Thomas Tuchel hatte den Kopf tief in seiner Jacke versteckt, konnte dann aber doch noch lachen, als er auf den Rasen der Stamford Bridge schritt, um mit seinen Spielern abzuklatschen.
Zwar blieb dem Deutschen bei seinem Debüt als neuer Coach des FC Chelsea ein Heimsieg verwehrt, mit der Leistung seiner Mannschaft konnte der 47-Jährige aber über weite Strecken zufrieden sein - auch wenn knapp 24 Stunden nach seiner Vorstellung verständlicherweise noch nicht alles zusammenpasste bei den Blues.
"Ich habe es sehr genossen, weil ich mit der Intensität, der Einstellung, Energie und Qualität meiner Mannschaft sehr zufrieden war. Wir waren sehr gut organisiert, hatten viele Ballgewinne im letzten Drittel und haben nie nachgelassen", sagte Tuchel nach dem 0:0 gegen die Wolverhampton Wanderers im Interview mit der "BBC".
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In der Tabelle steckt Chelsea damit als Achter (30 Punkte) und elf Zählern Rückstand auf Klassenprimus Manchester City weiter im Mittelfeld fest. Die bereits jetzt klar erkennbare Handschrift des neuen Coaches macht aber Hoffnung.
Drei Tuchel-Signale, die gegen die Wolves auffielen.

1. Die Rückkehr der Dominanz

Dass Tuchel ein Anhänger von dominantem Ballbesitzfußball ist, war bereits vor der Partie hinreichend bekannt und sicher auch ein Mitgrund, warum die Blues den Deutschen als Nachfolger des geschassten Frank Lampard verpflichtet haben.
820 Pässe und fast 79 Prozent Ballbesitz sind jedoch selbst für ein Tuchel-Team außerordentlich - und das gleich im ersten Spiel. Beides sind Fabelwerte, die kein anderer Coach seit der Saison 2003/04 bei seinem Premier-League-Debüt aufweisen konnte.
Tuchels Stempel war von Beginn an zu erkennen. Im Gegensatz zu den zuletzt uninspirierten Auftritten hatten die Blues das Geschehen auf dem Rasen der Stamford Bridge klar unter Kontrolle. Die Spieler fühlten sich mit der neuen Marschroute des Coaches, der über 90 Minuten an der Seitenlinie Kaugummi kauend gestikulierte und Anweisungen aufs Spielfeld brüllte, sichtlich wohler als am Ende unter dem niedergeschlagenen Lampard.
Einzig die zwingenden Torchancen blieben gegen couragiert verteidigende Wolves lange Mangelware. Die besten Chancen vergaben im zweiten Spielabschnitt Ben Chilwell (61.), Mateo Kovacic aus der Distanz (82.) und Kai Havertz per Kopf (90.+3).
"Leider haben wir nicht getroffen, aber wenn wir weiter so auftreten, werden die Ergebnisse von allein kommen", analysierte Tuchel, den der Auftritt seiner neuen Mannschaft positiv überraschte: "Ich habe nicht erwartet, dass sie nach einem Training und zwei Meetings auf diesem Level sind. Das gibt mir ein gutes Gefühl für die Zukunft."
Damit ist er in West-London sicher nicht der einzige.

Thomas Tuchel gibt César Azpilicueta klare Anweisungen

Fotocredit: Getty Images

2. Tuchel "befreit" Havertz und Ziyech

Wer beim Blick auf die Aufstellung der Blues mit dem bekannten 4-3-3 rechnete, der wurde schnell eines Besseren belehrt. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger schickte Tuchel seine neue Elf in einem 3-4-2-1 auf den Rasen. Chilwell agierte nicht wie gewohnt als Linksverteidiger, sondern als Linksaußen. Thiago Silva, Antonio Rüdiger und Kapitän Cesar Azpilicueta bildeten dahinter die Dreierkette in der Abwehr.
Von dieser Umstellung profitierten besonders die Kreativspieler Havertz und Hakim Ziyech, denen sich im Zentrum mehr Freiräume boten. Unter Lampard hatten beide oft auf außen oder als teil einer defensiv orientierten Dreierreihe im Mittelfeld agieren müssen und wurden dadurch ihrer großen Stärken etwas beraubt.
Gerade Havertz, der 80-Millionen-Mann, der sein Potenzial bis dato noch nicht einmal im Ansatz hatte zeigen können, spielte deutlich mutiger. Ein selbstbewusster Tempolauf in der 15. Minute war das beste Beispiel dafür. Dazu kamen drei Torschüsse. Ziyech steuerte vier Torschussvorlagen bei.
Auch Callum Hudson-Odoi blühte in seiner defensiveren Rolle auf der rechten Außenbahn geradezu auf. "Callum war mit seiner Schnelligkeit und dem Selbstbewusstsein der Schlüssel auf seiner Seite", lobte Tuchel.
Zwar ergaben sich durch die Umstellung auch einige defensive Lücken, die Wolves-Stürmer Pedro Neto in der 70. Minute mit einem Lupfer auf die Latte beinahe zur Gästeführung genutzt hätte, das 3-4-2-1 könnte an der Stamford Bridge in Zukunft aber durchaus öfter zum Einsatz kommen.

Hakim Ziyech (r.) vom FC Chelsea

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3. Keine Sonderbehandlung für Werner

Während sich die beiden deutschen Nationalspieler Havertz und Rüdiger in der Startelf wiederfanden, musste Stürmerstar Timo Werner gegen die Wolves bereits im dritten Liga-Spiel infolge die Ersatzbank hüten. Für ihn startete der 34-jährige Olivier Giroud als einzige Spitze.
Eine kleine Überraschung, war Lampard doch vor allem dafür kritisiert worden, dass er die teuren Neuzugänge wie Werner (kam für 53 Millionen Euro aus Leipzig) nicht in seinem System unterbringen konnte.
Tuchel wird die Integration und die Entwicklung Werners sicher als eine der Schlüsselaufgaben von der Klubführung mit auf den Weg bekommen haben. Dass er trotz allem über 90 Minuten auf den 24-Jährigen verzichtete, zeigt, dass der Deutsche unter seinem Landsmann keine Sonderbehandlung zu erwarten braucht.
Statt Werner brachte Tuchel in der zweiten Hälfte mit Mason Mount, Christian Pulisic und Tammy Abraham drei offensive Konkurrenten des schnellen Stürmers in die Partie, von denen vor allem die ersten beiden durchaus Akzente setzen konnten.
Werner wird sich auch unter Tuchel seinen Platz in der ersten Elf mit Fleiß und vor allem Toren erarbeiten müssen.
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