"Gotteslästerung" in Napoli? Die Renaissance des SSC Neapel

Diego Maradona lässt grüßen. Erstmals seit 25 Jahren ist der SSC Neapel wieder alleiniger Tabellenführer in der Serie A - und das hat Gründe. Zum Beispiel die unwiderstehlichen Auftritte von Torjäger Gonzalo Higuain. Oder die Menschenführung von Coach Maurizio Sarri, der Napolis Team den Spaß und die nötige Struktur zurückgegeben hat. In unserer Eurovision beleuchten wir die Renaissance.

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Rafael Benitez hat schon angenehmere Zeiten im Fußballgeschäft erlebt als im Moment. Nachdem er kürzlich auf der Trainerbank hatte zusehen müssen, wie sein Real Madrid zuhause mit 0:4 vom Erzrivalen FC Barcelona gedemütigt wurde, setzte er diese Woche im spanischen Pokal einen Spieler ein, der noch gesperrt war. Reals Ausschluss aus dem Pokal dürfte nur noch Formsache sein.
Dass sein letzter Arbeitgeber ohne ihn bemerkenswerten Erfolg hat, passt ins Bild. Der SSC Neapel steht wenige Monate, nachdem Benitez die Stadt am Vesuv verlassen hat, alleine auf Platz eins der Serie A – erstmals nach 25 Jahren.

Torgarant Higuain

Großen Anteil daran hat Argentiniens Nationalstürmer Gonzalo Higuain, dessen momentanen Einfluss auf die Serie A Inter-Coach Roberto Mancini mit jenem von Lionel Messi auf Barcas Gegner verglich. Higuain hat Anfang der Woche beide Treffer beim 2:1-Sieg gegen Inter erzielt und führt jetzt mit zwölf Treffern Italiens Torjägerliste an.
Kurz vor dem Spitzenspiel hatte Higuain in einem Interview Benitez ein paar Takte mitgegeben, ohne ihn explizit zu nennen. Napolis aktueller Trainer sei "ein echter Mann", schwärmte der Argentinier im "Corriere della Sera". Der Neue sei einer, der allen gegenüber bescheiden auftrete und das sage, was er denke. "Ehrlichkeit", sagte Higuain, "ist das Allerwichtigste.“ Anscheinend hatte der Stürmer einiges davon unter Benitez vermisst.
Der Mann, der Higuain die Freude am Fußball zurückgegeben hat, heißt Maurizio Sarri. Der 56 Jahre alte Coach, der Empoli in der vergangenen Saison mit den erfrischendsten Fußball der Serie A spielen ließ, wurde in Neapel ob seines einfachen Auftretens mit viel Skepsis begrüßt; viele konnten sich einen auf diesem Niveau unerfahrenen, am Trainingsplatz rauchenden Mann, der im Trainingsanzug statt im schicken Marken-Anzug an der Seitenlinie steht, nicht vorstellen.

Die Überraschung Sarri

Genau dieser Mann hat Neapel dorthin geführt, wo der Verein zuletzt stand, als ein gewisser Diego Armando Maradona noch das hellblaue Trikot trug und die Süditaliener in der Saison 1989/90 zum Meister machte. "Platz eins haben wir dank Sarris Arbeit erreicht“, lobte Präsident Aurelio De Laurentiis. Die Spieler seien perfekt eingestellt, hätten Sarris Theorien aufgesogen und "veranstalten nun ein Spektakel“.
Das belegen auch die Statistiken: Kein Team der Serie A hat sich mehr Torchancen erarbeitet als Neapel, keines spielt mehr Pässe. Sarris 4-3-3-System funktioniert wunderbar, da seine Spieler die Balance zwischen Offensive und Defensive halten: Sowohl die neun Gegentore als auch die erst 31 zugelassenen Torschüsse sind Ligaspitze. "Die Offensive ist der Verdienst der Mütter von Higuain und Insigne“, sagt Sarri bescheiden, "die defensive Stabilität entstammt unserer Arbeit.“
Sarri hat es geschafft, einige Napoli-Schlüsselspieler fußballerisch wiederzubeleben. Dribbelkünstler Lorenzo Insigne, der aus Neapel stammt, zeigt seine Klasse nun verlässlich und regelmäßig, Rückkehrer Pepe Reina, der gegen Inter nach 539 Minuten ohne Gegentor erstmals wieder bezwungen wurde, gibt der Mannschaft im Tor Stabilität, und Kapitän Marek Hamsik, der in der vergangenen Saison weit hinter seinen Möglichkeiten geblieben war, blüht in seiner neuen Rolle im zentralen Mittelfeld wieder auf.
Das Wort "Scudetto“ will Sarri trotzdem nicht in den Mund nehmen. Es auszusprechen, käme einer "Gotteslästerung“ gleicht, sagt er scherzhaft, "und ich möchte nicht exkommuniziert werden“.
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