Jürgen Klopp legt beim FC Liverpool los - "The normal one"? Von wegen!

Jürgen Klopp hält beim FC Liverpool eine beeindruckende erste Regierungserklärung und wickelt dabei Spieler, Fans, Vorstand und Öffentlichkeit gleich um den Finger. So stinknormal, wie er sich zu geben versucht, ist das alles natürlich überhaupt nicht. Sondern ziemlich aufregend - mit Sätzen, die richtig knallen.

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Jürgen Klopp hatte sie eigentlich schon, als er den Raum betrat. Um 10:02 Uhr Ortszeit ließ sich Klopp am Freitagmorgen zu seiner Antrittspressekonferenz als Trainer des FC Liverpool nieder und eroberte in den folgenden 30 Minuten die Herzen der Engländer im Sturm. "Ich bin zurück im Rennen", sagte er gleich zu Beginn. Und dann gab er Vollgas.
Im dunklen Anzug, der oberste Knopf des dunklen Hemdes offen, deutlich frischer und magerer als noch im Juni in Dortmund ("Ich bin in Bestform"), hielt der 48-Jährige eine bemerkenswerte Antrittsrede mit einem klaren Höhepunkt. Dem Satz: "I'm the normal one."
Diese Kernaussage fiel, als man ihn fragte, wer er denn sei im Vergleich zu José Mourinho, dem exzentrischen Coach des FC Chelsea, der sich einst in London als "the special one", also als ein ganz Besonderer, vorstellte. Klopp beantwortete die Fangfrage klug, in dem er auf seine Wurzeln verwies: "Ich bin nur ein ganz normaler Typ aus dem Schwarzwald." Eben: "The normal one."

Klopp drückt sofort die richtigen Knöpfe

Ein ganz normaler Typ also? Klopp? Von wegen! Aber er verstand es gut, die richtigen Knöpfe zu drücken, sich von Beginn an sympathisch zu machen ohne schmeichlerisch zu wirken und damit Spieler, Fans, Vorstand und Öffentlichkeit um den Finger zu wickeln. In dem er trotz seiner Einzigartigkeit ganz normal und authentisch blieb. Wie charismatisch Klopp erscheinen kann, weiß man hierzulande. Doch in dem PK-Raum an der Anfield Road wirkte er auf die Briten neben dem gräulichen, leicht schwitzenden CEO Ian Ayre wie ein verdammter Rockstar.
Wenn auch ein demütiger. "Sorry for my english", begann Klopp, um dann eine halbe Stunde lang in sehr gutem Englisch drauf los zu sprudeln. Er erklärte das deutsche Wort "Gegenpressing" ("transition game"), hatte viele Lacher auf seiner Seite und lieferte den Journalisten reihenweise gute Zitate. Mit das markanteste: "Stop thinking about money." Hört auf, an Geld zu denken. "Denkt an Fußball. Das ist das einzige, was zählt."
So etwas hat man in England lange nicht gehört. TV-Geld gibt es in der Premier League bekanntlich im Überfluss. Auch wenn Liverpool längst nicht das meiste davon hat, gab man auch an der Anfield Road seit 2011 200 Millionen Euro mehr für Spieler aus als man einnahm. Klopp scheint das nicht zu interessieren. Auch weil er bis Januar ohnehin nichts auf dem Transfermarkt tun kann.
Schon vor der offiziellen Präsentation gab Klopp in einem vereinsinternen Interview quasi seine Regierungserklärung ab (hier im Wortlaut nachzulesen) – mit den eigentlich interessanteren Aussagen und einer speziellen Message an die Fans: "Wir müssen aufhören zu zweifeln und anfangen zu glauben. Jetzt." Ausgestrahlt wurde es zwei Stunden vor der Pressekonferenz im Klub-TV, gegen Bezahlung, natürlich.
Dort sagte Klopp, er wolle "kein Geld ausgeben, das der Verein nicht hat" und "keinen Spieler halten, der nicht bleiben will". Neuzugänge? Er will erst entdecken, welche Möglichkeiten ihm der Kader bietet.
Also: Coutinho statt Messi, Sturridge statt Ronaldo. Das schafft Vertrauen unter den Spielern. Auch der deutsche Nationalspieler Emre Can und der ehemalige Hoffenheimer Roberto Firmino setzen große Hoffnung in Klopp.
Dass er es bei den Reds mit einem "transfer committee", also einem Transferkomitee zu tun haben wird, das sich in Transferfragen erst abstimmen muss, sei für ihn kein Problem, sagte der ehemalige Kultcoach des BVB. Belustigend habe er Berichte zur Kenntnis genommen, die mutmaßten, sein Engagement könne daran scheitern. Dies sei "nicht für zehn Sekunden" der Fall gewesen, meinte er. Ein Veto-Recht ist ihm jedoch wichtig:
Überraschend war hingegen, wie leicht Klopp offenbar die Entscheidung pro Liverpool gefallen war - weil es ihm eine echte Herzensangelegenheit zu sein scheint, mindestens gleichwertig mit Borussia Dortmund und dem 1. FSV Mainz 05. Da schlug der Normalo durch, der Fan. Im Klub-TV erzählte Ayre, dass Klopp durchaus gewillt war, sein selbstauferlegtes Jahr Pause durchzuziehen. Aber für Liverpool machte er die Ausnahme. "Er sagte zu mir: 'Das ist der Job, der mich von meinem Sabbatical abbringt.' Kein anderer Job hätte das geschafft. Wir haben zur richtigen Zeit angerufen", sagte der Geschäftsführer stolz, gab das Kompliment aber sogleich weiter: "Er erfüllt alles, was wir uns vorstellen, um die Ziele des Klubs zu erreichen. Wir konnten überall einen Haken setzen."
Klopp schilderte es ähnlich und erklärte, dass er bei den Gesprächen mit Mitgliedern der Eigner-Gruppe "Fenway Sports Group" - "coole Jungs", die er schon beim Vornamen nennt - schnell auf einer Wellenlänge gelegen habe: "Danach war mir klar: Der Urlaub ist vorbei." Denn:
Weil ihn Liverpool offenbar schon immer begeistert, ja elektrisiert hat. Imponiert habe ihm schon immer, "wie die Leute hier den Fußball leben. Liverpool ist ein geiler Verein, ein richtig cooler Verein. Und deswegen bin ich hier." Überzeugt habe ihn schlicht "alles, was ich gehört, gelesen und gefühlt habe, wenn ich die Spiele gesehen habe". So habe er schon öfter darüber nachgedacht, in der Premier League zu arbeiten. "Liverpool war für mich dabei immer die erste Wahl. Jetzt hier zu arbeiten, ist das Beste, was ich mir vorstellen könnte", sagte Klopp und wirkte dabei ehrlich euphorisiert.
Für englische Maßstäbe nicht normal war dann noch, wie er seine Spielphilosophie beschrieb. "Wild" soll der LFC unter ihm spielen. Ein bisschen Rock'n'Roll also, weil das so gut zur Stadt, zu den Fans passe. "Die beste Atmosphäre der Welt zu haben und dann ohne Leidenschaft zu spielen, funktioniert nicht", sagte Klopp, der sogar auf einen Robbie-Williams-Song "Let Me Entertain You" Bezug nahm:
Sein erstes Ziel sei es dabei aber, die Defensive zu stärken. "Lasst uns versuchen, das Team auf der Welt zu sein, das am schwierigsten zu schlagen ist", meinte er.
Um die Erwartungen nicht in den Himmel wachsen zu lassen, erbat er sich aber auch Ruhe und Zeit. Fotografieren im Hotel? "Bitte nicht." Besonders, das seien schließlich andere. " Glaubt jemand, dass ich Wunder vollbringen kann? Nein. Ich bin ein normaler Typ, lasst mich einfach arbeiten."
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