Deutschland auf dem Weg zur EM 2024 im eigenen Land: Das sind Flicks Kandidaten für Sommermärchen 2.0
VonThomas Gaber
Publiziert 08/12/2022 um 23:04 GMT+1 Uhr
Zehn Spiele, nur drei Siege und ein mickriger Auftritt in einem K.o.-Spiel - die vergangenen drei Turniere verliefen für die deutsche Nationalmannschaft verheerend. Viel Zeit bis zum nächsten Highlight bleibt nicht: In 18 Monaten steht die Heim-EM 2024 an. Doch mit welchen Profis kann Bundestrainer Hansi Flick die Mission "Sommermärchen 2.0" angehen? Ein Blick auf den möglichen deutschen EM-Kader.
Sammer bietet DFB seine Hilfe an: "Das ist mein Leben"
Quelle: MagentaTV
Hansi Flick bleibt Bundestrainer und wird die deutsche Nationalmannschaft auf die Europameisterschaft 2024 vorbereiten.
Eine Herkulesaufgabe angesichts der desaströsen Ergebnisse bei den jüngsten drei Turnieren und der hohen Erwartungshaltung an eine Heim-EM.
Zudem ist der deutsche Fußball nicht gerade gesegnet mit Talenten, die in den kommenden 18 Monaten die Fußballwelt auf den Kopf stellen werden. Die van Dijks, Cancelos, Neymars und Mbappés sucht man hierzulande vergeblich.
Welche Spieler haben das Zeug, Deutschland bei der EM 2024 würdig zu vertreten? Eine Analyse.
Torhüter:
Auf keiner Position blickt die deutsche Nationalmannschaft so sorgenfrei in die Zukunft. Die Qualität in der Breite sucht weiterhin seinesgleichen. Manuel Neuer ist seit 2010 Deutschlands Nummer eins und er wird es auch bleiben. Der 36-Jährige schloss einen Rücktritt nach der WM aus und von Flick ist nicht zu erwarten, dass er seinen Kapitän absägt. Der Bundestrainer hat vollstes Vertrauen in Neuer; beim FC Bayern holten sie zusammen das Sextuple.
Auch wenn Neuer in Katar bei dem einen oder anderen Gegentor unglücklich aussah, gehört er noch immer in die Kategorie "Weltklasse". Dahinter hat Deutschland mit Marc-André ter Stegen und Kevin Trapp zwei Torhüter, die jederzeit ohne Qualitätsverlust spielen könnten. Bernd Leno und Oliver Baumann haben schon einen gewissen Rückstand und ein jüngerer Keeper drängt sich derzeit nicht auf. Bleiben alle gesund, wird das Torwart-Trio bei der EM 2024 aus Neuer, ter Stegen und Trapp bestehen.
Innenverteidiger:
Antonio Rüdiger ist auf lange Sicht Flicks Innenverteidiger Nummer eins. Wer regelmäßig bei Real Madrid spielt, hat per se beste Voraussetzungen, im DFB-Team Abwehrchef zu sein. Rüdiger hat sich zudem mit einem bemerkenswerten Statement nach dem blamablen WM-Aus ("Wir stehen wieder bei null. Viel Talent, alles schön. Aber die letzte Gier, dieses etwas Dreckige fehlt uns") als Führungsspieler etabliert.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2022/11/29/3499509.jpg)
DFB-Nationalspieler Thilo Kehrer (re.) und Antonio Rüdiger (li.) bei der WM in Katar
Fotocredit: Imago
Die besten Chancen auf den Platz an seiner Seite hat Niklas Süle (27), auch wenn der Dortmunder durch ein erneut durchwachsenes Turnier Kredit verspielt hat. Süle kommt entgegen, dass es hier an echten Alternativen mangelt. Matthias Ginter ist seit 2018 zwar bei jedem Turnier dabei, spielen darf er aber nicht. Nico Schlotterbeck (23) hat viel Potential, agiert aber noch zu fehleranfällig. Der 20-Jährige hat 18 Monate Zeit, BVB-Kollege Süle aus der Startelf der Nationalmannschaft zu verdrängen.
Für Armel Bella-Kotchap (20) wird es in erster Linie darum gehen, seinen Kader-Platz auf dem Weg zur Heim-EM zu verteidigen. Die Anzahl der Herausforderer ist allerdings überschaubar. Jonathan Tah galt einst als großes Talent, konnte die Vorschusslorbeeren aber zu selten rechtfertigen. Robin Knoche überzeugt als Abwehrchef bei Union Berlin, wurde aber noch nie zur Nationalmannschaft eingeladen und wäre zum Zeitpunkt der EM 2024 bereits 32 Jahre alt.
Neben Bella-Kotchap wird U21-Nationalverteidiger Malick Thiaw (21) eine große Zukunft zugetraut. Der 1,94-Meter-Hüne steht seit Sommer beim AC Milan unter Vertrag und eroberte sich in den letzten Spielen vor der WM-Pause einen Stammplatz bei den Rossoneri. Keine Zukunft im Nationalteam hat Mats Hummels - trotz seiner starken Saison beim BVB.
Außenverteidiger:
Kurz vor der Bekanntgabe seines WM-Kaders wollte Hansi Flick nach "Sky"-Informationen Jonas Hector zu einem Comeback in der Nationalmannschaft überreden. Hectors Vereinstrainer Steffen Baumgart bestätigte zumindest Gespräche zwischen ihm, Hector und Flick. Wenn der Bundestrainer von seinem vorhandenen Spielermaterial nicht überzeugt ist, zeigt dies das Dilemma, in dem der deutsche Fußball auf den Außenverteidigerpositionen steckt.
Auf links ist der Leipziger David Raum (24) gesetzt, der den nachhaltigen Beweis seiner internationalen Klasse aber bislang schuldig geblieben ist. Erster Backup war in Katar der Freiburger Christian Günter, der allerdings nicht zum Einsatz kam. Etwas überraschend verzichtete Flick auf Robin Gosens (28), der jetzt wieder in den Fokus rücken dürfte. Mit Luca Netz (21) steht ein vielversprechendes Talent parat, das bei Borussia Mönchengladbach aber nicht an Ramy Bensebaini vorbeikommt. Netz braucht dringend mehr Spielzeit, sonst ist er keine Option für den EM-Kader 2024. Die Fohlen bestätigten unlängst ihre Bereitschaft, Netz auszuleihen.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2022/11/30/3500200.jpg)
Deutschland: Lukas Klostermann bei der WM 2022 in Katar
Fotocredit: Getty Images
Auf rechts probierte Flick bei der WM in drei Partien gleich vier Spieler aus. Das Experiment mit Süle gegen Japan ging in die Hose, Thilo Kehrer lieferte gegen Spanien ab. Der 26-Jährige ist Stammspieler bei West Ham United und pendelt dort zwischen Abwehrzenturm und Rechtsverteidigerposition. Seine Flexibilität macht ihn auch für Flick unersetzbar. Lukas Klostermann taugt als Alternative, Jonas Hofmann kann die gesamte rechte Seite beackern.
Deutschland hatte die besten Rechtsverteidiger bei der WM dabei. Der Wolfsburger Ridle Baku könnte am ehesten in die Phalanx der Etablierten stoßen und einen Kaderplatz bei der Heim-EM ergattern.
Defensives Mittelfeld:
Auf den ersten Blick ist hier alles im Lot. Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Ilkay Gündogan gehören zur erweiterten Elite, das haben sie in ihren Vereinen hinlänglich bewiesen. Ein dickes Fragezeichen steht allerdings hinter der Zukunft von ManCity-Kapitän Gündogan. Flick musste ihn nach der EM 2021 schon zum weitermachen überreden. Der 32-Jährige ließ offen, ob er der DFB-Elf weiterhin zur Verfügung steht. Ein "Ja" würde bedeuten, dass drei EM-Plätze im defensiven Mittelfeld bereits vergeben sind.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2022/12/08/3504820.jpg)
Joshua Kimmich (l.) und Leon Goretzka zählen weiter zum festen Bestandteil im deutschen Mittelfeld
Fotocredit: Imago
Das macht es für die zweite Garde nicht einfacher, auf den EM-Zug aufzuspringen. Die besten Chancen hat aktuell Julian Weigl (27), der als Leihspieler bei Benfica aufblüht, seine Zukunft aber in Mönchengladbach sieht.
Florian Neuhaus (25), Emre Can (28) und Robert Andrich (28) scharren mit den Hufen. Bei Anton Stach (24) und Niklas Dorsch (24) wartet man auf den Durchbruch, bis zur Heim-EM wird die Zeit verdammt knapp.
Außenseiterchancen hat allenfalls noch Rani Khedira (28), der bei Union Berlin unumstrittener Stammspieler und Führungskraft ist.
Offensives Mittelfeld:
Was für die Absicherung im Mittelfeld gilt, trifft auch auf den Angriff zu. Jamal Musiala (19), Leroy Sané (26) und Serge Gnabry (27) werden 2024 eine tragende Rolle in der Nationalmannschaft spielen. Das Bayern-Triumvirat hat auch in Katar abgeliefert, im Torabschluss fehlte vor allem bei Musiala das Quäntchen Glück. Karim Adeyemi (20) kam zwar nicht zum Einsatz, hat aber großes Entwicklungspotential. Es liegt ausschließlich an ihm, sich für den EM-Kader zu empfehlen.
Da haben es Julian Brandt (26) und Mario Götze (30) deutlich schwerer. Brandt ist als etablierter Spieler von Borussia Dortmund weit weg von der Startelf im DFB-Team und Götze wird in absehbarer Zeit nicht über eine mögliche Jokerrolle hinauskommen. Ob der verletzungsanfällige Marco Reus mit seinen 35 Jahren noch eine Option für Flick ist, ist zumindest fraglich.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2022/12/08/3504822.jpg)
Die Zukunft im offensiven Mittelfeld: Jamal Musiala (l.) und Leroy Sané
Fotocredit: Imago
Einen dicken Trumpf in der Hinterhand hat Flick mit Florian Wirtz (19), der für die WM 2022 fest eingeplant war, aber verletzungsbedingt passen musste. Wirtz und Musiala sind die heißesten Versprechen im deutschen Fußball.
Als echte Alternative könnte sich Ansgar Knauff (20) entpuppen. Der rechte Flügelspieler sammelt sein eineinhalb Jahren reichlich Europacup-Erfahrung mit Eintracht Frankfurt und überzeugt dort mit beeindruckenden Leistungen. Felix Nmecha (22) und Kevin Schade (21) sind fester Bestandteil der U21 und im Blickfeld von Hansi Flick.
Sturm:
Deutschlands Stürmer Nummer eins heißt Timo Werner (26). In Katar war der Leipziger wegen einer Verletzung nicht dabei, Richtung Heim-EM führt aber kein Weg an ihm vorbei. Flick setzt große Stücke auf Werner. Niclas Füllkrug (29) sprang für Werner in Katar ein und bewahrte Deutschland mit seinem Tor gegen Spanien vor dem Aus bereits nach dem zweiten Gruppenspiel.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2022/11/29/3499395.jpg)
Niclas Füllkrug
Fotocredit: Getty Images
Hält der Bremer seine Torquote in den nächsten Monaten, wird er weiterhin Einladungen zum DFB-Team erhalten. Youssoufa Moukoko (18) durfte in Katar DFB-Luft schnuppern und hat es selbst in der Hand, Flick nachhaltig zu beeindrucken.
Die große Frage: Was passiert mit Thomas Müller? Flick wird den 33-Jährigen nicht zum Rücktritt drängen, dafür verbindet beide eine tief loyale Beziehung. Macht Müller weiter, wird er bei der EM 2024 sein (wohl) letztes großes Turnier spielen.
Lukas Nmecha (23) stand im Sommer im DFB-Kader für die Spiele in der Nations League und kam insgesamt 25 Minuten zum Einsatz. Die WM musste der Wolfsburger verletzt absagen, könnte aber eine Alternative für die EM 2024 werden. Außenseiterchancen haben zudem Luca Waldschmidt (26) und Jonathan Burkardt (22).
Das könnte Dich auch interessieren: FC Bayern profitiert vom frühen Aus - aber eine Gefahr bleibt
/origin-imgresizer.eurosport.com/2022/09/19/3456611-70517393-2560-1440.jpg)
Ballack und Kemme zum Bierhoff-Aus beim DFB: "Der Druck war da"
Quelle: MagentaTV
Werbung
Werbung