Thomas Tuchel geht in England bewusst den steinigen Weg zur WM 2026: Der "Mann mit der Axt" wird trotzdem populär
Sechs Pflichtspiele, sechs Siege, 18:0 Tore, WM-Ticket gebucht - Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel hat, sportlich betrachtet, alle Argumente auf seiner Seite, ist unangreifbar. Dass es rund um das Team und den Coach auch schiefe Töne gibt, liegt an Tuchels mitunter unkonventioneller Art und der Tatsache, dass er wenig Wert darauf legt, "Everybody’s Darling" zu sein. Diese Strategie geht auf.
Tuchel über Schmähgesänge von England-Fans: "Guter Sinn für Humor"
Quelle: Perform
Es war fast ein Sakrileg, das Thomas Tuchel vor einer knappen Woche beging. Die englischen Fans im Fußball-Tempel Wembley seien zu leise gewesen, monierte der Coach, "wir haben keine Energie von der Tribüne zurückbekommen". Es sei "traurig", wenn man nach 20 Minuten 3:0 führe und trotzdem eine halbe Stunde lang nur die Anhänger des walisischen Gegners höre.
Rumms, das saß. Tuchel war auf Konfrontationskurs nach einem klar gewonnenen Testspiel, die meisten Trainer hätten in dieser Situation wohl darauf verzichtet, die eigenen Fans ins Visier zu nehmen. Nicht so der 52-Jährige.
Es war und ist beileibe nicht das einzige Thema, mit dem Tuchel polarisiert. Schon die Mitteilung, dass der neue Trainer aus Deutschland komme und zumindest teilweise im "Home Office" aus der Heimat arbeiten dürfe, sorgte für Debatten im Mutterland des Fußballs. "Ein düsterer Tag für England, denn der Trainerjob geht an einen Deutschen. Wir sind die Lachnummer des Weltfußballs", polterte die "Daily Mail".
Von einer Lachnummer spricht inzwischen niemand mehr. Abgesehen vom Ausrutscher im Test gegen den Senegal (1:3) hat die Tuchel-Truppe alle sieben bisherigen Begegnungen gewonnen und dabei keinen (!) Gegentreffer zugelassen. Eine Bilanz, die ihm die wenigsten zugetraut hatten.
Tuchel kritisiert Southgate und legt Latte hoch
Andererseits hätte alles andere wohl in beißender Kritik an Tuchel gemündet. Der Grund: Der Coach hatte kurz nach Amtsantritt die Arbeit seines Vorgängers Gareth Southgate, der England im vergangenen Jahr immerhin ins EM-Finale in Berlin führte, gnadenlos abgewertet.
Im Interview mit dem britischen TV-Sender "ITV" zählte Tuchel auf, was der Mannschaft alles gefehlt habe, als er übernahm. "Die Identität, die Klarheit, der Rhythmus, die Wiederholung von Spielmustern, die Freiheit der Spieler, ihr Selbstausdruck, ihr Hunger."
Bei der Europameisterschaft habe die Southgate-Auswahl "mehr Angst gehabt, aus dem Turnier auszuscheiden, als dass sie die Begeisterung und den Hunger hatte, zu gewinnen". Diesen Hunger und die Freude am Erfolg gedenke er zurückzubringen. "Mit der Angst zu verlieren" solle Schluss sein. Höher kann sich ein Trainer die Latte gar nicht legen.
Bellingham und Foden nicht im England-kader
Bislang zeigt Tuchel, dass er diese Höhe draufhat, inklusive unpopulärer Personalentscheidungen. In den vergangenen beiden Partien gegen Wales und Lettland verzichtete er gar auf Jude Bellingham (Real Madrid) und Phil Foden (Manchester City).
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Tuchel erklärt: Darum fehlt Bellingham gegen Lettland
Quelle: Perform
Jack Grealish (FC Everton) wurde in der Ära Tuchel noch nie in den Kader berufen. Trent Alexander-Arnold spielte bislang ganze 26 Minuten, wobei der Rechtsverteidiger von Real Madrid auch immer wieder verletzt ausfiel. Die WM-Teilnahme des 27-Jährigen steht aber generell auf wackligen Füßen.
Tuchel wird zum "Mann mit der Axt"
Englands Presse sieht im Nationaltrainer inzwischen "den Mann mit der Axt". Nur wenige Spieler, wie etwa Kapitän Harry Kane, seien sicher vor den mitunter harten Entscheidungen. "Wen wird Thomas Tuchel für die Weltmeisterschaft aus dem Kader streichen?", fragt die "Daily Mail" und zählt genüsslich namhafte Profis auf, die Tuchels "Axt" zu spüren bekommen könnten.
Der Coach selbst kann die medialen Verunglimpfungen ob der momentanen Erfolgsserie relativ entspannt zur Kenntnis nehmen. Das bevorzugte 4-2-3-1-System, von dem er bislang nur einmal abwich, funktioniert wie ein Uhrwerk. Solange dies der Fall ist und die Ergebnisse stimmen, wird Tuchel personell so einiges verziehen.
Fans foppen Tuchel: "Sind wir laut genug für dich?"
Die Sache mit den leisen Fans hat er bereits in Ordnung gebracht. Bei der 5:0-Gala in der WM-Qualifikation in Lettland, die vorzeitig die Teilnahme an der Endrunde 2026 sicherte, revanchierte sich die Anhängerschaft. "Sind wir laut genug für dich?" oder "Thomas, gib uns ein Lied" skandierten die englischen Supporter in Riga.
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Tuchel trotz 3:0 gegen Wales enttäuscht von seinen Fans
Quelle: Perform
Und Tuchel? Reagierte versöhnlich. "Ich musste heute einstecken, aber ich fand es ziemlich kreativ", erklärte er nach dem Spiel. Die Gesänge hätten ihn "zum Lächeln gebracht".
Das sei britischer Humor, "das stecke ich gern ein", versicherte der Trainer, der nach Abpfiff zusammen mit den Fans das WM-Ticket feierte und in Richtung Tribüne applaudierte. Der "Mann mit der Axt" ist plötzlich populär.
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Tuchel trotz schmalem England-Sieg zufrieden: "Sind auf einem guten Weg"
Quelle: Perform
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