Plötzlich flogen volle Plastik-Bierbecher, der Gerstensaft nieselte auf die Menge, Rauchfackeln wurden gezündet, Lieder voller Inbrunst angestimmt. Menschen lagen sich in den Armen. Einige der Anwesenden hatten sich sichtlich billige Imitationen einer Kufiya, der traditionellen arabischen Kopfbedeckung, übergeworfen, andere trugen Masken mit dem Antlitz des saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. "Wir haben unseren Klub zurück", lautete der Tenor.
Es waren durchaus skurrile Szenen, die sich am Donnerstag vor dem St. James‘ Park, der Spielstätte von Newcastle United, zutrugen. Auslöser für den Trubel unter grauem Himmel war die Bestätigung, dass der Traditionsverein aus dem Nordosten Englands offiziell, genehmigt von höchster Stelle, den Besitzer gewechselt hatte. Der bisherige Eigentümer Mike Ashley, bei den Anhängern höchst umstritten, versuchte rund vier Jahre lang vergeblich, den Klub loszuwerden, nun gab die Premier League grünes Licht für einen Verkauf. Einen Deal, der den Großteil der Fans in Ekstase versetzt, ein Geschäft, das Unverständnis bei Menschenrechtlern auslöst.
Beim Käufer handelt es sich vornehmlich um den Public Investment Fund (PIF), einen Staatsfond Saudi-Arabiens. Dieser hält fortan 80 Prozent an Newcastle, die restlichen 20 Prozent verteilen sich auf die Firmen PCP Capital Partners und RB Sports & Media. Den Vorsitz des PIF hat besagter Kronprinz bin Salman inne, er nimmt maßgeblich Einfluss auf die Investitionsentscheidungen.
Premier League
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08/10/2021 AM 09:41
"Wir sind sehr stolz darauf, die neuen Eigentümer von Newcastle United zu sein, einem der berühmtesten Klubs im englischen Fußball", wird Yasir Al-Rumayyan, Chef der PIF und künftiger Vorsitzender des Vereins, auf der NUFC-Webseite zitiert. Al-Rumayyan sitzt im Rahmen seiner Tätigkeit unter anderem in den Vorständen der milliardenschwerden Unternehmen Uber Technologies, der japanischen SoftBank Group und dem indischen Mischkonzern Reliance Industries.

Newcastle-Fans nach der Übernahme

Fotocredit: Getty Images

Die Neuankömmlinge bringen also vor allem zwei Dinge mit an die Tyne: Macht und Geld. Sehr viel Geld. PIF zählt mit einem geschätzten Gesamtvermögen von 370 Milliarden Euro zu den größten Staatsfonds der Welt. Die beiden neureichen und derzeit wohlhabendsten Klubs Manchester City und Paris Saint-Germain, die ebenfalls von der arabischen Halbinsel alimentiert werden, verfügen nicht ansatzweise über die monetären Mittel, die Newcastle nun zuteilwerden.

Newcastle United ist nun der reichste Verein der Welt

Zum Vergleich: City-Boss Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan, Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi und stellvertretender Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate, kommt laut der "Daily Mail" auf ein geschätztes Vermögen von 25 Milliarden Euro, Paris-Chef Nasser Al-Khelaifi soll rund 6,5 Milliarden Euro Privatvermögen besitzen, die von ihm angeführte Qatar Sports Investment, ein Ableger der Qatar’s Investment Authority (vergleichbar mit dem PIF), wird jedoch auf ein Gesamtvolumen von 220 Milliarden Euro taxiert.
Abu Dhabi und Katar haben namhafte Konkurrenz erhalten, sie sehen sich gar mit einem finanziell schier übermächtigen Rivalen konfrontiert. Ein Widersacher, der auch mit Blick auf die Geopolitik die Muskeln spielen lässt. Der Fußball besitzt im Nahen Osten einen hohen Stellenwert, nicht bloß die Leidenschaft zum Spiel selbst, das künstliche Aufpumpen vermeintlich totgeglaubter Vereine ist prestigeträchtig. Newcastle United kam als angeknockter, im Niemandsland verschwundener Klub, der aktuell – noch sieglos - auf Abstiegsplatz 19 rangiert, gerade recht.

Aus sportlicher Sicht ist es um Newcastle aktuell schlecht bestellt

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Die rund 350 Millionen Euro, die bin Salman und seine Partner für die neue Errungenschaft berappen müssen, werden keinesfalls reichen - es müssen weitere Abermillionen in neues Personal gebuttert werden, um in naher Zukunft im Konzert der Großen und auf einem sportlichen Level mit Abu Dhabi (ManCity) und Katar (PSG) mitzuspielen.

Newcastle braucht "Investitionen, Geduld und Zeit"

Mit Blick auf das Konto des PIF dürfte das kein allzu großes Problem darstellen. PCP-CEO Amanda Staveley, die neben Al-Ramayyan im Vorstand von Newcastle United sitzen wird, schwärmte im Interview mit "Sky": "Newcastle ist das beste Team der Welt. Wir wollen Pokale holen, natürlich. In der Premier League und in Europa." Sie ergänzte: "Dafür braucht es Investitionen, Geduld und Zeit. Wir wollen einfach gemeinsam erreichen, dass der Klub dort hinkommt, wo er hingehört." Versprechungen, bei denen die Fans frohlocken. Einer Umfrage des Fanverbandes "Newcaslte United Supporters‘ Trusts" zufolge befürworten satte 93 Prozent der Anhänger die Übernahme.
Doch es gibt nicht nur Fürsprecher, ganz im Gegenteil. Die Voraussetzung für das Zustandekommen des Deals war vonseiten der Premier League zwar, dass der Verein nicht unter der Kontrolle Saudi-Arabiens stehen solle, da der Staatsfond PIF aber mit Abstand größter Anteilseigner ist, dürfte die Abmachung lediglich auf dem Papier bestand haben. Vereinfacht gesprochen: Newcastle wird nicht von einem privaten Geldanleger-Konsortium gelenkt, sondern de facto von Saudi-Arabien.

Saudi-Arabien missachtet grundlegende Menschenrechte

Und genau an diesem Umstand stoßen sich die Kritiker. Saudi-Arabien wird von einer streng islamischen Monarchie geprägt, die in der Vergangenheit mit der Missachtung von grundlegenden Menschenrechten immer wieder im Fokus stand. Meinungsfreiheit wird ebenso wenig geduldet wie Religionsfreiheit, Frauenrechte werden erheblich eingeschränkt, Homosexualität ist strafbar, auch das Äußern von Regimekritik wird sanktioniert. Allein 2020 wurden nach Angabe der Menschenrechtsorganisatinon "Amnesty International" 27 Todesurteile vollstreckt, im Jahr zuvor sollen gar 184 Hinrichtungen stattgefunden haben.

Mohammed bin Salman

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Weltweite Aufmerksamkeit erlangte Kronprinz bin Salman vor allem im Oktober 2018. Der saudi-arabische Journalist Jamal Kashoggi, der regelmäßig Kritik an bin Salman geäußert hatte, wurde damals im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul von einem 15-köpfigen Auftragskiller-Kommando brutal ermordet. Der US-amerikanische Geheimdienst CIA sowie eine UNO-Sonderermittlerin beschuldigen bin Salman, zumindest indirekt an der Tötung beteiligt gewesen zu sein. Seinerzeit berichtete die renommierte Tageszeitung "New York Times" davon, dass einige der mutmaßlichen Täter aus dem direkten Umfeld des Herrschers stammten. Bin Salman selbst wies jegliche Vorwürfe von sich.

Investitionen zur Image-Pflege

Sacha Deshmukh, England-Chef von Amnesty International, erklärte mit Blick auf die neuen Newcastle-Besitzer: "Seitdem das erste Mal über diesen Deal gesprochen wurde, haben wir gesagt, dass das ein klarer Versuch der saudischen Führer ist, ihren grauenhaften Umgang mit Menschenrechten mit dem Glamour des Spitzenfußballs reinzuwaschen."
Bereits 2020, als erstmals Meldungen die Runde machten, dass Saudi-Arabien in Newcastle United investieren wolle, meldete sich auch Kashoggis Verlobte Hatice Cengiz zu Wort: "Der Kauf des englischen Klubs wird vollzogen, um das angeschlagene Image aufzupolieren", sagte sie im Gespräch mit der "Sportschau". Sie schob nach: "Falls er zustande kommen sollte, wäre das ein falscher Schritt, denn das würde bedeuten: Egal, was passiert, wer Macht und Geld hat, kann alles unter den Teppich kehren."
Damals schob die Premier League dem Kauf noch einen Riegel vor. Allerdings nicht, weil Cengiz‘ mahnende Worte oder die generelle Menschrechtssituation in Saudi-Arabien für ethische Zweifel gesorgt hätten. Vielmehr, weil der Golfstaat anno dazumal den TV-Sender "beIN Sports", dem übrigens der katarische PSG-Boss Al-Khelaifi vorsitzt, blockiert hatte.

Zusammenhang zum NUFC-Kauf? Saudis heben Sender-Sperre auf

Dieser hält im arabischen Raum die offiziellen Rechte zur Ausstrahlung der englischen Beletage, stattdessen ließen die Saudis einen Sender namens "BeoutQ" gewähren, der das Signal aus Katar einfach kopierte und die Premier League über illegale Umwege auf die Endgeräte brachte. Dass die saudi-arabische "beIN"-Sperre vor nicht allzu langer Zeit aufgehoben wurde, könnte die zunächst ablehnende Haltung und die Bedenken der Premier League hinsichtlich der Newcastle-Übernahme maßgeblich minimiert haben.
Man stelle sich vor, ein deutscher Verein mit 130-jähriger Historie (Newcastle United wurde 1892 gegründet) würde in die Hände eines vergleichbaren Konsortiums fallen. Vermutlich würden Bierbecher fliegen, mutmaßlich würden einige mit Rauchfackeln umherziehen. Aber mit Sicherheit nicht aus Euphorie, sondern vor blanker Wut. Darüber, dass der geliebte Fußball endgültig zum Spielgerät und Prestigeobjekt der Superreichen verkommen ist.
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