Dass der englische Tabellenführer in Liverpool zu Hause ist, hat in den letzten Monaten niemanden überrascht - zu groß war die Dominanz des FC Liverpool.

Doch während der Titelverteidiger schleppend in die neue Saison gestartet ist, läuft es beim FC Everton so richtig rund: Vier Spiele, vier Siege, 12:5 Tore.

Premier League
Klopp schwärmt vor Merseyside-Derby - allerdings vom Gegner
16/10/2020 AM 13:26

Der Traumstart ist auf den ersten Blick zwar überraschend, auf den zweiten aber durchaus folgerichtig.

Die Mannschaft wurde gezielt verstärkt, vor allem das im vergangenen Jahr eher biedere Mittelfeld: Allan kam als Abräumer und Organisator aus Neapel, Abdoulaye Doucouré bringt auf der Achterposition seine Power zwischen den Strafräumen ein.

Ancelotti macht James Beine

Mit Innenverteidigertalent Ben Godfrey hat man am letzten Tag der Transferperiode sogar noch einmal nachgelegt. Evertons Königstransfer ist allerdings ein anderer: James Rodríguez.

Zum wiederholten Male arbeitet der Kolumbianer nun mit Carlo Ancelotti zusammen - man kann hier durchaus von einem Schüler-Mentor-Verhältnis sprechen.

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Vom uninspirierten, aufreizend lässigen James aus den letzten Monaten in Madrid oder München keine Spur: Im blauen Trikot sprüht er vor Tatendrang.

James, der falsche Rechtsaußen

In Ancelottis 4-3-3 kommt James nominell als Rechtsaußen zum Einsatz. Diese Position existiert allerdings nur auf dem Papier. Der Kolumbianer hat alle Freiheiten und taucht überall auf dem Platz auf.

Läuft das Spiel über die rechte Seite, rückt er etwas ein und macht Platz für Rechtsverteidiger-Veteran Seamus Coleman. Dieser treibt das Spiel oft mit viel Tempo geradlinig über den Flügel nach vorne. James setzt sich im rechten Halbraum dann ein paar Schritte ab, sodass Coleman seinen Vorstoß abbrechen und zurückpassen kann.

James gelingt es in diesen Situationen oft, den Ball mit erstem Kontakt in Richtung Zentrum mitzunehmen, sodass er das ganze Spielfeld sieht. Für Linksaußen Richarlison ist dies das Signal für einen Weg hinter die Abwehrreihe, auch Mittelstürmer Dominic Calvert-Lewin ist in diesen Situationen immer auf dem Sprung.

James Rodríguez vom FC Everton

Fotocredit: Getty Images

James bedient die einlaufenden Stürmer mit Chipbällen über die Kette oder versucht flach durchzustecken. Sind die Räume zu eng, verlagert er das Spiel. Ist das passiert und Everton greift über links oder durchs Zentrum an, ist James der Überzahlspieler.

Anstatt wieder zurück auf "seine" Position auf der rechten Seite zu gehen, bleibt der Linksfuß im Zentrum - und sorgt beim Gegner für Zuordnungsprobleme. Da die meisten Mannschaften mit zwei oder maximal drei zentralen Mittelfeldspielern verteidigen, bekommt Everton im zentralen Bereich oft kurzzeitige Überzahlsituationen - weil James frei durch die zentralen Räume schwirrt und unklar ist, welcher gegnerischer Sechser zuständig ist.

Für die Scorerliste, nicht für die Galerie

James agiert also grundsätzlich ein bisschen so wie ein klassischer Zehner. Der große Unterschied zu dieser ausgestorbenen Rolle ist jedoch, dass er nicht in diesen Räumen "parkt" und auf die Aktionen wartet, sondern selbst die torgefährlichen Räume sucht. Aus dem Rückraum kann er selbst zum Abschluss kommen und den Torwart mit seiner überragenden Schusstechnik vor Probleme stellen, darüber hinaus spielt er immer wieder gechippte Bälle in den Strafraum, die für die Verteidiger äußerst unangenehm und schwierig zu klären sind.

Ein Punkt, in dem sich James offensichtlich weiterentwickelt hat, ist die Strafraumbesetzung. Immer wieder erkennt er die Situationen, in denen er dank seiner Freirolle ohne Gegenspieler ist und startet mit gutem Timing auf den langen Pfosten - zwei seiner drei bisherigen Saisontore erzielte er dort.

James gehört zu den Spielern, bei denen die Stammtische dieser Welt - und sicherlich auch einige Experten - gedacht hätten: "Der schafft es niemals in England." Wer an den Kolumbianer denkt, sieht vor allem technische Kabinettstückchen und auch mal das ein oder andere Tor aus der Distanz. Die aktuell in der Premier League zu sehende Zielstrebigkeit und Bereitschaft, sich auch im Strafraum in Bälle zu werfen, überrascht.

James scheint die neue Aufgabe komplett verinnerlicht zu haben und blüht unter seinem Lieblingstrainer mal wieder auf. Und mit ihm der ganze Verein.

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