Juventus Turin - die Gespenster der Vergangenheit geben keine Ruhe

Juventus Turin schreibt nach einem erfolgreichen Jahrzehnt wieder Schlagzeilen, die die Tifosi nie mehr lesen wollten. Dabei ist das sportlich schwache Abschneiden in der Meisterschaft noch nicht einmal das größte Ärgernis. Es geht inzwischen um viel mehr als den Scudetto, die Zukunft des Klubs steht auf dem Spiel. Die für besiegt gehaltenen Gespenster der Vergangenheit drängen an die Oberfläche.

Juventus-Profis Bonucci (li.) und Chiellini (re.)

Fotocredit: Imago

Man würde Pavel Nedved dieser Tage gerne einmal in den Kopf schauen. Den 49-Jährige dürften eine Menge interessanter Gedanken beschäftigen ob der brisanten Lage, in die sich Juventus Turin erneut manövriert hat. Im schlimmsten Fall droht der Vecchia Signora, der Alten Dame, der Zwangsabstieg in die Serie B.
Womit wir wieder bei Nedved sind. Europas Fußballer des Jahres von 2003 erlebte mit Juventus schon einmal die Zwangsversetzung in die 2. Liga.
Infolge eines Manipulationsskandals, der den italienischen Fußball in seinen Grundfesten erschütterte, mussten die Bianconeri in der Saison 2006/2007 in der Serie B spielen. Der gesamte Vorstand um Luigi Moggi und Antonio Giraudo trat zurück, der italienische Fußballverband FICG stellte "strukturierten Sportbetrug" fest und erkannte Turin überdies zwei Meisterschaften ab.
Bemerkenswert: Einige der Stars blieben trotzdem bei Juventus und machten den Gang in Liga zwei mit - darunter Nedved, der im Unterhaus mit klasse Leistungen und elf Saisontoren einer der Garanten des direkten Wiederaufstiegs war.
Die Affäre ging damals unter dem Titel Calciopoli unrühmlich in die Geschichte ein.

Staatsanwaltschaft ordnet Durchsuchungen bei Juventus an

Dunkle Zeiten, die man bei Juventus längst hinter sich wähnte. Umso mehr, nachdem 2010 ein Mann zum Vereinspräsident gewählt wurde, unter dessen Ägide ein furioses Jahrzehnt folgte: Andrea Agnelli, Spross der FIAT-Dynastie und wie schon sein Vater Umberto glühender Juve-Anhänger. Zwischen 2012 und 2020 holten die Weiß-Schwarzen neun Scudetti in Serie.
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Juventus-Bosse Arrivabene, Nedved, Agnelli (v.l.n.r.)

Fotocredit: Getty Images

Und auch international polierte der Rekordmeister seinen Ruf wieder auf. In der Champions League erreichte der Traditionsklub zweimal das Finale (2015, 2017), vor drei Jahren verpflichtete Juventus dann Weltstar Cristiano Ronaldo. Zusammen mit Lionel Messi der größte Name im Weltfußball, aber auch einer, der im Zusammenhang mit neuem Ungemach steht.
Vor rund drei Wochen ordnete die Turiner Staatsanwaltschaft gleich zwei Durchsuchungen des Juventus-Hauptsitzes La Continassa an. Die Behörde ermittelt wegen des Vertrags von Ronaldo und möglicher Bilanzfälschungen. Das Arbeitspapier des im Sommer zu Manchester United abgewanderten Superstars ist aber bei Weitem nicht das einzige Problem für den Verein.

Juventus: Plusvalenza folgt auf Calciopoli

Die Sache könnte deutlich größere Dimensionen annehmen - und hat auch schon einen Namen: Plusvalenza.
Der italienische Begriff kann als Kapitalgewinn übersetzt werden. Bestätigt sich der Verdacht, dass Juventus seine Bilanz mithilfe von Tricksereien bei der Buchführung geschönt hat, wird es ernst für die Turiner, die an der Börse notiert sind. Die reagierte umgehend auf die Ermittlungen, der Kurs der Aktie sank massiv.
Informationen der "Süddeutschen Zeitung" zufolge wird derzeit gegen sieben aktuelle und ehemalige Funktionäre ermittelt. Im Fokus stehen dabei Präsident Agnelli, der einstige Sportdirektor Fabio Paratici - und Nedved. Der 49-Jährige ist inzwischen Vizepräsident bei den Bianconeri und erlebt nun ein Déjà-vu der bitteren Art.
Konkret steht der Vorwurf im Raum, dass Juventus seine Bilanzen der Jahre 2019, 2020 und 2021 gefälscht hat. Um insgesamt 282 Millionen Euro, wie die "Süddeutschen Zeitung" weiter berichtet. Nicht nur der italienische Verband und die UEFA sitzen dem Klub im Nacken, auch die Magistratura, die ordentliche Gerichtsbarkeit, könnte sich in den Fall einschalten.

Aufgepumpte Marktwerte: 42 Fälle bei Juventus werden geprüft

Berichten italienischer Medien wie der "Gazetta dello Sport" zufolge soll Juventus mit künstlichen aufgepumpten Marktwerten relativ unbekannter Profis getrickst haben. Diese wurden dann für überzogene Summen "verkauft", wobei der aufnehmende Verein ebenfalls einen Spieler überbewertete und für denselben Betrag veräußerte. Scheinbar. Denn Geld fließt bei derartigen Finanzjonglagen nicht, auf dem Papier aber steht ein Kapitalgewinn, eine Plusvalenza.
42 dieser Fälle solle es bei Juventus gegeben haben, die nun von der Aufsichtsbehörde des italienischen Verbandes (Covisoc) geprüft werden. Medien wie "calcionapoli24.it" präsentierten dieser Tage genüsslich die Liste dieser Geschäfte. Deutsche Vereine sind demzufolge nicht betroffen. Neben vielen unbekannten Spielern fällt bei der Auflistung Miralem Pjanic ins Auge. Dessen Transfer im Jahr 2020 von Juventus für rund 60 Millionen Euro zum FC Barcelona wird ebenfalls geprüft.
Da ist das sportliche schwache Auftreten in der laufenden Saison - Juventus rangiert auf Platz sieben in der Serie A - fast schon das kleinste Problem in der Via Druento zu Turin.

Schuldenberg kratzt an 400-Millionen-Euro-Marke

Nachdem der Verein das abgelaufene Geschäftsjahr mit einem Minus in Höhe von 209,9 Millionen Euro abschloss und der Schuldenberg auf 389,2 Millionen Euro wuchs, war eigentlich eine Kapitalerhöhung um 400 Millionen Euro vorgesehen.
Die sollte größtenteils über die niederländische Investmentgesellschaft Exor N.V. gestemmt werden, die 63,8 Prozent der Juventus-Aktien hält und im Besitz der Familie Agnelli ist. Ob es nach den jüngsten Entwicklungen noch dazu kommt und ob andere Aktionäre noch die Lust verspüren, mitzuziehen, ist fraglich.
Es wird heikel für die Chefetage um Agnelli, Nedved, Geschäftsführer Maurizio Arrivabene und Sportchef Federico Cherubini. Die Gespenster der Vergangenheit drängen mit Macht an die Oberfläche und man würde wirklich gerne wissen, was den Herren derzeit so durch den Kopf geht ...
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"Von blanker Gier getrieben": UEFA-Chef grillt Juventus und Konsorten

Quelle: SNTV

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