Olympia in Mailand und Cortina sucht seinen Geist in der Nachhaltigkeit - drohen jetzt die "Spiele zweiter Klasse"?

Bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina wird zu guten Teilen auf bestehende Anlagen gesetzt. Das IOC verspricht mehr Nachhaltigkeit trotz teils großer Entfernungen in Norditalien - und erhält dafür nicht nur Applaus. DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier kritisiert die Zersplitterung der Wettkämpfe scharf, während das IOC im dezentralen Konzept ein Zukunftsmodell sieht.

Olympia-Sportstätten im Überblick - von Antholz bis Val di Fiemme

Quelle: SID

Wolfgang Maier redete sich in Wallung, dann schloss er seine Tirade mit einem vernichtenden Urteil. "Für mich sind es Olympische Spiele zweiter Klasse", polterte der DSV-Alpindirektor über die anstehenden Winterspiele von Mailand und Cortina d'Ampezzo, die sich de facto über Norditalien erstrecken - und damit wegen des übergeordneten Ziels der Nachhaltigkeit neben dem olympischen Geist des Miteinanders auch die Logistik einem Stresstest unterziehen.
Woran Maier sich besonders stört: Während die Alpin-Frauen in Cortina um Medaillen fahren, gehen die Männer im gut 300 Autokilometer entfernten Bormio an den Start. Es sei "ein Unding", dass man einen Sport wie Ski alpin so zerreiße. "Das gab es noch nie", schimpfte der 65-Jährige.
Verglichen mit dem Geist der Olympischen Spiele ist der Geist der Nachhaltigkeit ein junger. Gigantenspiele wie Sotschi 2014, als Rekordkosten von 50 Milliarden Euro angehäuft und im Kaukasus sensible Lebensräume für den Bau von Pisten ausradiert wurden, sollten der Vergangenheit angehören, beschloss Thomas Bach vor gut zehn Jahren und setzte als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Reformen um, die nun sichtbar werden.
Mailand/Cortina sind die ersten dezentralen Winterspiele. Die Wettkämpfe finden großteils in bestehenden Anlagen statt. Diese aber erstrecken sich über 22.000 Quadratkilometer, von den Dolomiten bis zur Poebene.
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DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier wünscht sich einfachere Olympia-Wege.

Fotocredit: Imago

Drohendes Eröffnungschaos

Die Zerklüftung wird bereits bei der Eröffnungsfeier am Freitag offenkundig: Im Mailänder San-Siro-Stadion findet im Beisein hochrangiger Regierungsvertreter der Hauptakt statt, geplant sind aber Schalten zu kleineren Zeremonien in Cortina, Predazzo und Livigno - wo nicht wenige der 2900 Athletinnen und Athleten stationiert sind. IOC-Exekutivdirektor Christophe Dubi hob die Vorteile dieser Lösung hervor: "Alle können daran teilnehmen. Die Erfahrung für die Athleten wird sehr gut sein."
Dem Novum dieser Spiele wohnt eine Grundsatzfrage inne: Wird von Olympia 2026 ohne großes, sportartenübergreifendes Miteinander mehr bleiben als ein für TV-Zuschauer inszeniertes, zweieinhalbwöchiges Weltcup-Wochenende?
IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hält dagegen: "Ich bin überzeugt, dass wir mit der Entscheidung für eine stärkere Streuung richtig lagen." Gleichwohl räumt die einstige Schwimmerin "Komplexitäten" für alle Beteiligten ein.
Einen Fürsprecher findet das IOC in Skilanglauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder. "Irgendeinen Tod muss man sterben. Wir wollen nachhaltige Spiele, dann muss man logischerweise auch in Kauf nehmen, dass die Wege ein bisschen weiter sind", sagte der 55-Jährige.
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IOC-Präsidentin Kirsty Coventry verteidigt die Nachhaltigkeits-Strategie.

Fotocredit: Getty Images

Neubauten widersprechen Nachhaltigkeits-Gedanken

Ganz ohne Neubauten geht es allerdings auch bei den 25. Winterspielen nicht: Im Südosten Mailands wurde für die NHL-Stars eine stattliche 14.000 Zuschauer fassende Halle errichtet - mit erheblichen Verzögerungen und einer zu klein geratenen Eisfläche. Auch der Neubau der Bobbahn in Cortina wurde von der italienischen Regierung und den Organisatoren durchgedrückt, gegen den Willen des IOC. Andere Stätten wurden aufwendig modernisiert, wie das WM-erprobte Biathlon-Stadion in Antholz oder die Sprungschanzen in Predazzo.
Auch deshalb ist das Argument nachhaltiger Spiele für Maier eine Nebelkerze. "Das hätte man alles um Cortina zentralisieren können", findet er, allein hinter der Entscheidung für die Trennung der Ski-Areale wittert Maier (regional)politische Gründe.
Ob Vancouver, Lillehammer oder Salt Lake City (wohin die Spiele 2034 zurückkehren): Ginge es nach Maier, sollte das IOC künftig auf bewährte Austragungsorte zentraleren Zuschnitts zurückgreifen.

Mit neuen Erkenntnissen nach Frankreich

Ein Zug, der für 2030 schon abgefahren ist. In den französischen Alpen werden die Winterspiele in teils noch weiter verzweigten Orten stattfinden, wenn auch in einigen Anlagen von Albertville 1992.
Umso inständiger pocht die IOC-Präsidentin auf eine Analyse von Mailand und Cortina. "Wir sehen bereits jetzt, dass wir am Ende der Spiele lernen und somit bilanzieren können, was in Zukunft besonders lohnenswert ist", sagt Coventry.
(SID)
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