Jürgen Klinsmann als Bondscoach bei den Niederlanden: Was dafür spricht und was dagegen

Jürgen Klinsmann wird als möglicher Bondscoach der Niederlande gehandelt. Kann das wirklich sein? Zeit hätte der frühere Bundes- und Bayern-Trainer, auch seine Maxime des Querdenkens würde Oranje vertragen. Allerdings gibt's auch Contra-Argumente. Trotz beachtlicher Arbeit in Deutschland und den USA haftet Klinsmann noch immer ein Stigma aus seiner Zeit beim FC Bayern an. Eurosport.de ordnet ein.

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"Das schafft Oranje nicht", sagt der langjährige Bundesligatrainer Huub Stevens bei "Sport1" über Hollands Chance auf die WM 2018 in Russland.
Zur Halbzeit der Qualifikation liegt die "Elftal" mit sieben Punkten auf Gruppenplatz vier, hinter Bulgarien (9), Schweden (10) und Frankreich (13), das peinliche 0:2 in Bulgarien bedingte den Knall: Bondscoach Danny Blind musste gehen, nach 20 Monaten Amtszeit inklusive der verpassten EM 2016.
Im Test gegen Italien (heute ab 20:45 Uhr im Liveticker bei Eurosport.de) wird Fred Grim die Auswahl betreuen, parallel fahndet der niederländische Fußballverband KNVB nach einer Neubesetzung. "Wir hoffen, schnell zu einer Einigung zu kommen, aber es wird sicher nicht schon in einer Woche klar sein“, sagt KNVB-Direktor Jean Paul Decossaux.
Sorgfalt wäre geboten angesichts dieser entwaffnenden Bilanz: Seit Rang drei bei der WM 2014 siegte die Niederlande in Pflichtspielen nur gegen Kasachstan, Lettland, Weißrussland und Luxemburg. Die auflagenstärkste Tageszeitung "De Telegraaf“ initiierte eine Fan-Umfrage, die Louis van Gaal und Jürgen Klinsmann als Favoriten hervorbrachte.
Klinsmann!?
Ja genau, Klinsmann, Weltmeister 1990, Ex-Bayern-Coach und früherer Nationaltrainer von Deutschland sowie den USA, wo er 2011 begann und im November 2016 entlassen wurde. Kann das wirklich sein? Eurosport.de ordnet ein.

Jürgen Klinsmann als Bondscoach: Was dafür spricht

Simpelster Spiegelstrich: Er hätte Zeit, im Gegensatz zu gehandelten Kandidaten wie Ronald Koeman (FC Everton), Phillip Cocu (PSV Eindhoven) oder Giovanni van Bronckhorst (Feyenoord Rotterdam). Allerdings wäre auch van Gaal sofort verfügbar; der "Tulpen-General" wurde im Sommer 2016 bei Manchester United hinauskomplimentiert.
Die vermasselte EM 2004 bedeutete das Ende von Bundestrainer Rudi Völler, es übernahm ein Gespann aus Projektleiter Klinsmann und Mastermind Joachim Löw. Bei der Heim-WM 2006 wurde Deutschland starker Dritter, der Titel wäre drin gewesen.
Speziell im Umgang mit Talenten verdiente sich Klinsmann seine Meriten. Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Philipp Lahm, Per Mertesacker und anderen wurde Vertrauen wie Verantwortung übertragen, der Einzelne wuchs am Kollektiv und umgekehrt. Klinsmann bewies, aus wenig viel machen zu können, genau wie in den USA. Zu "HSV Live" sagt der heutige Hamburger Bobby Wood:
In den Niederlanden liegt das "Problem an der Jugendarbeit", analysiert Stevens, der zumindest "eine gute Tendenz bei den 16- bis 18-Jährigen" erkennt. Klinsmann wäre ein geeigneter Förderer.
Oranje ist einerseits festgefahren und andererseits aufgescheucht, bereits WM-Rang drei vernebelte die Sinne. Es fehle schlicht an Klasse, klagt Kapitän Arjen Robben, "mit einer anderen Spielweise haben wir 2014 viel kaschieren können".
Der damalige Trainer van Gaal setzte ein destruktives Defensivkonzept durch, und die Öffentlichkeit monierte den Tabubruch mit dem ikonischen 4-3-3 der Ajax-Schule. "Die Verantwortlichen müssen nicht nur einen neuen Trainer holen", sagt Stevens dazu.
Als Querdenker würde Klinsmann kaum vor Traditionen zurückschrecken. Beim DFB verblüffte er mit amerikanischen Spezialisten und putzigen Gummibändern, in München ließ er Buddhas auf die Dachterrasse stellen. Nicht immer gingen seine Überlegungen auf - der Wille zur Veränderung aber war vorhanden.
Bei den Holländern wurden in den Vorjahren zumeist dieselben Schemata bedient. Van Gaal, Guus Hiddink und Dick Advocaat fungierten je zweimal als Bondscoach, Blind assistierte van Gaal und Hiddink, der vermeintliche Topfavorit Frank de Boer (im November nach drei Monaten bei Inter Mailand rausgeworfen) war in Bert van Marwijks Stab vertreten. Frisches Blut täte Not.
Die Beschäftigungen als Nationaltrainer haben Klinsmann durchaus Anerkennung verschafft. Deshalb bewertet der 52-Jährige seine Lage "ganz entspannt", wie er der "Morgenpost" verriet:
In Amerika etablierte er den stiefmütterlich behandelten "Soccer" als Massenevent, nie verfolgten mehr Fans die Fußballspiele als während der WM 2014 (Achtelfinal-Einzug). Zudem gewann Klinsmanns US-Team den Gold Cup, bei der Copa Amerika war bloß Argentinien zu stark, im Halbfinale.
In Deutschland wirken Klinsmanns Grundlagen ebenfalls nach, zu "ntv" sagte er anno 2012:
Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff lobte Klinsmann für eine "Initialzündung". Der Schwabe sei "konfliktbereit", habe "unglaubliche Energie und den Mut, Dinge einzufordern".

Jürgen Klinsmann als Bondscoach: Was dagegen spricht

"Die Mannschaft ist sehr jung und nicht selbstbewusst. Da haben sie einen wie van Gaal nötig, der autoritär mit den Spielern umgeht und ihnen klare Befehle gibt", sagt Ex-Nationalspieler Pierre van Hooijdonk.
Aus Klinsmanns Sicht ein Contra-Argument, der ehemalige Angreifer gilt als eher weicher, wenigstens aber sachter Typ. Überhaupt scheint sich die Option van Gaal zu manifestieren. "Er hat als Bondscoach natürlich fantastische Arbeit abgeliefert. Und wir kennen ihn. Aber wir müssen abwarten, ob er für eine Rückkehr zur Verfügung steht", sagt Georgino Wijnaldum vom FC Liverpool.
Laut der Tageszeitung "AD" wird sich der niederländische Verband bald mit dem 65-Jährigen treffen; auf kurze Sicht soll er ein erneutes Engagement ausgeschlossen haben.
Der Österreicher Ernst Happel war letzter Nicht-Niederländer als Bondscoach, zwölf Spiele lang (1977-78). Wenn unseren Nachbarn ihr 4-3-3-System heilig ist, würde die Inthronisation eines deutschen (!) Coaches wohl fast an Blasphemie und Verrat grenzen.
Allerdings debattiert das Land, ob die Misswirtschaft nicht doch von einem Ausländer angepackt werden sollte. Dabei fallen mehrere deutsche Namen, neben Klinsmann der bei Bayer Leverkusen gefeuerte Roger Schmidt und RB-Leipzig-Sportdirektor Ralf Rangnick. Ferner soll Claudio Ranieri, italienischer Meistertrainer mit Leicester City, dann geschasst, ein Thema sein.
Unter dem 2006er Eindruck übernahm Klinsmann 2008 den FC Bayern, warf viel um, wollte hoch hinaus - und scheiterte krachend. Im April 2009 war Schluss, zuvor hatte Bayern in Barcelona eine derbe Schlappe kassiert; das 0:4 hätte ein 0:8 sein können.
Anschließend kam van Gaal nach München, retrospektiv wählte Klub-Präsident Uli Hoeneß im "Donaukurier" harsche Worte:
Kurz nach der Trennung lästerte Hoeneß via TV über Klinsmanns Personalpolitik:
Missfallen verursachten Powerpoint-Präsentationen, "da haben wir für zigtausend Euro Computer gekauft. Da hat er den Profis in epischer Breite gezeigt, wie wir spielen wollen. Wohlgemerkt wollen", krakeelte Hoeneß. "Wir haben viel Geld ausgegeben und wenig Erfolg gehabt."
Das FCB-Stigma haftet Klinsmann an, er wurde als "Trainer-Praktikant" belächelt. Gegenüber "Goal" relativierte Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge 2015:
Indes verwischte Bierhoff das Bild, wonach Klinsmann lediglich Motivator wäre: "Das wird Jürgen nicht gerecht. Er ist immer mehr Trainer geworden."
Banal, aber vielleicht nicht unwesentlich: Hätte Klinsmann überhaupt Lust auf die Niederlande - oder würde er sich mit seinem Aufbruchsdenken am falschen Ort wähnen, wegen möglicher Barrieren, die ihn einschränken in seiner proaktiven Maxime?
Im "Morgenpost"-Interview von Mitte März 2017 sagte Klinsmann: "Wissen Sie, ich komme gerade aus Palm Springs. Wir haben hier 37 Grad, und ich habe meiner Tochter beim Springreiten zugesehen."

Jürgen Klinsmann als Bondscoach: Fazit

Klinsmanns Vita ist geeigneter als manche glauben mögen, sein Image litt (zu) sehr an der Bayern-Zeit. Das ist etwas ungerecht. Hauptanwärter auf den Posten ist er nicht, dabei könnte es funktionieren…
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