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Lewandowski, Aubameyang, Dost, Kießling & Co: Die Renaissance der Nummer neun
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Publiziert 19/08/2015 um 20:55 GMT+2 Uhr
Früher stand der Mittelstürmer im Strafraum und wurde immer dann wichtig, wenn das Runde ins Eckige musste. Keiner beherrschte das besser als Gerd Müller. Der Fußball entwickelte sich weiter, in den vergangenen Jahren galt die Position als ausgestorben. Nun scheint sich der Trend erneut zu kehren. Die Stellenbeschreibung wandelte sich - und die Nummer neun ist gefragt wie lange nicht.
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Der Mittelstürmer aller Mittelstürmer hat einmal ganz genau erklärt, wie das Profil erfüllt werden kann. Wobei es da gar nicht viel zu erklären gab. "So etwas kann man nicht lernen, entweder man hat es oder man hat es nicht." Zitat: Gerd Müller.
Mit "es" meinte die Stürmer-Koryphäe die Fähigkeit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und dort das Richtige zu tun: Den Ball ins Tor schießen. Mit dem Fuß, rechts oder links, per Kopf, frei oder bedrängt, aus der Drehung oder der Kombination, nach Pässen und Flanken und aus dem Gewühl. Egal wie. Es sind die Heldensagen vom Runden, das ins Eckige muss. Keiner beherrschte diese Disziplin besser als Müller.
Am vergangenen Wochenende muss es den "Bomber" selig gestimmt haben. Robert Lewandowski, sein spätester Nachfahre beim FC Bayern, traf ansatzlos, Schalkes Klaas-Jan Huntelaar auch, Wolfsburgs Bas Dost ebenfalls. Und es ging weiter so: Pierre-Emerick Aubameyang (Dortmund), Stefan Kießling (Leverkusen), Salomon Kalou (Hertha), Anthony Modeste (Köln) oder auch Hannovers Charlison Benschop und Ingolstadts Lukas Hinterseer - alles Mittelstürmer, alles Torschützen.
Zufall?
"Nur aufstehen, wenn der Ball kommt"
Gemeinhin gilt Lewandowski als Prototyp des Zentrumsangreifers, in Deutschland sowieso, für manche darüber hinaus. Karl-Heinz Rummenigge nannte ihn den "besten Mittelstürmer der Welt", alles vereine er, Technik, Physis, Spielverständnis. Ein 26-jähriges Komplettpaket.
In der Müller-Dynastie war das anders, da benötigte es viel Handlungsschnelligkeit und ganz viel Instinkt. Der Fußball entwickelte sich rasant fort, aber noch Ende der 90er sagte Trainer Hans Meyer über Toni Polster: "Solchen Typen gibt man einen Stuhl, sie müssen nur dann aufstehen, wenn der Ball kommt."
Heute wirkt das wie die These aus einer anderen Sportart.
Über die Jahrzehnte haben sich die Positionen verschoben oder aufgelöst, erst der Vorstopper, dann Libero, Regisseur und klassischer Mittelstürmer. So schien es zumindest, als die "Falsche neun" ihren Siegeszug einläutete.
Wie der Mittelstürmer aus dem Strafraum verschwand
Der Stoßstürmer, bevorzugt bullig und meist als "Schrank" oder "Wandspieler" bezeichnet, verschwand von der taktischen Landkarte. Plötzlich war es angesagt, rochierend Überzahl zu schaffen. Ein Torjäger sollte noch immer vollstrecken, aber genauso verteidigen; er war kein Spezialist mehr, sondern ein Allrounder.
Das musste Lewandowski erfahren, als ihn Bayern-Trainer Pep Guardiola zeitweise auf Linksaußen platzierte. "Viel gelernt" habe er dort, sagte der Pole artig, "das war eine gute Schule. Aber nicht optimal für mich."
Guardiola ist ein Verfechter der Variabilität, er will das fluide Spiel. Wenn sich die Taktik nach dem Personal richtet, sind große Mannschaften ein Pionier - weil sie das Spielermaterial für radikale Ideen haben. An diesem Punkt hat sich die Nummer neun schleichend aus den Strafräumen entfernt: Es gab schlicht immer weniger davon.
Wengers Erklärung
"Wir entwickeln nur noch Mittelfeldspieler", kritisiert Arsenal-Coach Arsène Wenger, der diesen Umstand mit der Beschaffenheit der Plätze erklärt. Früher habe der schlechte Untergrund zu langen Schlägen verleitet, dann brauchte es qua Definition einen Abnehmer. "Das ist nicht mehr der Fall. Bei uns in Europa ist der Rasen überall perfekt. Schaut nach Südamerika, dort tummeln sich viele Mittelstürmer", sagt Wenger.
Einer davon ist der Argentinier Franco Di Santo, der Schalke 04 im Sommer zähe Verhandlungen und eine Stange Geld wert war. Und das, obwohl S04 mit Huntelaar bereits über eine international taugliche Speerspitze verfügte. Di Santo ist deshalb ein gutes Exempel für die Renaissance der Nummer neun, zumindest in der Bundesliga. Seinem Transfer folgte eine kleine Kettenreaktion.
Selbst Pizarro ist noch gefragt
Ex-Klub Werder Bremen holte Aron Johansson aus Holland und Anthony Ujah aus Köln, der FC ersetzte Ujah durch den Hoffenheimer Modeste, und die TSG angelte sich Kevin Kuranyi sowie Mark Uth - zusätzlich zu Adam Szalai, der schon da war (oder: noch da ist). Seinerseits gab Hoffenheim den Angreifer Sven Schipplock zum HSV ab.
Fast jeder Bundesligaklub gierte nach einem Stoßstürmer, dessen Stellenbeschreibung natürlich nicht mit jener der alten Granden zu vergleichen ist. Alles steht und fällt mit der Flexibilität. So wechselte Admir Mehmedi von Freiburg nach Leverkusen, Josip Drmic von Leverkusen nach Gladbach und Max Kruse von Gladbach nach Wolfsburg.
Die Reihe lässt sich fortführen: Luc Castaignos zu Frankfurt, Florian Niederlechner zu Mainz, Elias Kachunga zu Ingolstadt, Sandro Wagner zu Darmstadt. Hannover schlug doppelt zu, mit Benschop und Mevlüt Erdinc, für 3,3 Millionen Euro.
Die Nummer neun ist gefragt wie lange nicht in der Bundesliga. Weil der Fußball zwar zu einem verwissenschaftlichen Experimentierlabor verkommen ist, aber das Runde eben irgendwann ins Eckige sollte. Wie damals.
Ob dieser Kernkompetenz flimmert selbst Claudio Pizarro, 36-jähriger Veteran, weiter im Dunstkreis der Liga. Augsburg, Hannover, Ingolstadt, Bremen und Hamburg sollen interessiert gewesen sein, zu einem Vertragsschluss kam es nicht.
Was nicht ist, kann ja noch werden...
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