Kapitän Uwe Gensheimer tritt zurück, auch Steffen Weinhold streift das DHB-Trikot ab, Abwehrchef Hendrik Pekeler legt mindestens eine "längere Pause" ein. Und Johannes Bitter steht nur noch in Notfällen bereit: Die deutschen Handballer erleben nach den enttäuschenden Olympischen Spielen einen großen Umbruch.
Neun Tage nach dem Viertelfinal-Aus in Tokio löst vor allem der Abschied von Spielführer Gensheimer ein mittelschweres Beben aus - dabei schmerzen die anderen Rücktritte zumindest sportlich mehr.
Seinen "Kindheitstraum" lebte Uwe Gensheimer 16 Jahre lang, am Donnerstag hat Deutschlands Handball-Kapitän nun einen Schlussstrich gezogen. Auf die Zeit mit dem "Adler auf der Brust" blicke er mit "Stolz und Dankbarkeit" zurück, sagt der 34-Jährige. Die Beziehung zwischen Gensheimer und der Nationalmannschaft war oft keine einfache, aber immer eine besondere - und nicht nur sein langjähriger Wegbegleiter Bob Hanning sieht sogar eine gewisse Tragik.
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"Uwe Gensheimer", sagte der 53-Jährige am Donnerstag dem "SID", "ist einer der ganz Großen unseres Sports." Die Verdienste für den deutschen Handball seien "riesig, er ist einer der ganz wenigen deutschen Weltklasse-Handballer seiner Generation". Es sei daher "ein Stück weit tragisch, dass ihm der ganz große Wurf mit der Nationalmannschaft verwehrt geblieben ist."

Großer Titel bleibt Gensheimer verwehrt

Niemand erzielte mehr WM-Tore für Deutschland, überhaupt ist Gensheimer der drittbeste Werfer der deutschen Handball-Geschichte, in 204 Länderspielen gelangen ihm 921 Treffer. Einen großen Titel hat er mit der DHB-Auswahl aber nie gewonnen. Irgendwie bleibt sein Werk damit unvollendet.
Dabei gab es zweifellos Höhepunkte. Schon in den Jugendteams des Deutschen Handballbundes deutete sich an, dass sich da wohl jemand Besonderes entwickelt. Gensheimer wurde mit dem Nachwuchs Europameister und Vize-Weltmeister, dominierte diese Turniere. 2005 lief er erstmals für das A-Team auf, seit 2014 trug der Linksaußen die Kapitänsbinde. 2016 führte er Deutschland in Rio zu Olympia-Bronze.
Doch es gab eben auch die schweren Phasen, in denen immenser Aufwand und Ertrag nicht zusammenpassen wollten. So wie im kalten Januar 2017. Wenige Tage vor der WM war sein Vater plötzlich verstorben, doch "er hätte nicht gewollt", dass sein Sohn das Turnier verpasst, sagte Gensheimer damals.
Also stand der Kapitän trotzdem auf der Platte, pendelte zwischen der Heimat und den Spielorten in Frankreich, spielte teilweise überragend. Und am Ende stand für Deutschland doch nur ein enttäuschendes Achtelfinal-Aus.

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Mannschaft stand stets hinter Gensheimer

Später erst begann sein Platz in der Nationalmannschaft zu wackeln. Misserfolge wurden an dem nun häufiger schwächelnden Ausnahmespieler festgemacht, die öffentliche Kritik nahm zu. Bei der enttäuschenden WM 2021 in Ägypten entbrannte zudem eine Debatte über seine Führungsqualitäten.
Für den einstigen Weltklasse-Spieler Stefan Kretzschmar, mit dem Gensheimer schon früh verglichen wurde, kam das nicht überraschend. "Wenn du der Star der Mannschaft bist, polarisierst du", sagte Kretzschmar, "viele in unserer Gesellschaft wollen den Star gern scheitern sehen. Das hat auch mit Neid zu tun." Gensheimer sei in diesem Sinne häufig "das Opfer, das ist hart für ihn".
Die Mannschaft stand dabei allerdings stets hinter dem Spielführer, und das hatte Gründe. "Er war immer dabei", sagt DHB-Vize Hanning: "Uwe hat sich nie aus der Verantwortung gestohlen und stets die Knochen für den deutschen Handball hingehalten." Er wird sie weiter hinhalten, von nun an allerdings nur noch für die Rhein-Neckar Löwen.

Weinhold und Pekeler werden dem deutschen Team fehlen

Die Abschiede der anderen Leistungsträger fallen sportlich noch mehr ins Gewicht. Weinhold (35) und auch Kiel-Kollege Pekeler (30) sind die größten Stützen in Gislasons Team, Bitter überzeugte seit seiner Rückkehr ins DHB-Trikot zudem mit guten Leistungen.
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"Alle vier werden der Nationalmannschaft fehlen, aber das ist der Lauf der Dinge – auf ihren Positionen werden wir neue Spieler mit anderen Qualitäten sehen", sagte DHB-Coach Gislason. DHB-Präsident Andreas Michelmann würdigte alle vier Spieler als "Gesichter unserer Sportart".

Bitter will jüngeren Torhütern die Chance geben

Noch in Tokio hatten Gensheimer, Weinhold und Pekeler Bundestrainer Gislason über ihren Entschluss unterrichtet. Bitter tat dies nach dem ersten Wochenende in der Heimat.
Linkshänder Weinhold gehörte seit 2008 fest zum Inventar des DHB-Teams, 137 Länderspiele (339 Tore) stehen in seiner Vita. Pekeler, der heimliche Chef des DHB-Teams, kommt seit seinem Debüt 2012 auf 119 Spiele (203 Tore).
"Für Deutschland zu spielen, war mir immer eine Ehre", sagte Weinhold. Pekeler, bei dem keine Angaben gemacht wurden, ob und wann er nochmal für das DHB-Team spielt, sagte: "Jetzt habe ich mich für meine Familie entschieden, die mich braucht."
Der 170-malige Nationalspieler Bitter sieht die Zeit gekommen, "um jüngeren Torhütern die Chance zu lassen, Erfahrungen zu sammeln und sich zu beweisen."
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