Spanien zeigt, was Deutschlands Nationalmannschaft fehlt

Spanien startet den Neuanfang nach einer verkorksten WM mit furiosen Auftritten gegen England (2:1) und Kroatien (6:0) - worauf man aus deutscher Sicht durchaus neidisch sein kann. Luis Enrique scheint jedenfalls dort durchzugreifen, wo Joachim Löw noch zögert. "Ich weiß wo ich ansetzen muss", sagt er - ist aber auch mit Spielertypen wie Marco Asensio, Saúl Ñíguez oder Rodrigo Moreno gesegnet.

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Spanien ist wieder glücklich. "Vorführung! Dieses Spanien sorgt für Euphorie", freute sich die Sporttageszeitung "Mundo Deportivo" über das 6:0 in der Nations League über Vize-Weltmeister Kroatien. "Die Zukunft ist hier!", titelte "Sport", und "El Mundo" bilanziert:
Keine Frage: Der Umbruch nach einer verkorksten WM lässt sich bei der Seléccion gut an. Da kann man aus deutscher Sicht durchaus neidisch sein. Ein Vergleich.

Personeller Umbruch I

Neuer Anfang, neuer Trainer - mit Luis Enrique sogar ein Triple-Coach (2015 mit dem FC Barcelona). Ein neuer Mann war nach dem Rauswurf von Julen Lopetegui unmittelbar vor WM-Start aber auch zwingend nötig.
Mit Enrique auf der Bank war der Neustart nach dem frühen WM-Aus (Achtelfinale gegen Russland) aber auch unbeschwerter, leichter, frei von Altlasten möglich. Ein bisschen so, als wenn Jürgen Klopp das DFB-Team nach der WM übernommen hätte.
"Er hat einen besonderen Charakter", sagt Jorge Ordas, Experte bei Eurosport.es in Madrid:
Besonders mit Kapitän Sergio Ramos liegt Enrique auf einer Wellenlänge - und die ungewöhnliche Madrid-Barcelona-Phalanx zeigte gegen Kroatien bereits Wirkung.
"Luis Enrique hat uns Seelenfrieden gegeben", sagte Saúl Ñíguez: "Wir spüren den Enthusiasmus, aber wir können immer noch Dinge verbessern."

Personeller Umbruch II

Während bei Deutschland mit Mario Gomez und Mesut Özil zwei wichtige, aber auch nicht unumstrittene Spieler nach der WM ihren Rücktritt erklärten, muss Enrique bei Spanien künftig ohne Andrés Iniesta, David Silva und Gerard Piqué klarkommen. Ein Einschnitt, der den neuen Coach zu vielen Änderungen zwang.
Während Löw im ersten Spiel nach der WM (0:0 gegen Frankreich) "nur" vier neue Spieler im Vergleich zum letzten Spiel in Russland aufbot, änderte Enrique sein Team gleich auf sechs Positionen.
"Spieler wie Sául oder Asensio bilden jetzt das Gerüst des Teams, nachdem sie bei der WM nur ein paar Minuten oder gar nicht gespielt haben", sagt Ordas von Eurosport.es.
Dass Enrique überraschend Jordi Alba von seinem Ex-Klub FC Barcelona zuhause ließ, sorgte in Spanien für Verwunderung - der Erfolg gegen England (2:1) und Kroatien (6:0) mit Marcos Alonso bzw. José Gayá als Linksverteidiger gab ihm aber Recht.
"Ich war total überrascht, als er anrief", sagte Gayá und ist nun Feuer und Flamme für Enrique: "Ich will mehr, ganz klar."
Keine Frage - Enrique hatte sich top auf den Job vorbereitet. "Ich bin erfreut, wie gut es bereits gelaufen ist", sagte er am Dienstagabend. "Ich analysiere jedes Detail, aber ich wusste vorher bereits ziemlich genau, wo ich ansetzen und was ich tun muss", so Enrique weiter. Äußerst souverän.

Analyse des Scheiterns

Die Aufarbeitung der WM-Havarie erfolgte bei Spanien nicht in einer langgedehnten, aber inhaltlich eher schwachen Pressekonferenz oder in Gesprächen mit Stakeholdern. Der Verband RFEF legte sein Schicksal ganz einfach in die Hände eines ausgewiesenen Fachmanns: Luis Enrique.
Dass Persönlichkeiten wie Iniesta, Piqué und Silva - unter Lopetegui noch unangefochtene Stammspieler - ihren Rücktritt erklärten, half dem neuen Trainer sogar, weil er seine frischen Ideen gleich mit jungen, hungrigen Spielern ausleben konnte.
"Was mir am meisten gefallen hat, war die Einstellung meiner Spieler", sagte Enrique nach dem 6:0 gegen Kroatien.
Mit der Versorgung durch den Nachwuchs hat Spanien ohnehin kein Problem - wohl dem, der beim Neuaufbau nach einer verkorksten WM auf Spieler wie Marco Asensio (22), Dani Ceballos (22), Saúl Ñíguez (23) oder José Gayá (23) zurückgreifen kann.
"Im Kern ist der Kader sicherlich noch derselbe wie in Russland", sagt Ordas, "und es ist auf den ersten Blick vielleicht auch schwer zu verstehen, wie ein Team innerhalb von zwei Monaten an Russland scheitern, dann aber den Vizeweltmeister 6:0 schlagen kann." Der springende Punkt:

Neue Visionen

Wie Deutschland erklärte Spanien nach der brotlosen Passorgie gegen Russland den Ballbesitzfußball für überholt - der phasenweise seltsam überhöhte Begriff "Tiki-Taka" wird mittlerweile auch in Spanien nicht mehr uneingeschränkt positiv gesehen.
"Die WM war der Tiefpunkt und wird auch als solcher angesehen. Spanien spielt jetzt deutlich aggressiver, vertikaler und mit weniger 'Tiki-Taka'", fasst Ordas die Erkenntnisse aus den beiden Nations-League-Spielen zusammen.
Ähnlich hat auch Löw das deutsche Spiel analysiert - allerdings steht ihm für die spieltaktische Neuausrichtung nicht das Spielermaterial wie Enrique zur Verfügung.

Ein starker Block

Wie Löw, der gegen Frankreich gleich sechs Spieler des FC Bayern München ins Rennen schickte (Neuer, Boateng, Hummels, Kimmich, Goretzka, Müller), setzte Enrique in der Nations League auf einen starken Block - überraschend aber nicht mehr vom FC Barcelona, sondern von Real Madrid.
Gegen Kroatien standen sechs Real-Spieler zum Anpfiff auf dem Feld - das hatte es in der Selección zuletzt 2002 unter Iñaki Sáez gegeben.
"Die Basis dieses Teams stammt aus Madrid", stellte Enrique auch verbal unmissverständlich klar, wenngleich ihm angeblich gar nicht aufgefallen war, auf wie viele Real-Spieler er gegen Kroatien gesetzt hatte.
"Ich stelle danach auf, was ich im Training sehe", sagte er, "ich achte nicht drauf, wer wo im Verein spielt. Ich sehe keine Teams, ich sehe nur Spanien, nichts anderes."

Ein Mittelstürmer

Seit dem Rücktritt von Miroslav Klose sucht das DFB-Team nach einem starken Mittelstürmer. Mario Gomez war es nie (und trat jetzt zurück), Sandro Wagner hat Löw vergrault, Nils Petersen traut der Bundestrainer nur die Jokerrolle zu.
Enrique dagegen hat mit Diego Costa keine Sorgen; fällt der bullige Stürmer von Atlético Madrid einmal aus, dann hat er mit Rodrigo einen anderen gebürtigen Brasilianer - vom erneut nicht nominierten Álvaro Morata gar nicht zu sprechen.
"Er ist ein sehr vielseitiger Angreifer", lobte Enrique den gegen England und Kroatien erfolgreichen Valencia-Stürmer. "Er ist vielleicht kein klassischer Mittelstürmer, aber er hat alles, was es braucht: Er kann sich freilaufen, hat einen guten Schuss und ist torgefährlich."
Dass er zunächst auf Iago Aspas verzichtet hatte, korrigierte er, als sich Costa angeschlagen abmeldete. Enrique nominierte Aspas nach und stellte den 31-Jährigen gegen England sogar gleich in die Startelf: "Er hat eine gute Partie gemacht und ordentlich trainiert", lobte der Coach und gestand ein:
Nicht das Schlechteste...
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