Handball-EM - Eurosport-Experte Pascal Hens im Interview: "Deutschland hat die Möglichkeit, positiv zu überraschen"

Am Freitag startet die deutsche Handball-Nationalmannschaft gegen Belarus in die Europameisterschaft. Das Team um Bundestrainer Alfred Gislason tritt in Ungarn und der Slowakei mit neun Turnier-Debütanten an. Vor dem EM-Auftakt sprach Eurosport-Experte Pascal Hens im exklusiven Interview über die Qualitäten der deutschen Mannschaft, die Gruppengegner sowie die Topfavoriten auf den EM-Titel.

Pascal Hens

Fotocredit: Imago

Am Donnerstag startet in der Slowakei und Ungarn die 15. Handball-Europameisterschaft. Die deutsche Mannschaft hat ihren ersten Auftritt am Freitag mit einer neu-formierten Mannschaft um neun Turnier-Debütanten gegen Belarus. In Bratislava trifft das DHB-Team in der Gruppe D zudem auf Österreich und Polen.
Deutschland reist mit Selbstvertrauen zum EM-Turnier: Bei der Generalprobe gegen Frankreich überzeugte das Team von Bundestrainer Alfred Gislason. Gegen den Olympiasieger gewann die deutsche Mannschaft durch ein Tor von Luca Witzke in der Schlussekunde 35:34 (14:18).
Eurosport-Experte Pascal Hens wurde mit der deutschen Nationalmannschaft 2004 in Slowenien Europameister. 2007 war er Teil des Wintermärchens, als Deutschland im eigenen Land WM-Gold gewann.
Im exklusiven Interview mit Eurosport.de sprach der frühere Rückraumspieler vor dem Turnierbeginn über die Qualitäten der deutschen Nationalmannschaft um Kapitän Johannes Golla, die Topfavoriten auf den Titelgewinn in Ungarn und der Slowakei und über den Einfluss der Corona-Pandemie auf die Europameisterschaft.
Das Interview führte Pascal Steinmann.
Herr Hens, wie stark ist die deutsche Mannschaft nach der gelungenen Generalprobe beim 35:34 gegen Frankreich für die anstehende Europameisterschaft einzuschätzen?
Pascal Hens: Es ist natürlich immer schön, wenn man die Generalprobe gewinnt. In unserer Generation war es immer ganz gut, wenn wir die Generalprobe verhauen haben. Dann lief das Turnier meistens besser. Aber ich glaube, wir haben nun andere Voraussetzungen mit einem jungen deutschen Team. Ich habe eigentlich zum ersten Mal keine so hohen Erwartungen an die Mannschaft, weil sie sehr jung ist. Sie hat die Möglichkeit, positiv zu überraschen. Und wenn es nicht so funktionieren sollte, ist die Enttäuschung gar nicht so groß. Alfred hat einen Umbruch eingeleitet und hat viele junge Leute dabei. Die dürfen sich jetzt präsentieren. Ich freue mich auf das Turnier, aber auch, weil einfach nicht so viel Druck herrscht.
Wie schätzen Sie die Leistung im Spiel gegen Frankreich ein?
Hens: Die Mannschaft hat das gegen Frankreich sehr ordentlich gemacht, auch wenn man das Ergebnis nicht überbewerten sollte. Klar ist es schön, wenn man den Olympiasieger schlagen kann. Nichtsdestotrotz ist das ein Vorbereitungsspiel gewesen. Davon sollte man sich nicht blenden lassen.
Wer werden die prägenden Gesichter dieser jungen deutschen Mannschaft sein?
Hens: Das werden wir im Laufe des Turnieres sehen. Philipp Weber ist einer der erfahrenen Spieler in der Mannschaft. Wir haben im vergangenen Turnier gesehen, dass Alfred ihn als Mittelmann installiert hat und er sein Ansprechpartner im Angriff ist. Wir haben zwei wichtige Shooter im linken Rückraum: Julius Kühn, der mir im Spiel gegen Frankreich gut gefallen hat, und Sebastian Heymann. Das sind zwei Jungs, die aus der zweiten Reihe Tore erzielen können. Das wird enorm wichtig sein. Kai Häfner ist ein erfahrener Mann, der in diesem Turnier viel spielen wird. Auch er hat gegen Frankreich gut gespielt. Nichtsdestotrotz ist das ein Mix: Es herrscht kein großer Druck, die Mannschaft ist relativ unerfahren, es sind einige neue Jungs dabei. Lassen wir uns einfach mal überraschen.
Wie sehr fehlt ein erfahrener Spieler wie Uwe Gensheimer in dieser jungen Mannschaft?
Hens: Klar ist es gut, wenn man erfahrene Spieler dabei hat - unabhängig von Uwe Gensheimer. Über Jahre sammelt man Erfahrungen, ist in entscheidenden Situationen unaufgeregter, wenn man sie schon ein paar Mal durchlebt hat. Andererseits ist eine gewisse Aufregung nicht schlecht, wenn man dort zum ersten Mal steht. Aber: Du brauchst in entscheidenden Situationen oder entscheidenden Phasen einen Spieler, der vorneweg geht. Es ist egal, ob das ein junger oder alter Spieler ist. Das hat in vergangenen Jahren ein wenig gefehlt. Jeder muss anfangen, seine Erfahrungen zu sammeln. Diese jungen Leute, die Alfred ins Turnier schickt, werden Erfahrungen sammeln, die ihnen im Laufe ihrer Karriere helfen werden. Ich hoffe einfach, dass sie es gut hinbekommen.
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Alfred Gislason setzt auf das Torhüter-Gespann Wolff/Klimpke

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Wer kann derjenige sein, der vorneweg geht? Kann das der neue Kapitän Johannes Golla ausfüllen?
Hens: Klar kann er emotional und in der Abwehr Akzente setzen. Aber es braucht jemanden, der im Angriff das Zepter in die Hand nimmt und die Verantwortung übernimmt. Und das ist für einen Kreisläufer - wie für einen Außenspieler - schwierig. Die haben durch ihre Positionen häufig nicht den Ball. Das muss schon ein Rückraumspieler sein, der die Verantwortung übernimmt und die Spielzüge ansagt. Da wird es eher auf Philipp Weber ankommen, der das Spiel leitet. Oder einer der Rückraum-Shooter, der mutig ist und sich die richtigen Situationen nimmt oder so gefährlich ist, dass er jemanden freispielen kann. Da wird es schwierig für einen Johannes Golla, wenngleich er als Kapitän natürlich auch vorneweg geht. Es steht außer Frage, dass das alle wollen. Es muss jemand in der entscheidenden Situation umsetzen. Aber in den vergangenen Jahren hat uns da immer jemand gefehlt.
Henning Fritz hat in den vergangenen Tagen bezweifelt, ob Alfred Gislason der richtige Trainer für diese neu formierte Mannschaft ist.
Hens: So eine Überschrift sticht natürlich heraus. Fritze hat große Hochachtung vor Alfred Gislason und weiß, was er als Trainer geleistet hat und nach wie vor leistet. Alfred ist erst einmal derjenige, der den Umbruch einleitet und durchzieht und mit vielen jungen Leuten agiert. Ich denke, was Henning Fritz meinte, war, dass junge deutsche Trainer wie Florian Kehrmann einen solchen Umbruch auch gut hätten durchziehen können, wenn man berücksichtigt, wie Flo in den vergangenen Jahren in Lemgo gearbeitet hat. Das ist schon nochmal etwas anderes, wenn man einen ehemaligen Nationalspieler mit vielen Länderspielen für die deutsche Nationalmannschaft integriert und zum Trainer macht. Ob Flo das überhaupt gewollt hätte, weiß ich nicht.
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Pascal Hens bei der Europameisterschaft 2007 in Deutschland

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Wie sehen Sie die Rolle von Alfred Gislason?
Hens: Ich finde, dass Alfred den Rebuild gut eingeläutet hat. Alfred ist ein sehr kompetenter, starker Trainer mit sehr viel Erfahrung. Ich wüsste nicht, warum er der Falsche sein sollte. Nichtsdestotrotz: Fritz meinte, dass junge deutsche Trainer wie Florian Kehrmann, Torsten Jansen, Maik Machulla oder Bennet Wiegert auch das Zeug dazu haben können, die deutsche Mannschaft zu trainieren. Aber momentan läuft es unter Alfred - und Alfred macht das sehr gut.
Wie schätzen Sie die deutschen Gruppengegner Belarus, Österreich und Polen ein?
Hens: Ich finde, das ganze Turnier ist schwer einzuschätzen. Ich habe von den Mannschaften noch nicht allzu viel gesehen. Gegen Österreich haben wir hin und wieder gespielt. Die Polen haben in der Vorbereitung gute Ergebnisse erzielt, gegen Spanien nur knapp verloren. Sie durchleben auch einen Umbruch und haben einige junge Spieler an Bord. Für unsere Mannschaft ist das eine anspruchsvolle Gruppe. Auf dem Papier denkt man: "Da werden wir locker durchmarschieren." Aber in Hinblick auf unseren Umbruch und die Ergebnisse, die andere Mannschaften erzielt haben, ist das eine schwere und anspruchsvolle Gruppe. Da müssen wir uns erst einmal durchsetzen. Wir tun gut daran, uns nicht hinzustellen und zu sagen: "Wir kommen in der Gruppe auf jeden Fall weiter." Das wird ein hartes Stück Arbeit gegen Belarus, Österreich oder Polen.
Welche Rolle wird die Corona-Pandemie in diesem Turnier spielen?
Hens: Im Vorfeld habe ich geschaut, welche Vorbereitungsspiele finden statt. Immer wenn ich auf den Spielplan geschaut habe, habe ich gesehen: Abgesagt. Deswegen müssen wir abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Wer kann wo spielen? Wird es Absagen oder zentrale Ausfälle bei Mannschaften geben? Das alles steht in den Sternen. Es wird ein merkwürdiges Turnier sein.
Wie schwierig ist es für die Köpfe der Spieler, mit dieser Pandemie und den Unwägbarkeiten umzugehen?
Hens: Das wird die Jungs nicht beschäftigen. Die sind in ihrer Blase, machen ihr Ding und kapseln sich ab. Jeder kann nur auf sich selbst achten. Die Mannschaft hält alles so ein, wie es vorgegeben wird. Im Endeffekt steckt man da nicht drin. Man muss sich so vorbereiten, wie man es sonst immer macht. Was dann bei anderen Mannschaften oder bei der deutschen Mannschaft passiert, kann man ohnehin nicht beeinflussen. Man muss flexibler sein, gerade als Trainer, aber auch als Mannschaft. Es kann auch einen Trainer erwischen, sodass der Co-Trainer dann übernehmen muss. Man muss flexibler sein, aber beeinflussen kann man es nicht. Dieses Virus begleitet uns und macht das Ganze schwer vorhersehbar.
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Johannes Golla und Luca Witzke im Vorbereitungsspiel gegen Frankreich

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Bob Hanning sagte: "Wer die wenigsten Infizierten hat, wird Europameister." Gehen Sie da mit?
Hens: Das kann man so nicht sagen. Wenn einer Mannschaft wie Dänemark fünf Spieler fehlen, können sie das besser verkraften als andere Mannschaften. Einige Teams sind von ihren Einzelakteuren abhängiger als andere. Aber es kann zweifelsohne ein mitentscheidender Punkt sein, wenn im Finale einer Mannschaft aufgrund von Corona drei wichtige Spieler ausfallen. Aber das ist nicht vorhersehbar, insofern ist es müßig, darüber zu spekulieren. Man muss abwarten und das Turnier so spielen, wie es eben kommt.
Wer sind Ihre Topfavoriten auf den Titel und wer sind die Spieler, auf die man achten muss?
Hens: Die üblichen Verdächtigen: Dänemark hat mit dem 35:25 gegen Norwegen ein Ausrufezeichen gesetzt. Das ist aber kein Geheimnis. Ich bin auf Ungarn gespannt, die zuhause spielen. Die Ungarn haben in vergangenen Turnieren gezeigt, was in ihnen steckt. Das ist eine interessante und gute Mannschaft. Mit dem Publikum im Rücken sind sie in der Lage, einiges zu reißen. Spanien hat einige erfahrene Spieler verloren, es kommen neue dazu. Und so geht es vielen Mannschaften: Bei den Franzosen fehlt ein Luka Karabatic. Auch da werden neue Spieler integriert. Kapitän Valentin Porte ist wieder dabei, der gegen Deutschland wegen einer Coronainfektion gefehlt hatte. Auch auf die Isländer sollte man achten. Die haben einen starken Kader. Ansonsten gibt es keine Favoriten, die man dazuzählen kann. Wir werden einige junge Spieler sehen, die wir vorher nicht auf dem Schirm hatten. Das wird auch für die Bundesliga interessant, ob man da einen spannenden Spieler nach Deutschland holen kann. Und dann lassen wir das Turnier auf uns zukommen.
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Überraschend deutlich: Bietigheim schlägt Dortmund im Spitzenspiel

Quelle: Eurosport

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