karl-Heinz Schnellinger und Gianni Rivera (r.)

Fotocredit: Imago

Die 90. Minute ist bereits um und Helmut Schön wird schon von Journalisten umringt. Während der Bundestrainer beginnt, ein erstes Turnier-Fazit zu ziehen, gibt Co-Trainer Jupp Derwall in seinem Rücken letzte Signale.
Es ist der 17. Juni 1970, das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Italien. Die Squadra Azzurra führt seit der 8. Minute durch einen Treffer von Roberto Boninsegna mit 1:0. 100.000 Zuschauer verfolgen das Spiel im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt, die Thermometer messen 50 Grad im Schatten – und die DFB-Elf wirft nochmal alles nach vorne.
Was kaum einer weiß: In der Halbzeit hat Derwall mit Abwehrchef Karl-Heinz Schnellinger ein Signal zur Auflösung der Abwehr vereinbart. Das kommt jetzt. Mit langen Schritten eilt Schnellinger nach vorne, es sind nur noch wenige Sekunden, Jürgen Grabowski flankt in die Mitte ...
"Unglaublich", ruft ARD-Kommentator Ernst Huberty in die deutschen Wohnzimmer: "Ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen, ausgerechnet Schnellinger. Es ist nicht zu glauben." Der Abwehrspieler hat tatsächlich das 1:1 erzielt – und das Jahrhundertspiel nimmt seinen Lauf.

Karl-Heinz Schnellinger und das Geschenk von oben

Es ist eines der berühmtesten Tore der deutschen WM-Geschichte – erzielt durch einen heute beinahe Unbekannten. "Ich habe immer schon gesagt, das Tor, das war ein Geschenk vom lieben Gott, dass sich die Leute immer daran erinnern werden und keiner an mir vorbei kommt", sagt Schnellinger heute: "Das war ein Geschenk von oben."
Schon beim 3:2 im Viertelfinale gegen England schlägt Schnellinger die Flanke auf Uwe Seelers Hinterkopf. Bedeutendes Beiwerk zur deutschen WM-Geschichte.
Insgesamt 47-Mal spielt Schnellinger zwischen 1958 und 1971 für Deutschland, nimmt an vier Weltmeisterschaften teil – allerdings genau zwischen zwei WM-Titeln. Er kickt an der Seite von Fritz Walter, Uwe Seeler und Franz Beckenbauer. Doch der WM-Pokal bleibt ihm verwehrt – wie auch weitere Anerkennung.
Er habe für Deutschland wirklich Vieles geben in seiner Laufbahn, sagt er 2019, "und dann ist der Dank, dass man 200 Euro im Monat bekommt. Da kann man nichts machen, da kümmert sich keiner drum, das ist den Leuten egal."

Leichter Groll auf den DFB

Leicht verbittert bekundet der Rentner heute, er sei immer nur gerufen worden, "wenn es brannte, wenn einer fehlte, wenn sie mich brauchten. Sonst hat sich wenig einer drum gekümmert. Auch heute. Wer kümmert sich im Deutschen Fußball schon um die Älteren?"
Sauer stößt ihm unter anderen auf, dass er zur WM 2006 keine Einladung erhält – auch nicht zur Neuauflage des Halbfinals gegen Italien (0:2 n.V.).
Dass "sein" WM-Halbfinale gegen Italien in der Zeit wiederum zum Jahrhundertspiel hochgejazzt wird, kann der ehemalige Abwehrspieler nicht ganz nachvollziehen. "Es war ganz einfach ein Scheiß-Spiel. Da ist nicht viel passiert. Hätte es nicht die Verlängerung gegeben, würde heute kein Hahn mehr danach krähen", sagt Schnellinger.
Doch sein Tor beschwört nun mal die aberwitzigsten 30 Minuten der WM-Geschichte herauf. Auf der Tribüne, so erzählt es die Legende, grübeln Milan-Präsident Franco Carraro und Trainer Nereo Rocco während der Verlängerung, ob sie Schnellinger nun entlassen müssen oder nicht. Am Ende wird ihnen die Entscheidung durch den 4:3-Sieg der Italiener abgenommen. Schnellinger darf bleiben.

Schnellinger geht schon 1963 nach Italien

Bereits 1963 ist der große Blonde als einer der ersten deutschen "Legionäre" nach Italien gewechselt - und damit Vorreiter für Lothar Matthäus, Andreas Brehme, Jürgen Klinsmann und Co., die ein Vierteljahrhundert später ebenfalls in die Serie A gehen.
Schnellinger tut es vor allem des Geldes wegen. "Wir Kicker bewegten uns irgendwo auf der Ebene der Kneipen- und Tankstellenbesitzer. Und das war es ja auch, was man bestenfalls mit diesem Sport erreichen konnte. Dass Fußball ein Beruf ist, dafür gab es in Deutschland damals wenig Verständnis", sagt er später mal. Also geht er dahin, wo sich der Fußball bereits professioneller aufgestellt hat: "Im Gegensatz zu Deutschland konnte man in Italien als Fußballer wirklich gut verdienen."
Sogar FC-Präsident Franz Kremer empfiehlt ihm damals den Wechsel zur AS Rom: "Du musst das machen." Köln bekommt schließlich die damalige Rekordtransfersumme von 550.000 D-Mark, Schnellinger angeblich ein Handgeld von 350.000 DM.
Zum Vergleich: Beim FC verdient er damals 400 Mark im Monat. Aus den Beweggründen seines Wechsels macht er deshalb auch nie einen Hehl. "In Italien spiele ich, um möglichst viel Geld zu verdienen", sagt er 1967.

DFB-Debüt unter Sepp Herberger

Die Nationalmannschaftskarriere des Karl-Heinz Schnellinger beginnt bereits in den 50er Jahren. "Haben Sie einen Reisepass?", fragt ihn Bundestrainer Sepp Herberger im März 1958. Der Abwehrspieler ist damals gerade erst 19 Jahre alt und spielt für die SG Düren 99 nur zweitklassig. Weil er in einem inoffiziellen Test gegen die Schweiz überzeugt, darf er mit zum offiziellen Länderspiel nach Prag.
"Dieser Läufer, Schnellinger, fiel von Beginn an auf. Zunächst durch seine stramme Statur und seinen leuchtenden Blondschopf, alsdann durch seine überaus solide Spielweise, später – passend zu seinem Namen – durch schnelles Laufen und schnelles Handeln", schreibt der "kicker" damals. "Vielleicht wird noch was aus Ihnen", lobt Herberger typisch unterkühlt.
Am 2. April 1958 debütiert er gegen die Tschechoslowakei im Mittelfeld als "linker Läufer" und ist trotz der 2:3-Niederlage einer der Besten. "Er hat sich in unseren starken Abwehrblock hineingespielt", äußert sich Herberger zufrieden: "Er erinnert mich in manchen Szenen an den sprunggewaltigen jungen Posipal."
Bei der WM 1958 in Schweden schreibt er gleich zweimal Geschichte: Zum einen als bis dato jüngster deutscher WM-Spieler aller Zeiten. Zum zweiten, so sagt Schnellinger später, "habe ich Just Fontaine dabei geholfen, WM-Torschützenkönig zu werden". Der französische Stürmer, am Ende mit 13 WM-Treffern, erzielt im Spiel um Platz drei beim 6:3 über Deutschland drei Tore.

Bester Deutscher bei der WM 1962

Auch bei der ansonsten enttäuschenden WM 1962 in Chile gehört Schnellinger, mittlerweile zum 1. FC Köln gewechselt und mit dem FC frischgebackener Deutscher Meister, zu den wenigen Gewinnern. Vom "kicker" erhält er in allen vier deutschen Spielen die Note eins. Auch international wird Schnellinger als einer der besten Abwehrspieler des Turniers gewürdigt.
Am 27. Oktober 1962 wählen ihn die deutschen Sportjournalisten mit 149 Stimmen vor dem Kölner Kapitän Hans Schäfer zum Fußballer des Jahres. "Schnellinger ist auf allen Positionen so stark, dass er jeden ausstechen kann", sagt Herberger, ehe er 1964 das Zepter an Helmut Schön weiterreicht: "Wohin wir ihn stellen, als Verteidiger, Stopper oder Läufer, das hängt nicht von ihm, sondern von den anderen ab."
Kurz darauf lockt ihn Italien und aus Kalli wird Carlo: 1963 noch an den FC Mantua ausgeliehen, spielt er in der kommenden Spielzeit für die Roma und macht dort sogleich das große Milan auf sich aufmerksam. 1965 wechselt er nach Norditalien und spielt fortan neun Jahre für die Rossoneri – eine goldene Epoche.

Neun Titel mit Milan

Mit Stars wie Gianni Rivera, Kurt Hamrin und Giovanni Trapattoni gewinnt Schnellinger insgesamt neun Titel. Als erster Deutscher wird "Carlo il biondo" ("Karl der Blonde") dreimal Europapokalsieger: 1968 gewinnt die AC Milan den Cup der Pokalsieger mit einem 2:0 im Endspiel gegen den Hamburger SV, 1969 holt man sogar den Landesmeistercup (4:1 gegen Ajax) und als Krönung im selben Jahr gegen Estudiantes de La Plata (3:0, 1:2) den Weltpokal.
In Italien heimst Schnellinger zudem einen Scudetto (1968) und vier Pokalsiege (1964, 1967, 1972, 1973) ein, ist immer zur Stelle, wenn man ihn braucht. "Sie haben ihn Volkswagen genannt", erinnert sich seine Frau Ursel.
Mit der Nationalmannschaft ist Schnellinger 1966 dem WM-Titel am nächsten, doch Deutschland verliert das Finale gegen England dramatisch in Wembley (2:4 n.V.). Die WM 1970 wird Schnellingers letztes großes Turnier. Er erzielt sein einziges Länderspieltor, wird Teil der Geschichte des Jahrhundertspiels und bleibt doch unerfüllt.

Fast ein Jahrzehnt bei Milan ohne Serie-A-Tor

Als Höhepunkt seiner Karriere will er sein Tor nicht sehen. "Ich bitte Sie", sagt er 2009, "schließlich hat Deutschland verloren." Am 17. Februar 1971 absolviert Schnellinger beim 1:0 gegen Albanien sein letztes Länderspiel und beendet nach 13 Jahren und 47 Spielen seine Nationalmannschaftskarriere.
Auf Vereinsebene folgt dagegen 1973 durch ein 1:0 über Leeds United sein zweiter Pokalsiegercup-Triumph. Den vierten Europapokaltitel verwehrt ihm der 1. FC Magdeburg im Endspiel des Pokalsiegercups 1974 (1:2).
Insgesamt läuft Schnellinger 325 Mal für Milan auf und erzielt dabei drei Tore, allerdings keines in der Serie A. Als Fußballer sieht er sich dabei auch als Botschafter der deutschen Nachkriegsgeneration.

Botschafter in kurzen Hosen

"Wir haben viel getan für Deutschland – wir, die wir damals ins Ausland gegangen sind", sagt er später. Deutschland sei schließlich auch in den 60er Jahren vornehmlich noch mit dem Zweiten Weltkrieg assoziiert worden, "mit Hitler, und nicht mit Offenheit und gutem Fußball".
In Deutschland sei er für seine "Fahnenflucht" aber auch angefeindet worden. An seine Botschafterrolle habe damals jedenfalls "keine Sau gedacht. Man hat uns das Geld vorgerechnet und von Verrat gesprochen." Dabei ist er sich sicher, "dass wir Spieler mehr für Deutschland getan haben als alle Konsuln, Botschafter und Politiker zusammengenommen".
Den Schritt nach Italien gewagt zu haben, habe er auch deshalb nie bereut: "Ich bin froh darüber, denn ich habe viel gesehen, viel gelernt und viel gewonnen und wir haben uns auch sehr amüsiert. Es gab keine andere Möglichkeit."

Nur eine Saison in der Bundesliga

Zum Ende der Karriere kehrt Schnellinger noch einmal kurz nach Deutschland zurück: Ein Jahr Bundesliga gönnt er sich, als er 1974/75 für eine Saison als Kapitän für Tennis Borussia Berlin aufläuft. 1975 hängt er dann seine Schuhe an den Nagel und beginnt alsbald eine zweite Laufbahn als Kaufmann. Denn: "Wir haben damals keine Millionen verdient, die bis zum Lebensende reichten."
Bis 2006 ist er insgesamt 30 Jahre lang unter anderem als Generalvertreter für Einbauküchen und PR-Mann in der Cateringbranche tätig, dann setzt er sich endgültig zur Ruhe - in Italien, versteht sich.
"Mir geht es gut, außer Stacheldraht kann ich alles essen. Ich habe keine Plät, sondern immer noch meine vollen blonden Haare, drei Töchter, italienische Schwiegersöhne, vier Enkel und einen Hund", sagt er zu seinem 70. Geburtstag am 31. März 2009.
Seine Liebe zu Italien - ungebrochen. "Ich mag das Land und die Menschen. Sie lachen gerne und sind fröhlich. Ein bisschen erinnern sie mich an die Rheinländer."
Es kam Schnellinger nie in den Sinn, seine Wahlheimat Mailand zu verlassen, auch nicht in der Coronazeit, als er mit Freunden und Verwandten nur via Skype kommunizieren konnte.
Ab und an erinnerte er sich dann auch nochmal an die WM 1970 und an diese letzte Minute im Azteken-Stadion zurück. "Das ist die einzige Sache, an die man sich im Zusammenhang mit mir noch erinnern wird: Sie bleibt für immer. Selbst wenn ich gestorben bin, werden die Leute darüber sprechen."
Genau das werden sie seit Dienstag tun. Ruhe in Frieden, Karl-Heinz!
Es gibt Spieler, die den Fußball über Jahre prägen. Jedes Kind kennt sie. Es sind die Messis, Ronaldos, Zidanes und Müllers, deren Stern aufgeht und über Jahre hell leuchtet. Doch wo viel Licht ist, kann Schatten nicht weit sein. Und so gibt es viele Spieler, denen nicht Talent, aber Konstanz, Gelegenheit oder Glück zur ganz großen Karriere gefehlt hat. Sie standen nur kurz im Mittelpunkt und verschwanden dann von der Bildfläche. Das sind die vergessenen Helden des Fußballs. Wir haben ihre Geschichten aufgeschrieben.
Vergessene Helden des Fußballs:

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