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Im Sommer 1992 ist Italien in Aufruhr. Der Grund: Gianluigi Lentini, Fußballer, lange Haare, Brilli-Ohrringe.

Bundesliga
Transfers, die grandios scheiterten: Als ein launischer Weltstar beim BVB unterging
27/12/2020 AM 18:33

Der junge Flügelstürmer, 23, hat gerade zwei starke Spielzeiten bei der AC Turin hinter sich gebracht - und ist nun in einen Orkan geraten. Die großen Klubs wollen ihn, Juventus Turin und der AC Milan überbieten sich immer weiter, das sorgt für erhitzte Gemüter. Auf Seite des Calcio wie der Fans.

Torino-Präsident Gian Mauro Borsano pokert hoch und zieht schließlich den Hauptgewinn: Milan sticht Juventus aus. Das Ergebnis: eine Wahnsinnssumme.

Gianluigi Lentini: Vom Talent zum teuersten Fußballer der Welt

18,5 Milliarden Lire, also umgerechnet knapp zehn Millionen Euro kostet Lentini offiziell, nebenbei fließen üppige Handgelder – quasi über Nacht wird der 23-Jährige zum teuersten und bestbezahltesten Fußballer auf dem Planeten. Zum Vergleich: 1990 war Roberto Baggio für ebenfalls sündhafte 15 Milliarden Lire (entspricht heute 7,7 Mio. Euro) vom AC Florenz zu Juventus Turin gewechselt. Lentini toppt den Deal.

Im Jahr 1992 haftet der Tatsache, 18,5 Milliarden Lire für einen 23 Jahre alten Fußballer zu bezahlen, etwas Obszönes an. Das ruft sogar den Vatikan auf den Plan, der die Lentini-Ablösesumme öffentlich als "unanständig" verurteilt. Die Vatikan-Zeitung "L'Osservatore Romano" nennt die Summe einen "Affront gegenüber der Würde der Arbeitswelt" und prognostiziert das "baldige Ende des Fußballs".

"Die Grenze zur Wirklichkeit ist erreicht", stöhnt auch "La Repubblica". Sogar Politiker äußern sich alarmiert. Zwar angelt sich Milan im Sommer 1992 auch noch Jean-Pierre Papin für zehn Millionen Pfund von Olympique Marseille. Doch es ist der Lentini-Deal, der alle bis dato gekannten Grenzen sprengt.

Insgesamt 65 Milliarden Lire für Lentini?

Später kommt sogar heraus: Neben den 18,5 Milliarden Lire soll Milan-Boss Silvio Berlusconi weitere zehn Milliarden Lire über ein Schweizer Bankkonto unter der Hand bezahlt haben. Die Staatsanwaltschaft nahm dazu im Jahr 2000 Ermittlungen auf. An wen das Geld floss, wurde nie aufgeklärt. Auch nicht, wie viel noch. In Milan-Kreisen spricht man heute jedoch offen von der 65-Milliarden-Lire-Operation um Lentini.

Als die Kunde vom Lentini-Transfer die Runde macht, kommt es am Vereinsgelände der AC Turin zu Ausschreitungen. Erboste Fans wollen wahlweise Lentini, der sich kurze Zeit zuvor noch abfällig über den AC Milan geäußert hatte ("Ich mag Berlusconis Philosophie nicht"), und Borsano ans Leder. Aufgebrachte Tifosi schmeißen mit Münzen, setzen Müllcontainer in Brand, demolieren Autos. Die Polizei setzt Tränengas ein.

Lentini äußert kurz darauf Verständnis für die Fans, lässt sich aber auch zu einem nicht gerade klugen Halbsatz hinreißen. Er frage sich nämlich schon, "was passiert wäre, wenn ich bei Juventus unterschrieben hätte".

Für die Torino-Fans ist er fortan ein rotes Tuch. Ein Umstand, mit dem er leben muss. "Man kann sich nicht nur die Rosinen rauspicken", sagt Lentini später: "Ich wollte das Geld und für einen Klub wie Milan spielen, also musste ich für etwas bezahlen. Mein Preis ist es, dass mir die, mit denen ich aufgewachsen bin, nun den Rücken kehren."

Lentini bei Torino: Einmal Fußballmärchen und zurück

Als Lentini gen Mailand aufbricht, ist auf jeden Fall klar: Das zwei Saisons andauernde Fußballmärchen der AC Turin hat ein jähes Ende gefunden.

1990/91 schließt Il Toro die Serie A unter Trainer Emiliano Mondonico als Fünfter und damit sogar vor dem verhassten Erzrivalen Juventus ab. Mit dafür verantwortlich: Der junge Flügelstürmer Lentini, dem die Fan- und Frauenherzen zufliegen.

Gianluigi Lentini (M.) im Trikot der AC Turin

Fotocredit: Imago

Eine Saison später läuft's sogar noch besser: In der Serie A belegt Torino Rang drei, im UEFA-Cup marschieren die Granata bis ins Finale. Auf dem Weg dorthin schaltet man sogar Real Madrid aus (1:2, 2:0) – erst gegen das von Louis van Gaal trainierte Ajax Amsterdam muss man sich im Endspiel letztlich geschlagen geben (2:2, 0:0). Auch, weil die Italiener im Rückspiel dreimal am Aluminium scheitern.

Schon im November 1991, mit gerade mal 21 Jahren und erst ein halbes Jahr zuvor zum Nationalspieler berufen, äußert sich Lentini reflektiert über sein Image als Fußballstar, den sie in Turin auf Händen tragen. "Ich habe Privilegien, von denen ich noch nicht mal zu träumen gewagt habe", sagt er "La Stampa":

"Um in dieser Welt zu überleben, darf man nicht die Realität aus den Augen verlieren. Man muss sich stets professionell verhalten, kleine Schritte gehen und nichts darauf geben, dass mich jemand mit van Gogh oder Picasso vergleicht. Wenn du denkst, du hast es geschafft, bist du in Schwierigkeiten."

Milan braucht eine Frischzellenkur

Im Piemont aufgewachsen, hatte der Spross einer sizilianischen Familie schon früh für Aufsehen gesorgt. Bei seinem Serie-A-Debüt im November 1986 ist er gerade 17 Jahre alt. Nach anfänglichen Erfolgen bei Torino holt er sich 1988/89 den letzten Feinschliff jedoch eine Etage tiefer, in der Serie B ab. An Ancona ausgeliehen, legt er an Robustheit zu, trainiert fleißiger, tankt mit 37 Einsätzen ordentlich Selbstvertrauen. Fouls nimmt er wie Applaus an, sie würdigen sein Spiel.

Zurück in Turin, bestätigt er seine Leistungen, wird zum Jungstar der Liga, dem Boten einer neuen Dekade. Der Lentini-Hype bleibt auch den großen Klubs nicht verborgen. "Er war ein sehr großes Talent: schnell, stark, physisch sehr gut", sagt Fabio Capello, der ihn bei Milan als Trainer unter die Fittiche nimmt, später.

Bei Milan ist 1992 ein Umbruch im Gange. Die Rossoneri haben gerade ein makelloses Jahr ohne Liga-Niederlage hinter sich, doch sie brauchen auch eine Frischzellenkur.

Der Glanz des niederländischen Trios bestehend aus Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard verblasst so allmählich. Im Mittelfeld hat Demetrio Albertini bereits den alternden und verletzungsgeplagten Carlo Ancelotti ersetzt, doch die Offensive braucht langsam aber sicher ein neues Gesicht.

Die goldenen Jahre des Calcio

Weil die Konkurrenz - insbesondere Juventus mit den Transfers von Gianluca Vialli, David Platt und Andreas Möller - munter aufrüstet, bangt Milans Macher Silvio Berlusconi um seine Vormachtstellung auf dem Appenin. Es sind die goldenen Zeiten der Serie A, um die WM 1990 ist der Stiefel der Nabel der Fußballwelt.

Indirekt profitiert davon auch die Bundesliga: 1991 dürfen sich der FC Bayern und der Hamburger SV über je 15 Millionen Mark (ca. 7,5 Mio. Euro) Ablöse für Jürgen Kohler (Juventus) beziehungsweise Thomas Doll (Lazio Rom) freuen.

Es ist diese Gemengelage, die Berlusconi erst zum Papin-Transfer und dann zur absurden Lentini-Ablöse treibt, die den Offensivspieler fortan brandmarkt.

In Mailand legt der gehypte Neuzugang jedenfalls keinen kometenhaften Aufstieg hin. Lentini wirkt überfordert. Schon nach drei Wochen bemerkt Luca Valdiserri vom "Corriere della Sera" an ihm das "Gesicht eines traurigen Milliardärs".

Die Last der Ablösesumme

Seine erste Saison verläuft okay – nicht mehr, nicht weniger. Lentini steht 1992/93 in 45 Pflichtspielen auf dem Feld – sieben Treffer und ein Dutzend Torvorlagen werden jedoch im Schatten der Ablöse als enttäuschend gewertet. In der Nationalmannschaft kann sich Lentini zudem unter Arrigo Sacchi nicht als Stammspieler empfehlen.

Dass er in den Spielen gegen seinen Ex-Klub von den Torino-Fans beschimpft wird, setzt ihm ebenfalls zu. "Lentini, puttana, lo hai fatto per la grana", singen sie: "Lentini, du Hure, du tatest es nur fürs Geld."

Nachdem Milan zwar erneut die Meisterschaft und den Supercup gewinnt, aber das Champions-League-Finale in München mit 0:1 gegen Olympique Marseille verliert, flüstert man in Mailand schon vom "Fehleinkauf" Lentini.

Rudi Völler (Olympique Marseille) und Gianluigi Lentini (AC Milan) im Champions-League-Finale 1993

Fotocredit: Imago

Eine Message kommt falsch an

Bei Milan überlegen Berlusconi und Capello, den verloren wirkenden Lentini auszuleihen, um ihn in einem weniger toxischen Umfeld weiter wachsen zu lassen.

Doch die Message kommt völlig falsch an. "Ich lasse mich nicht ausleihen. Entweder sie verkaufen mich oder ich bleibe hier", sagt ein zunehmend irritierter Lentini, der es allen noch zeigen will.

Im Trainingslager zur kommenden Saison trainiert er wie ein Besessener. "Er hat soviel Masse aufgebaut, Capello hat ihn sogar Tarzan genannt", erinnert sich Berlusconi später. Und doch steuert alles auf eine Katastrophe zu.

Schwerer Crash auf der Autobahn

In der Nacht des 2. August 1993 flieht Lentini aus dem Trainingslager, angeblich um eine Geliebte – die Presse munkelt, es handele sich um die Ex-Frau des italienischen Nationalspielers Toto Schillaci – zu besuchen.

Gegen 2 Uhr nachts verliert er auf der Autobahn zwischen Piacenza und Turin bei Villanova d'Asti die Kontrolle über seinen quietschgelben Porsche.

Einen Tag nach einem Reifenschaden hat er offenbar das Geschwindigkeitslimit der neuen Pneus missachtet. Der Sportwagen kommt ins Schlingern, überschlägt sich und bohrt sich fies in die Leitplanken.

Während der Wagen in Flammen aufgeht, wird ein benommener Lentini von einem Lastwagenfahrer von der Fahrbahn aufgelesen.

Seelische Narben bleiben

Als der Fußballer nach einem kurzzeitigen Koma im Krankenhaus erwacht, hat er keine Erinnerung mehr an den Unfall. Lentini erkennt, dass er wahnsinniges Glück gehabt hat: Ein CT fördert zwar eine schwere Gehirnerschütterung zutage, Lentini hat sich auch zahlreiche Prellungen und Quetschungen zugezogen, jedoch keine Knochenbrüche.

Der Unfall hinterlässt allerdings andere Narben. Über drei Monate dauert es, bis Lentini auf den Trainingsplatz zurückkehrt. Im Dezember steht er wieder im Milan-Trikot auf dem Feld, doch Lentini nimmt kaum Fahrt auf. Schnell wird klar, dass er den Unfall zwar körperlich gut überstanden, aber psychisch nicht gut verarbeitet hat.

"Körperlich war er topfit, aber er hatte eine Blockade im Kopf", beschreibt Alessandro Orlando, der 1993/94 bei Milan spielte, später. "Es war, als stünde nur noch sein Gespenst auf dem Platz", schreibt die "Gazetta dello Sport". Während Milan von Sieg zu Sieg eilt, kommt Lentini auf keine 500 Spielminuten.

Als die Rossoneri im Frühjahr 1994 den FC Barcelona im Champions-League-Finale mit 4:0 demontieren, sieht Lentini ebenfalls nur zu.

Gianluigi Lentini (o.R., 6.v.r.) bei einem Freundschaftsspiel zwischen der AC Milan und dem FC Bayern 1994

Fotocredit: Imago

Lentinis Rekordmarke fällt erst 1996

In der Spielzeit 1994/95 wird Lentini zwar in insgesamt 25 Pflichtspielen eingesetzt, Capello bevorzugt jedoch längst andere. Im Champions-League-Finale 1995 wird Lentini erst sechs Minuten vor Schluss eingewechselt – unmittelbar danach erzielt Patrick Kluivert das 1:0-Siegtor für Ajax.

Lentini ist da immer noch der teuerste Spieler der Welt, spielt aber kaum noch. Erst als im selben Jahr das Bosman-Urteil gefällt wird und Gehälter und Ablösesummen auf dem Fußballmarkt beinahe exponentiell ansteigen, fällt auch Lentinis Weltrekordmarke.

Durch den Transfer eines gewissen Ronaldo Luís Nazário de Lima vom PSV Eindhoven zum FC Barcelona für umgerechnet 15 Mio. Euro wird 1996 ein neuer Ablöserekord erzielt, kurz danach setzt Newcastle United mit der Verpflichtung von Alan Shearer von den Blackburn Rovers mit umgerechnet 18 Millionen Euro sogar noch einen drauf.

Lentini verlässt Milan durch die Hintertür

Um Lentini wird es dagegen sportlich immer ruhiger. Mittlerweile mit einem schwedischen Model verheiratet, stimmt er 1996, mit 27, endgültig einem Leihwechsel nach Bergamo zu seinem Entdecker Emiliano Mondonico zu.

Den Traum vom Weltruhm will Lentini da immer noch nicht aufgeben. "Es würde bedeuten, dass dieser verdammte Unfall mir wirklich alles genommen hat", sagt er in einem Interview im Sommer 1996. Die Saison läuft okay, Sacchi gewährt ihm nochmal ein Länderspiel, sein 13. für die Squadra Azzurra.

Doch Milan will ihn nicht mehr – und Lentini wird nie wieder für die Rossoneri auflaufen. Am Ende sind es nur 96 Spiele (16 Tore).

Zurück in Turin - und mit 31 vertragslos

Vor den Scherben seiner Karriere stehend, folgt er Mondonico 1997 zurück zur AC Turin - in die Serie B. Lentini gibt sich geläutert, die Fans, die fünf Jahre zuvor noch den Aufstand probten, sind skeptisch, doch sie verzeihen ihm. "Das Leben hat mir die Augen geöffnet", sagt Lentini auf dem Weg nach unten.

1999 gelingt Torino noch einmal der Aufstieg, an die Erfolge der frühen 90er können Lentini und die AC jedoch nicht mehr anknüpfen.

Im Gegenteil: Als Torino nach nur einem Jahr wieder in die Serie B absteigt, steht der einstige Milliarden-Transfer, mittlerweile 31, just zur Jahrtausendwende ohne Vertrag da – seine Karriere ist vorbei. "Immerhin habe ich sie, wie immer gewünscht, in dem Trikot beendet, in dem ich sie begonnen habe", sagt er bitter.

Was, wenn alles anders gelaufen wäre?

Zwei Jahre hält sich Lentini noch mit dem sizilianischen Klub Cosenza Calcio in der Serie B, danach folgen nur noch niederklassige Engagements bei der AS Canelli (2004-2008), US Saviglianese (2008/09) AC Nicese (2009-2011) und seinem Heimatklub CSF Carmagnola (2011/12).

Mit 43 - 20 Jahre nach dem verrückten Sommer 1992 - hängt Lentini endgültig die Schuhe an den Nagel.

"Denken Sie manchmal drüber nach, was hätte sein können, was hätte anders laufen können?", wird er 2010 nochmal in einem "Sky"-Interview gefragt.

"Ja, sehr oft sogar", antwortet Lentini, "aber ich sage mir dann immer: Es ist gut so, wie es ist. Ich muss damit zufrieden sein. Die Tatsache, dass Sie heute noch mit mir reden wollen, sagt mir, dass ich schon irgendetwas Bedeutsames erreicht habe in meinem Leben."

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