Russland bei Olympia: Weiter Stillstand im Dopingkampf
Publiziert 10/12/2019 um 14:06 GMT+1 Uhr
Sigi Heinrich nimmt in seinem aktuellen Blog Stellung zum Ausschluss Russlands von Sport-Großveranstaltungen wie Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Dass die Russen in den nächsten vier Jahren dennoch als "neutrale Athleten" bei eben diesen Events antreten dürfen, deutet der Sportjournalist als Sieg für Wladimir Putin: "Der Kampf gegen Doping ist keinen Schritt weitergekommen."
Eurosport
Fotocredit: Eurosport
Liebe Sportfreunde,
vermutlich hat man im Kreml Anfang der Woche einen scharfen Säbel geholt und ein paar Flaschen Krimsekt geköpft. Es gab wieder einen ordentlichen Grund für eine kleine Fete, denn neuerlich hat Russland einen Sieg errungen und die Sportwelt an der Nase herumgeführt. Mit staatstragender Miene hat der Präsident der Internationalen Antidoping-Agentur (WADA), Craig Reedie, verkündet, dass Russland in den nächsten vier Jahren bei Großveranstaltungen wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften nicht mehr antreten darf.
Hätte der Schotte und ehemalige Badmintonspieler seine Rede danach sofort beendet, wäre alles einigermaßen gut gewesen. Dann wäre der Krimsekt in Moskau im Kühlschrank geblieben und es hätte stattdessen lange Gesichter gegeben, denn ein wirklicher Komplettausschluss und das Verbot, selbst große und prestigeträchtige Veranstaltungen durchzuführen, hätte Russland wirklich getroffen. So aber wurde noch ein feiner Ausnahmekatalog bekanntgegeben (Champions-League-Finale in St. Petersburg 2021 ebenso gesichert wie die Teilnahme an der Fußball-EM 2020) der letztlich darauf hinausläuft, dass Russland sehr wohl überall unverfroren dabei sein wird. In Tokio vermutlich mit einer noch größeren Mannschaft als in Südkorea bei den letzten Olympischen Winterspielen.
Sport-Netzwerker Putin bleibt im Rennen
Wir erinnern uns gerne noch vor allem auch an das Endspiel im Eishockey. Auch da war Russland ja eigentlich nicht dabei und trotzdem stand die deutsche Auswahl im Finale Aug in Aug russischen Spielern gegenüber. Neutrale Athleten. Sie alle. Überprüft. Nie gedopt gewesen. Saubere Burschen. Schon damals war der sogenannte Ausschluss Russlands ein Feigenblatt gewesen. Und wie wir jetzt erkennen: Das Feigenblatt ist eine Pflanze mit ganz besonderen Eigenschaften. Viele Lügen, viele Betrügereien, viele Unwahrheiten tragen zum Wachstum bei. Das Feigenblatt ist resistent.
Russland fährt seine Wimpel ein und weiter seine Krallen aus. Und das alles geht keineswegs von den Sportorganisationen in Russland aus sondern direkt vom Kreml und von Präsident Wladimir Putin, der sich nach wie vor auf sein Netzwerk im Weltsport stützen kann. Er führt uns alle vor. Wie sollen Athleten überprüft werden, wenn die dazu notwendigen Daten und Substanzen verändert oder zerstört wurden? Russland hat schlicht Tatsachen geschaffen und gibt sich keineswegs schuldbewusst.
Beste Verbindungen zum IOC
Natürlich hätte ein kompletter Ausschluss ohne faule Kompromisse viele russische Athleten getroffen, die nie etwas mit Doping zu tun hatten. Die ihr Leben ihrem Sport untergeordnet haben. Sie alle hätte es ungerechterweise hart getroffen. Aber die russische Politik hat das Schicksal der einzelnen Athleten ungerührt als Kollateralschaden eingestuft. Es zählt das Wohl und die Ehre der Nation und dafür wurde jahrelang, länger als wir sicher wissen, mit unlauteren Methoden nachgeholfen. Jetzt hätte dafür endlich die Strafe folgen sollen.
Aber passiert ist: Nichts. Ein kurzer Wirbel in den Medien. Beruhigung im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) weil ja im Grunde die Ausgangslage für die Spiele 2020 und 2022 unverändert ist. Es war deshalb sicher kein Nachteil, dass der WADA-Präsident Craig Reedie seit 1994 Mitglied des IOC ist. In vorderster Position übrigens. So konnte sich IOC-Präsident Thomas Bach aus allen Diskussionen heraushalten und hat dennoch ein Ergebnis erhalten, dass seine unbestreitbare Nähe zu Putin nicht gefährdet.
Mutlose WADA
Zudem muss sich jetzt erst noch erweisen, wie die einzelnen internationalen Verbände die Entscheidung der WADA umsetzen werden. Wie zum Beispiel verhält es sich mit der Biathlon-Weltmeisterschaft in Antholz im nächsten Jahr? Tritt Russland als Team mit neutralen Athleten an und kann dann ein überführter Dopingsünder wie Loginov einem solchen Team angehören? Es bleiben auch nach der jüngsten Maßnahme der WADA gegen Russland mehr Fragen offen, als Antworten gegeben werden konnten. Der Kampf gegen Doping ist keinen Schritt weitergekommen. Stillstand eher. Und Stillstand heißt Rückschritt. Es wurde eine große Chance vertan, den Übeltätern weltweit klare Grenzen aufzuzeigen, weil der WADA der Mut fehlte zur klaren Kante.
Zur Person Sigi Heinrich:
Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive den komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung