Erling Haaland im zweiten Jahr bei Manchester City: Tore - aber auch Eifersucht und Chancenwucher
VonThomas Gaber
Publiziert 13/10/2023 um 11:00 GMT+2 Uhr
Erling Haaland knipst auch in seiner zweiten Saison bei Manchester City, lässt aber ungewöhnlich viele Großchancen aus. Der Norweger steht im Schatten von Mannschaftskollege Julián Álvarez, der Haaland bereits vor dem "Untergang" bewahrt hat. Trainer Pep Guardiola bittet um einen respektvolleren Umgang mit seinem Stürmerstar, der sich auf dem Platz bisweilen selbst nur schwer ertragen kann.
Guardiola zu Zoff nach Spitzenspiel: "Ich sage nichts dazu"
Quelle: Perform
Kyle Walker war nach dem Abpfiff auf 180. Wütend beschimpfte der Spieler von Manchester City Nicolas Jover, nachdem er Arsenals Assistenztrainer zuvor schon den Handschlag verweigert hatte.
Erling Haaland sprang seinem Teamkollegen zur Seite. Obwohl mehrere Ordner und Spieler dazwischengingen, schrien sich Haaland, Walker und Jover über die Köpfe der Friedensstifter hinweg weiter an.
Was brachte die Streithähne so auf die Palme? Pep Guardiola hüllte sich in Schweigen. "Ich weiß, was passiert ist, aber ich werde dazu nichts sagen. Sie wissen es", sagte Citys Trainer. Mit "Sie" meinte Guardiola augenscheinlich den Arsenal-Stuff.
Jover, der von 2019 bis 2021 bei den Cityzens arbeitete, hatte den Spielern seines Ex-Vereins in der letzten Saison zweimal den Handschlag verweigert - jeweils nach Niederlagen. Walker fuhr nach Manchesters 0:1-Pleite am Sonntag in London die Retourkutsche.
Flaute in der Champions League und Chancenwucher
Für Haaland war es das unrühmliche Ende eines (erneut) unglücklichen Auftritts. "Haaland fiel gegen Arsenal nur einmal auf: Als er nach Schlusspfiff auf Nicolas Jover losging", schrieb die "Sun". Haaland kam in 90 Minuten nur auf 23 Ballkontakte, verlor 60 Prozent seiner Zweikämpfe und gab keinen Torschuss ab. "Erling war unsichtbar, das ist man von ihm nicht gewohnt", analysierte "Sky"-Experte Paul Merson.
Doch auch wenn Haaland in der Regel mehr Präsenz zeigt, will es in dieser Saison nicht so flutschen wie in der vergangenen. Mit acht Treffern aus acht Spielen führt der Norweger zwar wieder die Torjägerliste der Premier League an, sein Output ist aber deutlich geringer geworden.
2022/23 hatte er nach elf Pflichtspielen bereits 17 Tore auf dem Konto, jetzt sind es acht aus zwölf. In der Champions League wartet er seit fünf Partien auf einen Treffer - zuvor war er in der Königsklasse nie länger als zwei Begegnungen am Stück ohne Tor geblieben.
Haaland bekommt auch ohne den verletzten Kevin De Bruyne und nach den Abgängen von Ilkay Gündogan und Riyad Mahrez noch genügend Bälle, er kann sie bloß nicht mehr verwerten. Mitte September schrieb sich der 23-Jährige unrühmlich in die Geschichtsbücher ein. Beim 3:1-Sieg gegen West Ham United verballerte Haaland fünf Großchancen - das passierte seit der Saison 2009/2010 keinem Spieler mehr in der Premier League.
Guardiola zu Kritikern: "Dann müsst ihr euch bei Haaland entschuldigen"
Ähnlich verschwenderisch ging Haaland mit seinen Gelegenheiten gegen Nottingham um, was ihm sogar einen öffentlichen Rüffel von Guardiola einbrachte. "Er hatte unglaubliche Chancen und hätte 14, 15 Tore schießen können", resümierte der City-Coach. Haalands Chancenwucher sei aber keinesfalls besorgniserregend.
"Ein Problem ist es, wenn ich keine Chancen habe, keine Bälle bekomme oder in der falschen Position bin", sagte Guardiola. "Mein Rat an Euch: Kritisiert Erling nicht zu sehr. Kritisiert den Außenverteidiger, den Innenverteidiger oder den Trainer, aber niemals, niemals den Stürmer, der all diese Tore geschossen hat. Denn er wird wieder treffen und dann müsst ihr euch bei ihm entschuldigen."
Dass sich die Gegner inzwischen mehr um Haaland kümmern, weiß auch der Spieler. "Ich habe das Gefühl, dass sie mehr tun, um mich zu stoppen, mehr Spieler auf mich ansetzen", sagte Haaland dem "Telegraph". "Aber das ist in Ordnung, es macht mir nichts aus. Es ist eine größere Herausforderung, und wenn sie mehr Spieler auf mich hetzen wollen, bedeutet das, dass es anderswo Platz gibt. So einfach ist das."
Álvarez läuft Haaland den Rang ab
Einer dieser Nutznießer ist Julían Álvarez. Der hoch veranlagte Argentinier musste lange auf seine Chance bei City warten und glänzt in dieser Saison als Ersatz für De Bruyne, mal auf der Zehnerposition, mal als hängende Spitze oder auf dem rechten Flügel. Mit elf Scorerpunkten (sechs Tore, fünf Vorlagen) hat Álvarez einen mehr als Haaland.
Álvarez stiehlt dem Sturmtank immer öfter die Show. Nach dem Champions-League-Sieg in Leipzig (3:1) titelte die "Sun": "Álvarez rettet Haaland vor dem Untergang". Guardiola kommt bei Álvarez aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: "Er ist noch so jung - es ist unglaublich, was uns da für ein Transfer geglückt ist. Er hat alles. Er kämpft, er schießt Tore, er bereitet vor. Außerdem ist er ein netter Kerl. Ich freue mich sehr für ihn, denn er hat es verdient."
Der Hype um Álvarez kommt scheinbar bei Haaland nicht so gut an. Das spanische Magazin "Diario Gol" berichtete unlängst, dass Haaland "vor Eifersucht platzen" würde. Englische Medien wollen zudem wiederkehrend schlechte Laune beim Norweger verspürt haben.
Für Guardiola hat Haaland jedoch entscheiden Anteil an der guten Phase von Álvarez. "Beide entwickeln gemeinsam eine unglaubliche Gefahr. Wir brauchen Spieler in der Nähe von Erling, die den Sinn fürs Tor haben. Julián bewegt sich perfekt hinter dem Stürmer", sagte er.
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Bei Julían Álvarez läuft es in dieser Saison wie geschmiert
Fotocredit: Getty Images
Haaland beschreibt sich selbst als "Zombie"
Haaland bewegt sich auf dem Platz dagegen in seiner ganz eigenen Welt. Im "Telegraph" gab er seine bemerkenswerte Sicht der Dinge preis. "Ich kann mich fallen lassen und den Ball ein paar Mal berühren. Aber ich laufe einfach nur herum, stehe da, mache Bewegungen in meinem eigenen Kosmos. Es ist schwer zu erklären. Ich verlasse meinen Körper und werde zu einem Zombie", beschreibt Haaland.
Wenn die Mannschaft Angriffe initiiert, weiß Haaland, "dass ich mich nicht einmischen muss. Ich laufe herum und scanne und scanne. Und wenn die Chance kommt, weiß ich, dass ich bereit sein muss. Ich warte auf die Chance und denke mir: 'Wenn der Ball dorthin kommt, kann dies passieren, wenn der Ball dorthin geht, kann jenes passieren'. Ich stehe da und warte auf den richtigen Moment."
Auf Haalands Instinkt ist in diesen Tagen insbesondere die norwegische Nationalmannschaft angewiesen. Um die letzte Chance auf die Teilnahme an der EM 2024 in Deutschland zu wahren, müssen die restlichen zwei Spiele gewonnen werden, zudem müssen andere Nationen Schützenhilfe leisten. Den Anfang machte der 23-Jährige am Donnerstagabend, als er sein Nationalteam mit einem Doppelpack zum 4:0-Erfolg auf Zypern führte.
Sollte Haaland mit Norwegen trotz seiner Treffer abermals ein großes Turnier verpassen, hätte er tatsächlich allen Grund, schlecht gelaunt zu sein.
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