SID

Doping bei Olympia in Peking 2008 und London 2012: Täglich ein neuer Medaillenspiegel

Doping bei Olympia: Täglich ein neuer Medaillenspiegel
Von SID

23/11/2016 um 15:59

Dutzende Athleten haben ihre Medaillen der Olympischen Spiele 2008 und 2012 inzwischen wegen Dopings verloren, die Neuverteilung nimmt teilweise groteske Züge an. Selbst hochrangige IOC-Mitglieder sind vom Ausmaß schockiert. Die Liste der überführten Sportler wird fast täglich länger, die Ergebnislisten der Olympischen Spiele 2008 und 2012 müssen immer wieder korrigiert werden.

"Die Anzahl ist einfach unglaublich, eigentlich unmöglich. Wir verlieren Glaubwürdigkeit. Glaubwürdigkeit ist unsere größte Sorge", sagte Gian-Franco Kasper, Exekutivmitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und Präsident des Ski-Weltverbands FIS, der New York Times: "Wir müssen aufhören zu behaupten, der Sport sei sauber. Es ist ein nobles Prinzip, aber in der Praxis? Es ist Unterhaltung. Es ist Drama."

Drama. Das hat die US-Hochspringerin Chaunte Lowe in den vergangenen Tagen miterlebt. 2008 in Peking wurde die damals 24-Jährige Sechste, am vergangenen Donnerstag wurde bekannt, dass Lowe nach der Disqualifikation weiterer Konkurrentinnen auf den Bronzerang vorrückt - mehr als acht Jahre nach dem Wettkampf.

Lowe: Countdown zur Medaille

"Ich habe rückwärts gezählt. Sechs, fünf, vier... Dann habe ich geweint", sagte sie: "Es ist traurig, aber oft geht man in solche Wettbewerbe und denkt sich: Man muss nur nah genug an die Top 3 herankommen, weil man nie weiß, wer noch positiv getestet wird."

Zumal der Gewinn der Bronzemedaille eine schwierige persönliche Zeit hätte verhindern können - wenn sie sie schon vor acht Jahren bekommen hätte. 2008 verlor ihr Mann seinen Job, das gemeinsame Haus wurde zwangsversteigert. Dies, so Lowe, wäre nie passiert, wenn sie aus Peking mit einer Medaille zurückgekehrt wäre: "Ich war eine junge, vielversprechende Sportlerin. Sponsoren waren interessiert. Aber das Interesse verschwindet, wenn man nicht auf dem Podium steht."

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Vor den Spielen in Rio hatte das IOC bekannt gegeben, dass 98 Athleten bei Nachttests von Peking und London überführt wurden, hinzu kommen sechs weitere aus den Vorjahren. Darunter beispielsweise der deutsche Radprofi Stefan Schumacher, der 2009 bei einer nachträglichen Analyse erwischt wurde. Insgesamt 79 Fälle sind bislang abgehandelt, unter den Namen sind sechs Goldmedaillengewinner und Dutzende Zweit- und Drittplatzierte. Unter anderem rückte Speerwerferin Christina Obergföll auf den Silberrang 2008 vor. Mit weiteren Veröffentlichungen wird täglich gerechnet.

Groteske Situation

Grundlage sei eine intelligente Auswahl der Proben, sagte ein IOC-Sprecher, der Vorgang von Nachtests ein noch nicht abgeschlossenes Verfahren. Im Vorfeld seien auch die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und die betroffenen internationalen Verbände kontaktiert worden. Vor den Winterspielen in Pyeongchang 2018 dürften dann auch die gelagerten Proben von Vancouver 2010 und Sotschi 2014 auf den Prüfstand kommen. Das Problem: Es gibt nur eine Chance für Nachtests, da die Probe sonst verbraucht ist.

Wie grotesk die Situation inzwischen in einigen Sportarten ist, verdeutlichen die Ergebnisse im Gewichtheben. Fast 50 Sportler wurden bisher erwischt, mit teilweise gravierenden Konsequenzen. So könnte der polnische Europameister Tomasz Zielinski nachträglich Bronze von London erhalten - ursprünglich war er Neunter. Das Kuriose: Vor den Spielen in Rio wurde Zielinski selbst wegen Dopings nach Hause geschickt.

Das IOC betonte allerdings, dass es keinen "Automatismus" bei der Neuvergabe der Medaillen gebe. So wurde beispielsweise das Sydney-Gold über 100 m von Doperin Marion Jones nicht neu vergeben. Profitiert hätte die Griechin Ekaterini Thanou - sie wurde allerdings vor den Spielen in Athen selbst überführt.

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