Die deutsche Nationalmannschaft legte am Samstag die 180 Kilometer Luftlinie von Stuttgart nach Basel per Charterflug zurück, statt die rund 260 lange Kilometer Strecke per Bus oder Zug zurückzulegen. Die Anreise am Samstag hatte im Internet für Empörung gesorgt. Viele Fans kritisierten scharf, dass der kurze Charterflug nicht zu dem Nachhaltigkeitskonzept passe, dem sich der DFB öffentlich verschrieben habe. "Wären wir mal besser auf dem Boden geblieben", sagte Rio-Weltmeister Per Mertesacker süffisant im "ZDF".

Fußball
Comeback-Tor nach 18 Jahren: Robben knipst erstmals wieder für Groningen
06/09/2020 AM 16:24

Zu dieser Erkenntnis könnte angesichts der heftigen Fan-Reaktionen vielleicht auch der DFB gelangt sein. Zumindest zeigte man im Verband zwei Tage nach dem Kurzflug am Samstag Verständnis für die Aufregung - doch die Entscheidung gegen einen klimafreundlicheren Transport mit dem Bus oder der Bahn wird öffentlich weiterhin verteidigt.

"Wir können die kritischen Stimmen nachvollziehen und nehmen die entstandene Diskussion zum Anlass, uns zu hinterfragen, wie wir künftig die wichtigen Aspekte Umwelt und Nachhaltigkeit stärker in unseren Planungen und Entscheidungen berücksichtigen können", wird DFB-Direktor Oliver Bierhoff auf der Verbands-Internetseite zitiert.

Aus Gründen der Hygienesicherheit und der besseren Regeneration sei das Flugzeug jedoch "die bessere Wahl gegenüber einer dreieinhalbstündigen Busfahrt oder der Fahrt mit der Bahn mit Umsteigen" gewesen, argumentierte Bierhoff. Man habe angesichts des vollgepackten Terminplans in dieser Saison auch eine Verantwortung den Klubs gegenüber, "damit die Spieler gesund zurückkehren".

Auch Pressesprecher Jens Grittner wies die Kritik zurück und erklärte, dass die Anreise mit einem Charterflug notwendig gewesen sei. So sei Zugfahren aufgrund der Corona-Hygieneregeln als Transportmittel nicht infrage gekommen, da die Spieler durch das nötige Umsteigen auf der Strecke zu viel Kontakt außerhalb des Mannschaftskreises gehabt hätten. Er fügte an: "Mit dem Bus wären es wahrscheinlich 3,5 Stunden gewesen. Das ist für Profisportler nicht das Ideale und unter Regenerationsaspekten nicht optimal mit solch einem Rhythmus."

Kehrer erklärt Flugzeug-Anreise

Auch Rechtsverteidiger Thilo Kehrer äußerte sich nach der Partie zu der Anreise: "Zwischen dem Spiel gegen Spanien und der Schweiz haben wir alles daran gesetzt, so schnell wie möglich zu regenerieren und die bestmögliche Fitness zu haben. Da ist es schon ein Unterschied, ob man drei oder dreieinhalb Stunden sitzt oder 45 Minuten. Das Sitzen oder Nicht-Bewegen ist für die Regeneration nicht optimal."

Außerdem, so heißt es aus dem DFB, sind Charterflüge die klare Empfehlung der UEFA bezüglich der Anreise in Corona-Zeiten. Bei vielen Fans stießen diese Argumente aber auf taube Ohren, für sie war die Aktion einzig dem größeren Komfort geschuldet und ein weiterer Beweis für die Entfremdung des Profifußballs von der Basis. Auch ZDF-Kommentator Oliver Schmidt hatte den Flug während des Spiels live kritisiert, und selbst der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) meldete sich zu Wort. "Das war absolut unnötig", sagte BUND-Verkehrsexperte Jens Hilgenberg dem "SID": "Ich hätte mir von der Nationalmannschaft ein kleines Zeichen für den Klimaschutz gewünscht."

Dass der DFB die Anreise auf seinen Netzwerkseiten auch noch mit einer Fotostrecke prominent dokumentierte, machte die Sache für die meisten natürlich nicht besser. "Dumm", "asozial", "zukunftsvergessen" - die Kritik war heftig und dürfte ein schwerer Rückschlag für die Nationalmannschaft im Bestreben nach größerer Fannähe sein.

Dass das DFB-Team mit dem Pflichtspiel in der Schweiz (6,51 Millionen Zuschauer) das Quoten-Duell gegen den frisch aus der Sommerpause zurückgekehrten ARD-Tatort (8,26) verlor, sollte den Verantwortlichen zu denken geben. Im Vorfeld war sich Bundestrainer Joachim Löw noch sicher gewesen, dass sich der Fußball gegen das beliebte Krimi-Format "durchsetzt".

Ein Zuschauer, der sich für das Länderspiel entschied, nahm die Flugreise zum Anlass für einen spöttischen Twitter-Kommentar: "Partie wie DFB-Anreisen: Alles ohne Zug."

(mit SID)

Das könnte Dich auch interessieren: Die DFB-Leisetreter: Eine Frage der Reife

Süle: "Mannschaft bei EM bereit, um den Titel mitzuspielen"

La Liga
Der Streik ist vorbei: Messi bleibt - und mit ihm die Fragen
06/09/2020 AM 11:45
UEFA Nations League
Matthäus kritisiert Gündogan: "ein No-Go"
08/09/2020 AM 13:15