FC Chelsea: Lampard revolutioniert die Blues und entfesselt die jungen Wilden
Frank Lampard hat mit dem FC Chelsea einen unerwartet guten Saisonstart hingelegt. Der neue Coach setzt, mehr oder weniger gezwungen, auf die eigene Jugend und scheint damit eine längst überfällige Revolution in Gang gesetzt zu haben, vor der sich Besitzer Roman Abramowitsch so lange scheute. Aktuell gibt ihm der Erfolg recht. Zum Glück. Mit der Geduld ist das bei den Blues nämlich so eine Sache.
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Von Geduld wollte man an der Stamford Bridge lange nichts hören.
Seitdem der russisch-israelische Öl-Milliardär Roman Abramowitsch den FC Chelsea im Jahr 2003 für umgerechnet 165 Millionen Euro übernommen hatte, ging es im Westen Londons vor allem um eines: maximaler Erfolg durch maximale Investition.
18 Titel in 16 Jahren - dafür wurden weit mehr als eine Milliarde Euro in den Kader investiert und Welttrainer am Fließband verschlissen. Große Namen kamen und gingen. Bis auf José Mourinho (zweimal) hielt es kein Coach lange an der Seitenlinie der Blues. Ein Ort, an dem Fußball-Romantik keinen Platz hat.
Als Chelsea im vergangenen Sommer Ex-Klub-Ikone Frank Lampard als Nachfolger von Maurizio Sarri präsentierte, dürfte sich also mancher verwundert die Augen gerieben haben. Der 41-Jährige genießt Heldenstatus an der Bridge, als Spieler wohlgemerkt, aber als Trainer? Nach einem Jahr an der Seitenlinie von Derby County in der zweiten englischen Liga?
Zumal die Ausgangslage mit dem Abgang von Topstar Eden Hazard und der anstehenden Transfersperre für die nächsten beiden Fenster alles andere als optimal war.
Lampard startet wider Erwarten mit Chelsea durch
Was Lampard bis zum aktuellen Zeitpunkt aus dem Kader der Blues herausgeholt, darf deshalb als kleines Wunder bezeichnet werden.
Platz vier in der Premier League (20 Punkte), zuletzt eine wettbewerbsübergreifende Siegesserie von sieben Spielen in Folge, die erst unter der Woche im League Cup von Manchester United (1:2) beendet wurde.
Lampard setzt auf die Jugend, nicht nur weil ihm der Transferbann keine andere Wahl lässt, sondern auch auf eigenen Wunsch. Wie englische Medien zu Saisonbeginn berichteten, soll dies sogar eine Bedingung an Klub-Boss Abramowitsch gewesen sein.
Engere Zusammenarbeit mit der vor Talent nur so strotzenden Jugendakademie, die schon seit Jahren zu den besten Talentschmieden Europas zählt.
Lampard wollte das längst überfällige "Revolutions-Projekt", er bekam es - und bislang gibt ihm der Erfolg recht.
Chelseas Youngster machen Spaß
Mit Tammy Abraham (22 Jahre), Mason Mount (20) und Fikayo Tomori (21) sorgen aktuell gleich mehrere Eigengewächse für Furore. Alle drei standen in mindestens zehn Partien von Beginn an auf dem Platz und haben sich in kürzester Zeit zu Eckpfeilern des Teams entwickelt.
Abraham trifft wie er will (9 Tore), Mount wirbelt hinter den Spitzen oder auf links (4 Tore, 2 Vorlagen) und in Tomori scheint Lampard das perfekte Pendant zu Kurt Zouma in der Innenverteidigung gefunden zu haben.
Der Deutsche Antonio Rüdiger wird sich strecken müssen, um sich seinen Platz in Chelseas erster Elf zurückzuerobern.
Mount und Tomori arbeiteten bereits vergangene Saison bei Derby (beide ausgeliehen) mit Lampard zusammen. Von der rasanten Entwicklung ist jedoch selbst der Coach überrascht. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass er schon jetzt dieses Level hat. Er entwickelt sich jeden Tag weiter", sagte Lampard beispielsweise im September über Spielgestalter Mount:
Mit FC-Bayern-Flirt Callum Hudson-Odoi kehrte Mitte September zudem ein weiteres Chelsea-Eigengewächs nach langer Verletzungspause (Achillessehnenriss) zurück. Das neue Umfeld kommt ihm zugute. Unter Sarri musste er vergangene Saison noch meist die Bank hüten.
Die Offensive lebt: Pulisic taut auf
Generell blüht die Offensive durch Lampards deutlich schnelleres Spielsystem regelrecht auf. 23 mal zappelte der Ball an den ersten zehn Spieltagen in der Liga bereits im gegnerischen Netz. Seit 2003 war der Blues-Angriff zu diesem Saisonzeitpunkt nur unter Mourinho (05/06; 14/15) und unter Carlo Ancelotti (09/10; 10/11) erfolgreicher.
Zudem taut mit Christian Pulisic auch der Top-Neuzugang (64 Millionen Euro; bereits im Januar 2019 von Borussia Dortmund verpflichtet, aber bis zum Sommer an den BVB ausgeliehen) langsam auf.
Beim 4:2-Auswärtserfolg vergangene Woche beim FC Burnley gelang dem 21-jährigen US-Amerikaner ein Hattrick. Dass Pulisic sich bis dahin häufig auf der Bank wiederfand, zeigt jedoch auch, dass Lampard nicht kopflos auf alle seine Talente setzt.
"Alles was ich von ihnen verlangen kann, ist mir im Training oder Spiel zu zeigen, wenn sie die Chance erhalten, dass sie ihren Platz verdient haben", erklärte der 41-Jährige Anfang Oktober den regelmäßigen Verzicht auf den Ex-Dortmunder. "Tough Love" sagt der Engländer dazu. Keine Vorschusslorbeeren trotz Preisetikett. Pulisic hat sich das offenbar zu Herzen genommen - und nun abgeliefert.
Lampard wird an Saisonzielen gemessen
Lampard hat aus der grauen Maus der Liga, die bei Umfragen in den vergangenen Jahren regelmäßig den Titel "unbeliebtestes Team der Premier League" abstaubte, eine junge und interessante Mannschaft geformt.
Aktuell dürfte Abramowitsch sehr zufrieden sein. Gemessen wird Lampard aber nicht am aktuellen, sondern am Tabellenplatz zu Saisonende. Die Qualifikation für die Champions League sollte es schon sein, das hat die Vereinsführung als Ziel ausgerufen. Junge Wilde hin oder her. Unbegrenzt ist die Geduld nämlich auch beim "neuen" Chelsea nicht.
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