Zehnkämpfer Leo Neugebauer im Interview über Olympia in Paris und seine Zukunft: "Dann gibt es keine Grenzen für mich"

Leo Neugebauer reiste zu den Olympischen Spielen 2024 als Weltjahresbester im Zehnkampf und gewann in Paris die Silbermedaille. Ein Erfolg, der nur durch harte Arbeit, aber auch den nötigen Spaß möglich war, wie der 24-Jährige im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de verrät. Zudem spricht Neugebauer über sportliche Rückschläge, seine "geile Zeit" am College und das Niveau im Zehnkampf.

Neugebauer exklusiv: "Man muss bereit sein, Opfer zu bringen"

Quelle: Eurosport

Leo, Du hattest eine tolle Saison. Was bleibt davon hängen?
Leo Neugebauer: Ich hatte schon etwas Zeit, das zu verarbeiten - aber um die ganze Saison noch einmal Revue passieren zu lassen, brauche ich noch. In meinem Leben war in diesem Jahr so viel los, dass ich nicht viel Zeit hatte, richtig zur Ruhe zu kommen und darüber nachzudenken, was alles passiert ist.
Wie hast Du den Medienrummel um Deine Person wahrgenommen?
Neugebauer: Da war sehr viel los, auf einmal kommen von allen Seiten Anfragen. Da musste man schon aufpassen, dass man nicht überfordert wird. Ich komme damit gut zurecht, weil das der einfache Teil ist. Für mich ist der härteste Teil die tägliche Arbeit, die man reinstecken muss. So ein Interview ist Entspannung für mich.
Die Olympischen Spiele waren ein Riesending. Wenn Du jetzt in die Zukunft blickst: Welchen Stellenwert soll Paris 2024 in ein paar Jahren einnehmen?
Neugebauer: Es war ein wichtiger Teil meines Weges, weil es meine ersten Spiele waren. Ich bin mit sehr viel Druck reingegangen, weil ich Weltjahresbester war. Ich hoffe, dass es eines der Highlights war, weil Olympia aus gutem Grund das größte Sportereignis der Welt ist. Ich möchte darauf zurückblicken können und denken: "Wow, so hat es angefangen."
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Siegerehrung: Neugebauer feiert sein Zehnkampf-Silber

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Heißt das, Paris war "nur" der Startschuss für alles, was jetzt noch kommt?
Neugebauer: Ja. Davor bin ich langsam etwas mehr in die Szene gekommen. Erste WM 2022, 10. Platz. Letztes Jahr war ich schon richtig gut dabei, da habe ich den deutschen Rekord gebrochen und wurde Fünfter bei der WM. In diesem Jahr international bei Olympia so gut abzuschneiden, ist ein bisschen der Startschuss.
Als ich noch kleiner war, habe ich immer Usain Bolt bewundert. Er ist eine Legende in unserem Sport
Insgesamt klingt das so, als ob alles aufeinander aufgebaut hat und dass es nur so hätte laufen können, oder?
Neugebauer: Ja. Ich habe bei der WM 2023 in Budapest ein paar Fehler gemacht am zweiten Tag und deshalb keine Medaille gewonnen. Ich war enttäuscht, wollte aber daraus lernen. Vielleicht hat mir die Erfahrung bei der WM geholfen, bei Olympia genau diese Fehler nicht zu machen.
Wie geht es weiter bis zu den Olympischen Spielen 2028? Was kannst Du punktemäßig erreichen?
Neugebauer: Punktemäßig ist definitiv noch was drin. Ich habe schon fast 9000 Punkte gemacht mit nur einer Disziplin-Bestleistung. Ich kann in jeder Disziplin noch besser werden. Wenn ich das schaffe, gibt es keine Grenzen für das, was ich erreichen kann.
Hast Du eigentlich Vorbilder oder hast Du die jetzt alle entzaubert?
Neugebauer: Ich hatte nie wirklich Vorbilder. Als ich noch kleiner war, habe ich immer Usain Bolt bewundert. Er ist eine Legende in unserem Sport, Familienmensch und ein lustiger Typ. Ich mag es, wenn Leute lockerer sind und sich nicht zu ernst nehmen.
Ist das auch ein Grund, warum Du Dich in den USA so wohlfühlst? Weil alles etwas lockerer ist?
Neugebauer: Ja, man hat das Gefühl, die Amerikaner haben einfach Spaß am Leben, das passt zu mir. Ich habe Spaß - egal was ich tue. Auch im harten Training machen wir Athleten untereinander oder mit den Trainern Witze.
Es ist verrückt, wie das Niveau im Zehnkampf gestiegen ist in den letzten Jahren
Ist das in Deutschland anders?
Neugebauer: Manchmal ist es in Deutschland ein bisschen zu verbissen. Sport ist dazu da, Spaß zu haben, auch wenn es Arbeit ist. Wenn es zu ernst wird, verliert man den Spaß und ist auch nicht mehr so mit dem Herzen dabei.
Wie beurteilst Du das Niveau im Zehnkampf?
Neugebauer: Es ist verrückt, wie das Niveau im Zehnkampf in den letzten Jahren gestiegen ist. Die Konkurrenten machen sich gegenseitig besser. Deswegen gibt es kaum Grenzen für das, was man erreichen kann. In meinem College hatten wir drei richtig starke Zehnkämpfer. Wir haben alle den College-Rekord gebrochen, weil wir uns gegenseitig so gepusht haben. Und alle haben es zur WM nach Budapest geschafft. Was im College noch hinzukommt, ist ein richtiges Team-Feeling. Jeder kämpft für sich, am Ende werden die Punkte aber zusammengezählt. Man gewinnt als Team und bekommt so seine Ringe. Das ist nochmal ein ganz anderes Gefühl.
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Aber Deine Zeit am College ist jetzt vorbei.
Neugebauer: Ja, ich werde dort aber weiterhin leben und trainieren. Das Einzige, was sich jetzt ändert, ist, dass ich nicht mehr zu den Vorlesungen gehen muss - was nicht so schlimm ist. Ich hatte eine richtig geile Zeit am College. Eine Erfahrung, die ich immer wieder machen würde.
Kann das nicht auch Nachteile haben, wenn man aus diesem System rausfällt?
Neugebauer: Nein, es hat sogar Vorteile. Ich habe das gleiche Training, kann aber jetzt an allen Wettkämpfen teilnehmen. Götzis zum Beispiel, da wollte ich immer schon mal dabei sein und werde das auch 2025 tun.
Wenn Du Deine bisherige Sportlerkarriere betrachtest: Gab es da einschneidendes Erlebnis, das Dich weitergebracht hat?
Neugebauer: Ich bin Anfang 2023 aus einer Beziehung raus und habe mich dann erstmal ein bisschen alleine gefühlt. Ich habe dann angefangen, mich selbst zu entdecken. Da habe ich gelernt, was es heißt, richtig Arbeit in den Sport zu stecken. Seitdem ging es nur bergauf. Wenn man sich auf sich selbst konzentriert, hat man gar keine Grenzen. Man muss aber bereit sein, Opfer zu bringen und auch auf Dinge verzichten können.
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