Olympia 2024 - Rico Freimuth im Interview vor Zehnkampf-Start mit Neugebauer und Kaul: "Wenn Leo oben ohne rumläuft … "

Leo Neugebauer ist die deutsche Goldhoffnung bei den Olympischen Spielen in Paris im Zehnkampf. Er geht mit der Weltjahresbestleistung von 8961 Punkten in den Wettbewerb im Stade de France. Eurosport-Experte Rico Freimuth gewann selbst schon Silber und Bronze bei Weltmeisterschaften. Im Exklusiv-Interview spricht er über die Chancen Neugebauers und der anderen Deutschen Zehnkämpfer um Niklas Kaul.

Zehnkampfstar Neugebauer über seine Olympia-Ziele in Paris

Quelle: SID

Zweimal wurde Eurosport-Experte Freimuth bei großen Meisterschaften mit Edelmetall ausgestattet. 2015 in Peking gewann er die Bronzemedaille, in London war bei der WM 2017 nur der Franzose Kevin Mayer stärker als der Potsdamer.
Kann ein deutscher Athlet in Paris noch eine Stufe höher auf dem Podium steigen? Leo Neugebauer geht als Topfavorit ins Rennen und auch Niklas Kaul hat mehr als nur Außenseiterchancen. Mit Till Steinforth rückt ein 22-Jähriger für den an Corona erkrankten Manuel Eitel mit ins Team.
Mayer ist nicht fit genug für sein großes Ziel - einen Abschied vor heimischem Publikum. Zu den Medaillenkandidaten hätte der 32-Jährige aber ohnehin nicht gezählt
Freimuth erwartet einen spannenden Wettkampf, bei dem Neugebauer hervorsticht, aber "bis zu acht Athleten" eine reelle Chance auf Edelmetall haben.
Wie schätzen Sie die Chancen von Leo Neugebauer bei den Olympischen Spielen in Paris ein?
Rico Freimuth: Wenn man sich die aktuelle Form aller Zehnkämpfer in diesem Jahr anschaut, stellt man fest: Leo Neugebauer liegt da fast 200 Punkte vor Europameister Johannes Erm an der Spitze. Da kann man das Blatt drehen und wenden wie man will, damit ist er der Topfavorit - und das nicht nur für uns und die Zuschauer, sondern auch für sich selbst. Das bedeutet, er spürt auch den meisten Druck, dem er standhalten muss. Er hat über den gesamten Zehnkampf Disziplinen dabei, die sicherstellen, dass er auf einem guten Niveau ist. Er wird sich sicherlich auf eine Punktzahl in Richtung von 8800 Punkten bewegen. Er wird auch aus der WM im letzten Jahr gelernt haben, bei der man gesehen hat, was der Kopf mit einem Sportler anstellen kann.
Mit Niklas Kaul ist ein zweiter starker deutscher Zehnkämpfer am Start - wie sehen Sie seine Aussichten?
Freimuth: Bei Niklas ist das etwas anderes. Er geht mit einer sehr guten Punktzahl von 8547 als Achter der Weltjahresbestenliste in den Wettkampf. Niklas traue ich durchaus eine Medaille zu, aber dazu muss sehr viel passen und er muss sich bei dieser starken internationalen Konkurrenz in Richtung seiner Bestleistung bewegen. Immer 80 Meter im Speerwerfen und 4:10 Minuten über 1500 Meter am Ende zu laufen, ist auch nicht jeden Tag möglich. Er muss vorne seine Schwächen im Griff haben, damit er hinten seine Stärken ausspielen kann.
Mit dem Rampenlicht muss man umgehen können, das kann man nicht trainieren. Derjenige, der für einen solchen Moment am besten gerüstet ist, ist oft derjenige, der sich am Ende durchsetzt.

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Lukas Neugebauer geht als Topfavorit in den Zehnkampf.

Fotocredit: Getty Images

Manuel Eitel verpasst Olympia wegen einer Corona-Erkrankung - was bedeutet das auch für das Team?
Freimuth: Das ist natürlich extrem bitter für ihn. Er braucht jetzt einfach ein wenig Zeit für sich. Die kommenden beiden Tage werden sehr schwer für ihn. Freud und Leid liegen nah beieinander - es freut mich für den jungen Till Steinforth, der sozusagen in meine Fußstapfen tritt - ich habe auch in Halle Zehnkampf betrieben. Für ihn ist das jetzt die Überraschung seines Lebens. Zehnkämpfer unterstützen sich generell stark untereinander. Für Leo und Niklas wird es aber erstmal keine Rolle spielen, wie der dritte Deutsche am Start heißt - für Till ist es interessant, dass er den beiden jetzt auch im Wettbewerb zuschauen kann. Er kann extrem viel lernen.
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Corona-Ausfall von Zehnkämpfer Eitel "ist tragisch"

Quelle: Perform

Wer könnten neben den deutschen Zehnkämpfern Überraschungskandidaten sein?
Freimuth: Makenson Gletty ist der "Local Hero", in Rom hat er starke 8600 Punkte geholt. Aber ich glaube nicht, dasss er um die Medaillen kämpfen kann. Zu den Überraschungskandidaten zähle ich eher die beiden Norweger Markus Rooth und Sander Skotheim. Die haben unglaublich großes Potenzial, beide können bei der Entscheidung mitreden. Damien Warner als Olympiasieger von Tokio darf man nicht außer Acht lassen. Er ist ein sehr erfahrener Athlet. Das Feld ist extrem breit aufgestellt, es gibt bestimmt acht Medaillenkandidaten, zu denen ich auch noch Ayden Owens-Delerme aus Puerto Rico und Lindon Victor aus Grenada zählen würde.
Die beiden Norweger, Warner, Victor - das Feld ist extrem breit aufgestellt, es gibt bestimmt acht Medaillenkandidaten
Was unterscheidet Olympia von anderen Wettbewerben?
Freimuth: Der größte Unterschied zu kleineren Meetings ist die Länge des Wettkampfs. Der Olympia-Tag wird zwölf Stunden dauern. Bei anderen Wettkämpfen sind es eher sechs Stunden. Das ist von der Belastung her etwas ganz anderes. Das macht es sowohl körperlich als auch mental deutlich schwieriger.
Wie geht man damit um, wenn es in einer Disziplin nicht so läuft?
Freimuth: Da war ich ganz schlecht früher! Es ist wie im Leben, es gibt gute Tage und schlechte Tage und das Kunststück besteht darin, dass man sich auf die nächste Disziplin konzentriert. Man kann sich schnell im Frust verlieren und das dann durch den Wettkampf mitziehen. Man darf vielleicht zehn Sekunden traurig sein, dann abhaken und weitermachen.
Gibt es bei den Athleten auch Psychospielchen zwischen den Disziplinen?
Freimuth: Die gibt es auf jeden Fall. Wenn Leo als Modellathlet mit seinen 108 Kilogramm eine Stunde oberkörperfrei rumläuft, sich entspannt und etwas ist, dann werden die anderen Athleten schon denken "wow, ist das ein Tier, gegen den wird es schwer". Das sind ein paar Kleinigkeiten, generell ist die Stimmung untereinander sehr familiär.
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Rico Freimuth gewann 2017 bei den Weltmeisterschaften die Silbermedaille.

Fotocredit: Getty Images

Wie ist Ihre Gefühlslage, bevor es mit den Wettbewerben im Stadion endlich losgeht?
Freimuth: Ich freue mich extrem über Olympia und die Wettbewerbe. Es ist keine Selbstverständlichkeit, als Athlet oder auch als Medien-Mitarbeiter bei den Spielen dabei zu sein. Das macht mich sehr stolz, dass mir meine Karriere beides eingebracht hat. Ich konnte mir schon Wettkampfstätten anschauen und Sehenswürdigkeiten betrachten - und das macht die Stimmung ja auch aus. Die Welt kommt zusammen, es macht gute Laune und ist einfach ein tolles Erlebnis.
Welche Rolle wird das Wetter spielen? Wir haben schon viele Sportarten gesehen, bei denen die Hitze einen Einfluss hatte?
Freimuth: Das Wetter spielt immer eine Rolle, diese Wettkämpfe finden oft bei über 30 Grad statt. Der Veranstalter sorgt hoffentlich für viele schattige Plätze. An so einem ettkampftag trinkt man gerne mal zehn oder elf Liter Wasser. Wer mit den Bedingungen umgehen kann, der ist klar im Vorteil. Darum trainieren auch viele Athleten in heißen Regionen.
Was macht für die Athleten das Besondere an Olympia aus sportlicher Sicht aus?
Freimuth: Als Athlet ist das natürlich etwas ganz besonderes. Man hat Olympia jahrelang nur im Fernsehen gesehen und steht dann plötzlich selbst im Stadion. Damit muss man auch umgehen können, das kann man nicht trainieren. Derjenige, der für einen solchen Moment am besten gerüstet ist, ist oft derjenige, der sich am Ende durchsetzt. Es passiert ja gerade bei Olympia doch eine Menge um einen herum.
Welchen Eindruck haben Sie von den Anlagen im Stadion?
Freimuth: Der Weltverband versucht jedes Jahr Böden zu verlegen, die für Weltrekorde ausgelegt sind. Auch die Speerwurf-Anlage wurde noch einmal überarbeitet. Auch wenn ich sie noch nicht selbst gesehen habe, kann man davon ausgehen, dass es Top-Anlagen sind. Ich bin gespannt, wie sich das auf die Leistungen auswirkt.
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Gegner, Ziele und ein Pärchen-Trip: Zehnkämpfer Kaul exklusiv

Quelle: Eurosport


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