Länderspiele im Risikogebiet: Der Fußball stellt sich ins Abseits

Halb Europa ist im Lockdown, aber in ganz Europa reisen eifrig die Nationalmannschaften umher, begleitet von immer wieder auftretenden positiven Corona-Tests. Die Nations League der UEFA aber nimmt keine Rücksicht auf Risikogebiete, der Fußball scheint nicht aufzuhalten - und stellt sich damit selbst ins Abseits in dieser Krise. Ein Kommentar von Sigi Heinrich.

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Es ist doch ein wahnsinniges Glück, dass wir gerade diese unübersichtliche Corona-Zeit durchmachen. So ist der Himmel über uns nämlich wie leergefegt.
Die Stare haben längst ihr Winterquartier erreicht. Und die Flugzeuge der großen Airlines stehen sich am Boden selbst im Weg. Die Regierenden Europas stolpern nämlich von einer Reisewarnung in die nächste, ersuchen uns händeringend, Kontakte zu vermeiden, oder verbieten sie einfach, wenn sie, was leider häufig der Fall ist, keinen anderen Ausweg mehr finden.
Dennoch sind die Fluglotsen in ganz Europa nicht im Lockdown. Sie werden ordentlich beschäftigt und müssen momentan sogar extrem aufmerksam sein, denn wichtige Fracht schwirrt derzeit durch die Lüfte. Die besten Kicker Europas haben abgehoben.
Angetrieben vom Spielplan der UEFA für die seltsame Nations League, geht es für die Auswahlmannschaften kunterbunt quer durch den Kontinent. Der Fußball schert sich einen Teufel um irgendwelche flammenden Appelle oder gar um Verbote. Anstoß. Los geht's. Würde man die verschiedenen Orte, an denen in diesen Tagen gespielt wird, auf einer Tafel markieren und sie mit Strichen verbinden: Wir hätten ein schier unübersichtliches Spinnennetz.
Die deutsche Kanzlerin hat natürlich darüber kein Wort verloren. Wenn es um Fußball geht, ist alles möglich. Hätte sie nicht gerade Markus Söder an der Hacke in Berlin, der nie macht, was sie will, hätte sie vielleicht sogar die DFB-Auswahl in Leipzig besucht. Sie mag die Kicker, weil die so schmuck sind und erfolgreich. Zumindest war das früher mal der Fall. Sie steht damit allerdings nicht alleine auf weiter Flur. Die führenden politischen Köpfe Europas schützen den Fußball, als ginge es um Tod oder Leben.

Glückliches Ergebnis - und positive Tests

Aber genau darum geht in Wirklichkeit. Um Leben und Tod und auch darum, dass wir, die tumbe Masse, verstehen sollen, dass man uns Bürger für dumm verkaufen kann. Leider. Das Länderspiel gegen die Ukraine hat das noch einmal drastisch deutlich gemacht. Die ukrainische Nationalmannschaft musste gegen Deutschland auf vier Stammspieler verzichten, die positiv auf Corona getestet worden waren. Das Gesundheitsamt in Leipzig erlaubte dennoch einen Spielbeginn. Deutschland gewann gegen dieses Rumpfteam 3:1 mit drei Pfostenschüssen der Ukraine.
Hinterher und auch während des Spieles wurde der tolle deutsche Sturm gelobt. Schnelle Jungs. Der Überfluss an guten Mittelfeldspielern wurde erwähnt. Die Abwehr ein wenig kritisiert. Ansonsten positiv. Wären die drei Schüsse der Gäste statt jeweils an den Pfosten im Netz gelandet, hätte das Match auch 4:3 für die Ukraine ausgehen können.
Doch dieses Szenario hat man genauso elegant umschifft wie die Tatsache, dass am Tag danach bekannt wurde, dass zwei Spieler der Ukraine, die mitgespielt haben, wohlgemerkt positiv auf Corona getestet wurde. Die beiden Kicker hatten also während des Spieles direkten Kontakt mit elf deutschen Spielern und neun aus ihrer Mannschaft. Mindestens. (Mittlerweile kam ein weiterer Spieler hinzu, der allerdings nicht gegen Deutschland eingesetzt wurde).

Schlag ins Gesicht der wahren Helden

Also, so flüstert mir mein Hausverstand zu, hätten jetzt alle an diesem Spiel beteiligten Akteure eigentlich in Quarantäne geschickt werden müssen, egal ob es einen negativen Corona-Test hinterher gab. Im normalen Leben ist das jedenfalls so. Bei einem Nachweis von COVID-19 wird das kontaktierte Umfeld ausgeforscht, um weiteren Infektionen vorzubeugen oder sie zumindest zu lokalisieren.
Gilt nicht für den Profi-Fußball. Gegenüber allen, die unter Einsatz ihres Lebens gegen Corona kämpfen in den Krankenhäusern oder Altenheimen. Gegenüber allen, die trotz schwierigster Arbeitsbedingungen in den Supermärkten unsere Versorgung garantieren. Gegenüber allen, die diese Krise an die Grenzen ihrer Belastung im Leben führt, ist das, was der Fußball uns zumutet, ein Schlag ins Gesicht.

Der Fußball stellt sich ins Abseits

Die UEFA schreitet nicht ein. Im Gegenteil. Sie befeuert die Corona-Krise noch, indem sie auf diesem Reise-Wahnsinn besteht. Kreuz und quer. Von Süden nach Norden, von Westen nach Osten. Er sei, sagt der deutsche Bundestrainer Joachim Löw, als Trainer froh, dass die Spiele stattfinden.
Sollen wir auch froh sein? Ehrlich, wir haben andere, ganz andere Sorgen. Übrigens: Die deutsche Mannschaft reiste nun nach Spanien (Risikoland), die Ukraine packte COVID-19 ins Gepäck und besucht die Schweiz - wo erst nach neuen Fällen die Partie abgesagt wurde. Die Engländer haben ein Gastspiel in Belgien. In beiden Ländern tobt das Corona-Virus ungebremst.
Die Slowenen, die gerade sogar die Bahnlinien lahmgelegt haben und einen totalen Lockdown fahren, besuchen Griechenland, wo hohe Strafen drohen, wenn man die Wohnung ohne Ausnahmegenehmigung verlässt (der Präsident der UEFA ist übrigens der Slowene Alexander Ceferin). So könnte ich das ewig weiterführen. Ohne Pause, geschockt vom Unverständnis der kickenden Zunft für die derzeitigen schwierigen Wahrheiten im Leben.
Die Kicker haben sich für mich ins Abseits manövriert. Und dazu brauche ich keinen Videobeweis. Dazu reicht der Hausverstand.

ZUR PERSON SIGI HEINRICH:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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Quelle: Perform

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