Deutschland-Schweiz: Was die Nationalmannschaft noch lernen muss
Publiziert 14/10/2020 um 10:07 GMT+2 Uhr
Ein trostloser Rahmen und dazu passend eine schaurig-schöne Achterbahnfahrt. Hier ist nicht die Rede von einem Jahrmarkt in Corona-Zeiten, sondern vom Auftritt der deutschen Nationalmannschaft beim 3:3-Unentschieden gegen die Schweiz in der Nations League. Dabei leisteten sich Jubilar Toni Kroos & Co. teils katastrophale Abwehrfehler und brillierten andererseits mit kreativem Angriffsspiel.
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Es gab doppelten Anlass zu feiern. Daher war DFB-Präsident Fritz Keller nach Spielende in die Mannschaftskabine gekommen, um eine kurze Ansprache für die beiden Jubilare zu halten. Joshua Kimmich hatte gerade sein 50. Länderspiel bestritten, Toni Kroos, sein Nebenmann im Mittelfeld, gar seinen 100. Einsatz für die Nationalelf hinter sich. Auf die Lobeshymnen folgte dicker Applaus. Hoch sollen sie leben!
Ansonsten war der Rahmen in Köln traurig und trostlos - wegen der zu rasch in die Höhe geschnellten Inzidenz-Werte musste das Nations-League-Duell gegen die Schweiz als Geisterspiel ausgetragen werden. Das 3:3 selbst erinnerte an eine Fahrt in der Geisterbahn auf einem Jahrmarkt. Ein schaurig-schönes Schauspiel, doppelt erschreckend. Mal wurde gruselig schlecht verteidigt, mal überraschend kreativ angegriffen.
Eine wilde Fahrt. "Es ging hin und her, brutal intensiv", meinte Bundestrainer Joachim Löw und bezeichnete die Partie als "offenen Schlagabtausch von beiden Mannschaften". Für beide Trainer sei es "sehr interessant" gewesen, da "beide Mannschaften den Weg nach vorne gesucht haben". Man könne, so Löw, "viel aus dem Spiel mitnehmen". Unterm Strich: Viel anstehende Arbeit und etwas Hoffnung.
Die Elf von Bundestrainer Joachim Löw holte gegen bissige und mutige Schweizer zunächst einen 0:2-Rückstand auf, schaffte auch nach dem 2:3 noch den Ausgleich. Wieder wurde es ein 3:3 wie vor sechs Tagen gegen die Türkei. Nach dem recht faden Arbeitssieg vergangenen Samstag in der Ukraine (2:1) geriet die nächste Nations-League-Herausforderung zur echten Reifeprüfung acht Monate vor Beginn der wegen der Corona-Pandemie auf 2021 verschobenen EM.
Das Gefälle zwischen Abwehr und kreativem Angriff ist zu groß
Die Wertung in aller Kürze: Defensiv teils katastrophal (in den drei Oktober-Länderspielen kassierte man sieben Gegentore!), offensiv mit Lichtblicken und sehenswerten Treffern durch Timo Werner, Kai Havertz und Serge Gnabry. Die Schweizer, im Jahr 2020 noch ohne Sieg, hatten das DFB-Team am Rande einer Niederlage. Weil die Mannschaft immer wieder zurückkam, wertete Löw die Lernkurve als positives Signal. "Man hat gemerkt, dass der Geist in der Mannschaft stimmt, das spricht für eine gute Moral", befand der Bundestrainer. Jedoch hatte man durch eine schlechte Abstimmung und schlimme Fehlpässe erst die jeweiligen Rückstände provoziert.
Spielte auch Löws Rolle rückwärts eine Rolle? Denn überraschend stellte der Bundestrainer im Vergleich zu den letzten Partien wieder von Dreier-auf Viererkette um. Die Systemfrage war ein zentrales Element der Diskussionen der letzten Tage rund um die taktische Ausrichtung des Bundestrainers gewesen. Ihm wurde wegen so mancher Aussage ("Ich stehe über den Dingen, was Kritik betrifft"), Arroganz vorgeworfen, er schotte sich ab und negiere die Stimmen der Kritiker. Löw wehrte sich, insistierte auch am Dienstagabend in Köln mehrmals, dass er auf taktische Variabilität setze.
Ein hehres Ziel. Und doch zu viel an Lernstoff für die junge Mannschaft, die nach der Ausmusterung durch Löw auf routinierte Abwehrkräfte wie Mats Hummels und Jérôme Boateng verzichten muss? Überfordert der 60-Jährige sein Team? Scheint so, als wolle er es reizen, ganz bewusst.
Die Balance stimmt nicht
Das Gefälle zwischen starker Offensive mit sehenswert herausgespielten Treffern und der teils haarsträubenden Defensive bestimmt die Analysen des Spiels. "Nach vorne waren gute Aktionen dabei, hinten haben wir aber auch den ein oder anderen Fehler gemacht", meinte Löw und beschwichtigte: "Das gehört zum Prozess. Aus solchen Fehlern kann man gestärkt hervorgehen." Die Jubilare äußerten sich ebenfalls nur semi-zufrieden. Für Kroos habe man "beim ersten und dritten Tor schon sehr mitgeholfen."
Wenn es drei Gegentore gibt, ist es defensiv nicht gut." Die Balance in der Mannschaft, stets ein Lieblingsbegriff von Bayerns erstem Triple-Trainer Jupp Heynckes, stimmt noch nicht. Kimmich meinte: "Ich will nicht alles schönreden, aber es war ein Schritt in die richtige Richtung. Wir müssen daran arbeiten, unsere PS auf die Straße zu bringen." Jungstar Kai Havertz, einer mit sehr viel PS, argumentierte ziemlich abgeklärt: Wir befinden uns noch immer in einem Prozess, haben eine junge Mannschaft. Wir lassen uns von unserem Weg nicht abbringen."Da hat er wohl seinem Chef gut zugehört. Löw machte mit Blick auf die nächsten Monate in Optimismus: "Wir haben noch ein paar Spiele bis zur EM, entscheidend ist die Vorbereitung und dass alle Spieler gesund sind. Die Mannschaft hat wirklich Potenzial. Wenn wir da noch ein paar Dinge korrigieren, können wir uns darauf freuen." Das Halbfinale sei "das Minimumziel". Ob es dann im Sommer 2021 einen richtigen Anlass für eine Kabinenparty gibt?
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