DFB-Team im Taktik-Check - Tim Kleindienst erstmals im deutschen Nationalteam: Mehr als nur ein Lücke(n)füller
VonLuca Baier
Update 11/10/2024 um 15:28 GMT+2 Uhr
Niclas Füllkrug und Kai Havertz fallen aus, Bundestrainer Julian Nagelsmann muss umdenken im Sturmzentrum. Tim Kleindienst von Borussia Mönchengladbach wird diese Lücke schließen und gegen Bosnien-Herzegowina (Freitag ab 20:45 Uhr im Liveticker) zu seinem Debüt in der deutschen Nationalmannschaft kommen. Eurosport.de erklärt im Taktik-Check, warum Kleindienst mehr als nur ein Lückenfüller ist.
Nagelsmann: "Will mich nicht beschweren, aber..."
Quelle: Perform
Sämtliche Gegneranalysten in der Bundesliga werden schön gestaunt haben, als sie in der letzten Saison zum ersten Mal den Neuling 1. FC Heidenheim durchleuchtet haben.
Die durchaus mutige Art und Weise zu pressen, hing maßgeblich an ihrem Stürmer: Tim Kleindienst.
Permanent lief er die gegnerische Abwehr in höchstem Tempo an, oft auch bis auf den Torwart. Nur vier Spieler in der Liga liefen insgesamt mehr als Kleindienst, der als einziger Stürmer in den Top Ten dieser Kategorie stand.
Kein Spieler sprintete öfter als er, nur drei Spieler sprinteten mehr Kilometer. Für einen Stürmer ist das absolut außergewöhnlich.
Pressingmaschine Kleindienst
Seit seinem Wechsel zur Borussia nach Gladbach hat sich da wenig verändert: Kleindienst steht auf Platz 13 der Gesamtlaufleistung, auf dem dritten Platz bei der Anzahl der Sprints und dem sechsten Rang bei der Sprintdistanz.
Nun zeigen diese Daten, dass Kleindienst enorm viel und intensiv läuft – nicht jedoch wie effektiv dies ist. Schaut man sich die Spiele an, erkennt man jedoch sofort wie unangenehm diese Bereitschaft und Intensität für den Gegner ist:
Kleindienst sprintet nie einfach gerade auf den Innenverteidiger zu, sodass er mit einem kurzen Haken ausgespielt werden könnte. Er läuft einen Bogen und attackiert den Gegner leicht seitlich.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/10/10/image-711d75be-59c4-4d10-8f6a-8d9becfca9a5.jpeg)
Voller Einsatz: Tim Kleindienst im Zweikampf mit Augsburgs Maximilian Bauer
Fotocredit: Getty Images
Dadurch schließt er den Passweg zum anderen Innenverteidiger und teilweise auch auf die Sechserposition und lenkt den Gegner nach außen.
Dieses kleine Detail sorgt schon dafür, dass die Abwehr- und Mittelfeldkette frühzeitig weiß, über welche Seite das Spiel läuft - dementsprechend rechtzeitig können sie verschieben und die Räume dort eng machen.
Kleindienst in der Luft unbezwingbar
Neben seinen Stärken im Pressing zeichnet sich Kleindienst vor allem durch seine beeindruckende Präsenz in der Luft aus: In der vergangenen Saison gewann er mit Abstand die meisten offensiven Luftduelle in der Bundesliga (30 mehr als der zweitplatzierte Bochumer Philipp Hofmann), in dieser Saison steht er in der Bundesliga wieder bereits auf dem dritten Platz. Aktuell gewinnen in ganz Europa sogar nur 21 Spieler mehr Kopfballduelle pro Spiel - darunter hauptsächlich Abwehrspieler.
Diese Kopfballstärke bringt der 29-Jährige überall auf dem Feld ein. Gerät seine Mannschaft unter Druck, ist er der Zielspieler schlechthin und verlängert Bälle oder legt sie auf nachrückende Mittelfeldspieler ab. Diese Fähigkeiten bringen Kai Havertz und Niclas Füllkrug zwar auch mit, jedoch nicht auf dem Niveau von Kleindienst.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/10/10/image-bc7ebaf0-49fb-42b0-a7b2-4217d99fa00f.jpeg)
Tim Kleindienst im Kopfballduell mit Unions Diogo Leite
Fotocredit: Getty Images
Im Strafraum ist diese Kopfballstärke ebenso eine echte Waffe: In der letzten Saison köpfte er ganze 34 Mal aufs Tor, nur Harry Kane konnte diesen Wert um zwei Versuche zu überbieten. Auch in der laufenden Saison mischt Kleindienst hier wieder ganz oben mit und teilt sich den Spitzenplatz (sieben Kopfbälle aufs Tor) mit Leverkusens Victor Boniface.
Links wie rechts - Kleindienst ist unberechenbar
Wer Kleindienst aufs Rennen und Köpfen reduziert, macht einen großen Fehler. Der durchaus spielintelligente Mittelstürmer ist technisch sehr gut ausgebildet und nutzt beide Füße.
Von seinen zwölf Treffern aus der letzten Saison erzielte er sechs mit dem etwas stärkeren linken, aber auch drei mit dem rechten Fuß - hinzu kommen drei Kopfballtore. Im Heidenheimer Aufstiegsjahr waren es sogar neun mit links, sieben mit rechts und neun per Kopf.
Durch diese Vielseitigkeit ist es als Abwehrspieler enorm schwierig, Kleindienst zu verteidigen. Andere Stürmer in der Bundesliga wie beispielsweise Bremens Marvin Ducksch haben einen goldenen starken Fuß, können aber mit dem schwächeren nur wenig Gefahr ausstrahlen. In Zeiten der professionellen Gegnervorbereitung wird jeder einzelne Gegenspieler komplett durchleuchtet und per Video für die Spieler aufbereitet.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/10/10/image-21601a5d-7a9d-4c3f-872b-28ace03fadc5.jpeg)
Tim Kleindienst steht erstmals im Kader der deutschen Nationalmannschaft
Fotocredit: Getty Images
Während man den genannten Ducksch also klar von der Seite verteidigt, die seinen rechten Fuß blocken kann, muss man sich bei Kleindienst mehr einfallen lassen. Einem so beidfüßigen Spieler bietet man keine Seite an, sondern agiert frontaler - was wiederum anfälliger für Finten wie einen Haken oder einen angetäuschten Schuss ist. Diese Bewegungen hat Kleindienst trotz seiner Größe in petto und agiert dabei durchaus dynamisch und leichtfüßig.
Warum Kleindienst mehr als nur ein Lücke(n)füller sein kann
Betrachtet man das Gesamtpaket, bietet Kleindienst schon einige Aspekte, mit denen Havertz, Füllkrug oder auch Deniz Undav nicht dienen können. Seine Fähigkeiten und seine Bereitschaft gegen den Ball sind schlichtweg auf Weltklasseniveau - auch wenn so etwas über einen Spieler, der gerade noch bei Heidenheim gespielt hat, im ersten Moment seltsam klingt.
Auch in der Luft hat er die Nase vorn gegen die Platzhirsche, wenngleich Füllkrug da zumindest im Abschluss ebenbürtig ist. Durch seine Beidfüßigkeit ist Kleindienst weniger ausrechenbar als Havertz, der seinen schwächeren rechten Fuß zwar problemlos im Passspiel benutzt, vor dem Tor aber lieber meidet.
Spieler wie Robert Andrich, Pascal Groß, Maximilian Mittelstädt, Deniz Undav sind gute Beispiele für Spieler, die es erst etwas später (und über vermeintlich schwächere Vereine) bis in die Nationalmannschaft geschafft haben.
Kleindienst wird seine Chance suchen und mit aller Intensität nutzen - das werden nun auch die Gegneranalysten der bosnischen Nationalmannschaft wissen.
Das könnte Dich auch interessieren: Neue Power für die Flügel: Gnabry pusht DFB-Team
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/10/09/4049991-82137468-2560-1440.jpg)
"Perfekte Plattform": Klopp erklärt Red-Bull-Wechsel
Quelle: Perform
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung