Mit sieben Punkten aus vier Spielen ist der Saisonstart für den FC Barcelona eher holprig verlaufen. Der neue Trainer Ronald Koeman, früher selbst Barça-Spieler, hat der Mannschaft einige neue Impulse gegeben - doch einige Probleme aus der vergangenen Saison sind weiterhin nicht zu übersehen.

Auffällig: Das typische 4-3-3 mit nur einem Sechser und zwei offensiven Mittelfeldspielern spielt bei Koeman keine Rolle. Der Niederländer lässt Barça im 4-2-3-1 auflaufen. Frenkie de Jong, der die letzte Saison verletzungsgeplant hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, spielt nun neben Sergio Busquets im defensiven Mittelfeld.

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Busquets ist nicht mehr so dynamisch wie früher und kann die Absicherung nicht allein übernehmen.

Darüber hinaus tut ihm Jong als Hilfe im Spielaufbau sehr gut – in der vergangenen Saison genügte es den Gegnern der Katalanen oft, Busquets im Spielaufbau zuzustellen und das Spiel so deutlich zu verlangsamen.

Neue Rolle für Philippe Coutinho

Die Systemumstellung schafft auch eine neue Rolle für Philippe Coutinho. Der Rückkehrer, der weder als Achter noch als Linksaußen perfekt aufgehoben ist, kann nun in seiner Paraderolle hinter der Sturmreihe agieren. Hier ist er öfter in Schussposition und hat auch mehr Gelegenheiten, zum letzten Pass anzusetzen.

Doch genau in diesem Punkt liegt ein großes Problem: Wohin mit dem letzten Pass?

Mit Coutinho und Lionel Messi hat man zwei Spieler, die den letzten Pass so spielen können wie kaum ein anderer. Doch es mangelt an Abnehmern: Wie schon in der vergangenen Saison sieht man viel zu häufig wie Messi sich den Ball abholt, hochschaut und zum tödlichen Pass ansetzen will – doch niemand läuft in die Tiefe.

Egal ob Ousmane Dembélé, Antoine Griezmann oder auch Einwechselspieler wie Trincã ooder Martin Braithwaite: Fast jeder möchte den Ball in den Fuß gespielt bekommen. Für den Gegner ist das dann deutlich einfacher zu verteidigen, schließlich kann man weiterhin im kompakten Block stehen und muss nicht die Tiefe sichern.

Lichtblicke Ansu Fati und Sergiño Dest

Toptalent Ansu Fati ist hier die lobenswerte Ausnahme. Der 17-Jährige bringt alles mit, was Barça von einem Flügelspieler braucht: Tempo, Bereitschaft für Laufwege hinter die Abwehrkette und den direkten Zug zum Tor.

Die besten Szenen der Katalanen entstehen, wenn Messi sich halbrechts mit einem Dribbling Platz verschafft und der gegnerische Abwehrverbund rüberschiebt.

In diesen Momenten zeigt Ansu Fati immer wieder ein gutes Timing und läuft im Rücken des gegnerischen Rechtsverteidigers ein und wartet auf einen Chipball von Messi.

Ansu Fati (l.) mit Lionel Messi (FC Barcelona)

Fotocredit: Getty Images

Weniger spektakulär, aber dennoch überzeugend agierte Neuzugang Sergiño Dest. Der von Ajax Amsterdam verpflichtete Rechtsverteidiger durfte bislang zwar nur auf der ungewohnten linken Seite ran, konnte dort aber für einige Impulse sorgen.

Dest ist ein sehr offensiv ausgerichteter Außenverteidiger, den es immer wieder bis ins letzte Drittel zieht. Seit dem Abgang von Dani Alves ging Barça dieses offensive Element auf der Rechtsverteidigerposition ab.

Der Schlüssel liegt auf den Flügeln

Während Jordi Alba in den letzten Jahren immer wieder für Breite und Tiefe auf der linken Seite sorgte, gab es auf der rechten Seite eine Notlösung nach der anderen. Entweder mangelte es an Qualität oder der Spielertyp passte nicht zur Position – zuletzt war der gelernte Sechser Sergi Roberto erste Wahl auf der rechten Seite.

Sind Dest und Alba gleichzeitig fit, kann Barça wieder über beide Flügel Tempo ins Spiel bringen.

Unbekümmert, schnell, kreativ: Die Attribute, die Ansu Fati einbringt und auch Außenverteidiger Dest ausstrahlt, gehen einem Superstar hingegen völlig ab.

Die wohl größte Frage, die bei den Katalanen im Raum steht, ist die nach der Idealposition für Antoine Griezmann. Der französische Angreifer ist bei Barça ein Schatten seiner selbst. Torgefahr? Mäßig. Spielfreude? Fehlanzeige. Leichtigkeit? Im Gegenteil. Der Franzose wirkt wie ein Fremdkörper im blau-roten Trikot. Egal ob er als Stürmer oder auf der Außenbahn eingesetzt wird, ihm gelingt kaum etwas.

Wohin mit Griezmann?

Haben die Verantwortlichen in Barcelona sich vielleicht von der reinen Qualität Griezmanns blenden lassen und darüber hinaus vernachlässigt, was für ein Spielertyp er überhaupt ist? Der Weltmeister von 2018 hat seine größten Stärken, wenn er um eine klare Spitze herumspielen kann. Griezmann ist kein Zielspieler im Sturmzentrum, der Bälle mit dem Rücken zum Tor behauptet und durch Präsenz in der Box glänzt.

Aber er ist auch keiner, der an der Abseitslinie lauernd einen tiefen Weg nach dem anderen anbietet. Griezmann braucht Bälle in den Fuß – am besten im Bereich des offensiven Mittelfelds. Von hier kann er mit seiner guten Technik und seinem Spielverständnis auf engem Raum kombinieren, die Aufmerksamkeit der Abwehr auf sich ziehen und dann mit einem Haken oder einem Pass das Spiel wieder öffnen.

Antoine Griezmann (FC Barcelona)

Fotocredit: Getty Images

Das Problem: Genau diese Rolle hat Messi inne. Und auch Coutinho sucht diese Situationen. Während Messi meist im rechten Halbraum auf diese Aktionen wartet, orientiert sich Coutinho etwas weiter nach links.

Verschenktes Potenzial

Für Griezmann ist da schlichtweg kein Platz. Unter Koeman hat er entweder die Aufgabe, auf dem Flügel für Breite zu sorgen oder aber in der Sturmspitze zu warten – für beide Rollen ist der Franzose nicht gut geeignet, sein Potenzial ist verschenkt.

Die einzige Variante, in der Griezmann gemeinsam mit Messi und Coutinho funktionieren könnte, scheint wohl ein 3-4-3 zu sein. Hier würden die beiden Flügelspieler aus dem Mittelfeld – vermutlich Alba und Dest – die Aufgabe haben, im vorderen Bereich die Breite zu halten.

Messi, Griezmann und Coutinho würden als flexibles Sturmtrio abwechselnd in die Räume im offensiven Mittelfeld fallen und dort die Kombinationen mit Busquets und de Jong suchen. Trotzdem müsste immer einer der drei Offensivstars die Tiefe besetzen, damit das Sturmzentrum nicht völlig verwaist.

Eurosport-Check: Der Umbruch beim FC Barcelona ist nicht so groß wie gedacht. Das Personal hat sich nicht wesentlich verändert, die Systemumstellung ist auch eher eine Nuance. Dementsprechend ist es wenig verwunderlich, dass die Katalanen noch immer die gleichen Probleme haben wie in der letzten Saison. Koeman muss es gelingen, dass er genug Spieler auf den Platz bringt, die für Breite und Tiefe sorgen. Wenn jeder den Ball in den Fuß gespielt bekommen will, fällt dem Gegner das Verteidigen zu leicht. Junge Spieler wie Ansu Fati und Dest machen dahingehend Hoffnung, die großen Namen um Griezmann und Dembélé hingegen scheinen einfach nicht ins System zu passen. Koeman muss kreativ werden, um all seine Stars in eine passende Formation zu bringen – oder er geht einen radikaleren Weg und lässt sie draußen. Das wäre dann doch ein Schritt zum großen Umbruch.

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