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Jürgen Klinsmann als Bondscoach bei den Niederlanden: Was dafür spricht und was dagegen

Bondscoach Klinsmann? Was dafür spricht - und was dagegen

28/03/2017 um 14:57Aktualisiert 09/05/2017 um 11:46

Jürgen Klinsmann wird als möglicher Bondscoach der Niederlande gehandelt. Kann das wirklich sein? Zeit hätte der frühere Bundes- und Bayern-Trainer, auch seine Maxime des Querdenkens würde Oranje vertragen. Allerdings gibt's auch Contra-Argumente. Trotz beachtlicher Arbeit in Deutschland und den USA haftet Klinsmann noch immer ein Stigma aus seiner Zeit beim FC Bayern an. Eurosport.de ordnet ein.

"Das schafft Oranje nicht", sagt der langjährige Bundesligatrainer Huub Stevens bei "Sport1" über Hollands Chance auf die WM 2018 in Russland.

Danny Blind wurde entlassen

Danny Blind wurde entlassenSID

Klinsmann!?

Ja genau, Klinsmann, Weltmeister 1990, Ex-Bayern-Coach und früherer Nationaltrainer von Deutschland sowie den USA, wo er 2011 begann und im November 2016 entlassen wurde. Kann das wirklich sein? Eurosport.de ordnet ein.

Jürgen Klinsmann als Bondscoach: Was dafür spricht

  • ZEIT

Simpelster Spiegelstrich: Er hätte Zeit, im Gegensatz zu gehandelten Kandidaten wie Ronald Koeman (FC Everton), Phillip Cocu (PSV Eindhoven) oder Giovanni van Bronckhorst (Feyenoord Rotterdam). Allerdings wäre auch van Gaal sofort verfügbar; der "Tulpen-General" wurde im Sommer 2016 bei Manchester United hinauskomplimentiert.

  • TALENTFÖRDERUNG

Die vermasselte EM 2004 bedeutete das Ende von Bundestrainer Rudi Völler, es übernahm ein Gespann aus Projektleiter Klinsmann und Mastermind Joachim Löw. Bei der Heim-WM 2006 wurde Deutschland starker Dritter, der Titel wäre drin gewesen.

Schöne Tage bei der WM 2006: Jürgen Klinsmann mit Lukas Podolski

Schöne Tage bei der WM 2006: Jürgen Klinsmann mit Lukas PodolskiAFP

Speziell im Umgang mit Talenten verdiente sich Klinsmann seine Meriten. Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Philipp Lahm, Per Mertesacker und anderen wurde Vertrauen wie Verantwortung übertragen, der Einzelne wuchs am Kollektiv und umgekehrt. Klinsmann bewies, aus wenig viel machen zu können, genau wie in den USA. Zu "HSV Live" sagt der heutige Hamburger Bobby Wood:

"Ich glaube, wenn Jürgen nicht US-Trainer gewesen wäre, dann hätte ich vielleicht mit dem Fußball aufgehört. "
  • QUERDENKER

Oranje ist einerseits festgefahren und andererseits aufgescheucht, bereits WM-Rang drei vernebelte die Sinne. Es fehle schlicht an Klasse, klagt Kapitän Arjen Robben, "mit einer anderen Spielweise haben wir 2014 viel kaschieren können".

Arjen Robben und die Niederlande blamierten sich in Bulgarien

Arjen Robben und die Niederlande blamierten sich in BulgarienImago

Der damalige Trainer van Gaal setzte ein destruktives Defensivkonzept durch, und die Öffentlichkeit monierte den Tabubruch mit dem ikonischen 4-3-3 der Ajax-Schule. "Die Verantwortlichen müssen nicht nur einen neuen Trainer holen", sagt Stevens dazu.

"Es müssen neue Strukturen geschaffen werden."

Als Querdenker würde Klinsmann kaum vor Traditionen zurückschrecken. Beim DFB verblüffte er mit amerikanischen Spezialisten und putzigen Gummibändern, in München ließ er Buddhas auf die Dachterrasse stellen. Nicht immer gingen seine Überlegungen auf - der Wille zur Veränderung aber war vorhanden.

Frank de Boer gilt als Favorit

Frank de Boer gilt als FavoritAFP

Bei den Holländern wurden in den Vorjahren zumeist dieselben Schemata bedient. Van Gaal, Guus Hiddink und Dick Advocaat fungierten je zweimal als Bondscoach, Blind assistierte van Gaal und Hiddink, der vermeintliche Topfavorit Frank de Boer (im November nach drei Monaten bei Inter Mailand rausgeworfen) war in Bert van Marwijks Stab vertreten. Frisches Blut täte Not.

  • REPUTATION

Die Beschäftigungen als Nationaltrainer haben Klinsmann durchaus Anerkennung verschafft. Deshalb bewertet der 52-Jährige seine Lage "ganz entspannt", wie er der "Morgenpost" verriet:

"Ich glaube, dass meine Arbeit nicht ganz so schlecht war und sich sicherlich Türen öffnen werden. "

In Amerika etablierte er den stiefmütterlich behandelten "Soccer" als Massenevent, nie verfolgten mehr Fans die Fußballspiele als während der WM 2014 (Achtelfinal-Einzug). Zudem gewann Klinsmanns US-Team den Gold Cup, bei der Copa Amerika war bloß Argentinien zu stark, im Halbfinale.

Erfolg in den USA: Jürgen Klinsmann

Erfolg in den USA: Jürgen KlinsmannSID

In Deutschland wirken Klinsmanns Grundlagen ebenfalls nach, zu "ntv" sagte er anno 2012:

"Ich find's schön, dass viele in 2006 den Wendepunkt sehen. Nicht nur, dass wir der Welt gezeigt haben, dass wir richtig gut Fußball spielen können. Es war auch toll, dass so ein Schulterschluss da war. Deswegen glaube ich, dass viele Leute danach umgedacht haben. Dass sie mit Spezialisten arbeiten wollen. Dass Psychologie eine wichtige Rolle spielt. Und viele Elemente außerhalb des Spielfelds. Da waren viele Dinge, die schon so eine Signalwirkung hatten. "

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff lobte Klinsmann für eine "Initialzündung". Der Schwabe sei "konfliktbereit", habe "unglaubliche Energie und den Mut, Dinge einzufordern".

Jürgen Klinsmann als Bondscoach: Was dagegen spricht

  • FÜHRUNGSSTIL

"Die Mannschaft ist sehr jung und nicht selbstbewusst. Da haben sie einen wie van Gaal nötig, der autoritär mit den Spielern umgeht und ihnen klare Befehle gibt", sagt Ex-Nationalspieler Pierre van Hooijdonk.

"Mit kommunikativen Trainern wie Hiddink und Blind kommen sie nicht zurecht. Diese Spieler brauchen eine harte Hand!"
Louis van Gaal

Louis van GaalAFP

Laut der Tageszeitung "AD" wird sich der niederländische Verband bald mit dem 65-Jährigen treffen; auf kurze Sicht soll er ein erneutes Engagement ausgeschlossen haben.

  • AUSLÄNDER

Der Österreicher Ernst Happel war letzter Nicht-Niederländer als Bondscoach, zwölf Spiele lang (1977-78). Wenn unseren Nachbarn ihr 4-3-3-System heilig ist, würde die Inthronisation eines deutschen (!) Coaches wohl fast an Blasphemie und Verrat grenzen.

Allerdings debattiert das Land, ob die Misswirtschaft nicht doch von einem Ausländer angepackt werden sollte. Dabei fallen mehrere deutsche Namen, neben Klinsmann der bei Bayer Leverkusen gefeuerte Roger Schmidt und RB-Leipzig-Sportdirektor Ralf Rangnick. Ferner soll Claudio Ranieri, italienischer Meistertrainer mit Leicester City, dann geschasst, ein Thema sein.

  • BAYERN-STIGMA

Unter dem 2006er Eindruck übernahm Klinsmann 2008 den FC Bayern, warf viel um, wollte hoch hinaus - und scheiterte krachend. Im April 2009 war Schluss, zuvor hatte Bayern in Barcelona eine derbe Schlappe kassiert; das 0:4 hätte ein 0:8 sein können.

Anschließend kam van Gaal nach München, retrospektiv wählte Klub-Präsident Uli Hoeneß im "Donaukurier" harsche Worte:

"Mit van Gaal haben wir das Double geholt und standen im Champions-League-Finale. Dass er menschlich eine Katastrophe war, steht auf einem anderen Blatt. Fachlich war er top. Deswegen war er auch kein Fehler. Klinsmann schon. Und das kreiden wir uns alle an."
Das ging schief: Jürgen Klinsmann und Uli Hoeneß beim FC Bayern

Das ging schief: Jürgen Klinsmann und Uli Hoeneß beim FC BayernImago

Kurz nach der Trennung lästerte Hoeneß via TV über Klinsmanns Personalpolitik:

"Sein einzig konkreter Vorschlag war Landon Donovan, von dem Hermann Gerland sagt, der würde bei ihm nicht mal in der zweiten Mannschaft spielen. "

Missfallen verursachten Powerpoint-Präsentationen, "da haben wir für zigtausend Euro Computer gekauft. Da hat er den Profis in epischer Breite gezeigt, wie wir spielen wollen. Wohlgemerkt wollen", krakeelte Hoeneß. "Wir haben viel Geld ausgegeben und wenig Erfolg gehabt."

Das war nichts: Jürgen Klinsmann beim FC Bayern

Das war nichts: Jürgen Klinsmann beim FC BayernEurosport

Das FCB-Stigma haftet Klinsmann an, er wurde als "Trainer-Praktikant" belächelt. Gegenüber "Goal" relativierte Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge 2015:

"Es war nicht nur ein Fehler von Klinsmann, sondern auch von uns. Wir hätten sagen sollen, dass er sich einen deutschen Co-Trainer zur Seite nehmen soll. Ich muss mich dafür entschuldigen."

Indes verwischte Bierhoff das Bild, wonach Klinsmann lediglich Motivator wäre: "Das wird Jürgen nicht gerecht. Er ist immer mehr Trainer geworden."

  • LUST?

Banal, aber vielleicht nicht unwesentlich: Hätte Klinsmann überhaupt Lust auf die Niederlande - oder würde er sich mit seinem Aufbruchsdenken am falschen Ort wähnen, wegen möglicher Barrieren, die ihn einschränken in seiner proaktiven Maxime?

Im "Morgenpost"-Interview von Mitte März 2017 sagte Klinsmann: "Wissen Sie, ich komme gerade aus Palm Springs. Wir haben hier 37 Grad, und ich habe meiner Tochter beim Springreiten zugesehen."

Jürgen Klinsmann als Bondscoach: Fazit

Klinsmanns Vita ist geeigneter als manche glauben mögen, sein Image litt (zu) sehr an der Bayern-Zeit. Das ist etwas ungerecht. Hauptanwärter auf den Posten ist er nicht, dabei könnte es funktionieren…

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