Heinrich-Blog: Gebete an Heiligabend helfen längst nicht mehr

Weihnachten steht kurz vor der Tür. Höchste Zeit für Eurosport-Experte Sigi Heinrich, seine Wünsche preiszugeben, aber auch den Finger noch einmal mahnend zu erheben. In diesem Jahr begleitete ihn wieder ein leidiges Thema, gegen das der Sport fast nicht mehr ankämpfen kann. Die Wahrheit ist ernüchternd. Aber es gibt auch schöne Dinge, die sich unser Eurosport-Kommentator für das Fest wünscht.

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Fotocredit: Eurosport

Stille Nacht und viele Wünsche nach wieder einem Jahr, das mehr Niederlagen mit sich brachte, als glorreiche Siege. Vor allem an der Dopingfront umgibt uns nach wie vor Dunkelheit. Erst jüngst wieder, kurz vor den Weihnachtsfeiertagen, in denen sowieso schon besondere Düfte um unsere Nase ziehen, erfahren wir im Grunde, dass sich nichts geändert hat und nie ändern wird. Nein, keine Russen sind im Spiel. Die ach so unschuldigen US-Amerikaner halten uns gerade wieder den Spiegel unserer Machtlosigkeit und Naivität vor.
Es ist nicht mehr erschreckend und es ist auch keine Posse, die da ein britisches Filmteam aufgedeckt hat, rund um Olympiasieger und Weltmeister Justin Gatlin (zweimal des Dopings überführt, aber fröhlich weiter am Start), es ist nur noch tieftraurig. Alle, so erfahren wir vom Leichtathletik-Manager Robert Wagner, alle machen mit. Alle. In allen Sportarten. Machen wir uns also bitte nichts vor in diesen hochheiligen Tagen, als uns der Erlöser geboren wurde. Wir stecken tief drin im Dopingsumpf. Tatsächlich wir alle, weil wir mitspielen und mit allen um die Wette heucheln, damit ja unser ach so teures Produkt, nämlich der Sport und seine Stars, bloß nicht zu heftig beschädigt werden. Wir leben ja davon. Gebete, selbst während der rührenden Christmette an Heiligabend, helfen längst nicht mehr. Was dann? Ehrlichkeit? Eher glaube ich noch ans Christkind.

Kommentar mit ständigem Zweifeln

Natürlich wäre wirklich einer meiner sehnlichsten Wünsche, dass ich ohne Bauchgrummeln kommentieren könnte. Alle brave Jungs, alle brave Mädchen. Und doch weiß ich, dass auch in diesen Tagen des gedanklichen Innehaltens irgendwo auf dieser Welt schon die nächste Designerdroge verschickt wird und bei irgendwelchen Sportlern landet, die gar ihr Leben dafür geben würden, bloß um einmal Olympiasieger zu werden.
Das ist übrigens kein Hirngespinst von mir, ausgelöst nach dem letzten Bummel auf dem Weihnachtsmarkt mit Glühweindampf und Früchtebrot. Das hat eine Untersuchung ergeben. Wahnsinn ist das. Kämpfen um den Sieg bis buchstäblich zum letzten Atemzug und niemand hat den Mut, sich mit aller, wirklich aller Kraft dagegen zu stemmen. Wir haben verloren. Ich sehe es mittlerweile ein. Und ich weiß kein Gegenmittel.
Erst neulich, beim Biathlon-Weltcup in Le Grand Bonnard, wurde ich von russischen Journalisten massiv bedroht, weil ich es während des Kommentars gewagt habe, zu sagen, dass Alexander Loginow, der gerade toll in Form ist, von 2014 bis 2016 wegen Dopings gesperrt war. Ich solle doch auch mal daran denken, wie schwer es Loginow jetzt habe, weil ihn keiner mehr so richtig mag. Ja, hat er gedopt oder die anderen oder gar ich? Es wäre Zeit, in diesen Tagen für alle, mal in sich zu gehen. Aber auch das ist ein Wunsch, so unerfüllbar wie eine digitale Welt, in der wir nicht immer gläserner und durchsichtiger werden.

Die Eigernordwand für Laura Dahlmeier

Was sonst noch auf meinem Wunschzettel steht? Nicht so viel. Ich bin ja eh ein bescheidener Mensch. Ganz triviale Sachen eigentlich, wenn auch nicht immer erfüllbar. Fürchte ich. Der SC Freiburg soll wieder in der Liga bleiben, weil ich deren Trainer Christian Streich genial finde. Felix Neureuther soll auferstehen, wenn es geht vor Ostern, um aus dem Krankenbett heraus direkt in Südkorea Olympiasieger im Slalom zu werden. Laura Dahlmeier wünsche ich eine erfolgreiche Begehung der Eiger Nordwand (ich weiß, das ist ein großes Ziel von ihr und ein Traum). Jupp Heynckes möge noch im zarten Alter von 80 Jahren den FC Bayern trainieren, weil das sonst keiner wirklich kann.
Ein weiterer Wunsch wurde mir schon vor längerer Zeit erfüllt. Ich bin bei den Olympischen Spielen wieder dabei. Beruflich gesehen ist das, als fiele Weihnachten und Ostern auf einen Tag. Das hat in mir eine ungeheure Freude und auch Zufriedenheit ausgelöst, auch weil ich die Olympiaden zwischen London und Pyeongchang ohne Nervenzusammenbruch überstanden habe. Was zugegeben nicht leicht war, da ich bis zu diesem Zeitpunkt bei allen Olympischen Spielen seit 1992 dabei war.

Die Sorgen aus Nordkorea

Mein größter Wunsch freilich deckt sich wohl mit dem vieler Menschen. Ich hoffe, dass die vielen Psychopathen dieser Welt, die derzeit in vielen Ländern die Regierungsgeschäfte maßgeblich beeinflussen, ihre kriegerischen Ambitionen im Griff haben. Mögen wir Kim Jong-un, den Machthaber in Nordkorea, in unsere Weihnachtsgebete einschließen – auch wenn es schwerfällt – damit er nicht während der Olympischen Spiele im kommenden Februar Freude an der Idee gewinnt, mit einer kleinen Bombe in Südkorea für ein großes Feuerwerk zu sorgen. Ich gebe zu, dass mich diese Sorge umtreibt und beunruhigt. Tausendmal mehr als jede Dopingnachricht.
Ich wünsche Allen Eurosport-Fans ein besinnliches Weihnachtsfest.
Bleiben Sie mir und uns allen gewogen.
Ihr Sigi Heinrich
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