Der FC Barcelona zerfleischt sich: Ein Überblick über das Chaos in Katalonien
Beim FC Barcelona geht es dieser Tage drunter und drüber. Obwohl der Ball in La Liga wie fast im gesamten Weltfußball ruht, versinken die Katalanen aktuell im selbstgeschaffenen Chaos. Dabei hält neben finanziellen Problemen und ständigen Berichten rund um eine mögliche Neymar-Rückkehr vor allem das sogenannte "Barçagate" den Klub in Atem. Mittendrin der streitbare Präsident Josep Maria Bartomeu.
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Der Ball ruht, doch der Klub ist in Aufruhr. Oder anders gesagt: Über Langeweile kann sich derzeit niemand beschweren, der sich mit dem FC Barcelona beschäftigt.
Auf dem grünen Rasen werden derzeit wegen der anhaltenden Corona-Pandemie keine Kämpfe ausgetragen, in der Führungsetage dafür umso mehr. Nur der ganz normale Wahnsinn, der von den Medien aufgrund des aktuellen Mangels an Erzählbarem viel zu heiß gekocht wird? Oder doch ein gefährlicher, kaum noch aufzuhaltender Selbstzerfleischungsprozess?
Ein Mitarbeiter des Klubs, der anonym bleiben wollte, sprach gegenüber "ESPN" jedenfalls schon vom "Game of Thrones" hinter den Kulissen.
Verschaffen wir uns einen Überblick darüber, was wirklich los ist bei Barça.
Barçagate: Wer, was, warum?
Barçagate.
Ein Begriff, der im Netz und den spanischen Sportzeitungen zuletzt immer wieder zu lesen war. Dahinter verbirgt sich eine scheinheilige Aktion von Vereinspräsident Josep Maria Bartomeu. Der 57-Jährige soll dem Unternehmen "I3 Ventures" Geld dafür bezahlt haben, das Image seiner Person und des gesamten Vorstandes zu stärken.
Wie der spanische Radiosender "Cadena SER" enthüllte, erledigte die Agentur dies, indem sie in den sozialen Medien mit anonymen Accounts gezielt Bartomeu-Kritiker wie Pep Guardiola oder Xavi und aktive Spieler wie Lionel Messi oder Gerard Piqué diffamierte.
Dafür soll der Klubboss tief in die Vereinskasse gegriffen haben. Laut der spanischen "Sport" flossen rund 980.000 Euro pro Jahr auf das Konto des uruguayischen Unternehmens. Natürlich in kleinen Raten unter 200.000 Euro, denn erst ab dieser Summe muss die interne Kontrollkommission aktiv werden.
Im Februar wurden erste Details zu Barçagate bekannt, das letztlich im Rücktritt von sechs Vorstandsmitgliedern inklusive öffentlicher Schlammschlacht gipfelte. Der nun Ex-Vizepräsident Emili Rousaud sagte einen Tag vor der Eskalation gegenüber "Cadena SER":
Tags darauf lieferten die Zurückgetretenen in einem öffentlichen Brief die Gründe für ihre Entscheidung. Neben dem offensichtlichen Misstrauen ihres Präsidenten seien die mangelhafte Aufklärung von Barçagate und der Umgang des Klubs mit der Coronakrise ausschlaggebend gewesen.
Die Forderung der Abtrünnigen: Vorgezogene Neuwahlen.
Die Liquiditätsfrage
Im Schatten von Barçagate machen den Katalanen zudem erhebliche finanzielle Probleme zu schaffen. Dass der Weltklub hoch verschuldet ist, ist nichts Neues. Trotzdem belastete Bartomeu den Verein im Sommer noch einmal mit zwei weiteren Krediten, u.a. um die Transfers von Antoine Griezmann (120 Millionen Euro Ablöse) und Frenkie de Jong (75 Millionen Euro Ablöse) zu finanzieren.
Dass die Coronakrise nun zusätzliche für große Geldnot sorgt, damit konnte auch Bartomeu nicht rechnen. Doch eine gewisse Misswirtschaft wird dem Präsidenten schon lange vorgeworfen. Beispielsweise geriet er im Zusammenhang mit dem Transfer von Ousmane Demélé, dessen Ablöse durch diverse Boni mittlerweile auf rund 125 Millionen Euro angewachsen ist, in die Kritik.
Einer der Hauptkritiker Bartomeus ist Víctor Font, der als einer der Nachfolgekandidaten für den Präsidentenposten 2021 gilt. Er bezeichnete den FC Barcelona in einem offenen Brief als "wirtschaftlich und moralisch bankrott" und forderte die Abstimmung über die Expansionspläne für das neue Stadionprojekt "Espai Barça" auszusetzen.
Auch im Umfeld des Klubs gedeiht die Bartomeu-Kritik weiter. Nicht zuletzt, weil die teuren Neuzugänge die Erwartungen bisher nicht erfüllen konnten (Griezmann) oder gar enttäuschten (Dembélé).
Womit wir zur nächsten Frage kommen.
Die Neymar-Frage
Die Gerüchte über eine Rückkehr von Neymar zum FC Barcelona gibt es eigentlich schon seit seinem Abschied 2017. Der Spieler selbst machte in den vergangenen 1,5 Jahren keinen Hehl daraus, dass er Paris Saint-Germain, das vor knapp drei Jahren die Rekordsumme von 222 Millionen Euro für den Brasilianer bezahlt hatte, wieder verlassen will, um erneut für Barça aufzulaufen.
Dass Nachfolger Dembélé an der Costa Brava bis heute auch aufgrund immer wiederkehrender Fitnessprobleme und daraus resultierender Verletzungen keinen Fuß auf den Boden bekommt, lässt auch im Umfeld des Vereins die Rufe nach einer Rückholaktion lauter werden.
Als offensichtliches Problem steht dem Vorhaben eine utopisch hohe Ablösesumme im Wege. Von bis zu 400 Millionen Euro war in den Medien zu lesen. Eine Investition, bei der auch Bartomeus Alarmglocken in unangenehm penetranter Lautstärke schrillen müssten.
Die Vereinsführung versucht dennoch alles Menschenmögliche, um den Deal einzufädeln. Aktuell berichtet "Mundo Deportivo", die Blaugrana würde PSG ein Franzosen-Trio bestehend aus Dembélé, dem an Schalke 04 ausgeliehenen Jean-Clair Todibo und Samuel Umtiti, sowie zusätzlich 130 Millionen Euro für den verlorenen Sohn anbieten.
Ein Transfer, der dem Schuldenberg der Katalanen und der prekären Situation rund um das Sars-CoV-2-Virus keineswegs gerecht werden kann. Ob sich Bartomeu von finanziellen Fakten davon abhalten lässt, steht auf einem anderen Blatt. Sein Amt hat er Stand heute zumindest noch bis Juli 2021 inne. Eines wird ihm aber bewusst sein: Der drohende finanzielle Schaden, den ein solcher Transfer anrichten könnte, würde für immer mit seinem Namen verbunden sein. Und den daraus resultierenden Imageschaden könnte dann wohl selbst die beste PR-Agentur der Welt nicht mehr beseitigen.
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