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Wohin mit Semenya? Freies Startrecht wäre wie Dopingfreigabe

Wohin mit Semenya? Freies Startrecht wäre wie Dopingfreigabe

07/05/2019 um 15:37Aktualisiert 07/05/2019 um 21:32

Der Fall Caster Semenya erhitzt weiter die Gemüter: Nach dem Urteil des CAS im Streit um den Testosteronwert der Olympiasiegerin und Weltmeisterin sind die Diskussionen um den richtigen Umgang mit hyperandrogynen Sportlerinnen in vollem Gange: Wer soll unter welchen Bedingungen in Frauen-Wettkämpfen starten dürfen? Eurosport-Leichtathletikexperte Sigi Heinrich beleuchtet das Thema in seinem Blog.

Sehr kurzfristig hat Caster Semenya ihren Auftritt in Doha beim ersten Diamond-League-Meeting in Doha letzte Woche angekündigt. Und hat dann das Feld nach Belieben dominiert. 800m. Frauen.

Sie verfehlte ihre eigene Bestleistung nur um 0,73 Sekunden und beendete den Lauf in der Nähe des Uralt-Weltrekordes von Jarmila Kratochvilova aus dem Jahre 1983 (1,7 Sekunden Rückstand). Das alles zu Saisonbeginn. Also zu einem Zeitpunkt, der bei allen mehr noch eine erste Bestandsaufnahme ist.

Persönliches Schicksal

All das ist ein persönliches Chaos zunächst und vor allem für die Läuferin, denn sie müsste einen intensiven Eingriff in ihren Hormonhaushalt zulassen. Das hat sie schon mal abgelehnt. Eine aus ihrer Sicht verständliche Entscheidung. Wir Männer tun uns ja immer leicht. Wir müssen ja nicht einmal die Antibabypille nehmen, sondern höchstens Aspirin nach einem durchzechten Abend.

Wir können nur entfernt und zwar sehr entfernt ahnen, wie der Körper einer Frau nach hormonellen Eingriffen reagiert.

Semenya ist Opfer - und Täterin

Semenya ist ein Opfer. Die Natur hat sie anders ausgestattet als eine normale Frau. Sie hat sich damit abgefunden. Ihr Auftreten auch im persönlichen Umfeld ist männlich geprägt. Doch im sportlichen Bereich war sie im Vorteil gegenüber allen anderen Mitbewerberinnen. Semenya ist hyperandrogyn. Wohin mit ihr?

"Fall Semenya": Erneute Kritik an Testosteron-Regel

"Fall Semenya": Erneute Kritik an Testosteron-RegelSID

Im Sport ist für sie im Grunde kein Platz, denn der Gedanke der Fairness wird durch sie gänzlich ausgehebelt. In diesem Fall ist sie eine Täterin. Alle Frauen mit normalen Werten können ihre Zeiten nicht erreichen. Das ist schlicht unmöglich. Und zudem stellt sich auch die Frage: Besteht überhaupt ein einklagbares Grundrecht auf die Teilnahme an einem Sportereignis? Wer mitmachen will, egal wo, muss sich den Kriterien und den vorhandenen Regeln unterwerfen. Um Chancengleichheit geht es dabei auch und vor allem.

Fairnessgedanke im Vordergrund

Das ist ein hehres Ziel und kaum erreichbar, denn natürlich gibt es eben immer wieder auch besondere Talente, die sich über den Durchschnitt erheben. Aber das gehört zum Wesen des Sports. Würde man Caster Semenya und andere hyperandrogyne Frauen ohne Beschränkung zulassen, könnte man auch für eine Dopingfreigabe plädieren.

Sollen also 99 Prozent aller Frauen, die 800m laufen wollen, soviel Testosteron nachschieben, dass sie auf die im Normalfall unnatürlichen Werte von Semenya kommen? Das wäre ein Horrorszenario und würde das Ende des sportlichen Wettstreits bedeuten.

Kampf um WM-Gold 2017 über 1500m

Kampf um WM-Gold 2017 über 1500mEurosport

Semenya - die sicherste Goldmedaille

Deshalb ist das Urteil des CAS im Fall Caster Semenya zwingend notwendig gewesen, auch wenn die Südafrikanerin das verständlicherweise nicht akzeptieren will. Gerne wird dabei auch übersehen, dass ihre "Besonderheit" eine sprudelnde Einnahmequelle darstellt, auch wenn das jetzt sehr sarkastisch formuliert ist. Aber es ist Tatsache, dass sie mit den Siegprämien bei Meetings und Weltmeisterschaften immer sicher rechnen konnte, solange sie mir ihrem überhohen Testosteronwert laufen durfte.

Ein zweiter Platz war nie eine Option. Sie ist dreimal Weltmeisterin und zweimal Olympiasiegerin geworden und hat mehr als 30 Rennen über 800m gewonnen. In Folge wohlgemerkt. Und dass sich südafrikanische Funktionäre beschweren ist auch klar. Ihre Caster Semenya war die sicherste Goldmedaille, die es gibt.

CAS: Entscheidung revidiert

Möglicherweise weicht Semenya jetzt auf andere Strecken aus, denn die Testosteronbeschränkung bezieht sich nur auf Strecken von 400m bis eine Meile. Übrigens hat die Südafrikanerin schon einmal ihre Werte auf normales Niveau fixieren müssen. Semenya war seinerzeit sieben Sekunden langsamer als zuletzt in Doha. Der CAS hat damals diese Beschränkung aufgehoben. Jetzt hat er diese Entscheidung revidiert.

Zu spät für fast eine ganze Generation hoffnungsvoller Läuferinnen, die nur ihr Talent und ihren Trainingsfleiß in die Waagschale werfen konnten.

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