Drei Eurosport-Experten, drei bewegende Geschichten, drei Olympia-Legenden. Wenn Anni Friesinger-Postma, Natalie Geisenberger und Martin Schmitt aufeinander treffen, geht es nicht nur um Streit unter Teamkolleginnen, kuriose Motivationsreden und ungewöhnliche Essgewohnheiten, sondern auch um die emotionalsten Momente bei Winterspielen und einen Ausblick auf Olympia in Mailand und Cortina 2026.
Eurosport-Experten im Olympia-Talk: "Man kann sich unsterblich machen"
Quelle: Eurosport
Wenn Natalie Geisenberger, Anni Friesinger und Martin Schmitt über Olympia sprechen, wird schnell klar: Jede Austragung, jede Medaille, jeder Wettkampf hat eine besondere Geschichte. Zusammen bringt es das Expert:innen-Trio von Eurosport auf 15 olympische Medaillen - zehn davon in Gold - und unzählige Erinnerungen.
Für Geisenberger, sechsfache Rodel-Olympiasiegerin, ist jede Medaille einzigartig. "Die will und kann ich gar nicht vergleichen", sagt die 37-Jährige, für die schon Bronze bei den ersten Spielen in Vancouver die Erfüllung eines Kindheitstraums war. Das erste Gold in Sotchi war dann eine Krönung, doch besonders emotional wurde es in Peking, als sie als junge Mutter zurückkehrte und erneut ganz oben stand: "Das war für mich persönlich sicher das emotionalste Gold."
Friesinger, dreifache Goldmedaillengewinnerin im Eisschnelllauf, hebt ihr Einzelgold über 1500 Meter aus Salt Lake City 2002 hervor. "Über die 1500, meine Lieblingsdistanz, war ich die ganze Saison ungeschlagen", erinnert sich Friesinger.
Doch so richtig laufen wollte es bei den Spielen zunächst nicht: "Die Rennen davor lief ich knapp an einer Medaille vorbei und der Streit mit Claudia Pechstein wurde zum öffentlichen Eklat. Dieses Gold, und dann noch mit Weltrekord, war für mich persönlich so wichtig, ein Sieg über mich, meine Zweifel, alle meine Zweifler. Die mit Abstand schönste Medaille meiner Karriere."
Im gemeinsamen Gespräch mit Skisprung-Legende und Eurosport-Experte Martin Schmitt erinnern sich die drei Olympia-Helden an den besonderen Geist der Spiele, persönliche Momente, schwierige Teamdynamik und blicken auf die Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d'Ampezzo voraus.
MartinSchmitt: Vor uns auf dem Tisch liegen sechs olympische Goldmedaillen von Natalie Geisenberger und drei von Anni Friesinger-Postma. Beeindruckend! Was kommt Euch beim Thema Olympia als Erstes in den Sinn?
AnniFriesinger-Postma: Es ist der Traum und der Höhepunkt für jeden Athleten, bei diesem großen, internationalen Event einmal teilzunehmen, das so viele unterschiedliche Sportarten miteinander verbindet. Wenn da dann noch erfolgreich ist, kann man sich mit der Goldmedaille unsterblich machen.
NatalieGeisenberger: Es ist ein Kindheitstraum, dabei sein zu wollen, vielleicht sogar mit einer Medaille nach Hause zu kommen und im Idealfall den Titel Olympiasiegerin für immer tragen zu dürfen. Man darf live dabei sein, wenn das größte Sportfest der Welt stattfindet. Das war immer meine Motivation.
Die WBD-Expert:innen Anni Friesinger, Martin Schmitt und Natalie Geisenberger | Foto: Max Merget für
Fotocredit: Eurosport
Schmitt: War Olympia schon als Kind für Dich ein Thema und hast Du das verfolgt, oder gab es auch andere Sportarten?
Geisenberger: Ja, das war ein Thema seit der Kindheit. Allerdings war es am Anfang nicht Rodeln. Das Erste, an das ich mich bewusst erinnere, waren Sommerspiele, bei denen ich Springreiten und Turmspringen gesehen habe - Sportarten, die sonst nicht am Sonntagnachmittag im Fernsehen gezeigt werden. Ich habe mich da von den Emotionen so mitreißen lassen, dass ich auch ein Teil dieser olympischen Geschichte werden wollte.
Schmitt: Hätte es auch ein anderer Weg abseits des Rodelns werden können?
Geisenberger: Im Winter musste ich mich irgendwann zwischen Skifahren und Rodeln entscheiden. Ich habe mich dann fürs Rodeln entschieden.
Schmitt: Richtige Entscheidung!
Geisenberger: Skispringen habe ich tatsächlich nicht ausprobiert.
Schmitt: Nicht?
Geisenberger: Ich finde es so brutal, da oben zu stehen. Da bin ich lieber Zuschauer.
Friesinger-Postma: Ja, ganz viel Respekt!
Schmitt: Anni, Du kommst aus einer Sportlerfamilie. Deine Mutter war auch schon bei Olympia!
Friesinger-Postma: Ja, die war 1976 in Innsbruck als Eisschnellläuferin dabei.
Schmitt: Lagen die Schlittschuhe da gleich mit in der Wiege?
Friesinger-Postma: Mehr oder weniger. Sie hat im Februar 1976 an Olympia teilgenommen. Wenn man jetzt mal rechnet, dass ich im Januar 1977 geboren bin, dann war ich quasi der Grund für ihr Karriereende, aber für sie auch ein Neustart. Sie ist damals für Polen gestartet und dann nach Deutschland zu meinem Vater gekommen. Die beiden haben geheiratet, sie ist Trainerin geworden - und so ging dieser olympische Traum weiter.
Schmitt: Wie war es für Dich bei Deiner ersten Olympiateilnahme? Man geht ja mit einem Bild im Kopf zu Olympia. Haben sich Deine Erwartungen erfüllt?
Friesinger-Postma: Das war, wie bei Dir, 1998 in Nagano. Ich war Newcomerin in einem schon sehr erfolgreichen deutschen Team. Ich hatte da keinen Stress und konnte alles aufsaugen. Ich hatte mehrere Starts und Chancen und bin dann mit einer Bronzemedaille nach Hause gekommen. Es war ein Traum. Ich habe mir verschiedene andere Events angeschaut und da schon dieses Miteinander spüren dürfen. Da waren die Eishockeyspieler, auch die Rodler waren ganz oft bei uns in der Halle, weil die schon so schnell fertig waren mit ihren Wettkämpfen. Man kennt sich zwar ein wenig, aber viele Freundschaften für die Ewigkeit wurden dort geschlossen. Zudem war es auch für uns Eissportler etwas ganz Besonderes, so einen Superstar wie Wayne Gretzky zu sehen, der oft im Olympischen Dorf war.
Ich hatte mehrere Starts und Chancen und bin dann mit einer Bronzemedaille nach Hause gekommen. Es war ein Traum. Ich habe mir verschiedene andere Events angeschaut und da schon dieses Miteinander spüren dürfen. Da waren die Eishockeyspieler, auch die Rodler waren ganz oft bei uns in der Halle, weil die schon so schnell fertig waren mit ihren Wettkämpfen. Man kennt sich zwar ein wenig, aber viele Freundschaften für die Ewigkeit wurden dort geschlossen.
Anni Friesinger-Postma über die Olympischen Spiele 1998 in Nagano
Schmitt: Ich kann es mir leider nicht vorstellen, weil ich in Nagano nicht im Olympischen Dorf war.
Friesinger-Postma: Ihr Skispringer seid immer ausgelagert - das ist schon hart.
Schmitt: Ja, das ist hart. Wir waren in Hakuba in einer Hütte, wo ich mich zwei Wochen lang nur von Spaghetti mit Tomatensoße ernährt habe. Das war leider echt nicht gut. Das Schlimmste war aber, dass wir fast nichts mitbekommen haben. Wir hatten nicht einmal einen Fernseher. An der Schanze standen ein paar Bildschirme und Computer herum, auf denen man die Wettbewerbe gucken konnte.
Die deutsche Skisprung-Mannschaft um Martin Schmitt (Mitte unten) gewann 1998 die Silbermedaille im Teamspringen
Fotocredit: Getty Images
Friesinger-Postma: Das war ja fast noch mittelalterlich damals.
Geisenberger: Warum wart Ihr nicht im Dorf?
Schmitt: Es war von der Distanz her zu weit. Aber dadurch ging der Flair ein wenig verloren. Vor dem Mannschaftsspringen hatten die Alpin-Mädels dann aber Mitleid mit uns und haben uns eingeladen. Da hat uns Hilde Gerg einen Kaiserschmarrn gemacht.
Friesinger-Postma: Ah, endlich was Gescheites.
Schmitt: Ja, da hatten wir endlich mal etwas Richtiges zu essen und dann hat es auch gleich mit der Medaille geklappt. Was hat die erste Medaille damals für Dich bedeutet, Anni?
Friesinger-Postma: Die war essenziell. Wir haben über 3000 Meter die Plätze eins, zwei und drei geholt. Gunda (Niemann, Anm. d. Red.) hat Gold gewonnen, Claudia Pechstein wurde Zweite, ich Dritte - das war natürlich ein Riesenerfolg. Mit Olympia war unsere Saison in dem Jahr noch nicht vorbei. Im März und April hatten wir Calgary die Einzelstrecken-WM, da bin ich dann auf meiner Lieblingsstrecke - die 1500 Meter - in Weltrekordzeit Weltmeisterin geworden.
Schmitt: Natalie, Deine erste Medaille war Bronze 2010 in Vancouver, nur acht Hundertstel vor Platz vier.
Geisenberger: Das war eines der engeren Rennen, die wir so gehabt haben. Der vierte Lauf war für mich auch ein Chaoslauf. Da gab es in Vollkonzentrationsphase noch einen Startabbruch. Die Ampel war schon grün, als mir einer der Starter dann ein Blatt vors Visier gehalten hat. Ich war völlig verwirrt. Als ich den Lauf dann ein paar Minuten später gefahren bin, haben sich die Fotografen unten um den besten Platz gestritten - es ging schließlich um die Medaillen. Dabei ist einer von ihnen mit dem Ellbogen auf den Notausschalter gekommen, mit dem man das System lahmlegen kann, wenn da unten jemand im Ziel steht und gerade ein Schlitten herunterkommt. Das war ein bisschen unperfekt. Aber letztendlich ist es egal, wie eng es war. Dass ich diese Medaille mit nach Hause nehmen und mir diesen Kindheitstraum erfüllen durfte, war damals mit 22 Jahren schon ziemlich emotional.
"Schnellste Mutti der Welt!" Der Gold-Hattrick von Natalie Geisenberger
Quelle: Eurosport
Schmitt: Und es ist ja auch immer etwas Besonderes, mit der Teamkollegin zusammen auf dem Podium zu stehen, oder?
Geisenberger: In dem Fall war es doppelt schön, weil ich die deutsche Nationalhymne hören durfte, obwohl ich gar nicht gewonnen hatte (lacht).
Schmitt: Welche Spiele sind Dir von der Stimmung, aufgrund der Atmosphäre am meisten in Erinnerung geblieben?
Geisenberger: Oh, das ist schwierig. Ich würde schon Vancouver sagen, obwohl da ja leider diesen Todesfall gegeben hat, der diese tolle Atmosphäre natürlich getrübt hat (Der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili verunglückte kurz vor der Eröffnungsfeier bei einem Training tödlich, Anm. d. Red.). Es war auch nicht ganz einfach, mit dieser Situation umzugehen, dass in unserem Sport gerade jemand gestorben ist. Da ist es schwer, einfach weiterzumachen. Wenn ich so darüber nachdenke, erscheint mir Vancouver dann doch nicht wie die richtige Wahl. Peking war es aber definitiv auch nicht, das waren Corona-Spiele, bei denen das Publikum fehlte. Am Ende ging es mir da auch gar nicht so um die Stimmung, sondern um die eigenen Eindrücke, die nicht immer mit der Stimmung zu tun haben, sondern darum, mit wem man die Momente teilt, wie viele bleibende Erinnerung man einsammeln kann. Das ist nicht immer nur die Stimmung.
Schmitt: Was ist es dann?
Geisenberger: Es sind die Emotionen, die ich ganz, ganz tief im Herzen drin habe. Nehmen wir Peking: Da habe ich gehofft, dass ich nochmal um die Medaillen mitfahren kann, aber dass es dann zu Gold reicht, war auch für mich selbst überraschend. Die Emotionen, die da hochkommen, welche Gefühle da in einem Zeitrafferfilm ablaufen, alles, was man dafür gegeben hat, um sich diese Träume zu erfüllen, dafür macht man diesen Sport doch!
Schmitt: Absolut - und oftmals ist es im Sport ja ein ganz enger Kampf...
Friesinger-Postma: Oh ja, in Turin und in Vancouver war es bei mir ganz eng. Im Mannschaftsrennen über sechs Runden lagen wir im Ausscheidungskampf gegen die USA aussichtsreich auf dem ersten Platz. Ich bin dann in der vorletzten Kurve gestrauchelt - wir hatten immer wieder Eisprobleme. Da bin ich von diesem Zug abgeplatzt. Die beiden anderen waren im Endspurt und ich habe immer mehr den Anschluss verloren. Auf den letzten Metern wollte ich alles geben und bin dann auch noch gestürzt. Ich dachte, ich hätte damit den Einzug ins Finale versemmelt und mich so geärgert und geschämt. Ich war total am Boden und sehe dann nach oben und da steht bei Germany die Eins - wir hatten die Amerikanerinnen besiegt und standen im Finale. Da liegen Freud und Leid ganz nah beisammen, da kommen so viele Emotionen hoch.
Schmitt: Du hast da ja auch schnell reagiert - das war so ein "Ich gebe jetzt nicht auf"-Moment, als du das Bein nach vorne gestreckt hast.
Friesinger-Postma: Ja, niemals aufgeben! Die Zeitnahme wird bei uns Eisschnellläufern über einen Transponder ausgelöst, der am Fußgelenk befestigt ist. Ich wusste in dem Moment, wenn ich mit den Händen ins Ziel gleite, bekommen wir eine Zeitstrafe von zwei Zehnteln. Deshalb habe ich versucht, mich auf dem rutschigen Eis zu drehen, aber unsere Anzüge sind so glatt, das war fast nicht möglich.
Geisenberger: Diese Bilder, diese Emotionen, die da aufkamen, das war Wahnsinn.
Erst Sturz, dann Jubel: Friesingers emotionale Achterbahnfahrt 2010
Quelle: Eurosport
Friesinger-Postma: Ich habe das Eis da vollgeheult. Im Finale bin ich dann nicht gelaufen. Das war von vornherein abgemacht. Da ist Katrin Mattscherodt gelaufen, weil die Regelung so war, dass wirklich nur die, die auch gelaufen sind, eine Medaille bekommen. Die haben es dann noch spannender gemacht. Bei uns im Halbfinale waren es zwei Zehntel, bei denen nur acht Hundertstel zwischen Olympiasieg und Platz zwei. Da war auch nochmal zittern angesagt - aber mit Happy End!
Schmitt: Aus Salt Lake City gibt es schöne Bilder mit der Goldmedaille.
Friesinger-Postma: Oh ja, und die Mode - da war Orange das große Thema. Damals saßen wir beide so ein bisschen im gleichen Boot, Martin. Von 2000 bis 2002 gab es diesen unglaublichen Skisprung-Boom. Ihr wart unsere Popband, unsere Superboys.
Anni Friesinger (M) gewinnt Gold bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City
Fotocredit: Getty Images
Schmitt: Und Ihr die Supergirls.
Friesinger-Postma: Mit dem Eisschnelllauf war es damals ähnlich. Franziska Schenk hat damals schon die weibliche Seite des Eisschnelllaufs gezeigt. In der Folge wurde es immer populärer, aber der Druck damit auch größer. Der Druck - bei Euch wie bei uns - der war so groß, der tat schon fast weh.
Schmitt: Klar, der Druck ist hoch und dann tritt man auch noch gegen die Teamkollegen an. Da entsteht dann eine interne Rivalität, weil jeder die Goldmedaille will.
Friesinger-Postma: Und du weißt ja, Frauen... (Geisenberger lacht im Hintergrund). Wir lieben den gleichen Sport, aber wir (Friesinger selbst und Claudia Pechstein, Anm. d. Red.) waren auch so verschieden.
Schmitt: Nimm' uns mal ein bisschen mit ...
Friesinger-Postma: Willst Du wirklich alles wissen?
Schmitt: Nein, nicht alles. Aber wie war das im Olympischen Dorf? Seid Ihr Euch da über den Weg gelaufen?
Friesinger-Postma: Wir waren im gleichen Apartment! Unsere Verbandsspitze hat wohl gedacht, wir führen die beiden wieder zusammen, indem wir sie in ein Apartment stecken. Die Gefühlslage bei uns beiden war da sehr sensibel. Das war schon eine heftige Zeit. Wir hatten verschiedene Zimmer, was gut war, denn das hätten wir sonst nicht ertragen. Aber wir haben uns beim Zähneputzen in der Früh das Waschbecken geteilt. Claudia kann mit dieser Situation, mit Reibung besser umgehen. Sie wird davon sogar stärker. Ich bin harmoniebedürftiger. Das Fazit von Olympia 2002: Wir haben es überlebt und sind beide mit Goldmedaillen - Claudia mit zwei, ich mit einer - nach Hause gefahren.
Das war schon eine heftige Zeit. Wir hatten verschiedene Zimmer, was gut war, denn das hätten wir sonst nicht ertragen. Aber wir haben uns beim Zähneputzen in der Früh das Waschbecken geteilt. Claudia kann mit dieser Situation, mit Reibung besser umgehen. Sie wird davon sogar stärker. Ich bin harmoniebedürftiger. Das Fazit von Olympia 2002: Wir haben es überlebt und sind beide mit Goldmedaillen - Claudia mit zwei, ich mit einer - nach Hause gefahren.
Anni Friesinger über die Olympischen Spiele 2002 und die schwierige Beziehung zu Claudia Pechstein
Gute Miene zum bösen Spiel: Anni Friesinger (l.) und Claudia Pechstein (r.) vor den Olympischen Winterspielen 2002
Fotocredit: Getty Images
Schmitt: Du hast über 1500 Meter Gold geholt - mit Weltrekord.
Friesinger-Postma: Und Ihr wart im Stadion - Du und der Hanni (Sven Hannawald, Anm. d. Red.).
Schmitt: Das war Gänsehaut pur.
Friesinger-Postma: Ihr wisst ja auch, wie schlimm dieser Druck ist.
Schmitt: Es ist brutal. Egal, ob man auf dem Balken sitzt oder auf dem Eis an der Startposition steht, man weiß ganz genau: "Jetzt zählt es!" Es gibt kein Zurück. Das ist ein ganz unwirklicher Moment, der auf einmal einfach da ist.
Es ist brutal. Egal, ob man auf dem Balken sitzt oder auf dem Eis an der Startposition steht, man weiß ganz genau: 'Jetzt zählt es!' Es gibt kein Zurück. Das ist ein ganz unwirklicher Moment, der auf einmal einfach da ist.
Martin Schmitt über den besonderen Druck bei den Olympischen Spielen
Friesinger-Postma: Und du musst in diesem Moment abliefern. Du hast das tausendmal geübt und kannst es eigentlich aus dem Stand, aber jetzt muss alles passen. Bei meinem Gold-Lauf damals hat alles gepasst. So einen Lauf hatte ich nie wieder, bei dem vom Start bis ins Ziel alles perfekt war.
Schmitt: Das sind die besonderen Momente. Natalie, davon hattest Du auch ganz, ganz viele. Eine Sache interessiert mich besonders: In Pyeongchang 2018 gab es die Situation mit Felix Loch, der klar auf Goldkurs in Führung liegend den Fehler in dieser berüchtigten Kurve neun macht und dann aus den Medaillen fällt. Wie geht es Dir an selber Stelle zwei Tage später, wenn Du vor dem letzten Lauf oben sitzt und weißt, dass Dich so ein kleiner Fehler alles kosten kann?
Geisenberger: Dass das passieren kann, wusste ich natürlich auch vorher schon. Aus dem Wissen wird in diesem Moment Realität. Die Sache mit Felix hat mich damals schon ganz schön mitgenommen, weil er auch ein guter Freund von mir ist. Dabei zusehen zu müssen und zu wissen, er kann jetzt nichts mehr tun - das war schon hart. Mir ging es zwei Tage später ganz ähnlich. Ich lag nach drei Läufen relativ klar auf Platz eins - und dann ist dieses Gedankenkarussell gestartet: 'Das kann dir jetzt auch passieren!' Ich bin auch durchaus etwas verkrampft als sich mein damaliger Trainer Patric Leitner zu mir gekniet hat und ziemlich drastisch zu mir sagte: "Ich reiß' mir doch nicht vier Jahre den Ar*** auf, damit du dir hier jetzt in die Hosen sch***t." Im ersten Moment könnte man seine Aussagen missverstehen, aber ich fand es zu dem Zeitpunkt total cool, weil er mich damit aus diesem negativen Gedankenstrudel herausgeholt hat. Dieser Effekt, total raus aus der Konzentration und die Message "Jetzt denk mal wieder normal, Mädchen" war definitiv kein Fehler, auch wenn man natürlich nicht weiß, wie es sonst ausgegangen wäre.
Ich bin auch durchaus etwas verkrampft als sich mein damaliger Trainer Patric Leitner zu mir gekniet hat und ziemlich drastisch zu mir sagte: 'Ich reiß' mir doch nicht vier Jahre den Ar*** auf, damit du dir hier jetzt in die Hosen sch***t.' Im ersten Moment könnte man seine Aussagen missverstehen, aber ich fand es zu dem Zeitpunkt total cool, weil er mich damit aus diesem negativen Gedankenstrudel herausgeholt hat.
Natalie Geisenberger über die Motivationsrede ihres Trainers Patric Leitner bei Olympia 2018
Friesinger-Postma: Er hat es sehr charmant gesagt ...
Geisenberger: Der Leiti ist immer sehr direkt und sagt, was er denkt. Das finde ich aber auch richtig so, weil man in so einer Situation einfach die richtigen Leute um sich braucht. Für mich war es schon gut, obwohl es hart war.
Schmitt: Und verwalten geht im Sport auf höchster Ebene eben nicht. Man muss die Überzeugung haben, dass es geht und kann nicht auf Sicherheit spielen.
Friesinger-Postma: Nein, das geht nicht - schon gar nicht bei Olympia. Die Spiele haben ihre eigenen Regeln, das war oft so. Wie bei meinen ersten Anläufen. Du hast vorher alles gewonnen und dann klappt's doch nicht, weil es andere Leute gibt, die super talentiert sind, aber in der Situation bei Olympia weniger Druck haben und dann über sich hinauswachsen. Bei Euch Skispringern war das ja immer der Simon Ammann, der auch plötzlich da war.
Schmitt: Ja, 2002 waren seine Spiele - er ist Doppel-Olympiasieger geworden. Aber schauen wir nach vorne. Bald ist es wieder soweit, wir haben lange darauf gewartet. Nun stehen die Spiele in Mailand und Cortina d'Ampezzo an.
Friesinger-Postma: Ja, endlich wieder in Europa.
Schmitt: Was erwartet Ihr für Eure Sportarten?
Geisenberger: Bei den deutschen Rodlerinnen und Rodlern sind die Aussichten gut. Bei den Damen sind wir mit Julia Taubitz, Anna Berreiter und Merle Fräbel gut aufgestellt und auch bei den Herren haben wir mit Felix Loch und Max Langenhan zwei Topleute. Andere Nationen haben auch aufgeholt - gerade Österreich im Herrenbereich - aber letztendlich sind diese Spiele für uns noch ganz gut gesichert. Es wird kein Selbstläufer, aber könnte durchaus erfolgreich werden.
Loch erklärt seinen Schlitten: "Besser gepflegt als mein Auto"
Quelle: Eurosport
Schmitt: A propos Julia Taubitz - da sind wir wieder beim Thema Nerven. Sie fährt im ersten Lauf in Peking Bestzeit, stürzt dann aber im zweiten. Wie siehst Du diese Erfahrung mit Blick auf Cortina?
Geisenberger: Julia hat mit Olympia definitiv noch eine Rechnung offen. Meiner Meinung nach hat sie sich in Peking zu viel Druck gemacht. Ich will gar nicht sagen, dass sie sich zu sicher war, aber sie wollte zu viel. Ich hoffe, dass sie das diesmal ein bisschen lockerer angeht, mit weniger Druck, und diesen Makel einfach für sich wiedergutmachen kann. Ich glaube wirklich, dass sie es drauf hat. Sie ist aktuell eine der besten Fahrerinnen und hat sich auch athletisch sehr gut entwickelt. Sie ist eine meiner großen Favoritinnen und ich wünsche ihr sehr, dass sie es diesmal auch mental umsetzen kann.
Ich glaube wirklich, dass sie es drauf hat. Sie ist aktuell eine der besten Fahrerinnen und hat sich auch athletisch sehr gut entwickelt. Sie ist eine meiner großen Favoritinnen und ich wünsche ihr sehr, dass sie es diesmal auch mental umsetzen kann.
Natalie Geisenberger über die Goldchancen von Julia Taubitz bei Olympia 2026
Schmitt: Man sagt ja: "Rekorde sind da, um gebrochen zu werden." Die Tobis, Tobias Wendl und Tobias Arlt, wollen noch einmal Gold. Wie kannst Du Ihnen dabei helfen?
Geisenberger: Ich kann gar nichts tun. Ich kann zuschauen und die Daumen drücken. Für die Jungs ist es einfach eine Chance, auf Ihre großartige Karriere noch einen draufzusetzen. Das Ziel ist ganz klar nochmal Gold. Sie wären wahrscheinlich auch mit einer anderen Medaillenfarbe zufrieden, aber es ist Wahnsinn - die beiden sind ein Jahr älter als ich und fahren immer noch in der Weltspitze mit und starten vor allem immer noch so schnell, dass kein anderer hinterherkommt.
Friesinger-Postma: Ist der schnelle Start bei Euch der Schlüssel zum Erfolg?
Geisenberger: Schon, weil du nur am Start die Chance hast, aktiv zu beschleunigen. Danach kannst du nur noch die Hangabtriebskraft und die Aerodynamik nutzen. Wenn du oben also Fehler machst, dann kannst du sie im weiteren Verlauf nicht mehr ausbügeln. Wenn du da strauchelst, dann war's das. Und in ihrem Alter immer noch Weltspitze zu sein, finde ich beeindruckend. Ich bin gespannt, was sie draus machen und wie ihnen die Bahn in Cortina liegt. Die Österreicher sind recht stark, aber auch die anderen Deutschen - das junge Doppel mit Hannes Orlamünder und Paul Gubitz ist letzte Saison Weltmeister geworden. Und Toni Eggert ist auch jemand, der durchaus noch eine Rechnung mit Olympia offen hat und gerne nochmal ganz oben stehen würde. Das wird sicher spannend und interessant, aber die Tobis schätze ich am stärksten ein.
Tobias Arlt (l.) und Tobias Wendl (r.) bei den Olympischen Spielen in Peking
Fotocredit: Getty Images
Schmitt: Anni, wie sieht's im Eisschnelllauf aus?
Friesinger-Postma: Ich denke, dass wir besser abschneiden werden, als bei den letzten Spielen - das muss auch so sein. Im Einzel wird es schwierig. Wir haben mit Finn Sonnekalb ein junges Talent - er war mehrfacher Juniorenweltmeister. Er ist ein Versprechen für die Zukunft. Die Hoffnungen ruhen auch auf den Damen: Das Pursuit-Team kann in die Top 5 kommen, wenn es sich weiter so kontinuierlich gut entwickelt.
Schmitt: Ist eine Medaille realistisch?
Friesinger-Postma: Ich will ihnen keinen Druck machen. Es ist möglich, aber wir haben die Niederlande, die USA, Kanada und Japan. Natürlich kann es zu Stürzen kommen, damit kenne ich mich ja bestens aus. Meiner Meinung nach ist eine Medaille zu hoch gegriffen, aber nicht unmöglich, wenn alle gesund sind und clever laufen.
Sonnekalb bärenstark in Calgary - Sieg geht an Stolz
Quelle: Eurosport
Schmitt: Bei Olympia entstehen ja auch Geschichten - gerade auch mit Mehrfach-Gold. Wer könnte im Eisschnelllauf die Superstars werden?
Friesinger-Postma: Es ist bunt gemischt, aber in den letzten Jahren hat ein junger Amerikaner, Jordan Stolz, die Sprint- und Mittelstrecke dominiert, er kann aber auch die langen Distanzen. Die Holländer werden sicher wieder in die Medaillenvergabe eingreifen. Wer bei Instagram oder TikTok unterwegs ist, kennt Jutta Leerdam, die in den Sozialen Medien fünf oder sechs Millionen Follower hat. Sie weiß sich zu präsentieren, aber sie liefert auch ab und will eine Goldmedaille. Im Sprintbereich glaube ich an die Asiaten. Über 1500 Meter ist Miho Takagi superstark und hat sicherlich die besten Karten. Und dann Italien - da gibt es Davide Ghiotto, der in Peking auch schon Edelmetall geholt hat und ein ganz heißer Favorit ist. Bei den Frauen gibt es Francesca Lollobrigida, sie ist vor zweieinhalb Jahren Mutter geworden und will jetzt im eigenen Land Gold holen.