Wir alle kennen die Geschichte. Schlaksiger Sprinter aus bescheidenen Verhältnissen feiert in Peking seinen Durchbruch, pulverisiert drei Weltrekorde und wird zum neuen König der Leichtathletik. Ausgestattet mit den perfekten Attributen - einzigartige Geschwindigkeit, enormes Selbstbewusstsein und ein unglaublich passender Nachname ("Blitz") - hat Usain Bolt seitdem den Sport regiert.
Aber während mit seinem Start bei der Leichtathletik-WM in London das letzte Kapitel seiner Geschichte beginnt, ist noch immer wenig über die Hintergründe seiner erbarmungslosen Erfolgsserie bekannt. Wie hat der Spaßvogel des Sports neun Jahre lang in Wettkämpfen, die nur ein paar flüchtige Sekunden dauern, seine mentale Schärfe beibehalten? Tiger Woods, Michael Jordan, Michael Phelps und Serena Williams sind einige der großen Namen, die ihre Sportart mit gnadenloser Disziplin dominiert haben. Bolt hingegen ist dann in seinem Element, wenn er an der Startlinie herumalbert.
"Erst, wenn der Starter 'Auf die Plätze' sagt, konzentriere ich mich auf den Lauf", verrät Bolt Eurosport exklusiv und gibt uns einen Einblick in das Denken einer Sportsgröße. Am Samstag, dem 5. August um 21:45 Uhr wird der Jamaikaner diese Worte vom Starter ein letztes Mal hören. Der 30-Jährige wird die "Bolt-Show" für einen Moment unterbrechen, sich in den Laufmodus versetzen und - fast sicher - den Lauf mit einem Sieg beenden.
Olympia - Leichtathletik
Kampf gegen Rassismus: Bolt hätte "definitiv" auf Olympia-Podium gekniet
16/11/2021 AM 11:05
Aber wie kann er so ruhig bleiben, wenn nur ein einziger Fehler sein Erbe zerstören könnte? Was ist das Einzigartige an seiner Mentalität, die ihm zu so unvorstellbaren Leistungen verholfen hat? Und wie nur kann die Leichtathletik weiter glänzen, wenn Bolt von der Bildfläche verschwunden ist?

1. Der Retter des Sprints

Usain Bolt (by Allegra Lockstadt)

Fotocredit: Eurosport

Als Bolt 2008 in Peking auf den letzten seiner goldenen 100 Meter triumphierend auf seine Brust trommelte und in zügiges Joggen verfiel, machte er sich nicht nur über das Herzstück der Olympischen Spiele lustig, sondern stampfte auch für immer sämtliche Regeln des Sprints ein. An diesem Tag hat er die Leichtathletik so stark verändert, dass sie seither nach seiner Pfeife tanzt.
Es war das erste Mal in der Geschichte, dass ein 100-Meter-Sprinter ein solches Desinteresse daran zeigte, die vollen 100 Meter zu sprinten ... und dennoch den Weltrekord brach. Und das mit einer nahrhaften Diät aus Chicken Nuggets. "Nichts ist unmöglich" brauchte man im Männersprint jetzt gar nicht mehr zu sagen, und das alles wegen Bolts außergewöhnlichem 9,69-Sekunden-Lauf, der schon vor der Ziellinie zum Siegeszug wurde.
Und wie die Leichtathletik das gebraucht hatte! Nach dem Debakel in Athen 2004, wo der für die Entzündung des olympischen Feuers vorgesehene Konstantinos Kenteris am Vorabend der Eröffnungszeremonie vor einer Dopingkontrolle flüchtete und damit den Grundstein für Spiele legte, die von Dopingfällen überschattet wurden, brauchte der Sport einen Retter - und dieser kam in Form einer höchst exzentrischen Persönlichkeit.
Fünf Jahre lang dominierte Bolt dermaßen, dass er sich seine Späße vor den Läufen leisten konnte. Nur der Fehlstart im 100-Meter-Finale bei der WM in Daegu 2011 unterbrach seine Siegesserie bei den wichtigsten Meisterschaften. Niemand konnte ihn gefährden. Dabei passte er eben nicht ins klassische Schema. Sprinter sollten einem klaren Stereotyp entsprechen: muskulös, explosiv und nicht viel größer als 1,80m. Über Sieg oder Niederlage bei einem Lauf entscheidet zu einem Großteil bereits der Start. Welche Chancen hatte also Bolt mit seiner Größe von fast zwei Metern, die nach der konventionellen Logik ein großes Hindernis darstellen sollte?
In den frühen Jahren, als er auszog, um diesen Sport neu zu definieren, konnte nichts ihn aufhalten. Aber nicht nur Bolts Jugend verblasste, sondern auch sein furchteinflößender Vorteil. Als die WM 2015 näher rückte, wurden kritische Stimmen laut und ein klarer Konkurrent des Goldjungen des Sports erschien auf der Bildfläche: der geschmähte zweifache Dopingsünder Justin Gatlin. Zum ersten Mal in seiner Karriere wurde Bolt von innerhalb und außerhalb seines Sports angegriffen. Von diesem Lauf, der eine moralische Dimension annahm und sich fast zu einer Parabel "Gut gegen Böse" entwickelte, hing alles ab. Und Gatlin war in Bestform: ungeschlagen in 29 Läufen.
Nur sehen konnte man das nicht. Obwohl sein Erbe mit nur einer Niederlage zerstört hätte werden können, tauchte Bolt in seiner typisch selbstbewussten Manier beim 100-Meter-Finale auf und wirkte tiefenentspannt, als die Athleten dem Publikum vorgestellt wurden. Es war nicht bloß das Tempo, mit dem er das Finale gewann, sondern seine mentale Überlegenheit gegenüber seinen Konkurrenten, als Gatlin - ein olympischer Goldmedaillengewinner - auf den letzten 15 Metern zu vergessen schien, wie man sprintet. Das war kein Zufall. Das war der Bolt-Effekt.
Zu denken, dass man ihn schlagen kann und ihn tatsächlich zu schlagen, sind zwei sehr verschiedene Paar Schuhe. Es ist eine Aufgabe, die keiner seiner Konkurrenten jemals zu lösen in der Lage war.

2. Selbstbewusstsein, das verblüfft

So etwas hatte man noch nie gesehen. In der WWE vielleicht, aber sicher nicht in der Leichtathletik. Als Bolt im Jahr 2008 zum 100-Meter-Finale in Peking antrat, waren seine Konkurrenten sprachlos, ebenso wie Fans auf der ganzen Welt. Es war beeindruckend, auf eine wunderbare Weise fast schon schockierend. Seine Rivalen waren fokussiert, ernst und unerschütterlich, während Bolt sich stolz wie ein Pfau verhielt. Er vermittelte erfolgreich "Seht her! Hier bin ich! So wird das ab jetzt gemacht!"
Kein Athlet hatte jemals zuvor den Sieg schon vor einem Lauf so überzeugend gefeiert. Niemand hatte es gewagt, die 100 Meter in eine Ein-Mann-Show zu verwandeln, die nur flüchtig durch das eigentliche Hauptereignis unterbrochen wurde. Der Lauf selbst war nur ein ganz kleiner Teil einer viel größeren Inszenierung, nicht nur von Talent, sondern auch von Persönlichkeit.

Usain Bolt in seiner typischen Jubelpose

Fotocredit: Getty Images

Bolt und sein Weltrekordlauf waren umrahmt von Selfies, Blitzlichtgewitter und zügellosem, ungehemmtem Posieren. Es wirkte, als ob ein junger Athlet für seinen Moment des Triumphs vor dem Badezimmerspiegel übt, während er vor Freude tanzt. Der junge Jamaikaner war als Einziger nicht von seinem Selbstbewusstsein überrascht und auch nicht von seinem Erfolg. Die Leichtathletik hatte sich für immer verändert, und das innerhalb von 30 atemberaubenden, unvergesslichen Minuten.
"Ich habe noch nie jemanden mit solch einer sorglosen Haltung und Freude antreten sehen, der sein Talent derart zelebriert", schildert Olympiasieger und Dreisprung-Weltrekordhalter Jonathan Edwards Eurosport.
Für mich macht ihn das genauso aus wie sein Talent und sein Erfolg.
"Das zeigt nur meine Persönlichkeit", erklärt Bolt selbst.
Ich habe das ein paar Mal gemacht und das Publikum mochte es, also habe ich weiter gemacht. Ich liebe es, wenn ein Stadion viel Energie hat, es inspiriert mich zu einer besseren Leistung.
Aus diesem Grund eckt er mit seinem Selbstbewusstsein nicht an, das Posieren wirkt nicht mühsam, denn dies ist Bolt wie er leibt und lebt, die ungezügelte, unkontrollierte Version seiner selbst. Es ist die Echtheit seiner Mätzchen, die sie seinen Millionen Fans zugänglich macht, denn Zuhause oder unter Freunden verhält er sich nicht anders. Sein Verhalten ist alles andere als gekünstelt und für die Kameras geplant - er zeigt der Welt einfach, wer er wirklich ist.
Professor Steve Peters, gefeierter Sportpsychiater, erklärt Eurosport, wie Bolt die Kunst beherrscht, völlig entspannt zu sein, bevor er läuft, indem er "entweder lernt, sich im richtigen Augenblick zu konzentrieren oder wenig Angst vor Versagen oder schlechter Leistung zu haben, oder sich rundum vorbereitet zu fühlen". Eine nahezu perfekte psychologische Rennvorbereitung und wir werden sie vielleicht nie mehr in solcher Vollkommenheit erleben können.

Usain Bolt (by Allegra Lockstadt)

Fotocredit: Eurosport

Die 100-Meter-Startlinie, für gewöhnlich ein Ort angespannter Nerven und unerträglicher Spannung, wurde durch den unvergleichlichen Bolt in eine Kombination aus Tanzfläche und Laufsteg verwandelt.

3. Im Kopf der erbarmungslosen Siegmaschine

Woran denkt Bolt, wenn das Herz klopft und die Spannung vor dem Start eines olympischen 100-Meter-Finales unerträglich ist? Worauf konzentriert sich sein Geist in solchen extremen Stressmomenten, während das Adrenalin durch die Venen pumpt? Die Antwort ist eine unerwartete.
"Ich versuche, über alltägliche Dinge nachzudenken", offenbart Bolt. "Was ich am Abend essen werde, was ich am nächsten Tag erledigen muss." Es sind nicht einmal willkürliche Dinge im Zusammenhang mit dem Lauf, oder die Tatsache, dass Millionen Fans auf der ganzen Welt ihre Augen auf jedes Muskelzucken von ihm auf der Startlinie gerichtet haben. Es scheint unglaublich, dass der größte Sprinter aller Zeiten bis zum "Auf die Plätze" nicht einmal über die Aufgabe nachdenkt, die ihm bevorsteht.
Und dann wechselt er einfach so in seinen Konzentrationszustand und wird zu einem ganz anderen Menschen; erst an diesem Punkt erlischt sein Lächeln, das Posieren hört auf und eine erbarmungslose, kaltschnäuzige Siegesmaschine wird eingeschaltet.
Während eines 100m- oder 200m-Laufs hat man nicht viel Zeit zum Nachdenken. Aber was dem Jamaikaner beim Laufen durch den Kopf geht, sorgt immer noch für Faszination. "Da ist nicht viel Zeit für Gedanken, aber in der Regel gibt es Dinge, auf die ich mich konzentrieren muss, vom Start über die Beschleunigungsphase bis hin zum Übergang zum Laufen in Höchstgeschwindigkeit", sagt Bolt.
Wie jeder, der ihn jemals laufen - und gewinnen - sehen hat, sehr gut weiß, ist die Party nach dem Lauf oft genauso wichtig wie der Lauf selbst. Etwas, dessen er sich sehr klar bewusst ist, als er seinen Ablauf offenbart.
Gewinnen ist immer das Wichtigste. Dann kontrolliere ich meine Zeit, um zu sehen, wie schnell ich war. Und dann geht es darum, den Fans für ihre Unterstützung zu danken. Ich drehe für gewöhnlich eine Ehrenrunde mit vielen Selfies und Autogrammen.
So war Leichtathletik noch nie: Der Sport hat sich zum Besseren verändert. Es mag so wirken, als würde Bolt seine Mätzchen nur zum Spaß machen, aber hinter seinem Lächeln steckt auch ein stählerner Fokus.

4. Der Druck der sicheren Niederlage

Der Glaube an sich selbst ist eines Athleten bester Freund. Besonders bei Sprintern. Wenn du diesen Glauben nicht hast, so die Grundannahme beim Start eines 100-Meter-Laufs, brauchst du deine übergroßen Kopfhörer gar nicht abzulegen und dich in den Startblock knien. Der Glaube schien jedoch nie so flüchtig, unsicher und schwach, wie wenn man gegen Bolt läuft.

Usain Bolt und Kim Collins

Fotocredit: Getty Images

Kaum ein Athlet spricht über die Herausforderung, gegen Bolt anzutreten. Der Einschüchterungsfaktor wurde oft angedeutet, aber nie öffentlich zugegeben. Kim Collins ist ein typisches Beispiel. Viele Athleten akzeptieren, dass Bolt der Größte ist, aber der Weltmeister von 2003, der bemerkenswerterweise im Alter von 41 Jahren in London wieder antritt, weist das Thema mit einem nachdrücklichen „Nein!“ von der Hand.
"Ein Rivale ist ein Rivale, er unterscheidet sich nicht von meinem fünfjährigen Sohn", antwortet er lebhaft.
Wenn ich gegen meinen Fünfjährigen renne, weigere ich mich, ihn gewinnen zu lassen und ihm das Gefühl zu geben, er wäre besser als ich. Wenn du im Wettkampf bist, trittst du gegen die anderen an, um sie zu schlagen und nicht, um sie gewinnen zu lassen. Wenn wir also verlieren, dann nicht, weil wir sie haben gewinnen lassen.
Collins bleibt aus der Perspektive eines Weltmeisters mit großem Erfahrungsschatz auf beeindruckende Weise herausfordernd. "Ich war schon umgeben von wirklich einschüchternden Größen: Carl Lewis, Linford Christie, Dennis Mitchell, Donovan Bailey und all diesen Jungs. Die waren ganz anders drauf. Die Jungs heutzutage bringen mich nicht mehr aus der Ruhe."
Einschüchterung? Vielleicht nicht. Aber Bolts Selbstbewusstsein ist eine vollkommen andere Sache.

Usain Bolts 100m-Weltrekord entschlüsselt

"Wenn seine Konkurrenten sich dazu entscheiden, sich auf ihn zu konzentrieren, dann können sie mit einer Reaktion rechnen", erklärt Professor Peters. "Das könnte für manche zu einem negativen Ergebnis führen. 100-Meter-Läufer müssen akzeptieren, dass es keinen Raum für Fehler gibt." Deshalb ist gegen Bolt anzutreten im Grunde eine einzigartige und sehr demoralisierende Herausforderung, denn man muss akzeptieren, dass auch der perfekteste Lauf nicht gut genug sein könnte. Er wird sogar ziemlich sicher nicht gut genug sein.
Gegen Michael Johnson anzutreten beschrieb sein 400m-Rivale Roger Black einmal als "Rennen um den zweiten Platz". Für die Sprinter wird die Qual des Rennens um den zweiten Platz durch eine herzzerreißende, Ego-vernichtende Tatsache ergänzt, die an der Startlinie fast unausweichlich ist: die Feststellung, dass der Rest des Feldes nur Nebendarsteller sind, eine Parade von niedergeschlagenen "ferner liefen". Es mag hart klingen, das Antreten gegen Bolt mit solchen Worten zu beschreiben, aber wenn man die Opfer, die Hingabe und die Verpflichtung in Betracht zieht, die es braucht, um als Top-Athlet zu konkurrieren, kann diese psychologische Wahrheit für manche einfach nur niederschmetternd und geradezu lähmend sein.
Für Bolt selbst gelten natürlich andere Regeln. Kein Druck, keine Negativität - absolute Sicherheit, totaler Glaube. "Ich fühle mich nicht wirklich unter Druck", sagt Bolt mit einer Leichtigkeit, die seine Konkurrenten zur Weißglut treiben muss.
Natürlich ist die WM der größte Lauf des Jahres und es ist wichtig, das richtig anzupacken, aber ich bin gern entspannt, weil ich besser laufe, wenn ich entspannt bin.
Der Druck der sicheren Niederlage: eine unzumutbare Denkweise für einen Sprinter, aber fast unvermeidlich, wenn man gegen einen Mann antritt, der einfach weiß, dass er gewinnen wird. Wenn er entspannt sein will, wird er entspannt sein; wenn er gewinnen will, wird er gewinnen. Es mag vielleicht noch nie zuvor einen Athleten gegeben haben, der dermaßen kontrolliert zu sein scheint. Ob nun seine Konkurrenten einen Einschüchterungsfaktor wahrnehmen oder nicht, es bleibt ein Fakt, dass Bolt bei den wichtigen Rennen seiner Ära eine gewisse Macht über seine Konkurrenten ausübt. Eine Macht, die über pures Talent und Tempo hinausgeht.
Das ist die Geschichte seiner Karriere - mit einer denkwürdigen Ausnahme ...

5. 'Der Tag, an dem ich Bolt schlug'

Wenn ich sage, dass ich Bolt geschlagen habe, ist die Antwort immer die gleiche: 'Auf gar keinen Fall! Du machst Witze!' Ich muss die Videos zeigen, denn niemand glaubt mir ...
Bolts perfekte Olympiabilanz ist einmalig: Neun Finals, neun Siege, zumindest bevor ihm sein Staffeltitel 2008 im Nachhinein aufgrund von Nesta Carters positivem Dopingtest genommen wurde.
Aber der weniger ruhmreiche Auftakt wird oft vergessen: Es ist der 24. August 2004. In Athen werden die Spiele der 18. Olympiade ausgetragen. Im Mittelpunkt steht der 200-Meter-Lauf der Männer, an dem im Vorlauf auch ein vielversprechender Neuling antritt. Die Kamera ist auf die fünfte Bahn gerichtet, wo der Junioren-Weltmeister Bolt, drei Tage nach seinem 18. Geburtstag, nur kurz jemandem im Publikum zuwinkt. Um ihn herum blasen seine Konkurrenten im Einschüchterungsmodus die Backen auf.
Kaum 60 Sekunden später scheidet der Jamaikaner aus, nachdem er Fünfter geworden ist. Der kaum bekannte Pole Marcin Jedrusinski, damals 22 Jahre alt, bedankt sich nach seinem Sieg beim Publikum. Jedrusinski scheidet später im Halbfinale aus, aber jetzt, wo Bolts Karriere sich dem Ende neigt, kann er noch immer sagen: Ich war bei Olympia in einem Rennen mit Bolt - und ich habe den Lauf gewonnen.
"Damals dachte ich nicht, dass ich einen großen Sportler geschlagen habe", erzählt Jedrusinski im Gespräch mit Eurosport. "Usain war ein Sprinter, der bereits unter 20 Sekunden gelaufen ist, aber er war noch lange nicht Weltklasse und um ehrlich zu sein, habe ich eher die anderen Sprinter im Auge behalten. Ich habe Usain geschlagen und habe weiter gemacht wie vorher. Erst später hat sich herausgestellt, dass die Welt noch nie jemanden wie ihn zuvor gesehen hatte. Es stellte sich heraus, dass ich die Legende geschlagen hatte."
Jedrusinski beendete seine Karriere mit bescheidenen persönlichen Bestzeiten von 10,26 Sekunden (100m) und 20,31 Sekunden (200m). Man sagte, mit seinen schlaksigen 1,90m sei er im Sprint fehl am Platze - eine Ansicht, die Bolt zerstörte, als er vier Jahre später in Peking die Weltbühne betrat. "Als ich ihn sah, erinnerte es mich daran, wie andere mich behandelt haben, als ich ein Neuling war", erinnert sich Jedrusinski. "Man hat mir immer gesagt, 'du bist zu groß, hör auf, deine Zeit zu vergeuden und konzentriere dich auf einen anderen Sport'. Aber ich dachte: 'Er ist größer als ich und läuft unter 20 Sekunden. Warum kann ich das nicht?' Usain sieht jetzt aus wie ein echter Sprinter, im Jahr 2004 hingegen war er eine Bohnenstange: groß und sehr dünn. Zu meiner Zeit hatten wir Shawn Crawford und Maurice Greene. Sie waren nicht sehr groß, aber muskulös.
Dann kam plötzlich jemand wie Usain und warf das alles über den Haufen.
Jedrusinski, der jetzt wieder in der Armee ist, betont jedoch, dass der Sieg über einen zukünftigen mehrfachen Weltmeister zwar eine wunderbare Geschichte, jedoch nicht der Höhepunkt seiner Karriere gewesen sei. "Auch nach all den Jahren finde ich nicht, dass Bolt zu schlagen mein größter Erfolg war", unterstreicht er. "Es war nicht der schnellste Lauf meines Lebens und ich habe in Athen keine Medaille gewonnen. Es ist einfach nur eine lustige Geschichte. Es war meine beste Olympiade, aber nicht weil ich Bolt geschlagen habe. Trotzdem habe ich die Videos heruntergeladen, um sie später einmal meinen Kindern zu zeigen ..."
Selbst die Größten brauchen Hilfe. Bolt war nur kurze Zeit besiegbar, denn Trainer Glen Mills nahm ihn Ende 2004 unter seine Fittiche. Mills verbesserte seine Technik umfassend und führte eine strenge Trainingsdisziplin ein. Der Rest, wie man so schön sagt, ist Geschichte ...

6. Das Erbe einer Legende

Usain Bolt (by Allegra Lockstadt)

Fotocredit: Eurosport

"In der Leichtathletik ist er der Größte, und außerhalb der Leichtathletik steht er auf einer Stufe mit Sportlegenden wie Pelé, Maradona und Muhamad Ali", meint Mo Farah zu Eurosport.
Reduzieren Sie Usain Bolts Karriere auf den simplen Vorgang des Laufens und es ist zunächst schwer, dieser Behauptung zuzustimmen. Vierzehn Minuten und 28,33 Sekunden - die Zeit, die Farah bräuchte, um einen gemütlichen 5000m-Lauf zu absolvieren - ist die Gesamtzeit, die Bolt während Einzelveranstaltungen bei Olympia und WM von 2004 in Athen bis 2016 in Rio auf der Laufbahn verbrachte. Selbst wenn man seinen Beitrag in den Staffeln mit sehr großzügigen 10 Sekunden pro Lauf dazurechnet, beträgt Bolts Gesamteinsatzzeit in 62 Vorläufen und Finals nur 16 Minuten und acht Sekunden. Ein Sechstel eines Fußballspiels oder knapp fünf Runden im Boxring.
Klar, Bolt nahm sporadisch an Meetings der Diamond League, nationalen Meisterschaften und sogar den Commonwealth Games teil, aber seine Marke wurde in diesen 16 Minuten aufgebaut und die wenigsten interessiert, was bei spärlich besuchten Veranstaltungen in Doha und Kingston passiert ist.
https://i.eurosport.com/2017/07/26/2134255.jpg
Anders als bei den von Farah erwähnten Sportgrößen zählte bei Bolts Aufstieg zur wahren Größe jede einzelne Sekunde. Pelés Bilanz war nicht ganz perfekt, denn er hatte bei der WM keinen Goldenen Schuh gewonnen und sich 1962 und 1966 verletzt; Diego Maradona war in Drogen- und Waffenskandale verwickelt und nahm die "Hand Gottes" zu Hilfe und Muhammad Ali verlor den "Kampf des Jahrhunderts". Diese Tiefpunkte haben das Erbe nicht ausgelöscht, aber Bolt hatte sich nie den Luxus kleiner Fehler erlaubt.
Jeder Fehler, jede Niederlage in einem großen Finale hätte seine Aura beschädigt - sieben olympische Gold- und eine Silbermedaille klingen einfach nicht ganz so gut.
Natürlich ist auch Bolt nicht unfehlbar, wie seine Disqualifikation in Daegu gezeigt hat. Aber auch dieser Fehlstart, sein einziges Scheitern in einem großen Finale nach 2008, half dabei, den Mythos zu kreieren, dass der einzige Mann, der ihn aufhalten konnte, er selbst war. Der Schaden durch eine einzige Niederlage hätte seine potenziellen Gewinne ums Zehnfache überwogen und dennoch zeigte Bolt unter stärkstem Druck eine im Sport selten gesehene Beständigkeit. Und diese war mehr als willkommen.
Bolt wurde nach dem Aufruhr 2004 in Athen zum Retter der Leichtathletik gekürt. Ein harter Job für jeden, geschweige denn für einen Youngster, der gerade erst sein einzigartiges Talent zu entwickeln begann. Aber er war der Verantwortung gewachsen. Eine willkommene Ablenkung von den scheinbar unaufhörlichen Dopingaffären, die den Sport überfluteten.
Jede Heldengeschichte braucht auch einen Schurken. Oder mehrere, wie es in der Leichtathletik geschah, als Bolts Hauptkonkurrenten Gatlin, Tyson Gay und Asafa Powell aufgrund ihrer Doping-Vergangenheit zu Buhmännern wurden. Es war Bolts Kopf-an-Kopf-Rennen mit Gatlin, das die größte öffentliche Aufmerksamkeit erregte, wobei Gatlin nur zu gerne den Staatsfeind Nr. 1 spielte. Die kompromisslose Haltung des Amerikaners mag Empörung ausgelöst haben, aber sie hat auch unbeabsichtigt eine Plattform für Bolt geschaffen, um sich als Antwort der Leichtathletik auf Betrüger zu behaupten. Und genau das tat der Jamaikaner, immer und immer wieder.
Es gibt jedoch einen kleinen Makel in Bolts Akte, nämlich dass er die Weltrekorde nicht weiter vorangetrieben hat. Hätte er bloß nach Berlin 2009 noch ein paar Bonusläufe absolviert und für den optimalen Rückenwind von +1,9 m/s gebetet, so hätte er den Weltrekord vielleicht noch weiter in unbekanntes Territorium treiben können: 9,4 Sekunden für 100 Meter und unter 19 Sekunden für 200 Meter schienen in seiner Hochphase machbar.
Es mag egoistisch sein, mehr zu wollen, aber genau dieses Gefühl wird sich im London Stadium einstellen, wenn die Staffelstäbe nach den 4x100m der Männer, seinem letzten Lauf, zur Seite gelegt werden. PT Barnum prägte den Satz "man soll gehen, wenn's am schönsten ist" und nie wird er mehr zutreffen als bei Bolt. Die Leichtathletik verliert ihren größten Entertainer.
Vergessen Sie, wenn Sie können, für eine Sekunde die Medaillen und Weltrekorde. Das zweite Vermächtnis von Bolt ist, dass er einen Sport, der mit steinernen Gesichtern verfolgt wurde, in einen Sport verwandelt hat, bei dem das Gesicht der Zuschauer ein freches Grinsen ziert. Dies hat die Fans mehr denn je vereint. Er hat bewiesen, dass die Show noch lange nach dem Ende des Laufs weitergehen kann. Ebenso hat er die Meinung abgelöst, dass Champions stets konzentriert und rund um die Uhr ernst sind. Sein Lächeln an der Startlinie mag ansteckend sein, es ist aber auch eine seiner stärksten Waffen. Die Botschaft? "Keiner kann mich aufhalten."
Vom Jungen, der sich auf die Brust schlägt bis zum erbarmungslosen, aber alternden Gralshüter - sowohl auf als auch neben der Strecke wurde er nur von wenigen herausgefordert. Farah hat sicherlich recht: Der Jamaikaner gehört zu den größten Persönlichkeiten des Sports. Wer kann außerdem schon mit einer goldenen Karriere angeben, die auf etwas mehr als 15 Minuten basiert? Und während Bolt sich darauf vorbereitet, die Bühne das letzte Mal zu betreten, bleibt noch eine Frage offen ...

7. Wie geht es jetzt mit der Leichtathletik weiter?

Usain Bolt und der Blitz beim WM-Finale über 100m 2013

Fotocredit: Getty Images

Fragen Sie nicht. Fragen Sie einfach nicht. Das ist eine Frage, die die Leichtathletik nicht beantworten will. Und doch muss sie das irgendwie, nachdem bei der WM in London der letzte Vorhang gefallen ist. Wenn Bolt geht, wird er zweifellos eine große Leere hinterlassen. Auch Farah ist sich mehr als bewusst, dass es auch zu den Pflichten eines Athleten gehört, mit den Fans in Kontakt zu treten, denn letztlich sind sie es, die die Sportler zu Superstars machen. Er weiß, dass die Show nach dem Lauf genauso wichtig ist wie der eigentliche Lauf selbst.
"Wir sind im Sport gemeinsam gewachsen, wir kennen uns also schon lange", erzählt Farah Eurosport. "Ich habe gesehen, auf welche Weise er mit den Fans interagiert. Er verbringt viel Zeit damit, Autogramme zu geben, Selfies zu machen usw., Dinge, die einfach in unserer Verantwortung als Athleten liegen."
Bolt kann dem nur zustimmen, dass die Persönlichkeit von großer Bedeutung ist und dass es darum geht, den Fans das zu geben, was sie wollen: Gewinnen, und dann performen. Mit überraschend offenen Worten macht Bolt seinen Nachfolgern klar, was von ihnen, abgesehen von schnellem Laufen, verlangt werden wird.
"Ich habe zu einigen Athleten, die ich persönlich kenne, gesagt: 'Ihr müsst eure Persönlichkeit zeigen, nicht nur Leistung'", so Bolt. "Das heißt nicht, dass man sich verbiegen und komisch verhalten soll, aber die Leute wollen Persönlichkeit sehen, etwas, was sie noch nicht kennen. Hoffentlich vertrauen sie mir und versuchen, etwas zu verändern. Ich habe letzte Saison zu de Grasse gesagt: 'Hör mal, du machst dich gut, aber ihr Jungs seid zu ruhig. Schau dir an, wie viel Aufmerksamkeit du bekommen hast, weil wir Spaß hatten.' Die Leute haben gesagt: 'De Grasse ist so cool'."

Zeitreise: Bolt, Lewis & Owens in einem Rennen - unser Race of Legends!

Jonathan Edwards erzählt Eurosport, dass es keinen Zweifel an Bolts Ausnahmestellung gibt - sowohl als Athlet als auch als Superstar - und die Leichtathletik wird durch seinen Abgang ins Taumeln geraten.
"Er ist zweifellos der Größte überhaupt. Ich glaube nicht, dass jemand das bestreitet", fasst Edwards zusammen. "In meinen Augen ist er das, nicht nur wegen seiner Leistungen, sondern auch durch das, was er dem Sport durch seine Persönlichkeit gebracht hat. Er steht auf einer Ebene mit Leuten wie [Cristiano] Ronaldo, [Lionel] Messi und Neymar - die beliebtesten Sportler der Welt. Bolt ist zweifellos nicht nur durch seine Leistungen, sondern auch seine Persönlichkeit ein genauso großer Name wie Ronaldo oder Messi. Wahrscheinlich war der einzige andere Athlet, der mit ihm in einer Liga war, Carl Lewis. Das war zu einer Zeit, als sich die Leichtathletik mit dem Fußball um den Rang als Sportart Nummer eins stritt. Die Leichtathletik kann froh sein, ihn zu haben."
Was passiert nun also mit der Leichtathletik, wenn ihr am meisten ausgezeichneter und gefeierter Star das Schlachtfeld verlässt? Edwards fügt hinzu: "Man fragt sich, wo die Leichtathletik ohne ihn wäre, er ist ein strahlendes Beispiel. Ich glaube nicht, dass es da draußen einen zweiten Bolt gibt. Jemanden, der die Aufmerksamkeit der Welt in der Art und Weise, wie er es getan hat, gewinnen könnte. Nicht im Moment jedenfalls, auch wenn es einige sehr, sehr talentierte Athleten gibt. Konkurrenz ist natürlich großartig im Sport, aber es hat schon was, einen dominanten Champion zu sehen, der fast schon übermenschlich ist."
Bolt selbst sagt, dass er in seiner Rolle als größter Athlet, den die Welt je gesehen hat, aufblüht. "Es gibt mir Selbstvertrauen. Ich habe hart gearbeitet für alles, was ich erreicht habe, und es ist immer toll, Anerkennung für meine Leistungen zu bekommen."
Es wird vielleicht nie wieder einen Athleten geben, der eine solche Dominanz auf der Laufbahn und Anbetung abseits davon erreicht. Aber vielleicht ist das auch ganz in Ordnung so. Wenn der dominante, fast schon übermenschliche Champion die Bühne verlässt, kehrt vielleicht wieder echter Wettbewerb in die größten Rennen der Welt ein und damit auch wieder eine Unberechenbarkeit, die an die Stelle der gefeierten Größe eines einzelnen Mannes tritt. Die Leichtathletik fürchtet jedoch, dass sich der Sport heutzutage mehr denn je auf Einzelpersonen konzentriert.
Nie hat die Leichtathletik bei der Suche nach ihrem nächsten globalen Superstar höhere Kriterien angesetzt. Legendäre Leistungen, globale Größe und eine einzigartige, unvergessliche Persönlichkeit: Ist das wirklich zu viel verlangt?
Olympia - Leichtathletik
Bolt spuckt große Töne: Hätte in Tokio Gold gewinnen können
15/11/2021 AM 10:03
Olympia - Leichtathletik
Bolt adelt 100-m-Sieger Jacobs: "Er ist der Erbe"
10/08/2021 AM 08:00