Leichtathletik EM 2016: Jonathan Edwards über Thomas Röhler, Jimmy Vicaut, Dafne Schippers und Co.
VonHenning Kuhl
Publiziert 06/07/2016 um 10:56 GMT+2 Uhr
Die Leichtathletik-EM in Amsterdam (6. bis 10. Juli) startet am heutigen Mittwoch (live im Fernsehen bei Eurosport 1 und im Eurosport Player). Pünktlich zum Beginn der Wettkämpfe hat Eurosport.de mit Jonathan Edwards, Weltrekordhalter im Dreisprung (18,29 Meter) und Olympiasieger von Sydney 2000 sowie internationaler Hauptmoderator bei Eurosport, über die EM gesprochen.
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Fotocredit: Eurosport
Geführt und zusammengetragen von Henning Kuhl
Herr Edwards, was erwarten Sie von den Wettkämpfen in Amsterdam?
Jonathan Edwards: Die Leichtathletik-Europameisterschaften hatten ihre Schwierigkeiten in der jüngsten Vergangenheit. Ich denke, dass wir daran arbeiten müssen, dass sich das in den nächsten Jahren wieder ändert – und die EM in Amsterdam ist eine gute Chance dafür. Viele Athleten haben ihren Fokus zwar auf die Olympischen Spiele in Rio im August gelegt, aber dennoch werden wir eine spannende und hochqualitative EM erleben.
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Welche Athleten werden im Mittelpunkt stehen?
Edwards: Dafne Schippers wird das Gesicht dieser EM sein. Ihre Bilder hängen überall in der Stadt und ihre Leistungen über die 100 sowie 200 Meter sind einfach stark. Sie hat das Zeug, die US-amerikanischen Sprinterinnen herauszufordern. Ob sie sie schlagen kann, wird man dann in Rio sehen. Allerdings glaube ich auch, dass Renaud Lavillenie (Stabhochsprung, Anm. d. Red.) im Fokus stehen wird, weil er über 6,00 Meter springen könnte. Er und Schippers werden die prägenden Gesichter bei den Frauen beziehungsweise Männern sein.
Gibt es Teilnehmerinnen oder Teilnehmer aus Deutschland, auf die Sie achten werden?
Edwards: In jedem Fall auf Speerwerfer Thomas Röhler, der in diesem Jahr schon über 90 Meter (91,28, Anm. d. Red.) geworfen hat. Ich bin wirklich sehr gespannt darauf, wie er auftreten und welche Weite er erreichen wird. Ohnehin wird der Speerwurf aus deutscher Sicht sehr interessant, weil auch die Frauen aus den Wettbewerb prägen, vielleicht sogar alle drei aufs Podium werfen werden. Und dann ist da natürlich noch Sprinter Julian Reus. Ich bin sehr gespannt, ob er in Amsterdam über die 100 Meter die 10-Sekunden-Marke unterbieten kann.
Auf welche Wettbewerbe freuen Sie sich besonders?
Edwards: Eindeutig auf die Sprintentscheidungen bei den Frauen mit Schippers und bei den Männern mit Jimmy Vicaunt, Julian Reus und Co. Das Feld bei den Herren ist sehr gut besetzt und verspricht eine Menge Spannung. Aber auch die Hammerwettbewerbe versprechen gute Unterhaltung.
Was erhoffen Sie sich von Ihrer Nation, Großbritannien?
Edwards: Ich denke und hoffe, dass sie das Zeug haben, um einen Platz ganz vorne im Medaillenspiegel zu erobern. Insbesondere Deutschland wird natürlich ein harter Gegner sein, aber die Briten haben ein starkes Team und können es schaffen.
Bis heute ist Ihr Weltrekord im Dreisprung gültig. Warum hat ihn noch niemand gebrochen?
Edwards: Die europäischen Dreispringer sind leider nicht so stark. Es gibt nur ein oder zwei Athleten, die zuletzt über die über 17 Meter gesprungen sind. Bei dieser EM wird daher wohl keiner meinen Rekord angreifen oder brechen können. Ganz anders sieht das in den USA aus, wo Christian Taylor sehr gut in Form ist. Ich denke auch, dass er derjenige sein wird, der den Rekord bricht. Ein entscheidender Grund, warum meine Marke immer noch gilt, ist, dass der Dreisprung nicht so beliebt ist wie andere Disziplinen. Die Top-Athleten sind daher rarer.
Generell betrachtet: Was zeichnet einen guten Wettkampf aus?
Edwards: Nun, auf jeden Fall sind die sportlichen Leistungen dafür verantwortlich, keine Frage. Aber es ist vor allem auch das Entertainment, die Show. Die Wettbewerbe sind in den letzten Jahren immer mehr zu einem Event geworden. Die Zuschauer kommen ins Stadion, um auf der einen Seite Top-Sport zu sehen, auf der anderen wollen sie aber auch gut unterhalten werden. Vor allem der Hochsprung ist ein Paradebeispiel dafür: Das Publikum wird durch manche Springer animiert und klatscht mit. Andere möchten es ganz still haben. Aber: Wenn der Sprung (erfolgreich) vorüber ist, explodiert die Stimmung. Das lieben die Fans. Und das erwarten sie heutzutage auch von einem Wettkampf. Es geht nicht nur um den Sport, sondern eben auch um die Unterhaltung.
Hätten Sie Markus Rehm, der unterschenkelamputierte Weitspringer aus Deutschland, bei der EM starten lassen?
Edwards: Meine Meinung ist, dass er sich ruhig mit ihnen messen sollte, aber nicht mit ihnen um eine Medaille kämpfen darf. Ich bin – und das gilt aus meiner Sicht für jede Sportart – der Meinung, dass Athleten, die gegeneinander antreten, die gleichen Voraussetzungen haben sollten. Wie soll man einen Mann, der auf einer Prothese abspringt, mit einem Mann, der mit seinem Bein abspringt, vergleichen? Das ist aus meiner Sicht nicht zu vergleichen und daher wäre es auch nicht richtig, wenn er starten dürfte.
Russland wird bei der EM fehlen. Wie beurteilen Sie diese Situation?
Edwards: Sportlich wird das natürlich auffallen, weil sie viele Top-Athleten haben. Wir müssen abwarten, was in den nächsten Tagen und Wochen geschieht, ob sie bei den Olympischen Spielen in Rio dabei sein werden oder eben nicht. In jedem Fall ist es ein besonderer Moment für den Sport. Dass Russland nicht bei der EM antritt, zeigt einfach, welch schwierige Zeit die Leichtathletik gerade erlebt.
Whistleblowerin Julia Stepanowa darf unter neutraler Flagge an Wettbewerben und dadurch auch bei dieser EM teilnehmen. Wie stehen Sie dieser Entscheidung gegenüber?
Edwards: Wir sollten die nächsten Wochen abwarten, bis wir wissen, wie die endgültige Entscheidung lautet und wie es weitergehen wird. Aber: Es ist ein sehr bedeutender Moment für den Sport, und ich meine den weltweiten Sport – nicht nur die Leichtathletik! Russland ist eine der Top-Nationen und eine große Macht im Sport. Und die Fragen, die durch Julia Stepanowa und ihren Mann aufgekommen sind, beschäftigen uns alle. Dass sie unter neutraler Flagge über die 800 Meter auflaufen wird, vergrößert den Fokus natürlich nochmals. Aber ich denke, für alle Verbände, für das IOC und die Anti-Doping-Agentur ist das ein wichtiger Moment. Nicht nur Russland, sondern auch Kenia hat Fragen aufgeworfen, die es zu beantworten gilt. Das Ganze ist kein rein russisches Problem. Und es wird Veränderungen geben, denn unter’m Strich wollen wir alle dasselbe: sauberen Sport!
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