Zlatan Ibrahimovic: Die Geschichte eines phänomenal Verrückten

Phänomenal. Verrückt. Wahnsinnig. Wahnwitzig. Selbstüberzeugt. Selbstherrlich. Oder einfach: Zlatan Ibrahimovic. Sein Wechsel nach Amerika bildet den Abschluss einer außergewöhnlichen Europa-Tournee. Überall hat Ibrahimovic seine Fußspuren hinterlassen, in Schweden, den Niederlanden, Italien, Spanien, Frankreich, England. Es ist die Geschichte von Zlatan, dem Eroberer. Erzählt von unseren Autoren.

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Fotocredit: Eurosport

Passenderweise gab LA Galaxys Neu-Verpflichtung Zlatan Ibrahimovic sein Erscheinen in Hollywood bei "Jimmy Kimmel Live" bekannt. Klar, in seiner kurzen Zeit in den Staaten hatte er bereits Eindruck geschunden.
"Zuerst dachte ich so: 'Oh, wir haben diesen Typen in der Show", erzählt der Late-Night-König. "Und dann habe ich in die LA Times geschaut und eine Werbung gesehen Viele Sportler buchen eine ganze Seite, wenn sie die Stadt verlassen, um sich für alles zu bedanken. Aber dieser Typ machte dasselbe bei seiner Ankunft und schrieb: 'Liebes Los Angeles, Du bist willkommen.'"
Mit dieser Anzeige im Lokalblatt hat Ibrahimovic die Stadt darauf aufmerksam gemacht, dass ER erschienen ist. Der Mann, der alles verändern würde, sogar in einer Stadt wie Los Angeles, die an charismatische Führungsfiguren gewöhnt ist. Zlatan hat Europa stückweise erobert und überall Fußspuren hinterlassen nach seinem Debüt bei Malmö 1999, und jetzt schickt er sich an, dasselbe mit Amerika zu veranstalten.
Er machte sich auf zu einem neuen Kontinent - aber was hat er Europa hinterlassen? Wie war der Einfluss, den er auf Städte und Vereine hatte? Wir haben unsere Autoren gebeten, den Zlatan-Effekt mit persönlichen Eindrücken nachzuzeichnen.

1. Das neue Schweden

"Ich repräsentiere das neue Schweden. Ich habe Schweden auf die Landkarte gesetzt. Das ist keine Arroganz, das sind Fakten."
Diese Worte kamen aus dem Mund von Zlatan Ibrahimovic, während seiner ersten Pressekonferenz als Galaxy-Spieler. Als sich Schwedens U21-Team drei Jahre zuvor zum Europameister gekrönt hatte, war es kein Zufall, dass sie von einem Themensong namens "Neues Schweden" inspiriert wurden. Dieses Lied handelte von einer neuen Generation an Spielern, selbstbewusst und multikulturell. Es war ein Team, geformt vom Bild eines Mannes, der Schwedens Fußball - und Schweden selbst - für immer veränderte. Und obwohl Zlatans Auswirkung auf die schwedische Gesellschaft enorm war, ist seine Bedeutung für die Bevölkerung der Einwanderer noch signifikanter.
"Zlatan steht für eine Form des Schwedisch-seins", sagt Aftonbladet-Journalist Johanna Franden. "Es gab viele Generationen an Einwanderern vor ihm, aber er ist Symbol geworden für Menschen mit Migrationshintergrund. Er stellt eine große Gruppe dar, die in Schweden aufwächst, zu Hause andere Sprachen als Schwedisch spricht und vor Zlatans Durchbruch noch Probleme hatte, sich mit Schweden zu identifizieren. Diesem Punkt schenkten wir zu wenig Aufmerksamkeit, ehe Zlatans Buch veröffentlicht wurde. Obwohl Zlatan in Schweden geboren wurde, ist er zur personifizierten Einwanderungsgeschichte geworden: Erfolg, Persönlichkeit und Charisma ließen ihn zum Symbol für viele Dinge in der Gesellschaft aufsteigen - das ist sein wichtigstes Vermächtnis."
Das Buch "Ich bin Zlatan" wurde mehr als eine Millionen Mal in Schweden verkauft. Es kreierte nicht nur ein Bewusstsein unter jenen, die seine Geschichte teilen; es schuf auch ein Verständnis unter denen, die es nicht tun. Es brachte die Realität des Lebens zu den Menschen in die schwedischen Vororte. "Seine Begleitumstände in Rosengard wurden Leuten erklärt, die nicht mit dieser Umwelt vertraut waren", sagt Franden. "Das erzeugte ein Verständnis dafür, wie ein Leben gedeihen kann in einer Umgebung, in der alles ein Kampf und Essen auf dem Tisch nicht selbstverständlich ist. Dieses Wissen half Arbeitnehmern, die Menschen aus den schwedischen Vororten besser zu verstehen, was es wiederum für diese Leute erleichtert hat, Teil der Gesellschaft zu werden."
2015 war Schwedens ärmster Vorort tatsächlich Rosengard, wo Zlatan aufwuchs. Die Polizei klassifizierte Rosengard als Gegend, die am meisten von Kriminalität und sozialen Problemen heimgesucht wird, aber Zlatans Erfolg ermöglicht es, auch eine andere Story zu erzählen: Das Leben als Fußballer muss kein verwegener Traum sein, sondern wahr werden - sogar für Menschen aus ärmsten Verhältnissen. "Es ist hart zu träumen, wenn du fühlst, dass deine Träume unmöglich zu erreichen sind", sagt Henok Goitom, ein früherer schwedischer U21-Nationalspieler afrikanischer Abstammung. "Zlatans Weg an die Spitze verlieh dem Wort 'Traum' eine andere Bedeutung."
In der Liste der Spieler mit den 20 meisten Einsätzen für Schweden ist Ibrahimovic bis auf einen zweiten Profi der Einzige, dessen Mutter und Vater einen Migrationshintergrund aufweisen. In der Liste der 20 besten Torschützen ist er der Einzige. 116 Spiele und 62 Treffer für sein Land machen ihn einzigartig in der Geschichte des Nationalteams. Im selben Maß, wie er die Horizonte von Schwedens Zuwanderer-Bevölkerung definiert hat, veränderte Zlatan die Art und Weise, was es heißt, Schwede zu sein.
Traditionell regiert in Schweden das Kollektiv, sowohl im Fußball als auch der Gesellschaft ist die Gruppe eine wichtige Säule. In einem Land, das vom "Gesetz von Jante" geführt wird - der Doktrin, das Individualismus schadet -, ist Zlatan Ibrahimovic der Ausreißer, ein Individuum, der Fußball und Gesellschaft fundamental bewegt hat. "Früher war das Kollektiv am Allerwichtigsten, und du hattest nicht viel Platz zur freien Entfaltung; wenn du es doch gewagt hast, konnte es vorkommen, dass du als problematische Person gesehen wurdest", sagt Goitom. "Anstelle Kinder zu Persönlichkeiten zu erziehen, die ihren eigenen Weg gehen, war es leichter, diese Typen loszuwerden. Zlatan hat das geändert. Dank ihm ist es inzwischen viel einfacher, Individualisten zum Teil des Kollektivs zu bestimmen, und durch seine Leistungen hatten es Spieler mit Migrationshintergrund einfacher, ins schwedische Nationalteam zu gelangen."
Jeder will wie Zlatan sein. Nur: In einer Gesellschaft, in der glorifizierte Realitäten weitverbreitet sind und es "Influencer" zum Full-Time-Job gebracht haben, kann es schwierig sein, den Unterschied zwischen Fakt und Fiktion zu erkennen. Gleichermaßen hart ist es, den Umfang an Arbeit wertzuschätzen, den es braucht, um Erfolg zu erhalten und konservieren. Zlatans Arbeitsethos wurde nie infrage gestellt. Es ist kein Zufall, dass er nicht das Schicksal vieler Jungen aus den Vororte teilte, die im Fußball nicht weiterkamen. "Wenn es jemand schafft, sehen sehr wenige den Aufwand dahinter", sagt Goitom. "Wenn du nicht hart arbeitest, wirst du nichts erreichen. Die Leute sehen die schönen Tore, aber sie erkennen nicht, welche Arbeit es ist, unter Druck zu stehen, permanent spielentscheidend sein zu müssen - wie Zlatan." Franden greift das Thema auf: "Zlatan ist diszipliniert und schuftet. Deshalb ist er so erfolgreich, wie er ist."
Obwohl Zlatan eine fantastische Karriere quer durch Europa genoss, nachdem er Malmö 2001 in Richtung Ajax verlassen hatte, spaltete er immer die Meinungen. Viele geißelten ihn als arrogant. "Es ist Teil seiner Persönlichkeit, etwas großspurig zu sein", sagt Franden. "Ich betrachte ihn nicht als bescheidende und missverstandene Person. Ganz sicher nicht. Die Arroganz und die schnellen Antworten sind Teil seiner Persönlichkeit, und davon hat er profitiert." Es wird immer eine feurige Debatte bleiben, genau wie seine Tore und Titel nicht ignoriert werden können.
Zlatan, der Junge aus Rosengard, der zu Stimme und Gesicht seines Landes avancierte. Zlatan, der Mann, der eine neue Haltung begründete, schwedisch zu sein, der Menschen mit Migrationshintergrund eine Basis gab, sich mit ihrem Land zu identifizieren. Zlatan, der Superstar, der die großen europäischen Stadien näher an die schwedischen Vororte brachte und Träume zu erreichbaren Realitäten für eine ganze Generation transformierte.
Siavoush Fallahi - @SiavoushF

2. Niederlande: Pizza, Chips und Zlatan

Es ist Spätsommer, und nach einem harten Arbeitstag findet sich der Mitarbeiterstab in einem italienischen Restaurant auf der Herengracht ein, einer von Amsterdams schönsten Kanälen. Dann betritt eine Gruppe den Raum, und der Staff schaut genauer hin: Es ist Ajax-Stürmer Mido, gefolgt von drei aufgekratzten Freunden.
Die wunderschönen Häuser der Herengracht gehören den Ultra-Reichen. Denkt an Kensington in London oder Manhattan in New York. Deshalb wird dieses Restaurant oft von Prominenten besucht, einschließlich früherer und aktueller Ajax-Fußballer; Frank Rijkaard war Stammgast. Mido und seine Freunde setzen sich und bestellen Wasser, Pizzen und einige Teller Chips. Was, Pizza und Chips? Ja, der Kellner ist auch überrascht. Aber wir sprechen hier von Mido, ein Kerl, der sein Leben in vollen Zügen genossen hat, seit er 2001 nach Amsterdam kam. Um nur ein Beispiel zu nennen: Einmal schleuderte Mido eine Schere auf jenen Jungprofi, mit dem er im Angriff um die Gunst von Trainer Ronald Koeman buhlte: Zlatan Ibrahimovic.
Heute wissen wir, dass die Wege von Mido und Zlatan in signifikant unterschiedliche Richtungen auseinanderdrifteten, aber 2001 fragten sich Ajax-Fans, ob einer von beiden gut genug ist, das ikonische Trikot zu tragen. Was sie nicht bedachten, was der Umstand, dass sich Zlatan von schicken Häusern, Ferraris und Restaurants fernhielt. In Wirklichkeit lebte er in Diemen. Obwohl lediglich acht Kilometer vom historischem Stadtkern gelegen, ist Diemen so weit von Amsterdams Pracht entfernt, wie man sich nur vorstellen kann: grau, industriell und langweilig. Zlatan lebte dort, weil es Ajax für ihn arrangiert hatte, wenngleich es die unattraktivste Gegend der Stadt war.
In seinem Buch erinnert Zlatan daran, dass er in Diemen oft weinte. Spaß hatte er bloß, wenn Maxwell, der junge brasilianische Linksverteidiger, mal zwecks Videospielen rüberschaute. Die meisten Ajax-Spieler wohnten im Amsterdamer Bezirk Oud Zuid, in Schlagdistanz zu den Museen und Top-Restaurants. Wie also fühlte sich Zlatan? Es wäre leicht zu sagen, dass es einzig darum ging, hart zu arbeiten, Pizzen und Chips zu meiden, und dass ihn pure Entschlossenheit zu dem Spieler machte, den wir kennen und lieben. Aber das wäre Blödsinn. Die ehrliche Wahrheit ist, dass wir es nicht wissen. Das ist zumindest die ehrliche Wahrheit für Ajax. Zlatan war ein Rätsel, gehüllt in ein Geheimnis mit Fragezeichen auf dem Kopf.
Im Jahr 2001 war Ibrahimovic ein etwas seltsamer Teenager, der nicht gut genug für Ajax erschien. Zwei Jahre später war er der beste Spieler, den er der Klub seit Jahren gesehen hatte, und wie die meisten guten Spieler der Eredivisie musste er zu einem größeren Verein in eine größere Liga verkauft werden - in seinem Fall war das Juventus. Geschah das, weil er härter arbeitete als seine Rivalen, speziell Mido? Vielleicht. Aber es geht darüber hinaus. Nach all den Jahren schauen die Ajax-Fans auf die frühen 2000er zurück und wundern sich, was um alles in der Welt damals vorfiel.
Erinnert Ihr Euch an das Tor gegen NAC? Erinnert Ihr Euch, wie er Ajax-Kapitän Rafael van der Vaart und Coach Koeman rausekelte? Das war Zlatan, und die Amsterdamer Fans liebten ihn. Wie wir inzwischen wissen, war der Junge eine unaufhaltsame Kraft, der bald auf Tour durch Europas Fußball-Hauptstädte ging, dabei zig Pokale hamsterte und ein Superstar wurde. Wir hatten zu dieser Zeit einfach keine Ahnung. Mido hatte keine Ahnung. Die Menschen in Diemen und auf der Herengracht hatten keine Ahnung. Wir lebten einfach unser Leben. Ich war ein junger Student, der abends und an den Wochenenden als Kellner jobbte - der Typ, der Midos Pizza- und Chips-Bestellung aufnahm. Währenddessen saß am Stadtrand ein künftiger Halbgott auf dem Sofa, zockte Videospiele mit Maxwell und überlegte sich, was er am Abend wohl essen würde. Und jetzt, selbst mit dem Eindruck dieses unglaublichen Talents, das wir bei Ajax bestaunt haben, schätzen wir uns äußerst glücklich, diesen seltsamen Teenager für drei Jahre in unserer Mitte begrüßt zu haben.
Sie sollten dieses Haus in Diemen in ein Museum verwandeln.
Elko Born - @Elko_B

3. Italien: Der absolute Spieler

Georg Wilhelm Friedrich Hegels Idee des Absoluten ist ein dynamisches Konzept, geprägt von kontinuierlicher Veränderung und festgehalten durch einen dialektischen Prozess: These, Antithese und Synthese. Ibrahimovic hat in seiner Karriere annähernd gottgleichen Status erworben, weil er Gegenstand von ständiger Herausforderung und ständigem Wandel war.
Das "Enfant terrible" aus Rosengard wurde neuen Umgebungen ausgesetzt, jede davon verlieh einer der großen Karrieren der Neuzeit eine weitere Kontur. Der einflussreichste Faktor war Italien, wo sich eine ambivalente Entwicklung auftat: Italien änderte Zlatan, und Zlatan änderte Italien. In der Serie A wurde Zlatan zu Ibra und begründete seine eigene Absolution. Ein authentischer dialektischer Prozess.
These: Juventus
"ich hole das Ajax aus dir heraus." Die Serie A empfing Ibrahimovic 2004 mit einer Reminiszenz an die berühmte Szene aus dem Film "A Clockwork Orange". Der Wissenschaftler, der diese Technik an den Jungen vom Johan-Cruyff-Klub ausübte, war Fabio Capello, welcher eine Trainerschule repräsentierte, die Tore jedem Dribbling vorzieht; genau wie sie leidenschaftliche Tacklings über gepflegte Passstafetten stellt und Ergebnisse über Ästhetik. Der knallharte Capello war die extreme Ausprägung des Turnier Klubmottos: "Gewinnen ist nicht wichtig - es ist das Einzige, was zählt." Juventus war ein Verein in den letzten Zügen eines Siege-um-jeden-Preis-Dogmas in der Ära von Luciano Moggi, bevor mit dem italienischen Fußballskandal von 2006 alles zusammenbrach.
Für den 22-Jährigen aus Rosengard stellte sich das Ganze als großer Kulturschock dar. Zlatan war noch immer der Straßenfußballer, der es liebte, des Spektakels wegen zu spielen, Leute zu unterhalten und überraschen. Es benötigte also eine Anpassung seines Stils, aber zugleich gab es bei Juventus einen tieferen Dialog in der Ausfertigung des Spiels: Nicht nur zwischen Capello und Ibrahimovic, sondern auch zwischen einer Kultur - Italien - und dem Bewusstsein dieses Stürmers. Dieser Dialog drängte Zlatan dazu, die üblichen Verlockungen von Ruhm negieren zu müssen - die Autos, das Geld, all das. Er konnte es erreichen, indem er Torschütze und Gewinner wurde, ein nach Perfektion trachtender Mann.
Ibrahimovics Hegel-These kreiste um seinen Willen, gewinnen zu wollen, was Juventus' Motto, ja die Essenz von Italiens Fußballs umschloss. Allerdings konservierte sich der Spirit nicht ewig. Als Juventus zwangsabsteigen musste für seine Beteiligung am Manipulationsskandal und dabei auch zwei Titel verlor, zog Ibrahimovic weiter. Für einen, der dieses flackernde Feuer in sich trug, war Ausharren keine Alternative. Reue ist jenen fremd, die sich dem Siegen verschrieben haben.
Antithese: Inter
Im Fußball gibt es wenig, was gegensätzlicher ist als Juventus und Inter. Dort landete Ibrahimovic im Sommer 2006, was ein Land, das seinen Nationalsport durch den Manipulationsskandal ohnehin zerriss, nur weiter entzündete. Auch Milan hatte einen Vertrag vorbereitet, aber irgendetwas sagte Zlatan, dass er den monumentalen Druck eines Wechsels von Juventus zu Inter zu schultern habe.
Die Mission bestand darin, den Scudetto zu holen mit einem Verein, bei dem sein Idol Ronaldo gespielt hatte. Der famose Brasilianer schaffte keine Meisterschaft mit Inter - hier lag die Chance für Zlatan, einen Spieler zu überflügeln, dessen Gesicht früher auf Postern von seiner Wand lugte; als Youngster in Malmö hatte er auch Bücher über ihn gelesen. Dafür musste Zlatan eine Gewinnmaschine aus einem Team machen, das zuvor die andere Seite verkörpert hatte: launisch, wankelmütig und unbrauchbar darin, die Rolle des Favoriten auszufüllen. Überschätzt. Enttäuschend. Genau wie Zlatan von manchen Kritikern beurteilt wurde, ehe er nach Italien kam.
Zwei Jahre in Turin wandelten ihn zu einem Biest, gekennzeichnet durch eine brennende Begierde nach Siegen. Die Zeit tickte, und Zlatan wusste das. Bei Inter traf er eine Mannschaft, die keine Einheit war, und er erzählte Präsident Massimo Moratti, dass Gewinnen unter solchen Gegebenheiten unmöglich sei. Moratti verstand die Botschaft. So bewirkte Ibrahimovic bei Inter exakt dasselbe, was Capello bei ihm bewirkt hatte: Er änderte den Kern des Klubs und wurde zum Anführer, der quasi Herrschaft über die komplette Liga erhob und drei Titel in Folge holte - fünf in fünf Jahren, wenn man die Meisterschaften mit Juventus mitrechnet -, bevor das Angebot aus Barcelona folgte.
Vielleicht ist es deswegen, weil Inter das Triple gewann im ersten Jahr, nachdem Ibrahimovic weg war; vielleicht ist es, weil die Vergötterung von Zlatan durch die Vergötterung von José Mourinho ersetzt wurde; vielleicht ist es einfach, weil die Zeit vergeht; aber es scheint, dass unser Verständnis von Ibras Inter wieder verschwand. Die Maxime, die er in den Klub brachte, war letztlich eine Antithese zu Inters Seele. Deshalb konnte sie lediglich von kurzer Dauer sein.
Synthese: AC Milan
Anfang Oktober, es ist ein gemütlicher Abend, das Aufwärmen vor einem Serie-A-Spiel. Ronaldinho hat Spaß an seinen Versuchen, den Ball gegen die Latte zu schießen. Ibrahimovic schaut auf seinen Kollegen, nimmt sich den Ball und drischt ihn ansatzlos so hart wie möglich Richtung Tor. Der Ball klatscht krachend ans Gebälk, und Ronaldinhos Lächeln verschwindet. Ibrahimovics Einfluss auf den AC Milan kann mehr oder minder mit dieser Aktion zusammengefasst werden.
Milan hatte ihn aus seinem katalanischen Gefängnis befreit, um die nationale Vormachtstellung zu erneuern, die abhandengekommen war, als Ibrahimovics Inter zum besten Team Mailands und Italiens wurde. Bei seiner Ankunft aus Barcelona fand er ein kriselendes Team vor, aber sein Können und sein Charisma sorgten dafür, dass sich Milan revitalisierte. Das war 2010. Der Geist der Rossoneri passte perfekt zu Ibrahimovic (oder umgekehrt), er trug Siegermentalität bei, die er bei Juventus aufgesogen hatte, und würzte sie mit Führungsstärke von Inter. Veni, vidi, vici.
Als er Milan 2011 zum Scudetto leitete, vereinte er den Verein - wenn auch flüchtig - mit dessen glorioser Geschichte. Aber Italien vereinte sich auch mit Ibra, dem Bad Boy, dessen Fehler plötzlich verzeihbar waren, weil er sie überkompensierte. Der Mann, der Italien bereiste, um zu lernen, und der das Land 2012 für Paris Saint-Germain verließ, nachdem er uns an die wichtigsten Facetten der italienischen Fußballhistorie erinnert hatte.
Mattia Fontana - @mattiafontana83

4. Spanien: Ein Flug, der die Reise ändert

In unbekannten Koordinaten des Luftraums zwischen Donezk und Barcelona macht ein Flugzeug, in dem Joan Laporta sitzt, einen unerwarteten Abstecher. Der Präsident des FC Barcelona und seine Delegation sind in die Ukraine aufgebrochen in diesem Sommer 2009, um Schachtjar-Verteidiger Dmytro Chygrynskiy zu verpflichten - aber sie würden mit einem weiteren Deal zurückkehren.
Eine Forderung von Pep Guardiola war noch nicht erfüllt. Obwohl er in seiner ersten Saison als Trainer gleich das Triple gewonnen hatte, wollte Guardiola den Angriff aufbessern und Samuel Eto'o loswerden. Guardiolas Priorität bestand in einem neuen Stoßstürmer, und die Kandidatenliste umfasste drei Kandidaten: Atléticos Diego Forlan, Valencias David Villa und Inters Zlatan Ibrahimovic. Irgendwo in der Stratosphäre über Zentraleuropa wird entschieden. Das Flugzeug mit den Barcelona-Bossen steuert Mailand an und kontaktiert Massimo Moratti. Eine Einladung ins Haus des Inter-Besitzers, und das Geschäft wird initiiert: Guardiola erhält die Nummer neun, die er wollte. Ibrahimovic würde sich als Transfer mit Konsequenzen entpuppen - nur anders als erwartet…
Es waren fieberhafte Momente des spanischen Fußballs. Einen Monat, bevor Ibrahimovic vor 50.000 Fans im Camp Nou vorgestellt wurde, war Florentino Pérez als Präsident von Real Madrid und mit dem Verlangen zurückgekehrt, die "Galaktischen" neu aufzurollen. Kaká kam für eine Weltrekordsumme von 65 Millionen Euro, kurz darauf setzte Cristiano Ronaldo die Messlatte mit 94 Millionen deutlich höher, während Karim Benzema für weitere 35 Millionen verpflichtet wurde. Barcelona hatte mit sieben La-Masia-Spielern in La Liga, Champions League und Copa del Rey triumphiert, was als Zeugnis der eigenen Identität und Philosophie hätte gedeutet werden können, aber Laporta wollte einen Prestigekauf als Reaktion auf Madrid. Zlatan erwiderte den Ruf.
Ibrahimovic sollte Barças Antwort auf Ronaldo sein, bald wurde offensichtlich, dass sie diese Antwort schon in ihren Reihen hatten: Lionel Messi. Das erste Mal, das Guardiola diesen Genius als falsche Neun aufstellte und so einen zerstörerischen Effekt provozierte, war im Mai 2009 bei einem 6:2 über Real. Allerdings brauchte es eine weitere Saison, Ibrahimovics erste und einzige in Barcelona, ehe Guardiola von seiner Strategie vollends überzeugt war. Den ganzen Sommer hatte er sich nach einem Stoßstürmer gesehnt, und dann diente Ibrahimovic allein dazu, den Coach zu belehren, dass Messi keine Nummer neun benötigt. Er wäre gefährlicher, wenn er die Rolle auf seine Weise interpretiert.
Zlatans mangelnde taktische Flexibilität bedeutete, dass er Eto'o nicht nacheifern konnte, indem er auf den Flügel ausweicht, weshalb Guardiola irgendwann Bojan Krkić präferierte. Welch eine Degradierung. Es ist kaum zu behaupten, dass Ibrahimovic ein Flop gewesen wäre, sein Tor im Clásico war ein Faktor auf dem Weg zum Titel. Aber schlussendlich stellte sich heraus, dass Zlatan einer zu viel war. Unerwartet und ungewollt half er, Barças La-Masia-Projekt die Legitimation zu erteilen. Er war der letzte Faktor, den Guardiola brauchte, um Messi in einer Position zu installieren, die es ihm erlaubte, zum besten Spieler des Planeten zu werden. Damit war der Keim des 2011er Teams geboren, Guardiolas Klimax in Barcelona.
Zlatan wurde für Messi geopfert. Als Einzelgänger im Widerspruch mit der schulischen Umwelt, die Guardiola forciert hatte und Messi aufblühen ließ, gab Ibrahimovic seinem Trainer den Spitznamen "Philosoph". Wahrscheinlich wäre Madrid für Zlatan die bessere Wahl gewesen, mit Mourinho und Ronaldo. Er hätte dort vermutlich mehr Spaß gehabt. Aber so richtete das Schicksal eben nicht, als Laportas Flugzeug damals seine Route adaptierte.
Adrian Garcia - @adriangroca

5. Frankreich: Träume größer

Zlatan Ibrahimovic teilte Frankreich. Er teilte natürlich auch alles andere, aber besonders teilte er L’Hexagone. Es war Frankreich, das Zlatan nach einem 2:3 gegen Bordeaux im März 2015 als sch*** Land bezeichnete. Ein Land, das trotz vier Versuchen mit einem progressiv aufgemotzten Paris Saint-Germain nicht den Champions-League-Titel lieferte. Zlatans internationale Enttäuschungen waren ein Grund für das prahlerische Statement, er "gehe als Legende", wie beim Abschied 2016 angemerkt.
In vier unvergessen Jahren im Prinzenpark setzte Zlatan untilgbare Marken. Er demonstrierte seine Dominanz mit Technik, Athletik und Stärke, die von seiner Liebe für Kampfsportarten rührten. Ein Kung-Fu-Tor gegen Marseille 2012, ein Skorpionkick gegen Bastia 2013: Solche Szenen sind in der Wahrnehmung französischer Fans noch immer klar umrissen. Auf dem Platz besaß er eine Aura, die bei Gegnern einen Mix aus Erstaunen und Ehrfurcht hervorrief. Manche schienen ihn einfach spielen zu lassen, während andere in die Falle tappten zu glauben, sie würden ihn stoppen können. Zlatan war der unangefochtene König der Ligue 1; jene Inkarnation von Superstar, die Frankreichs Fußball so selten hatte; die Personifikation von Paris Saint-Germain.
Als Zlatan im Sommer 2012 vom AC Milan kam, war PSG seit einem Jahr im Besitz von Kataris, aber daran gescheitert, die Meisterschaft einzufahren: Unerwartet hatte Montpellier den Titel 2011/12 gewonnen. Mit Ibrahimovic holte Paris dann viermal in Folge das Championat, in der ersten Saison ohne ihn stibitzte Monaco die Krone. Ibrahimovics Präsenz in Paris repräsentierte eine Periode ungebrochener Überlegenheit. Er verließ die Hauptstadt als bester Torschütze der Klub-Geschichte mit 156 Treffern, und selbst, wenn Edinson Cavani diesen Rekord inzwischen überflügelt hat, illuminieren Statistiken das Vermächtnis von Ibrahimovic nur in Teilen.
Mit seinem Pferdeschwanz und den wilden Tattoos war er mehr als ein Sportler; er war eine Naturgewalt, purer Charme und raue Provokation. Gleich am Anfang stellte ihn Berater Mino Raiola den Franzosen vor, indem er ihn mit Mona Lisa verglich. Zlatan gerierte sich als Mann, der seine Hegemonie in Frankreich wie folgt startete: "Ich weiß nicht viel über die Spieler der Ligue 1 - aber sie kennen mich." Es war diese Selbstdarstellung, die ihn über den Sport erhob und das Verb "zlataner" (ein Synonym für "überwältigen") in den französischen Sprachgebrauch einführte. Deswegen wurde seine Wachsfigur 2015 im Musée Grévin ausgestellt und er in Puppenform in der TV-Satire "Guignols de l'info" verewigt. Zlatan mag genervt haben, aber viele Leute wurden durch sein Selbstbewusstsein eingenommen. Geliebt oder gehasst zu werden, ohne Zwischenräume: Das war die Geschichte von Zlatan in Frankreich, sogar unter PSG-Fans.
Nachdem der Marketingslogan "rever plus grand" (träume größer) als Motto des neuausgerichteten und hochambitionierten PSG adaptiert wurde, reagierten langjährige Anhänger skeptisch auf den Zustrom von Fans, die sich plötzlich angezogen fühlten. Eine Vorliebe für Raí oder Pedro Pauleta zu kultivieren - noch vor Ibrahimovic -, gereichte als Zeugnis einer tieferen Affinität zum Verein. Außerdem gab es durchaus PSG-Fans, die in Zlatans Jahren nicht nur nationale Dominanz registrierten, sondern auch internationale Misserfolge. Gemeinhin wäre Zlatans großspurige Attitüde wohl eher toleriert worden, wenn er die Champions League gewonnen hätte.
War Zlatan Ibrahimovic wirklich so selbsterfüllt, oder mimte er einen Charakter, der seine wirkliche Persönlichkeit von innen heraus auffraß? Diese Frage blieb unbeantwortet in Frankreich, wo ihn die Canal+-Dokumentation "Ma part d'ombre" (Meine dunkle Seite) in anderem Licht darstellte: als Mensch, nicht als Star. In diesem Film spricht Ibrahimovic darüber, wie der in Schweden erlebte Rassismus seine Persönlichkeit formte. Zugleich schien er überrascht, wie sehr er in Frankreich zum Gegenstand von Debatten geriet: "Ihr sagt, dass ich arrogant bin, aber Franzosen sind berühmt für ihre Arroganz. Insofern bin ich genau wie Ihr, und Ihr solltet mich lieben." Sprach hier der Star oder der Mensch? Und welche Seite von Zlatan war es, die von der Öffentlichkeit geliebt und gehasst wurde?
Simon Farvacque - @sporthinker

6. England: Zlatan, das Löwenherz

Fossilien verdeutlichen, dass Löwen das Flachland des prähistorischen England vor rund 700.000 Jahren durchzogen. Im 12. Jahrhundert wurden Löwen in die nationale Identität aufgenommen, indem sie das Wappen von Richard I. schmückten. Es ist eine anhaltende stilistische Manier, die in verschiedenen Jahrhunderten widerhallte - und der Grund, warum drei Löwen nach wie vor auf der Brust von Englands Fußballern eingestickt sind.
So passt es, dass der Spirit, den sich Zlatan Ibrahimovic in seiner Zeit auf der Insel aneignete, eines der mächtigsten nationalen Symbole war, die dieses Land besitzt. "Ich bin ein Tier. Ich fühle mich wie ein Löwe", sagte er nach zwei Toren gegen Southampton im Februar 2017. Fast 900 Jahre nach Löwenherz Richard kam Löwenherz Zlatan. Und in diesem Prozess wurde das kühne Alphatier zu einem stattlichen nationalen Mysterium.
Als hätte das Schicksal seine Finger im Spiel gehabt, datierte sich Zlatans Ankunft eine Woche auf das Votum der britischen Bürger, aus der EU auszutreten. Ein schwedisches Unikum, Sohn von Immigranten, der in den Niederlanden, Italien, Spanien und Frankreich groß und größer geworden war: Zlatan bildete den Abklatsch für paneuropäische Integration. Der Brexit hatte England illustriert, eine engstirnige, bornierte Nation zu sein, erachtend, dass es erhöhte Exporte von Marmelade, Tee und Keksen überkompensieren, den größten Binnenmarkt der Welt aufzugeben; eine Nation, die sich in Visionen ihrer eigenen Großartigkeit hingab, während sie sich externen Realitäten verweigerte. Aber hier war ein Pferdeschwanz-tragender Vorbote der Erkenntnis, dass Englands Außergewöhnlichkeit die hohlste aller Bedingungen ist.
Es war Zlatan, der dieses Problem bereits 2012 diagnostizierte. Nachdem er im Freundschaftsspiel zwischen England und Schweden ein sensationelles Fallrückziehertor erzielt hatte, sagte er: "So ist es mit den Briten - wenn du gegen sie triffst, bist du ein guter Spieler; wenn du nicht gegen sie triffst, bist du kein guter Spieler." England suhlte sich in der Isolation, das einzige Land zu sein, wofür Zlatans Charme unzugänglich blieb. Trotz elf Meistertiteln in vier Ländern, trotz 156 Toren in 180 Spielen für Paris: Zlatan war nicht fertig mit England. Eine Nation, die blind glaubt, dass sie die anspruchsvollste Fußballliga unterhält, musste noch immer überzeugt werden.
Gab es irgendetwas Besonderes an der Premier League, das verdeutlichen würde, dass Zlatan Ibrahimovic nichts mehr ist als ein überheblicher Narzisst? Würden die physischen Anforderungen in Englands Arenen diesem knarzenden 34-Jährigen zusetzen? Nein. Als er loslegte, erlebte Zlatan eine Saison historischen Ausmaßes.
Er traf zum Debüt beim 2:1 über Leicester City im Community Shield. Er traf bei seinem Premier-League-Einstand, einem 3:1 gegen Bournemouth. Und er traf in seinem ersten Spiel in Old Trafford, einem 2:0 gegen Southampton. Zwischen 6. November und 15. Januar markierte er 13 Tore in 13 Partien, am Ende waren es wettbewerbsübergreifend 28. Er überlebte England nicht nur. Er florierte. Und als er im Februar 2017 gegen Leicester traf, wurde er zum ältesten Spieler, der jemals 15 Premier-League-Tore innerhalb einer Saison schaffte. "Ich bin im Rollstuhl nach England gefahren", scherzte Zlatan später in Anspielung auf Mutmaßungen, dass er weit über dem Zenit und sein Geld nicht wert sei. "Ich habe England in drei Monaten erobert."
Konträr dazu entwickelte sich seine zweite Saison, zerstört durch einen Kreuzbandriss im April 2017. Selbst dann generierte die Wucht seiner Genesung, die United dazu veranlasste, ihm einen neuen Vertrag zu offerieren, einen mythischen Status. "Sein Knie ist so stark, die Ärzte haben gesagt, dass sie so etwas noch nie gesehen haben", sagte Berater Raiola. "Zlatan ist so stark, dass ihn die Ärzte nach seiner Karriere für Forschungszwecke wollen." Tatsächlich aber wurde der Mythos nicht länger von Realität gestützt. Im Winter 2017 legte Zlatan ein paar enttäuschende Auftritte hin, und in Ermangelung vernünftiger Leistungen wurde manch selbstverherrlichende Social-Media-Aktivität ermüdend. Aber gut, sein Job in England war getan. Im Tweet, der seinen Wechsel zu LA Galaxy bekanntgab, stolzierte Zlatan den Weg entlang. Neben ihm: ein zahmer Löwe.
Tom Adams - @tomEurosport
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