Liverpool, Atalanta, Saarbrücken: Diese Fußballmärchen sind in Gefahr

Der FC Liverpool steht unmittelbar vor der ersten Meisterschaft seiner Premier-League-Geschichte, mit dem 1. FC Saarbrücken hat ein Viertligist die Chance auf das Pokalfinale. Doch was, wenn die Corona-Pandemie Fußballeuropa dazu zwingt, die Wettbewerbe frühzeitig abzubrechen und Meisterschaften, Pokalsiege und Co. am grünen Tisch zu vergeben? Diese Fußballmärchen sind gefährdet.

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Es ist Mai. Zeit für die entscheidenden Spieltage in Europas Topligen, Zeit für die Titelvergabe in nationalen Pokalwettbewerben, sowie in Europa und Champions League. Zeit für Trophäen, Medaillen, Bierduschen und durchfeierte Nächte. Es ist doch Mai…
Doch im Jahr 2020 ist die Realität eine andere. Die Corona-Pandemie hat die Fußballwelt weiterhin fest im Griff. Fast überall auf der Welt ruht der Ball seit annähernd zwei Monaten. Ob, und falls ja, wann die entscheidende Saisonphase letztlich ausgespielt wird, steht in den Sternen.
Mit der Ligue 1 in Frankreich und der Eredivisie in den Niederlanden haben zwei große Ligen ihre Spielzeiten schon vorzeitig für beendet erklärt. Eine Entscheidung, die - so ehrlich muss man sein - jede andere Liga zumindest schon diskutiert haben dürfte.
In Frankreich wurde PSG vorzeitig zum Meister erklärt, der AS Saint-Etienne allerdings um die Chance auf den ersten Pokal-Sieg seit 43 Jahren gebracht. Schicksale, die Vereinen in allen Ligen drohen.
Diese Fußballmärchen sind in Gefahr.

Deutschland: Saarbrückens Chance aufs Pokalfinale

Zum insgesamt vierten Mal nach 1956/57, 1957/58 und 1984/85 steht der FC Saarbrücken in diesem Jahr im Halbfinale des DFB-Pokals. Das anstehende Duell mit Bayer Leverkusen kann aus Vereinssicht also nicht direkt als größtes Spiel der Vereinsgeschichte angeteasert werden - aus Sicht der Spieler aber sehr wohl. Immerhin schaffte es Saarlands Vorzeigeklub als Viertligist in die Vorschlussrunde - das gab es in der Geschichte des Wettbewerbs noch nie.
Die Coronakrise hat bereits jetzt einen Teil von Saarbrückens Fußballmärchen auf dem Gewissen. Denn selbst für den Fall, dass die Partie gegen den großen Favoriten aus Leverkusen gespielt wird, so wird sie kein rauschendes Fest im ausverkauften Hermann-Neuberger-Stadion vor 6.800 Fans sein. Es wird Stille herrschen, es wird nicht nach Bratwurst und Bier riechen und es wird keine lebendige Choreographie für die Mannschaft von Trainer Lukas Kwasniok geben.
Die Essenz des Fußballs, die Seele des Klubs, sie wird fehlen - und zwar mindestens für den Rest der Saison. Da stellt sich die Frage: Wer will überhaupt ein DFB-Pokalfinale vor leeren Rängen in Berlin spielen?

England: Liverpools erste Premier-League-Meisterschaft

Wahrscheinlich wäre es schon soweit gewesen und Jürgen Klopp hätte den FC Liverpool angesichts von 25 Punkten Vorsprung auf Rang zwei nach 29 Spieltagen längst zur ersten Meisterschaft seit 30 Jahren und zur ersten überhaupt seit Bestehen der Premier League 1992/93 geführt. Nun aber bangt der legendäre Klub von der Merseyside um den Lohn einer beeindruckenden Saison. Einen faden Beigeschmack dürfte die bis Februar annähernd perfekt verlaufene Spielzeit schon jetzt haben.
Einen echten Makel könnte sie jedoch bekommen, würden die Reds wie PSG in Frankreich vorzeitig am grünen Tisch zum englischen Meister erklärt. Nicht nur, dass den fußballverrückten Fans der Reds sowieso schon die ausgelassene Meisterfeier auf den Straßen der Arbeiterstadt verwehrt bleibt, an den Titel würde man sich in erster Linie wegen des kuriosen Zustandekommens erinnern und nicht wegen der legendären Mannschaft, die England eine Saison lang nach Belieben dominierte.
Ein weiteres Märchen droht in Englands zweiter Liga, der Championship zu platzen. Dort steht das ebenfalls traditionsreiche Leeds United, immerhin dreifacher englischer Meister, nach 16 Jahren Abwesenheit vor der Rückkehr in die Premier League. Acht Spieltage vor Schluss führen die Peacocks die Tabelle einen Punkt vor West Bromwich an. Der Vorsprung auf den ersten Nichtaufstiegsplatz beträgt sieben Zähler.

Italien: Lazios Titelchance, Atalantas Champions-League-Märchen

Die Serie A ist gemessen an der Eintönigkeit seiner Meister in den vergangenen acht Jahren die langweiligste europäische Top-Liga. Den Titel holte nämlich in jedem dieser Jahre dasselbe Team: Juventus Turin.
Auch aktuell steht die Alte Dame wieder an der Tabellenspitze, allerdings ist ihr Lazio Rom mit nur einem Punkt Abstand dicht auf den Fersen. Italien freut sich über den spannendsten Titelkampf seit langem, Lazio auf die erste Chance auf den Scudetto seit 20 Jahren.
Zudem schielt Toptorjäger Ciro Immobile mit 27 Treffern nach 26 Spielen auf den Torrekord, den sich Gonzalo Higuain (2015/16) und Gino Rossetti (1928/29) mit jeweils 36 Toren in einer Spielzeit teilen. Zwölf Spiele hat der ehemalige Dortmunder theoretisch noch Zeit - ein durchaus realistisches Unterfangen.
In der Serie B steht das von Filippo Inzaghi trainierte Benevento Calcio angesichts von 22 Punkten Vorsprung auf Rang drei vor dem sicheren Aufstieg in die Serie A. Es wäre der erste der Vereinsgeschichte.
Ebenfalls in Gefahr: Das Champions-League-Märchen von Atalanta Bergamo. Als erstmaliger Teilnehmer an der Königsklasse stehen die Norditaliener vor dem Einzug ins Viertelfinale. Es ist geradezu tragisch, dass ausgerechnet der 4:1-Hinspielsieg gegen den FC Valencia als einer der Hauptinfektionsherde für das Coronavirus Sars-CoV-2 in Europa gilt. Während in anderen Ländern längst vor leeren Rängen gespielt wurde, fand das Duell in Bergamo vor 44.000 Zuschauern im Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand statt.

Spanien: Ein rein baskisches Copa-del-Rey-Finale

Nachdem in der Meisterschaft, wie fast immer, der FC Barcelona und Real Madrid um den Titel kämpfen, freute man sich in der Copa del Rey auf ein rein baskisches Finale.
Real Sociedad San Sebastián, dass die Königlichen im Viertelfinale sensationell mit 4:3 im Estadio Santiago Bernabéu eliminiert hatte, hätte eigentlich am 18. April auf Athletic Bilbao, den Bezwinger des FC Barcelona (1:0 im Viertelfinale) treffen sollen.
Für beide Klubs wäre es die erste Titelchance seit langer Zeit. Athletic Bilbao, das hinter dem FC Barcelona (30) die zweitmeisten Copa-Siege vorzuweisen hat (23), gewann den spanischen Pokal zuletzt in der Saison 1983/84, La Real drei Jahre später (1986/87).
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