Sigi-Heinrich-Blog | Strafe für Jubel: Hat Klopp übertrieben?
Publiziert 05/12/2018 um 16:52 GMT+1 Uhr
Der angeblich übertriebene Jubel von Jürgen Klopp beim Last-Minute-Treffer im Merseyside Derby zog eine Geldstrafe nach sich. Emotionen im Sport sind unvermeidbar und gehören einfach dazu. Doch wo liegt hier die Grenze? Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich beleuchtet in seinem Blog seine Sicht der Dinge und erklärt, warum sich Emotionen im Sport nicht vermeiden lassen.
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Fotocredit: Eurosport
Es gibt da eine Tonne. Nicht irgendeine. Sie ist aus Pappe, hat ein Loch im unteren Bereich und steht heute in der sogenannten "Erlebniswelt" des FC Bayern München in der Säbener Straße.
Wäre sie aus Stahl oder einem anderen festen Material, hätte sich anno 1997 Jürgen Klinsmann garantiert den Fuß gebrochen, denn er war über seine Auswechslung in der 80. Minute im Spiel gegen den SC Freiburg (übrigens 0:0 damals) durch Trainer Giovanni Trapattoni so sauer, dass er seinen Frust mit dem Tritt an die Werbetonne ausgelassen hat, die das nicht unbeschadet überstand und heute ein Kultgegenstand ist.
Unbeherrscht war "Klinsi" damals und wohl auch nicht Herr seiner Sinne in diesem Moment. "Vai a cagare", rief er damals noch seinem Coach zu. Er sprach ja italienisch. "Verpiss dich". Das nenne ich einen ungebührlichen Ausraster. Ja mehr noch. Flegelhaftes Verhalten und fehlgeleitete Emotionen. Heute lachen alle darüber.
Kompliziertes Emotionsregelwerk
Dagegen, bitte, ist doch Jürgen Klopps Sturmlauf in die Mitte des Spielfeldes, nach einem Siegtor seines FC Liverpools in der Nachspielzeit, ein harmloser Akt. Zumal nach einem ganz und gar auch noch völlig verrückten Tor. Jetzt muss er dafür 9000 Euro Strafe zahlen. Gut, das trifft ihn jetzt nicht an seinem Lebensnerv. Die Miete für den nächsten Monat ist noch drin. Aber er hat gegen Regeln verstoßen, die, so mein Eindruck, oft positive Emotionen verhindern sollen.
Das Trikot etwa darf man sich auch nicht mehr über den Kopf ziehen nach einem Tor. Als wenn das so fürchterlich ist. Da kommt ja schließlich kein Burger-Friedhof zum Vorschein. Und die Coachingzone darf man nur bei außergewöhnlichen Ereignissen verlassen. Ist jetzt auch Interpretationssache.
Bin auf Klopps Seite
Ich bin da ganz und gar auf Klopps Seite, wenngleich man natürlich solche Aktionen nicht übertreiben darf. Aber Hand aufs Herz: Sie sind nicht geplant oder Teil einer Inszenierung. Solche Gefühlsausbrüche schleichen sich nicht ein. Sie packen Dich, sie verführen Dich, sie setzen Kontrollfunktionen außer Kraft. Ganz und total.
Aber sie sind nicht gefährlich. Es gehört zum Wesen des Sports, dass er seine Faszination eben auch aus den gelebten und erlebten Gefühlen heraus lebt.
Der kleine Teufel muss an die Luft
Fäuste, die geballt werden wie bei Martin Fourcade im Biathlon, wenn er weiß, dass er wieder mal gewonnen hat und sich zu den Fans umdreht. Das wird ihm oft als Arroganz ausgelegt, dabei ist es nur ein Befreiungsschlag.
Der kleine Teufel, der in jedem Sportler steckt, der gefüttert wird von Erwartungen und hohem Leistungsdruck, der muss raus. Hüpfen, schreien, kreischen, umarmen, springen, küssen, weinen, lachen. Mensch sein halt. Der Sport ermöglicht Grenzerfahrungen, die der normale Alltag nicht ermöglicht. Wer nie Sport getrieben hat, wird diese Ebene der Gefühlswelt nie erleben. Und das ist schade.
Emotionale Erinnerungen
Ich kann mich noch erinnern, wenn es ausnahmsweise mal gestattet ist: Als wir Oberlandmeister in der Jugend wurden, mit der Fußballmannschaft des TSV Wolfratshausen, ich war damals 17 Jahre alt und Torhüter, haben wir unseren Trainer, der immer im Anzug auf der Bank saß (das war so eine Marotte von ihm), vollbekleidet unter die Dusche gestellt und wir haben gejohlt und gesungen und danach: Na ja, ein paar Bierchen getrunken. Vielleicht auch ein paar viele.
Und später war ich als Trainer der Volleyballer des TV Bad Tölz nach dem Klassenerhalt in der Landesliga nicht mehr einzufangen. Ich bin die Halle rauf und runter gerannt, auf die Sprossenwand geklettert. Ich wollte am liebsten durch die Wand laufen und die Welt umarmen. Ich war außer mir, außer Kontrolle gewissermaßen und ja, ich war vorher schon auf die Tribüne verbannt worden von den Schiedsrichtern. Kloppsches Verhalten sozusagen.
Radioreporter, die ausflippen
Man glaubt es kaum, was Emotionen alles ausrichten können. Und glücklicherweise zügelt der Sport sie meist in positive Bahnen. Auch das ist ein Antrieb für alle, die sich in diesem Metier bewegen.
Und um noch einmal auf Klopp zurückzukommen. Ich habe mir die Radioreportage der englischen Kollegen angehört. Auch die sind ausgeflippt nach dem Siegtor. Nur konnten sie nicht aufs Spielfeld rennen, weil sie von ihren Kopfhörern in der Kabine festgehalten wurden. So geht es mir auch immer.
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