"Es war sicherlich nicht einfach, sich bei diesem Spiel zu konzentrieren", sagte Bundestrainer Alfred Gislason nach dem 31:24-Sieg gegen Brasilien und fasste damit die Gemütslage rund um die deutsche Nationalmannschaft zusammen. "Aber sie haben das gut gemacht."
Schon vor dem Anpfiff wusste das DHB-Team, dass es nach dem letzten Hauptrundenspiel am Montag gegen Polen die Heimreise antreten muss, trotzdem war das Team dem Gegner über weite Strecken spielerisch und taktisch überlegen.
Zur Pause führte die deutsche Mannschaft mit 16:12, Mitte des zweiten Durchgangs hatten die Deutschen aber einen leichten Durchhänger und Brasilien kam wieder etwas ran.
WM
"Missgunst und Neid": DHB-Kapitän Gensheimer poltert gegen Kritiker
23/01/2021 AM 22:41
Nach einer Auszeit von Gislason baute Deutschland den Vorsprung bis zum Abpfiff auf sieben Tore aus.

1. Golla nutzt das Sprungbrett optimal

Bei der Bewertung der Leistung der deutschen Mannschaft darf natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass dem DHB-Team zahlreiche Leistungsträger wie Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek, Steffen Weinhold oder Finn Lemke fehlen.
Vor und während des Turniers betonten alle Verantwortlichen aber immer wieder, dass diese Weltmeisterschaft für die Nachrücker auch ein Sprungbrett sein kann. Die Chance sei da, sich für künftige Turniere zu empfehlen oder sogar auf Dauer wichtige Rollen einzunehmen.
Nach dem Spiel gegen Brasilien kann festgehalten werden: Johannes Golla hat diese Chance genutzt.
Der 23-Jährige war in allen Turnierspielen im Innenblock der Abwehr und auf der Kreisläuferposition im Angriff gesetzt. Im Gegensatz zu seinem Innenblock-Kollegen Sebastian Firnhaber spielte er zumeist durch. Beeindruckend war, dass sich Golla im Turnierverlauf steigerte.
Im Spiel gegen Ungarn war seine Leistung noch wackelig, gegen Spanien agierte er deutlich sicherer. Und gegen Brasilien war der Flensburger der beste Mann auf dem Platz.
In der Abwehr gewann er Zweikämpfe und eroberte Bälle (zwei Steals im Spiel), im Angriff positionierte er sich klug. Folglich wurde er von den Rückraumspielern häufig angespielt. Mit sieben Treffern war er der beste Torschütze der Partie. Zudem holte er zwei Sieben-Meter heraus.
Da wunderte es nicht, dass Golla der einzige Spieler war, den der Bundestrainer nach dem Spiel namentlich erwähnte. "Das war der Vorteil dieser WM, dass sich andere Spieler entwickelt haben und viele Spielanteile bekommen haben“, sagte Gislason im "ZDF". "Wenn man Golla als Beispiel nimmt, der hat sehr viel spielen müssen. Er hat eine super Entwicklung genommen und gerade heute ein gutes Spiel gezeigt."
Gegen Brasilien spielte Golla fast 50 Minuten, gegen Spanien knapp 44 Minuten und gegen Ungarn nahezu die vollen 60 Minuten.
Gislason ließ keinen Zweifel daran, dass er auf eine Rückkehr der in Ägypten fehlenden Leistungsträger hofft. Das bedeutet zum einen, dass die Mannschaft der WM 2021 in dieser Konstellation so wohl nicht mehr zusammenspielen wird.
Es bedeutet zum anderen aber auch, dass gerade auf Gollas Position die etablierten Spieler Pekeler, Wiencek und Lemke zurückkommen. Der 23-jährige Flensburger hat aber sein Standing im Team gestärkt - und ist aufgrund seines Alters ohnehin die Hoffnung des deutschen Handballs auf dieser Position.

DHB-Kapitän Uwe Gensheimer setzte sich gegen seine Kritiker zur Wehr

Fotocredit: Imago

2. Gensheimer kritisiert DHB-Kollegen

Uwe Gensheimer kann, da unterscheidet er sich von seinem Teamkollegen Johannes Bitter, nach verloren Spielen nicht sofort in den Optimismus-Modus schalten. Während Bitter sofort Aufwärtstrends erkennt und starke Phasen seiner Mannschaft heraushebt, ist Gensheimer der Frust meist deutlich anzumerken.
Die Aussagen des Kapitäns nach dem Spiel gegen Brasilien erstaunten aber dann doch. Angesprochen auf die Kritik an seiner Leistung hatte der DHB-Kapitän zunächst "gar keinen Bock, auf die Frage zu antworten", tat es dann aber doch. Erst mit Selbstkritik ("Ich weiß, dass ich besser Handball spielen kann."), dann mit Kollegenkritik.
Denn Gensheimer sagte, dass das Angriffsspiel der deutschen Mannschaft eher auf die rechte Seite ausgerichtet sei. Der 34-Jährige beschreibt einen Eindruck, den das Offensivspiel der deutschen Mannschaft schon während des gesamten Turniers umgibt: Rechtsaußen Timo Kastening wird häufiger in gute Abschlusspositionen gebracht als Linksaußen Gensheimer.
Die Zahlen bestätigen das. Gegen Brasilien wurde Kastening in knapp 30 Minuten Spielzeit zweimal aus dem gebundenen Spiel freigespielt, Gensheimer, der durchspielte, nur einmal. Gegen Spanien spielten beide über die volle Spieldauer. Kastening warf siebenmal von Rechtsaußen, Gensheimer zweimal von Linksaußen.
Nur gegen Uruguay wurde von Linksaußen öfter abgeschlossen als von Rechtsaußen. Marcel Schiller und Gensheimer hatten zusammen vier Würfe, Kastening und Tobias Reichmann drei.

Gislason verneigt sich trotz WM-Aus: "Bin stolz auf diese Mannschaft"

"Unser Spiel könnte ein bisschen mehr auf die Linksaußen-Position ausgerichtet werden von den Halben", sagte Gensheimer nach dem Spiel gegen Brasilien. "Da kommt - glaube ich - auf der rechten Seite mehr an."
Interessant sind die zwei Gründe, die Gensheimer als Auslöser dafür vermutet. Die eine Möglichkeit: "Manchmal ist es halt so, man hat verschiedene Spielertypen in seinem Angriff. Kai (Häfner, Anm. d. Red) macht das halt richtig gut im Eins-gegen-Eins und bei uns stoßen die Mittelleute ein bisschen besser auf die rechte Seite ab.“
Das kann ein bisschen als Kritik an der Spielweise von Julius Kühn im linken Rückraum verstanden werden, der häufig selbst den Abschluss sucht und im Gegensatz zum angesprochenen Häfner seltener in Lücken stößt und Gegenspieler bindet, um so Freiraum für Außenspieler zu schaffen. Trotzdem wäre das für die Chemie im DHB-Team die harmonischere Interpretation.
Denn Gensheimers zweite Vermutung für die Rechts-Lastigkeit des Angriffsspiels enthält gehörig Zündstoff.
"Ich weiß nicht, ob das der Vereinszugehörigkeit geschuldet ist", sagte der Linksaußen der Rhein-Neckar Löwen. "Missgunst und Neid sind manchmal, habe ich das Gefühl, schon ein bisschen da."
Kühn, Häfner und Kastening spielen alle bei der MT Melsungen - genau wie der verletzungsbedingt vorzeitig abgereiste zweite Rechtsaußen Reichmann. Sollten Melsunger Rückraumspieler bevorzugt ihre Vereinskameraden auf Rechtsaußen ins Spiel bringen oder es gar Vorbehalte gegen Gensheimer geben (der zweite Linksaußen Marcel Schiller wurde in den 30 Minuten, die er gegen Ungarn zum Einsatz kam, viermal freigespielt, Gensheimer in der anderen Halbzeit gar nicht), hätte die deutsche Mannschaft nicht nur an der Statik des Angriffsspiels etwas zu verbessern, sondern auch atmosphärisch einiges zu klären.
Im "ZDF" sagte Gensheimer noch: "Nichtsdestotrotz glaube ich, dass ich nach wie vor den Rückhalt der Mannschaft habe." Dann drehte er sich um und stapfte davon.

Bundestrainer Gislason mit den deutschen Spielern

Fotocredit: SID

3. Probleme bleiben auch gegen Brasilien

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hatte im Turnier vor der Partie gegen Brasilien in allen drei Spielen gute und schlechte Phasen. Sie hatte dank einer kompakten Abwehr teilweise Ungarns starken Kreisläufer Bence Bánhidi im Griff und brachte Spanien phasenweise zur Verzweiflung. Doch in keinem Spiel konnte das DHB-Team über 60 Minuten sein volles Potenzial abrufen. Das war auch gegen Brasilien so.
Im Angriff spielte die Mannschaft beispielsweise ziemlich variabel. Mal agierte man mit Einläufern, mal mit langen Kreuzungen oder anderen Auslösehandlungen.
Doch dann gab es wieder Phasen, in denen der deutschen Mannschaft zu viele technische Fehler unterliefen oder Torchancen aus aussichtsreichen Abschlusspositionen vergeben wurden.
Zehn technische Fehler wurden beim deutschen Team im Spielberichtsbogen notiert, bei Brasilien nur vier. Bestes Beispiel ist Kai Häfner. Der Rückraum-Rechte machte ein gutes Spiel, entwickelte viel Druck auf die Nahtstellen und verlieh dem deutschen Spiel Torgefahr. Doch neben vier Toren und einem Assist unterliefen ihm eben auch vier Ballverluste.
In der Abwehr war das Bild ähnlich.
Johannes Golla zeigte eine starke Leistung, Sebastian Firnhaber spielte nicht viel - aber in seinen rund zwölf Minuten ebenfalls engagiert. Und trotzdem kamen die Brasilianer häufig zu einfachen Toren aus dem Rückraum.
Über die gesamte WM hinweg sind die deutschen Spieler phasenweise zu zahm in den Zweikämpfen. "In der Deckung müssen wir hier und da noch ein bisschen aggressiver am Mann sein“, sagte Uwe Gensheimer nach dem Spiel gegen Brasilien im "ZDF".
Bundestrainer Alfred Gislason war nach der Partie "eigentlich sehr zufrieden mit den Jungs", sprach die Baustellen in der Defensive aber ebenfalls an.
"Die Probleme, die wir immer ein bisschen haben, waren auch heute wieder da", sagte der 61-Jährige. "Natürlich wissen wir, dass in der Abwehr noch viel fehlt, um gegen Weltklasse-Mannschaften zu bestehen."
In der Offensive habe sich sein Team weiterentwickelt und von Spiel zu Spiel steigern können. In der Abwehr hängt die Entwicklung noch etwas hinterher.

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