Deutschland ist nach der Niederlage gegen Frankreich in der alten, neuen Realität angekommen: Frust nach Pleite groß

Das 1:2 gegen Portugal und die 0:2-Pleite gegen Frankreich sind für Bundestrainer Julian Nagelsmann "zwei bittere Ergebnisse", doch sie zementieren das aktuelle Leistungsniveau des DFB-Teams ziemlich genau. Wie konnte aus der Euphorie der Heim-EM 2024 nun solch ein Durchhänger werden? Im Herbst, wenn der mit der WM-Qualifikation der Alltag beginnt, kann die Nationalelf nur noch verlieren.

Nagelsmann: "Können in zwei Jahren nicht die Welt einreißen"

Quelle: Eurosport

Wie sich die Bilder gleichen: wieder Stuttgart, die Arena von Hausherr VfB im Stadtbezirk Bad Cannstatt. Erneut war es ein schwül-warmer Sommernachmittag.
Und am Ende ließen die deutschen Spieler wieder die Köpfe hängen, gingen auf eine Ehrenrunde, in der sie von den Fans getröstet wurden. Auf der anderen Seite freuten sich die Gegenspieler, wenn auch die Franzosen diesmal nicht so ausgelassen feierten wie die Spanier vor elf Monaten. 
Natürlich ging es bei der EM 2024 um mehr als bei diesem Mini-Turnier, der Nations-League-Endrunde. Dennoch herrschte bei der deutschen Nationalmannschaft erneut dieses Gefühl der Leere, der Enttäuschung nach dem verdienten 0:2 gegen Frankreich im Spiel um den Trostpreis, um Platz drei.
Diesmal jedoch kanalisierte sich die Wut nicht auf den Schiedsrichter wie an Ort und Stelle nach dem Handspiel des Spaniers Marc Cucurella, das auch zur 1:2-Niederlage in der Verlängerung und dem Aus im Viertelfinale führte, sondern auf die eigene Fahrlässigkeit, den massiven Chancenwucher.
"Gerade, wenn man die erste Halbzeit sieht, müssen wir nach sechs Minuten 3:0 führen, dann haben wir einen anderen Nachmittag", monierte Kapitän Joshua Kimmich bei "RTL" und dachte an die Möglichkeiten der Offensive um Niclas Füllkrug, Nick Woltemade und Karim Adeyemi.

"Keinen Bock zu gewinnen"

Kimmichs Analyse: "Dann gehen wir unglücklich in die Pause. Wir haben zu früh die Geduld und die Struktur verloren. Wir haben einen Konter nach dem nächsten gefangen, zu viele Fehler gemacht. Für die Franzosen war es ein perfektes Spiel."
Beinahe geschenkt. Auch der 30-Jährige trug mit seinem Patzer dazu bei als er kurz vor der Pause einen Flankenball unterschätzte, dadurch falsch stand und Kylian Mbappé nahezu unbedrängt im Strafraum zum Abschluss kam – das 0:1.
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Nagelsmann: "Muss niemand einen Acker umgraben"

Quelle: Eurosport

Dabei hatte den Bayern-Profi kurz nach dem Anpfiff ein Gefühl beschlichen, dass ihn hinterher richtig ärgerte: "Wenn man sich die erste Halbzeit anschaut und ehrlich ist: Die Franzosen hatten zu Anfang gar keinen Bock zu gewinnen – und gewinnen dann trotzdem."
Eingeladen vom DFB-Team! Mon dieu! Frankreichs Trainer Didier Deschamps hatte nach dem spektakulären 4:5 im Halbfinale gegen Spanien mit Blick auf das Spiel gegen das DFB-Team gesagt: "Es ist nicht das wichtigste Spiel für uns, deshalb wird es Wechsel geben. Wir werden trotzdem versuchen, es zu gewinnen."

Frankreich mit zweiter Garde

Teilweise mit der zweiten Garde. Bayern-Profi Michael Olise und Champions-League-Held Désiré Doué, der im Finale gegen Inter Mailand (5:0) doppelt getroffen hatte, kamen erst gegen Ende der Partie von der Bank rein. Nach Vorlage von Mbappé legte Olise bei einem Konter in der 84. Minute den Ball zum 2:0 für die Équipe tricolore ins Netz. DFB-Torhüter Marc-André ter Stegen, mit Abstand der beste deutsche Spieler des Nachmittags, konnte ausnahmsweise nicht mehr eingreifen.
Hätte die Nummer eins der Nationalelf, bei seinem Heimatverein FC Barcelona nach elf erfolgreichen Jahren auf dem Abstellgleis, nicht solch einen Sahnetag erwischt, die Niederlage wäre ein Debakel geworden.
Zwei Spiele, zwei Niederlagen, Rang vier, Letzter – jedoch, und hier liegt der Unterschied zum so emotionalen Aus nach dem Spanien-Spiel vor knapp einem Jahr in Stuttgart: Bundestrainer Julian Nagelsmann und einige seiner Profis weinten keine Tränen, es wurde kein Brennpunkt gesendet, es erfolgte keine Zäsur – wie durch die Rücktritte von Toni Kroos, Thomas Müller, Ilkay Gündogan und Torhüter Manuel Neuer. Weil es eben nur die Nations-League-Endrunde war zum Abschluss einer langen Saison und kurz vor Beginn der Klub-WM, zumindest für die Profis des FC Bayern und von Borussia Dortmund.

Rampe wird zum Stolperstein

Das von Maxi-Erwartungen begleitete Mini-Turnier sollte für das DFB-Team und ihren Bundestrainer zur Rampe werden, der nächste Entwicklungssprung auf dem Weg zur WM 2026. Ab der mitreißenden Heim-EM 2024 kreierten, transportierten und konservierten die Nationagelsmänner ein Gefühl, das Vorfreude auf Länderspiele weckt.
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Von Lagerkoller und Frustrationen zur guten, alten Lagerfeuer-Atmosphäre im Lande. Anfeuern, mitfiebern, mitweinen. Doch die erhoffte Rampe wurde nun zur Stolperfalle. Im besten Fall war's ein heilsamer Schock.
Das 1:2 gegen Portugal und die 0:2-Pleite gegen Frankreich, laut Nagelsmann "zwei bittere Ergebnisse", zementieren das aktuelle Leistungsniveau des DFB-Teams. Geschrumpft zu Nagelsmännchen ist man der Spitzenklasse des europäischen Fußballs recht deutlich unterlegen. Dabei wähnte man sich vor knapp einem Jahr schon weiter (und war es auch!) als man unglücklich am späteren Europameister Spanien scheiterte.
"Es tut weh, dass man zwei Jahre warten muss bis man Weltmeister wird", sagte Nagelsmann im Sommer 2024 unmittelbar nach dem Aus voller Trotz und – damals nachvollziehbarem – Optimismus. An Ort und Stelle in Stuttgart klang der 37-Jährige diesmal deutlich defensiver und kleinlauter, sprach nur noch davon, "an einem großen Wurf schnuppern" zu wollen.

Nagelsmann: "Haben den Anschluss verpasst"

Denn, so der Bundestrainer, seit eineinhalb Jahren im Amt, man habe "als Gruppe in den letzten sieben Jahren den Anschluss verpasst". Und: "Wir können in zwei Jahren nicht die Welt einreißen, nicht die Versäumnisse von acht Jahren aufholen." Ach so, plötzlich nicht mehr? Wer sich angesprochen fühlt und schuldig bekennt, bitte bei Nagelsmann melden.
Am Mikrofon bei "DAZN" redete sich Nagelsmann in Rage und berichtete: "Ich habe der Mannschaft gesagt, dass wir aktuell vielleicht ein paar Prozentpunkte schlechter sind als die Top-Teams. Natürlich ist es ein extrem weiter Weg. Aber ich spüre in dieser Gruppe, im ganzen Staff schon was, die haben etwas Besonderes. Dennoch brauchen wir die absolute Gier, die Chancenverwertung, einen Sahnetag. Dann kann da was möglich sein."
Bei der WM 2026 in Nordamerika, für die man sich angesichts der Gruppengegner ab September qualifizieren muss – und auch wird. Es geht gegen Nationen, die wenig sexy (Luxemburg, Nordirland) und nur ein wenig herausfordernd (Slowakei) sind.
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Eine Pflichtaufgabe, bei der das DFB-Team nichts gewinnen, nur etwas verlieren kann. Alltag inmitten der Hinrunde der kommenden Saison, in der die Vereinsmannschaften die Grundlagen legen in den nationalen Meisterschaften sowie sämtlichen Pokalwettbewerben. Also Dauerstress.
Nagelsmann weiß das. Also baut er vor und warnt schon einmal. Drei Monate bevor sich die DFB-Auswahl das nächste Mal trifft. "Wir dürfen in der Qualifikation, wenn wir nicht die absoluten Top-Top-Top-Teams vor der Brust haben, keinen Schritt weniger gehen, weil es da auch um die Entwicklung geht. Wenn wir an einem großen Wurf schnuppern wollen – und das wollen wir – dann müssen wir jedes Spiel nutzen."

Sehr wenige Spiele bis zur WM

Die WM-Qualifikation als Durchgangsstation. Nochmal Nagelsmanns Einordnung: "Da haben wir ordentliche Gegner, aber schwächere als die Franzosen. Unsere Aufgabe ist es, durchzumarschieren, um uns eine Stärke zu geben für das kommende Länderspieljahr 2026. Denn wir haben sehr, sehr wenige Spiele bis zur WM." Und vor Beginn des Turniers nur Freundschaftsspiele.
Das Problem dabei: Wenn es das nächste Mal wirklich ernst wird, dann dürfte die WM im Sommer 2026 – die Qualifikation vorausgesetzt – schon begonnen haben. Aufgrund des aufgeblähten Formats mit 48 Nationen womöglich erst ab der K.o.-Runde. Und da kann bekanntlich sehr schnell, sehr abrupt Schluss sein, wenn man einen schlechten Tag erwischt.
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