Gareth Bale geht im Guten. Diesen Eindruck wollte er zumindest erwecken. Nachtreten wollte der Waliser nach Bekanntwerden seines Wechsels von Real Madrid zurück zu seiner alten Liebe Tottenham Hotspur nicht. Das überließ er dann schon seinem Berater.
Doch auch in Bales Äußerungen gegenüber "BT Sport" wird zwischen den Zeilen deutlich, dass seine Ehe mit den Königlichen nicht immer eine unbeschwerte war: "Wohin man auch geht, in jedem Klub gibt es Höhen und Tiefen. Dabei waren die Hochs sehr hoch und die Tiefs sehr tief. Ich habe es genossen, das zu erreichen, was wir erreicht haben. Jetzt ist es Zeit für das nächste Kapitel in meiner Karriere."
Bale kehrt für sein "nächstes Kapitel" für vorerst ein Jahr in seine Komfortzone zurück. In Tottenham wird ihm vom ersten Tag an bedingungslose Liebe der Fans entgegenschlagen. Skepsis und Antipathie, wie es phasenweise in Madrid der Fall war, dürften vorerst der Vergangenheit angehören.
Premier League
"Eine Schande": Bale-Berater ledert nach Spurs-Wechsel gegen Real
22/09/2020 AM 20:36
Doch nicht nur für Bale ist es ein Wechsel, der Sinn ergibt, auch den Spurs ist mit der Rückkehr des verlorenen Sohnes ein Coup gelungen.

Tottenham: Bale-Verpflichtung ein Coup in unsicheren Zeiten

Die Vorstellung an eine offensive Dreierreihe bestehend aus Heung-min Son, Harry Kane und Bale gibt dem zuletzt etwas orientierungslos durch die Premier League dümpelnden Klub relativ unverhofft einen Riesenpush.
Unverhofft deswegen, weil Tottenham Anfang der Transferperiode noch angekündigt hatte, sich auf dem Transfermarkt zurückzuhalten. "The Athletic" berichtete jüngst von bis zu 200 Millionen Euro Miese aufgrund der Corona-Pandemie. Die Spurs stecken in der finanziellen Zwickmühle, denn sie müssen das neue Stadion abbezahlen, das sie aktuell aber nicht füllen dürfen.

Gareth Bale

Fotocredit: Getty Images

Zwar zahlte man für Bale keine Ablösesumme im eigentlichen Sinne, doch allein das astronomische Gehalt von rund 31,5 Millionen Euro brutto - 60 Prozent zahlt laut "The Athletic" weiterhin Real Madrid - schlägt ordentlich ins Kontor.
Sei’s drum, das finanzielle Risiko bei einem solchen Leih-Deal ist überschaubar - gerade dann, wenn eine alte Vereinslegende zurückkehrt. Auch wenn das Image des Walisers seit seinem Weggang 2013 gelitten hat: In Tottenham sind die Erinnerungen an das einstige Aushängeschild noch mehr als präsent.

Bale muss sich auf dem Platz wieder beweisen

Das macht es leichter darüber hinwegzusehen, dass Tottenham auf dem Papier einen Spieler bekommt, der direkt einmal einen Monat aufgrund einer Knieverletzung ausfällt und dessen messbare Leistungswerte (Tore, Assists, Einsatzzeiten) in den vergangenen vier Jahren sukzessive abgenommen haben.
Unter Zinédine Zidane, zu dem sich das Verhältnis des 31-Jährigen über die Jahre immer weiter verschlechtert hat, hatte Bale zuletzt nur noch wenig zu melden. In der vergangenen Spielzeit kam er nur in 16 Ligaspielen zum Zug (zwei Tore, zwei Assists), nur zwölf Mal stand er in der Startelf. Schon das Jahr zuvor war für Bale, auch aufgrund von Verletzungen, kein einfaches.
Dazu kamen öffentliche Provokationen wie der umstrittene Flaggenjubel nach einem 2:0-Sieg der walisischen Nationalmannschaft über Ungarn und der damit verbundenen EM-Qualifikation im November 2019, der einen großen Keil zwischen den Ausnahmespieler und die Real-Fans trieb.

Wales player Aaron Ramsey (front) joins in the celebrations with Gareth Bale and his team mates after the UEFA Euro 2020 qualifier between Wales and Hungary at Cardiff City Stadium on November 19, 2019 in Cardiff, Wales.

Fotocredit: Getty Images

"Wales. Golf. Madrid. In that order" war die Aufschrift eines Fan-Banners, mit dem sich die Walister, unter ihnen auch Bale, nach dem Triumph ablichten ließen. Ein Spruch, der durch einen kritischen Kommentar des früheren Real-Stars Predrag Mijatovic inspiriert ist. Dieser hatte Bale in einer TV-Sendung kritisiert: "Ihn interessiert zuallererst die Nationalmannschaft von Wales. Dann kommt Golf und erst dann Madrid."
Dem Superstar, der bekanntlich in seiner Freizeit gerne den Golfschläger schwingt, wurde in der spanischen Presse anschließend vorgeworfen, seinen Verein öffentlich verhöhnt zu haben. Spätestens da war klar: Bale braucht einen Neuanfang.

Bale: Tottenham. Wales. Golf - In that order

Den bekommt er nun in Tottenham. Mourinho hält immer noch große Stücke auf den Waliser. Schon zu seiner Zeit als Real-Trainer (Juli 2010 - Juni 2013) hatte er vor, Bale zu den Königlichen zu transferieren. "Das ist kein Geheimnis, und Gareth weiß das”, sagte Mourinho noch am vergangenen Mittwoch und fügte an. "Wenn Gareth fit und in einem guten Zustand ist, ist er einer der besten Spieler Europas."
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Als solcher hat Bale nun die Chance, mit dem Narrativ des gemütlichen Golfers, dem es deutlich wichtiger ist, abzukassieren, als auf dem Fußballplatz für Furore zu sorgen, aufzuräumen. Bei den Spurs soll er auf Anhieb wieder Führungsspieler werden und den Dauerdruck von Torjäger Harry Kane und Son Heung-min nehmen, die die Mannschaft wie beim 5:2 am vergangenen Wochenende in Southampton (vier Tore Son, vier Vorlagen Kane) zu oft alleine tragen mussten.
Ist Bales vor Freude strahlendes Lächeln aus seinem ersten Interview als Spurs-Rückkehrer echt, dürfte es in Zukunft wieder heißen: Tottenham. Wales. Golf. In that order.
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Da ist er: Bale wird von den Tottenham-Fans begeistert empfangen

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