Fast schon etwas unscheinbar stand Marina Granovskaia daneben, als der FC Chelsea vor ziemlich genau 15 Monaten mit der Verpflichtung von Frank Lampard als neuem Cheftrainer den Grundstein für eine erfolgversprechende Zukunft legte - doch der Schein trügt.

Obwohl die Russin das Rampenlicht gerne ihren männlichen Kollegen der Branche überlässt, gibt es wohl nur wenige Personen, die einen größeren Einfluss beim sechsmaligen Premier-League-Champion haben.

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15/10/2020 AM 06:26

Die "Daily Mail" bezeichnete Granovskaia einst als "hart, gerecht, wunderschön und absolut brillant in ihrem Job". Jener Ruf kommt nicht von ungefähr.

Doch wer ist die Frau, die seit Jahren die operativen Geschäfte des FC Chelsea fast schon heimlich im Hintergrund abwickelt?

FC Chelsea | Frank Lampard und Marina Granovskaia

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Abramowitsch holte Granovskaia zu Chelsea

Alles begann im Jahr 1997, als die damals 22-Jährige nach ihrem abgeschlossenen Fremdsprachen-Studium (mit Auszeichnung) bei der Firma Sibneft, dem Vorgänger des heutigen Mineralölunternehmens Gazprom NEFT, anheuert. Gründer des Unternehmens ist niemand Geringeres als Roman Abramowitsch.

Der russische Oligarch war es dann auch, der Granovskaia 2003 nach seiner Übernahme des FC Chelsea mit nach London nimmt - der Beginn einer Erfolgsgeschichte.

Seit 2013 sitzt die enge Vertraute von Abramowitsch als Direktorin im Vorstand der Blues und ist somit für Spielertransfers und den Großteil der Finanzgeschäfte im Verein verantwortlich. Dabei arbeitet die Russin zumeist hinter verschlossenen Türen. So verwundert es kaum, dass über ihr Privatleben nahezu nichts bekannt ist.

Die britische Zeitung "Evening Standard" zitierte einen Klub-Insider einst wie folgt: "Sie will kein Promi sein, jedoch es gibt keinen Zweifel daran, wer bei Chelsea das Sagen hat und bestimmt, wo es langgeht."

Marina Granovskaia und Petr Cech

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Granovskaia die "mächtigste Frau im Fußball"

Dies stellte Granovskaia auch 2016 beim millionenschweren Ausrüster-Wechsel unter Beweis, als sie mit Nike einen Deal über 15 Jahre einfädelte, der den Blues laut "Guardian" insgesamt rund 997,5 Millionen Euro einbringt.

Auch Fußball-Experte Pete Sharland von Eurosport in London betonte, welchen Stellenwert die Schattenfrau beim Klub aus West-London hat. "Sie ist extrem mächtig. Sie ist praktisch Roman Abramowitschs rechte Hand, was in Zeiten der Coronakrise noch wichtiger ist, da Abramowitsch nicht wirklich nach Großbritannien kommt. Sie ist sehr angesehen und die Leute haben viel Zeit für sie", erklärt der Fachmann.

Nicht umsonst betitelte die "Times" Granovskaia vor nicht allzu langer Zeit als "mächtigste Frau im Fußball", die selbst vor großen Namen nicht zurückschreckt. So sah sich Vereinsikone John Terry bei seinen Vertragsverhandlungen im Frühjahr 2016 laut "Daily Mail" dem Ultimatum "Take it, or fucking leave it" ausgesetzt. Letztlich entschied sich der Abwehrspezialist für einen Verbleib an der Stamford Bridge.

Die 45-Jährige gilt nun mal als knallharte Verhandlungspartnerin, was ihr auf der Insel die Spitznamen "Iron Lady" und "Leading Lady" einbrachte. Dies mussten zuletzt auch Bayer Leverkusen und der FC Bayern am eigenen Leib erfahren.

Chelsea: Transferoffensive dank Granovskaia

Beim Transferpoker um Shootingstar Kai Havertz war Granovskaia Verhandlungspartner von Bayer-Sportdirektor Rudi Völler und konnte die Basissumme trotz großem Widerstand letztlich auf rund 80 Millionen Euro drücken. Ein zweifellos guter Deal für die Blues, obwohl sich die Ablöse aufgrund von Bonuszahlungen noch auf 100 Millionen Euro erhöhen könnte.

Auch bei der Verpflichtung von Nationalstürmer Timo Werner (RB Leipzig) war die Russin, die auch über einen kanadischen Pass verfügt, Initiatorin, wie ihr Kollege und ehemaliger Ex-Blues-Keeper Petr Cech unverblümt zugab.

Kai Havertz - FC Chelsea

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Er würde ja gerne behauptet, dass er es selbst gewesen sei, "aber in unserem Club gibt es nur eine Person, die dafür sorgt, dass Dinge über die Bühne gehen, und das ist natürlich Marina", betonte Cech bei "Sky". Sie sei die Beste, wenn es darum gehe, einen Transfer auszuhandeln, so der Champions-League-Sieger von 2012 weiter.

Neben dem DFB-Duo hatte Granovskaia im Auftrag von Lampard und Cech bereits Ben Chilwell (Leicester City) und Hakim Ziyech (Ajax Amsterdam) für insgesamt 90 Millionen Euro an die Stamford Bridge gelotst.

Granovskaia zeigte Bayern die kalte Schulter

Und dann wäre da noch die Transfer-Saga um Callum Hudson-Odoi, um den der FC Bayern über Wochen und Monate hinweg kämpfte.

Letztlich verliefen die Verhandlungen mit dem Youngster jedoch im Sand, was laut "Sport Bild" an den Forderungen des FC Chelsea und Direktorin Granovskaia lag. Demnach wollten die Blues zahlreiche Klauseln wie eine Strafzahlung, falls der 19-Jährige nicht genügend Einsätze bekommt, in den Leihvertrag (plus Kaufoption über 77 Millionen Euro) einbauen, sodass ein Deal nach langem Hin und Her platzte.

Die Blues werden es verkraften können, immerhin handelt es sich bei dem Flügelstürmer um eines der vielversprechendsten Talente Europas. Somit durfte sich auch der deutsche Rekordmeister hautnah vom Verhandlungsgeschick von Granovskaia überzeugen.

Grämen müssen sich die Münchener aber nicht, schließlich werden sie nicht die Letzten sein, die sich an der "Iron Lady" die Zähne ausbeißen werden.

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